Wenn. Vielleicht.

Vielleicht wäre heute alles anders, hätte es das Damals nicht gegeben. Wenn es damals anders geendet hätte, vielleicht wäre dann heute anders, als es ist. Wenn vielleicht andere Entscheidungen gefallen wären, hätten alle darauf folgenden in ganz andere Richtungen geführt. Vielleicht hätte damals gar kein Ende gefunden. Wenn ich nie weg gezogen wäre, vielleicht hätte ich dann nicht ständig dieses Heimweh. Wenn ich nie woanders eine Heimat gefunden hätte, vielleicht wäre ich dann heute nicht der Mensch der ich bin. Der über die vielen Wenns und Vielleichts nachdenkt und sich fragt, wer hier eigentlich die Karten legt und darüber befindet, welche Wege sich trennen und welche wieder zusammenlaufen sollen. Wenn der Kartenleger ein Drehbuchautor einer amerikanischen Fernsehserie wäre, vielleicht wäre es dann ganz einfach. Da entscheiden sich immer alle. Ein Vielleicht lässt vieles offen – vor allem Türen – entscheidet sich aber niemals für einen Weg. Gedanken machen darüber, doch nie laufen. Oder fliegen. Wie lange kann man auf einem Fleck verharren und zurück blicken, bis der Kartenleger sich entscheidet, Dir einen Stoß zu verpassen? Wenn ich zu lange warte, vielleicht schließen sich ja Türen endlich von alleine und nehmen mir die Wahl.

Wenn damals nicht gewesen wäre, wäre mein Herz leerer…

Vielleicht aber auch leichter.

Wie viele Tränen passen in einen Kanal?

Leben wir noch mal? Warum wacht man auf?

Was heilt die Zeit?

Ich bin Dein Siebter Sinn,

Dein doppelter Boden, Dein zweites Gesicht.

Wintermädchen

Frühling lässt sein blaues Band…blablabla. Ja, leider: Er ist’s!

Frühling kann man das allerdings nicht nennen, was da draußen gerade abgeht: Mir kommt es vor, als hätte jemand die Heizung von „tiefster Winter“ auf „Hochsommer“ umgestellt – und das quasi über Nacht. Vorletztes Wochenende war ich noch mit den Romberg Mädels, eingepackt in Stiefel, Handschuhe und mit einem Heißgetränk bewaffnet, zu einem vorsichtigen ersten Frühjahrs-Sondierungs-Spaziergang im Planten un Blomen…und heute? Heute liegen da die ersten unsäglichen Hamburger mit Sonnenbrand auf der Wiese herum. In der Mittagspause kann man kaum noch irgendwo hintreten. Wie Eidechsen kommen die Hamburger bei Sonne aus ihren Löchern und flanieren sinnlos herum. So wie sie sonst immer und überall einen Regenschirm her zu zaubern vermögen, haben sie anscheinend auch immer Sandalen und Sonnenbrille an Bord – anders kann ich mir diese rasante Adaption nicht erklären. Ich hingegen versuche verzweifelt, in meiner Übergangsjacke nicht zu schwitzen, während ich den wild gewordenen Sonnenanbetern ausweiche. Wo ist der Frühling geblieben? Die Blüten, der Duft, die langsam erwachende Natur?

Jetzt ist meine Zeit gekommen, mich übers Wetter zu beschweren. Alle beschweren sich von September bis April, dass es grau ist, regnet und ihnen kalt ist. Hat man von mir auf twitter Beschwerden übers Wetter gelesen? Nein, ich glaube nicht. Warum? Weil ich ein Wintermädchen bin…oder zumindest ein Herbstmädchen. Ich mag es, mich zuhause in lange Pullis und dicke Muckelsocken zu hüllen. Mag den Regen, der die Straßen leer fegt, den ersten Schnee, der die Welt weiß verzaubert und alle Geräusche dämpft. Ich mag es, im Winter die einzige im Büro zu sein, die nicht friert.

Heute bin ich die einzige, die friert, weil alle die Fenster aufreißen wie die Bekloppten, obwohl es hier gar nicht warm ist. Das Gebäude liegt doch im Schatten und hier zieht es, verdammt! Aber draußen scheint ja die Sonne. Wahnsinn. Total supi. Einfach zum Ausrasten. Man möchte sich die Klamotten vom Leib reißen und die winterweißen Beine präsentieren oder – noch besser – sie in bunte Leggings stecken und die Winterpölsterchen so richtig zu Schau stellen! Überall nackte Menschenfüße ohne Maniküre – vor lauter Sommereinbruch war dazu keine Zeit mehr. Mein schönes Geheimtipp-Café mit dem guten Kaffee, wo man nie einen Kollegen traf? Vollkommen überfüllt, weil man da ja jetzt draußen sitzen kann. Ausrasten. Stundenlang in der Sonne hocken und sich dann total freuen, dass man den ersten Sonnenbrand des Jahres hat. Das ist der „Harlem Shake“ des Hamburgers diesen April.

