so still…

“So laut, die Stunden nach dem Aufschlag als es galt,
das alles, zu erfassen und verstehen und es war,
so laut, das alles was wir dachten nichts als Leere zu uns brachte
so laut und so verloren war es hier,
als Stille bei uns wohnte anstatt Dir.”

(Jupiter Jones, “Still”)Es ist berührend, wenn ein Songwriter es schafft, Deine eigenen Gefühle zu beschreiben.
Ich habe vor ein paar Tagen ein Foto gefunden, das Erinnerungen an ein ganz bestimmes Gefühl geweckt hat: Darauf zu sehen ist ein gedeckter Tisch, die Speisen stehen darauf, Wasser in den Gläsern. Nichts davon ist angerührt. Es ist ein Bild von dem Tag, als der Anruf aus dem Krankenhaus kam. Gestern endlich habe ich das Lied gefunden, das das Gefühl in Worte kleidet:

Liebe 30.

Fuck yeah…I’m 30.
Blicken wir einmal zurück: Vor drei Monaten, kurz nach dem 30. Geburtstag, war die Welt noch ganz in Ordnung. Eine Zahl, weiter nichts. Viele Komplimente, dass man ja noch lange nicht so aussähe. Versicherungen, dass 30 werden in der heutigen Zeit ja kein Drama mehr sei.
Doch, es ist eins. Ein schleichendes. Die ultimativen Zeichen, dass Du auf das Verfallsdatum Deiner besten Jahre zugalloppierst, stellen sich bereits kurz nach dem magischen Geburtstag ein. Die 30 kommt – auch wenn Du nicht dran glaubst. Steht hinter Deiner Tür mit dem Baseballschläger und wartet auf den richtigen Moment, Dir eins überzuziehen. Grinst Dich an mit dem Gesicht von Renée Zellweger in Bridget Jones – ja, die mit der blauen Suppe – um Dir zu beweisen „Und ich krieg Dich doch“.
Bereits an an den freien Tagen zwischen den Tagen und an Silvester merkst Du es: Die Zeit der Feierei mit Freunden ist vorbei – ab hier ist Pärchenzone! WIR feiern das erste mal bei UNS. Wir feiern mit anderen Pärchen. Und mit wem kommst Du? Es zieht sich durch die Wochen danach. Nach der Party mit Kollegen kennst Du alle dazugehörigen Partner. Fragst einen alten Freund, ob ihr zusammen Fußball gucken geht, aber er weiß noch nicht, ob sie beide können. Es drängt sich dir unweigerlich auf: Du bist nur ein Du.
Partynächte finden nur noch freitags statt – vorausgesetzt, man ist nicht zu müde von der Arbeitswoche, denn das ist es, womit Du mit 30 am meisten Zeit verbringst: Arbeiten. Wir brauchen inzwischen volle zwei Tage, um uns davon zu erholen, wenn wir denn mal abends ausgehen. Eine Nacht mit wenig Schlaf? SuperBowl gucken? Trinken unter der Woche? Vorbei. Mein Spiegelbild schaut mich morgens traurig an. Wo eine kalte Dusche und etwas Concealer früher reichte, um hübsch frisch für die Unicaféteria und die netten Mitstudenten zu sein, zeugen Kellerkindgesichtsfarbe und knittrige Augen noch tagelang von meinem Erholungszustand.
Das kann es doch nicht sein. Statt die Karriereleiter hoch zu stapfen oder wenigstens ein paar quietschfidele Krabbelbabies auf die Kita-Wärterinnen loszulassen (wie es meine Mit-30er tun), werfe ich mich nach Feierabend kompromisslos in Jogginghose und Kuschel-Stoppersocken.
Sexyness has left the building.
Immer öfter erwische ich mich dabei, wenn denn mal Besuch sich in meine Wohnung, verirrt zu sagen: „Was trinken? Sorry, ich hab aber kein Wasser mehr da. Nur Wein. oder Gin Tonic.“ Irgendwann muss auch mal wieder Schluss sein, muss der Ruck kommen, irgendwie den neuen Lebensabschnitt anzugehen. Stattdessen wartet Bridget mit der Keule. Heute auf facebook versucht, alte Kontakte aufzufrischen – soll ja gegen die selbstgewählte Isolation helfen. Als Antwort auf meine “Wie gehts denn so?”-Mail an einen alten Freund bekomme ich eine pampige Antwort – von seiner angeblichen Verlobten. Eigentlich müsste ich über so viel Unreife lachen – dennoch macht es mich nachdenklich: Selbst er, der immer so eifersüchtig war und ein riesiges Theater gemacht hat, wenn ich während der Arbeitszeit nicht ans Telefon gehen konnte, hat anscheinend ein passendes Deckelchen-Frauchen gefunden. Auch wenn sie die Pantoffeln anhat, immerhin hat er ein Zuhause gefunden.
Und ich? Habe reichlich Wein in meinem Zuhause, einen Haufen kreativer Projekte, die verstreut und unfertig herumliegen, leere Choclait Chips-Packungen, Freunde, die schon gar nicht mehr versuchen, mich aus diesem Loch herauslocken zu wollen.
Aber irgendwo wird es losgehen, das Leben nach der 30. Mit oder ohne Mark Darcy.
Ich hab schließlich schon Leute jenseits in den 30ern lachen sehen! (Vermutlich über 40-Jährige zwischen Campingurlaub und Kita, die sich das lustige Singledasein zurück wünschen).

