Heile-Welt

Ich mag es nicht, am hellichten Tag in ein Krankenhaus zu müssen. Es ist dann anders dort, als wenn man nachmittags zum Kaffee kommt oder abends jemanden besuchen geht und ein paar Zeitschriften, Tratsch und ein bisschen Freude mitbringt. Morgens ist das Krankenhaus ein Mikrokosmos, in dem hunderte von Kompetenz ausstrahlenden Menschen in Birkenstocklatschen Leben retten, Blut abnehmen, Kranke heben und waschen. Wäre nichts für mich, denke ich, so sehr ich diesen Einsatz bewundere. Eine Arbeitswelt für die einen und eine Parallelwelt für die, die nicht mehr funktionieren und die, wenn sie denn können, mit Verbänden oder Tropfhalter schiebend herumirren. Sich in die Caféteria setzen als Höhepunkt des Tages oder in den Krankenhaus-Laden gehen, eine Art Stadtleben unter Krankenhauslicht.

Krankenhäuser-Wartezimmer sind noch schlimmer. Sie imitieren Wartezimmer aus der Arztpraxis im Wohngebiet. Wasserfarbenbilder an den Wänden, ein Beistelltisch mit Kaffee. Aber die Becher sind diese kleinen brauen Automatenbecher, die man nur in Krankenhäusern hat, die Zeitschriften sind alt und deprimierend. Hier wird auffallend oft Händchen gehalten, viele sind nicht ohne Grund hier oder nicht zum ersten Mal. Zum Glück habe ich ein Buch dabei und werde aufgerufen, als ich gerade die letzte Seite fertig gelesen habe. Die Ärztin ist sehr jung und freundlich. Mich erstaunt es immer wieder, dass solch junge Menschen schon in so viele Körper reingeguckt haben müssen, dass sie fertige Ärzte sein dürfen, dass sie mit jedem neuen Menschenkörper, der da vor ihnen sitzt, liegt oder steht, etwas anfangen und herausfinden können, was kaputt ist.

Ich bin zum Glück nicht kaputt, alles heile. Mein Gewebe sei ein bisschen komisch verwachsen, daher die Schmerzen, sagt die junge Ärztin und lacht. Ich bin froh, dass ich die Parallelwelt wieder verlassen kann, die da hinter dem hübschen Park um die Ecke liegt und die niemand wahr nimmt, so lange man nicht dazu gezwungen ist. Ich wünsche mir, dass ich da niemals herumlaufen muss mit einem Verband, oder Krücken, oder einem Tropf oder noch schlimmer: In dem großen grauen Bettenhaus liegen, hinter einem der vielen Fenster, die zu selten geöffnet werden für so viel Kranksein. Mir kommen Menschen entgegen, manche mit Blumen, andere mit Körben, in denen sie bestimmt das Lieblingsessen mitbringen. Oder lustige Zeitschriften. Keiner von ihnen sieht nach Lustigkeit aus. Das menschliche Leben ist so fragil. Passt auf Euch auf, Leute.

Der Blaue Salon

Als Kind hatte ich ein Buch über Traumdeutung. Ich habe jeden Traum – meistens habe ich irgendwas von Pferden geträumt – in Symbole zerlegt und mittels meines Buches versucht, diese zu deuten. Ich konnte mich schon immer sehr gut an meine Träume erinnern und kann daher eines mit Gewissheit sagen: mein Gehirn feiert nachts ohne mich ’ne Party! Meine Träume sind bunt und irre, manchmal auch verwirrend, wenn ich beispielsweise mal wieder in einer fremden Stadt mit unglaublich vielen Bahngleisen lande. Manchmal trösten mich die Träume, oft kann ich in ihnen fliegen. Es kommt vor, dass ich eine komplette Story träume, die einen super Film ergeben würde- wenn man sich erinnern könnte. Hin und wieder tauchen darin Menschen aus der Vergangenheit auf, an die ich seit Jahren nicht mehr gedacht habe. Ob es da ausgemistet hat, das liebe Gehirn und Kisten mit uralten Erinnerungen aus dem Keller geholt hat?

