Panik

Es ist Nacht, um die 2h. Ich sitze im Wohnzimmer mit einem Gel-Kühlkissen um den Hals und mache mich bekloppt. Soeben habe ich einen Liter Kamillentee mit Honig weggetrunken, obwohl ich normalerweise von Kamillentee würgen muss, und zwei Ibuprofen geschluckt. Warten. Auf die Wirkung. Darauf, dass entweder der Schmerz oder die Panik nachlässt.
Ich bin seit Wochen erkältet. Daraus wurde eine Bronchitis und nach einem Kurztrip in den nasskalten Londoner Spätherbst bin selbst ich davon überzeugt, dass ich dringend damit jetzt zum Arzt muss, da es einfach trotz bewährter Hausmittelchen nicht besser wird. Vorhin bin ich wach geworden und die rechte Seite meines Halses schmerzt, als würde ein Messer drin stecken.
Schmerzen machen aus mir ein reines Nervenbündel.
Ich finde ja eigentlich, dass ich ziemlich viel wegstecken kann und belastbar bin wie eine Elefantenkuh, aber es gibt Ausnahmen: Schmerzen zum Beispiel. Als mich mal im Tunesienurlaub die typische Touri-Magendarmgrippe ereilte, saß ich des Nachts auf dem Hotelklo und habe gebetet! Ich dachte wirklich, dass ich sterben müsste. Natürlich war dem nicht so und Janas Wunderpülverchen machte meine Todesfantasien schnell wieder vergessen. Und auch eine Angina wird vorbei gehen, wenn ich morgen erst meine Medizin verschrieben bekomme. Aber dennoch, starke Schmerzen machen mich panisch.
Genauso wie alleine sein in ungewohnten Situationen. Überfordert in einem fremden Supermarkt stehen, weil ich einfach nicht entscheiden kann, was ich essen soll und mich von 100 Augen beobachtet fühle…Alleine an einem Flughafen, an dem ich noch nie war und dann zurecht finden müssen und an der Tafel finde ich die Nummer vom Gate nicht angeschlagen…Panik! Es ist furchtbar und ich schäme mich in solchen Situationen dafür, 32 Jahre alt zu sein und mich wie ein Kleinkind zu verhalten. Ich bekomme dann Tränen in den Augen und würde am liebsten laut “Mamaaaa” rufen. Leider hilft mir das nichts.
Für uns Menschenkinder hat die Mama einfach diese beruhigende, ausgleichende Funktion. Warst Du krank, konnte Mama Dir glaubhaft vermitteln, dass alles wieder gut wird. Die Macht der Worte, die schnödem Tee und Rotbäckchensaft heilende Kräfte verlieh und Schmerzen linderte.
Ich glaube deswegen hab ich auch jetzt bereits Panik davor, einmal schwanger zu sein: Ich würde mich 9 Monate hindurch verrückt machen wegen der Geburt. Weil ich keine Mama dabei haben werde, die Bescheid weiß und die Schmerzen erträglich machen kann. Ich werde denken, dass ich sterben muss.
Und da es niemanden auf der Welt gibt, zu dem man später ein solches Urvertrauen noch einmal aufbauen kann, muss ich damit wohl leben und weiter ab und an Panik schieben.
Um eine Stunde später festzustellen, dass Ibuprofen und eiskalter Halswickel lebensrettende Maßnahmen sein können.