Desiderata

Gehe ruhig und gelassen durch Lärm und Hast und sei des Friedens eingedenk, den die Stille bergen kann. Stehe, soweit ohne Selbstaufgabe möglich, in freundlicher Beziehung zu allen Mitmenschen. Äußere deine Wahrheit ruhig und klar und höre anderen zu, auch den Geistlosen und Unwissenden, denn auch sie haben ihre Geschichte. Meide laute und aggressive Menschen, sie sind eine Qual für den Geist. Wenn du dich mit anderen vergleichst, könntest du bitter werden und dir nichtig vorkommen, denn immer wird es jemanden geben, größer oder geringer als du. Freue dich deiner eigenen Leistungen wie auch deiner eigenen Pläne. Bleibe weiter an deiner eigenen Laufbahn interessiert, wie bescheiden auch immer. Sie ist ein echter Besitz im wechselnden Glück der Zeiten. In deinen geschäftlichen Angelegenheiten lass Vorsicht walten, denn die Welt ist voller Betrug. Aber dies soll dich nicht blind machen gegen gleichermaßen vorhandene Rechtschaffenheit. Viele Menschen ringen um hohe Ideale; und überall ist das Leben voller Heldentum. Sei du selbst, vor allen Dingen heuchle keine Zuneigung. Noch sei zynisch was die Liebe betrifft, denn auch im Angesicht aller Dürre und Enttäuschung ist sie doch immerwährend wie das Gras. Ertrage freundlich-gelassen den Ratschluss der Jahre, gib die Dinge der Jugend mit Grazie auf. Stärke die Kraft des Geistes, damit sie dich in plötzlich hereinbrechendem Unglück schütze. Aber beunruhige dich nicht mit Einbildungen. Viele Befürchtungen sind Folge von Erschöpfung und Einsamkeit. Bei einem heilsamen Maß an Selbstdisziplin sei gut zu dir selbst. Du bist ein Kind des Universums, nicht weniger als die Bäume und Sterne; du hast ein Recht hier zu sein. Und ob es dir nun bewusst ist oder nicht: Zweifellos entfaltet sich das Universum wie vorhergesehen. Darum lebe in Frieden mit Gott, was für eine Vorstellung du auch von ihm hast und was immer dein Mühen und Sehnen ist. In der lärmenden Wirrnis des Lebens, erhalte dir den Frieden mit deiner Seele. Trotz all ihrem Schein, der Plackerei und den zerbrochenen Träumen ist diese Welt doch wunderschön. Sei vorsichtig. Strebe danach, glücklich zu sein.

Aus der alten St. Paul´s Kirche, Baltimore 1692