Nein, ich komme nicht mit an die Alster. Ich werde mir mein Mittagessen auf dem Weg zur Arbeit organisieren, damit ich in der Pause nicht Spießruten laufen muss durch die Menschenmenge. Ich werde erst dann wieder ins Freie gehen, wenn der Regen kommt. Regen, der den warmen Boden dampfen lässt. Am besten ein kleines Gewitter. Sintflutbäche, die die Menschen wieder in ihre Löcher zurück spülen. Alles wird dann wieder nach Natur riechen, nach feuchter Erde anstatt nach Mofa-Auspuff und Iced Moccas und dann, hoffentlich, dann kommt auch endlich der Frühling, den ich so vermisse.

 

Heilende Träume

Ich erinnere mich, schon einmal über besondere Träume geschrieben zu haben. Diese Woche habe ich wieder erlebt, wie mein Unterbewusstsein reagiert und sich selbst einen großen Gefallen tut, indem es heilende Erinnerungen herauskramt.

Nach einer furchtbaren Woche auf der Arbeit, in der ich fast jeden Abend zuhause geheult habe, kaum eine Nacht schlafen konnte und vor Erschöpfung nur noch Löcher an die Decke starren konnte – ich glaube, man nennt das auch „innere Kündigung vorbereiten“ – konnte ich mich nicht einmal auf das Wochenende freuen. Ich stecke momentan so tief in verschiedenen Arbeitsprozessen, dazu war noch eine Kollegin krank, ein neuer Mitarbeiter wartete ratlos auf meine Anweisungen…es war einfach zu viel und die Belastung ließ mich auch am Freitagabend nicht los. Zu dem gab es noch Kritik „von oben“, dass ich mit der Situation nicht ausreichend gelassen umginge. Kennt ihr das, wenn man Auseinandersetzungen hat, wo die Worte noch tagelang nachhallen? So ging es mir und so war ich am Freitag nicht in der Lage, irgendwas zu tun oder sagen. Mein Schatz schaute fernsehen, ich schaute meine Löcher an die Decke und zwischendurch heulte ich immer wieder.

In der Nacht hatte ich dann den allerschönsten Traum, den man haben kann: Ich war wieder Kind. Mein Bruder war noch klein, meine Mutter zeigte keinerlei Anzeichen ihrer späteren Krebserkrankung, ich hatte noch meine Kindheit. Das weiß ich, weil ich einen Stapel Bücher dabei hatte. Zu der Zeit, als ich noch 10 Bücher die Woche aus dem „Bücherbus“ holte, da war die Welt für mich noch in Ordnung. Wir fuhren mit meiner Mama auf eine Art Campingplatz, unsere Ferienwohnung dort war ein riesiges Zelt. Nicht besonders komfortabel oder schön, aber mit ein paar Klappstühlen im Grünen und ich hatte ja meine Bücher. Und das Beste: Das Zelt stand auch noch in Nordseenähe!

Als ich aufwachte, musste ich zwar wieder heulen, weil die Erinnerung  an meine Mama auf einmal wieder so frisch war…dennoch fühlte ich mich nicht mehr so erschöpft. Es war, als hätte mein Unterbewusstsein einen Riegel vorgeschoben:Ich konnte schlafen, habe mich erholt und statt von Arbeit, Kollegen und bösen Worten  einfach von meiner Kindheit geträumt, wo alles noch sicher war und meine Mutter das impersonifizierte Glück darstellte.

Ich glaube, diese Selbstheilung ist etwas, das mir in die Wiege gelegt wurde. Manche Menschen haben das vielleicht nicht und drehen irgendwann durch. Auch wenn ich diese Woche von verschiedenen Personen in meinem Umfeld den Satz gehört habe „Pass mal auf, dass Du kein Burnout bekommst“ – ich glaube nicht, dass mir das passieren würde. Ich kann weinen, ich kann laut schreien (ja, lieber Chef: Aggressivität ist nicht gerade bester Führungsstil, aber es ist ein Ventil!) und wenn es hart auf hart kommt, schnappe ich mir eben im Traum meine Bücher und meine Kuscheltiere oder setze mich mit meiner Mama auf Umzugskartons und rede.

Meine Träume beruhigen mich und machen mich wieder stark, durchzuhalten. Eine Woche noch, dann habe ich Urlaub und fahre in die Heimat – endlich. Heute Nacht habe ich übrigens eine neue Hunderasse kennengelernt und den gesamten Traum lang nur Pferde gestreichelt und mit freundlichen Hunden gespielt. 😉