Wege

Mein Leben, das muss man ihm wirklich lassen, hat Sinn für Humor. Oder vielmehr: Für Ironie. Ein bisschen ist es wie in dem Lied von Alanis Morissette:
An old man turned ninety-eight
he won the lottery and died the next day,
It’s a black fly in your Chardonnay
It’s a death row pardon two minutes too late.

Heute, an einem viel zu heißen Tag im Juni, hatte ich so gar keine Lust, weitere Bewerbungen zu schreiben. Es geht schwer von der Hand, sich auf uninteressante Stellen zu bewerben, nur weil man unter Druck steht, irgendwas machen zu müssen. Weil alle dich danach fragen. Weil man selbst sich schon nach ein paar arbeitslosen „Urlaubstagen“ total langweilt und sich blöd vorkommt, weil alle anderen arbeiten sind.
Vielmehr hatte ich gehofft, dass es doch noch klappt mit dem Job in Hamburg, für den ich mich vor wenigen Wochen vorgestellt hatte. Der Job klang toll, die Leute waren sehr sympathisch. Endlich wieder ins liebgewonnene Hamburg, zu meinem Freund. Wieder raus aus dem Elternhaus, in dem nach einem Jahr alleine leben einfach alles zu eng für uns alle geworden ist. Alle hatten sich an die neue Lage gewöhnt – außer vielleicht mein treuer Kater.

Heute morgen habe ich eine Freundin besucht, die Hilfe brauchte, ein paar Kinderwagen bei Ebay einzustellen. Etwas wiederwillig war ich, denn ich war müde und traurig: Gestern gab es am Telefon wieder einmal Differenzen mit meinem Freund – eine Fernbeziehung und abends nur wenig Zeit, sich den Tagesablauf zu erzählen, das ist einfach nicht genug. Ich bin ein Mensch für Nähe, Zukunftsperspektive, „commitment“ wie man so schön im Englischen sagt.
Monas Jüngster tobte um uns herum, warf mir Luftküsschen zu und plötzlich fragte meine Freundin mich zwischen Milchkaffee und Sofort-Kaufen-Preisdiskussion, ob ich nicht Patentante für den Kleinen werden möchte. Sie freue sich so, dass ich endlich wieder in der Nähe wäre, der Kleine und ich verstünden uns so gut und neben ihrer Schwester könne sie sich keine bessere Tante vorstellen. Wie süß. Ich war gerührt und auf dem Rückweg machte ich mir Gedanken, was man als Patin denn eigentlich so tun muss. Zu jedem Geburtstag, Weihnachten, Ostern, Namenstagen und auch sonst ziemlich oft sich blicken lassen. Ein Sparbuch anlegen – für den Führerschein oder die Weltreise nach dem Abi. Mindestens ein großes Fahrrad schenken zur Konfirmation. Zeitungen sammeln – von jedem Geburtstag bis zur Volljährigkeit.
Zuhause angekommen rief ich meine Nachrichten ab: Liebe Frau Weiden, wird würden uns freuen, wenn Sie zum…bei uns anfangen.
In der Aufregung vergaß ich die goldene Fernbeziehungsregel, meinen Freund nicht während der Arbeitszeit zu behelligen. Ich war einfach aufgeregt und wusste nicht, ob ich mir ein Loch in den Bauch freuen darf oder nicht. Nun, man sollte niemals etwas bestimmtes erhoffen.
Freuen kann ich mich nicht richtig, da das Teufelchen auf meiner Schulter stets lauter plärrt als das gut zuredende Engelchen: Wird der Papa wieder fünf Tage Magen-Darm-Grippe haben, weil das Töchterchen wegziehen will? Wird beim Schatz die Freude noch aufkommen oder sollte ich besser direkt in Köln bleiben? Was werden Die Freunde sagen, die mich täglich fragen, ob ich endlich einen Job gefunden habe? Sich freuen? Geknickt sein, weil ich wieder zurück ziehen müsste nach Hamburg? Was wird mein zukünftiges Patenkind denken über die Tante, die sich nie blicken lässt?
Die Freude über die Zusage, auf die ich so gehofft hatte, wird sogleich wieder getrübt.

Immerhin, eins muss ich meinen Schicksalsgöttinnen lassen: Sie sind durchaus fair. Wenn alles im Leben eine helle und eine dunkle Seite hat, dann warten sie nicht darauf, mich über ihre Fäden stolpern zu lassen. Ich bekomme immer sofort beides: Pro und Contra, Erwartung und Enttäuschung, Freude und Zweifel.
Und stehe wieder einmal an einer Weggabelung, alleine, und kann mich nicht entscheiden: Jeder Weg wird andere kreuzen, mich in eine andere Richtung mitnehmen. Vielleicht wäre es besser, manche Weggefährten zurückzulassen. Aber Scheiden tut weh und Entscheiden manchmal auch. So oder so: Es ist mein Leben mit seinem seltsamen Humor. Und ich weiß am wenigsten, was ich damit anfangen möchte. Am liebsten will ich euch alle in einen Koffer packen – vor allem den Kater – und euch mein Leben lang bei mir tragen. Weil nur mit euch darin mein lustiges kleines Leben einen Sinn hat.