Martinstag

Durch das Dorf zieht der Fackelzug, angeführt von “St.Martin” auf seinem Pferd. Hinter ihm marschieren Kinder, klein und groß, mit ihren Laternen und singen. St. Martin, St. Martin, Laterne, Laterne…

Früher sind wir da auch immer mit gelaufen, weißt Du noch? Du hattest – wie die meisten Mütter – immer Ersatzbirnen für meine Laterne in der Tasche. Für den Notfall, wenn das weinende Kind angerannt kommt, weil die stundenlang mit viel Liebe gebastelte Laterne aus gegangen war. So, wie Du immer für alles einen Notfallplan hattest. Ob Liebeskummer, Ärger mit Freunden, Schulprobleme oder das Leben an sich – mit Dir an meiner Seite fühlte sich alles so viel leichter an.

Heute beim Einkaufen traf ich eine Frau mit Tochter im Teeniealter – die beiden kauften Alkohol und eine Flasche Limonade – morgen beginnt ja in Köln der Karneval. Die beiden redeten über Alkohol in der Bahn, über Jungs, über Freundinnen. Wie wir beide früher – einer Mutter kann man alles anvertrauen.

Heute vor 31 Jahren hast Du mich zur Welt gebracht. Seit 11 Jahren schon bist Du nicht mehr bei uns. Seitdem ist Vieles passiert, wo ich Deinen Rat gebraucht hätte. Aber auch Gutes: Ich habe einen Job gefunden, bin ausgezogen in meine Traumstadt, habe den tollsten Mann gefunden, ziehe in eine schöne gemeinsame Wohnung.

All das kann ich Dir nicht mehr zeigen. Ich bin sicher, wenn Du bei uns wärst, würdest Du zur Einweihungsparty kommen, mit uns Pils trinken, laut lachen und Spaß haben, genau das passende Geschenk finden…und ganz sicher hättest Du – für alle Fälle – ein paar Ersatzglühbirnen dabei.