Heute Nacht hatte ich einen sehr traurigen Traum und ich verstehe ihn wieder einmal nicht. Im Traum war ich bei meiner Oma, die seit vielen Jahren tot ist. Im Traum war die Oma noch da und Opa gerade verstorben. Alles war ganz anders als es tatsächlich gewesen ist: Mein Opa ist nämlich im Krankenhaus verstorben, er hatte auf meine Oma gewartet, bevor er die Augen für immer geschlossen hat.
In diesem Traum war er einfach morgens nicht mehr aufgewacht – und ich wusste das alles schon – das Bett, in dem er gestorben ist, hatte die Oma immer noch nicht gemacht. Meine Oma war im wahren Leben mit allem so sorgfältig und ordentlich, dass sie sogar Socken gebügelt hat.
Im Traum lag die Oma einfach im „Blauen Salon“ (so nannten wir ihr Gästezimmer, wegen des himmelblauen Teppichs) im Bett und schlief. Ich war die einzige Fremde in dieser Wohnung, in der alles genau so war, wie ich es erinnere, die Gegenstände, der Geruch, sogar die kühlere Zimmertemparatur des Blauen Salons. Nur ich war fremd – und die Traurigkeit. Ich legte mich zu meiner Oma und hielt tröstend ihre Hand und wir schliefen tagelang. Nach paar Tagen war immer noch Opas Bett nicht gemacht – die Trauer hatte meine sonst so aktive fleißige kleine Oma völlig aus der Bahn geworfen. Mich hat dieses Gefühl eingenommen, ich konnte es selbst fühlen: den Schock darüber, dass das gemeinsame Leben nun plötzlich zuende gegangen war. Keine Kraft, aufzustehen, das Bett zu machen und das Leben „danach“ zu beginnen. Die Lebensgemeinschaft, die die Beiden seit ihrer gemeinsamen Schulzeit miteinander verbunden hatte, hielt wie im wahren Leben wirklich bis zum Tode. Was mich an diesem Traum so verwirrt hat, war die Intensität des Verlustschmerzes und die Ruhe in der Wohnung. Diese Stille, die der Schock nach sich zieht, wie die Ruhe vor dem Sturm, bevor die eigentliche Trauer einsetzt und hoffentlich weinen können die Schockstarre ablöst.

Ich bin verwundet über diese Vermischung von Begebenheiten, die sich so nicht zugetragen haben, mit realen Ereignissen und erlebten Sinneseindrücken. Mein Traum hat mich zurückgebracht in diese Wohnung, die Hand meiner Oma fühlte sich ebenso real an wie der Schmerz, auf einmal ohne meine Liebe alleine auf der Welt zu sein. Eine von zwei Hälften, die übrig geblieben ist und nie wieder ganz sein wird.

Anders als im Film „Inception“ kann ich mich im Traum oft an die Vorgeschichte erinnern. Ich schaue auf Uhren und Kalender und manchmal weiß ich auch ganz sicher, dass ich mich in einem Traum befinde, da die Personen, mit denen ich gerade spreche, nicht mehr leben.
Es ist eine ungeheuere Leistung, die das menschliche Gehirn da zu stande bringt und vielleicht werden wir irgendwann verstehen, warum wir eigentlich träumen.
Ein Pferd ist ein Pferd, dafür brauche ich mein kleines Traumdeutungs-Buch nicht mehr. Kleine Mädchen wünschen sich halt Pferde. Und große Mädchen? Vielleicht, nie wieder diesen schrecklichen Schmerz über den Verlust eines geliebten Menschen erleben zu müssen. Weil dieser, einmal erlebt, ewig lange in uns nachhallt.

Wachstumsschmerz – Sarah Kuttner

Es gibt Bücher, die liest man und stellt sie in den Schrank zurück (oder schließt die App) und es gibt Bücher, die gibt man weiter. Bücher, die nachwirken und über die man noch sehr lange nachdenkt. Worte und ganze Passagen, die man zitiert und die damit außerhalb eines Buches wieder den Weg zurück ins Gedachte und ins Gesprochene finden.
Solche Bücher schreibt Sarah Kuttner – und ich hoffe, sie nimmt es mir nicht übel, dass ich sie hier zitiere (ich gelobe auch, nicht zu viel zu verraten).
„Mängelexemplar“ habe ich von einer Freundin geliehen bekommen, es verschlungen, mir selbst gekauft, verliehen, gekauft, verschenkt. Für mich ein unglaublich wichtiges Buch, da es das Einzige zum Thema Depressionen ist, das mir aus dem Herzen spricht. Frau Kuttner ist, anders als viele ihrer Kollegen, keine Möchtegern-Autorin, die sich mittels gekünstelter Jugendsprache in ihren Texten trendy und hip hervortun will. Sie ist echt und sie ist echt klug, wie mir scheint. „Mängelexemplar“ ist deswegen so gut, weil die Autorin es irgendwie geschafft hat , Gefühle und Gedanken einer depressiven jungen Seele völlig authentisch und unprätentiös zu Papier zu bringen. (Kleiner metatextueller Ausflug: Wahrscheinlich würde ich mich über die Verwendung des Wortes „unprätentiös“ in einer Buchrezension selbst furchtbar aufregen, aber es beschreibt ihren Stil so gut. Und ich mag das Wort. Also ist gut, selbstkritische Verena, setz dich wieder hin.)
Ein kleines Beispiel:

