Urlaub 2012

Urlaub in Kölle.
Nicht gerade Sardinien und auch nicht die Nordsee – aber immerhin endlich ein paar Tage nicht ins Büro gehen müssen.
Während das Sommerhoch die Kölner Innenstadt zum Backofen macht, war ich mit Papa beim FC, mit lieben Freunden abends schön Essen und stundenlang reden.
Ich schaue den Mähdreschern bei uns auf dem Feld bei der Arbeit zu, wenn ich spazieren gehe und Brombeeren von Strauch am Feldrand pflücke. Zeit für mich, für Bewegung und Entspannung, genießen und sich wieder gut sein.
Wenn es doch immer so wäre.
Die letzten Wochen taten mir nicht gut – ständig Kopfweh und Magenschmerzen von dem ganzen Theater auf der Arbeit, zu wenig Bewegung und schlechtem Essen.
Wenn ich nicht krank werden und meinen Lieben weiter auf den Geist gehen will, weil ich mich mit etlichen Kilo zu viel nicht mehr wohl fühle, muss ich etwas ändern.
Urlaub ist ein guter Anfang dafür. Ich habe inzwischen fast das zweite “Game of Thrones” Hörbuch durch – erstaunlich wie gut man beim laufen oder spazieren in die Geschichte eintauchen kann…
Mehr Bewegung habe ich auch schon erreicht – ich war dreimal joggen und heute erst habe ich eine schweißtreibende Mäuserettung vollbracht. Die arme kleine Spitzmaus war in den Kellerschacht geraten, von wo ich sie mit Hilfe eines Pantoffelaufzugs herausheben konnte. Gerne griff sie danach zu den dargebotenen Sonnenblumenkernen. Kater Einstein ließ das Ganze ziemlich kalt. Nachdem ich ihm sagte, er solle die Maus in Frieden lassen, trollte er sich zurück unter seinen Baum in den Schatten. Ist ja auch unzumutbar, bei dem Wetter jagen zu müssen.
Lieber legen wir noch etwas die Pfoten/ Füße hoch und genießen die Geräusche und Gerüchte des Sommers. Wind, der durch die Bäume streift, den frisch gemähten Rasen der Nachbarn, Vogelgezwischer und am Abend Holzkohleduft und das Rufen eines Käutzchens.

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Holunderblüten

Ich habe den Abend zuhause verbracht. Nicht im Park, nicht beim Grillen oder im Garten, die restlichen Sonnenstrahlen genießen. Ich wollte alleine sein, ein Glas Sekt trinken auf mich selbst, weil ich die letzten Tage überstanden habe im Job, die so ziemlich die härtesten waren bisher in meiner Laufbahn. Sekt mit Holunder, diesen Sommer gibt es das komischerweise überall.
Ich liebe Holunder. Den Duft der Blütendolden, die Süße…das weckt Erinnerungen an früher, als Mama und ich im Hochsommer mit dem Fahrrad durch die Felder fuhren. Der blaue Korb war dabei, mit dem blau-weiß gestreiften Futter. Der Nachbarshund. An den Wegesrändern überall: Holunder. Wir pflückten stundenlang. Naja: Mama pflückte, ich spielte mit dem Hund. Früher war ich genervt, dass es bei uns statt wie in anderen Familien nicht Limonade aus dem Laden gab, sondern selbstgemachten Holundersirup, aufgegossen mit Mineralwasser. Sommer für Sommer…
In meiner Kindheit schien immer die Sonne im Sommer. Auch vor 12 Jahren war es warm. Der 3. August, an dem Mama von uns ging, war ein stiller, schöner Sommertag.

Ich habe heute Nacht von ihr geträumt, endlich einmal wieder. Jedes der seltenen Male, die sie mich im Traum besucht, ist anders. Manchmal reden wir einfach stundenlang, manchmal lachen oder weinen wir, aber immer ist es genau so, wie es eben war mit ihr – es hält meine Erinnerungen wach und so intensiv, dass die Farbe ihrer leuchtenden Augen, der Klang ihres Lachens, die Wärme ihrer Umarmung lebendig bleibt. In diesem Traum dieses Mal hatte sie jedoch Krebs, zum zweiten Mal. Wir waren in einem Krankenhaus, die Diagnose noch ganz frisch, meine Mama voller Kraft und Optimismus.
Zwölf Jahre sind vergangen und plötzlich sind alle Gefühle zugleich wieder da: Die Angst vor der Krankheit, die über allem schwebt. Sich in jedes Lachen frisst, jeden herrlichen Moment mit einem Drängen überzieht, man muss ihn genießen, los, jetzt, es könnte doch das letzte Mal sein. Auch die leise Hoffnung, die man hat, irgendwo ganz hinten, dass es dieses Mal gut geht, dass diese Runde an uns geht, dass alles doch noch gut werden kann. Und dann diese unglaubliche Wärme, dieses dankbare, vollkommene Glücksgefühl, dass sie gerade jetzt da ist. Krank ja, todkrank vielleicht – wer weiß – aber einfach DA. Verharren möchte man, in dieser Dankbarkeit, für immer.

Ich erhebe mein Glas auf Dich, Mama. Wie gerne würde ich mit Dir den Sommer genießen, mit Dir über das Leben reden und Holundersekt trinken.
Ich hoffe, dass es dort wo Du jetzt bist, viele schöne Wege und blühende Sträucher gibt. Vielleicht gehen Deine Lieben dort mit Dir spazieren. Eines Tages werden wir auch wieder zusammen Holunder pflücken und einkochen und ich hoffe, dann erklärst Du mir das Geheimnis, warum der Holundersirup nach Deinem Rezept nie wieder so gut schmecken wird wie damals, in unseren Sommertagen.