Es wurden Trilliarden Lieder über Kummer geschrieben, Hunderte davon habe ich gehört. Ich müsste es eigentlich besser wissen. Und dennoch liege ich wie gelähmt vor Schmerzen auf meinem Lenkrad und wundere mich über die Körperlichkeit meines Leids.(…) Ich möchte gar nichts mehr spüren jetzt. Ich möchte jetzt bitte ausgeschaltet werden.

Ich habe mich oft gefragt, ob Sarah Kuttner wohl meine Tagebücher gefunden hat und kam zu folgendem Faziz: Nein, es ist einfach nur die sehr gute Beobachtungsgabe einer Autorin meiner Altersklasse für Emotionen und die Gabe, diese unter Auslassung von Betroffenheitsperspektive und künstlicher Dramaturgie in Worte zu fassen.
Doch genug davon, eigentlich sollte es hier nämlich – gut, das hätte ich ja eingangs auch mal erwähnen können – um Frau Kuttners Roman „Wachstumsschmerz“ gehen, der im 2011 beim Fischer Verlag erschienen ist.
Dieses Buch werde ich wohl nicht mehr verleihen können, denn es hat schrecklich viele Eselsöhrchen abbekommen, als es mich Tag und Nacht und auf Reisen begleitet hat und unglaublich viele Stellen in dem Buch von mir gemerkt werden wollten.
Der Wachstumsschmerz gehört zu Luise, einer mitteljungen Frau meiner Generation, die mit ihrem festen Partner in die erste gemeinsame Wohnung zieht. Was beide miteinander verbindet, ist der Wunsch nach einer Lebensgemeinschaft, die Halt und Nestwärme gibt, während sich das Leben um einen herum langsam verändert. Denn inzwischen sind wir sind angekommen im Erwachsensein und was das bedeutet erklärt Luise ziemlich deutlich:

Und jetzt, zehn Jahre nach dieser Hysterie, bekommen wir den Kater, der uns zusteht. Wir haben mit jedem gevögelt, wir haben unsere billigen Turnschuhe zertanzt, die erschnorrten Drogen machen uns inzwischen Kopfschmerzen und das erste Auto kommt nicht mehr duch den TÜV. Und plötzlich merken wir, dass wir uns ja immer noch erst in der ersten Hälfte unseres Lebens befinden und noch fünfzig Jahre vor uns liegen, die gefüllt werden müssen, und gleichzeitig verstehen wir gar nicht, wie die Zeit so schnell vergehen konnte.

Die Zeit zu füllen, denkt man, ist gar nicht so schwer. Schließlich stehen wir in der Blüte unseres Lebens, arbeiten viel – aber was, wenn das nicht genügt?
Wenn am Ende des Geldes noch zu viel Monat übrig ist, um ganz unbeschwert sein zu können, wenn man auch eigentlich noch nach dem „mehr Sinn“ sucht.
Was will ich denn eigentlich mal werden, jetzt, wo ich groß bin?
Luise ist da wie ich, auch sie weiß es nicht wirklich.

Da draußen laufen eine Menge junger Menschen rum, die gesehen werden wollen, sich abheben wollen, vielleicht sogar etwas verändern wollen. Das viele von ihnen merkwürdig, wenn nicht sogar egozentrisch sind, will ich nicht abstreiten, aber die meisten von ihnen verfolgen einen Traum, sie brennen. Und das ist etwas, das ich bei dir nicht spüren kann.

Auch wenn Luise scherzt, sie könne ja immer noch mit einem neuen Hobby
durchstarten (ein Cupcake- und Mode-Blog – also echt!), das Erwachsensein und die Idee, sich beruflich vielleicht noch einmal neu zu orientieren, machen ihr eine Heidenangst.

Ich fühle mich doch heute schon dauernd so, als wäre ich ein Blender. Ein Zauberer, der immer kurz davor ist, beim Schummeln erwischt zu werden. Permanent befürchte ich, die Leute könnten merken, dass in meinem Zylinder gar kein Kaninchen und die Alte im Kasten gar keine Jungfrau ist. Weshalb wächst mein Geist nicht proportional zu meinem Alter, vor allem aber proportional zu meinen Lebensumständen?

Die Frage stelle ich mir so unglaublich oft! Vielleicht ist es ja tatsächlich ein generationsübergreifendes Phänomen, diese Überfordung und das unbestimmte Gefühl, seinem eigenen erwachsenen Dasein noch immer nicht ge-wachsen zu sein.
Auch Luise fragt sich, ob dies normal ist oder ob nicht die Lösung einfach darin liegt, sich kopfüber in das Wagnis zu stürzen, das ihre neue Lebensgemeinschaft mit Flo darstellt und einfach eine Familie zu werden. Und auch diese Beobachtung noch kinderloser Menschen trifft den Nagel auf den Kopf. Eine Familie, das wäre doch endlich ein legitimer Vollzeitjob, eine Erwachsenensache und auch irgendwie das kraftvolle Zuknallen noch offen stehender Türen:

Ist es nicht vernünftiger, meine immer weniger werdenden fruchtbaren Jahre zu nutzen und einfach demnächst ein Kind zu machen und zu hoffen, dass man es schon irgendwie gut leiden kann, wenn es erst mal da ist? Ich kenne nur wenig Menschen in meinem Alter, deren Kinder Wunschkinder sind. Aber geliebt werden sie alle wie Sau.

Leider ist es nun so mit Luise, dass sie, statt zu ergründen, warum sie sich als Hochstaplerin in ihrem eigenen Leben fühlt, alles zerredet, was vielleicht gar nicht so übel ist. Auch ihre Beziehung zu Flo leidet darunter. Fragen entstehen in Luise, die das Zusammenleben auf einmal unterträglich machen – obwohl eigentlich die Beiden doch sehr glücklich miteinander sind. Die Autorin bringt diese Veränderung in Luise so nachvollziehbar rüber, dass man als Leser beginnt, sich diese Fragen zu stellen. Es gibt keinen dramatischen Klimax als Auslöser, denn Flo macht nichts verkehrt, Luise ja auch nicht und die Liebe ist da…Luises Konflikt mit dem Zusammenwohnen schleicht sich leise in das Leben der beiden ein, eine schwierige schriftstellerische Technik, bei der man den Bezug zur Figur Luise dennoch dank solcher innerer Monologe als Leser nicht verliert:

Ich möchte kein Leben ohne Romantik. Auch nicht ohne Liebe. Ich bin sehr an einem schönen „für immer“ interessiert, ich verstehe nur nicht, woher man die Sicherheit für ein solches Versprechen nehmen kann. Würde man mich in der Kirche bitten, vor Gott zu versprechen, die Person vor mir zu ehren und zu lieben, „bis einer nicht mehr möchte“, wäre ich sofort dabei.

Wer möchte nicht die Gewissheit haben, dass die eigenen Entscheidungen im Erwachsenenleben richtig sind, gerade wenn die Liebe auf dem Spiel steht? „Bis einer nicht mehr möchte“ ist ein schönes Beispiel für Kuttners Wortwitz und ein Spruch, den man sich am liebsten in den Ehering gravieren lassen möchte. Luise ist eigentlich viel cleverer als die Summe dessen, was sie gerade aus ihrem Leben macht. Ihre Unzufriedenheit darüber – eigentlich ahnt sie, dass mehr drin steckt – setzt sie unter Druck und ihre Liebe zu Flo auf den Prüfstand – und die kommt dabei nicht gut weg. Liebe unter Druck zerbröselt und wenn man zu genau hinschaut, dann nicht zu Zauberpulver, sondern einfach zu zwei Menschen, deren Bedürfnisse und Gemeinsamkeiten sie zusammen geführt haben. Der Rest dazwischen, das, was sie zusammenhält, sind Kompromisse und die Akzeptanz, den anderen zu lieben, wie er oder sie ist.

„Once in a while along the way love’s been good to me“. Ich mag das Lied vor allem deshalb so gerne, weil es von einer modern anmutenden, nicht notgedrungen für immer halten müssenden Liebe so ungewöhnlich aufgeschlossen erzählt. Kein „forever“. Kein „the one and only“. Nur eine leise, demütige Dankbarkeit dafür, immer mal wieder geliebt worden zu sein.

Melancholisch hallen Luises Gedanken und der gesamte Roman in mir nach. Mehr möchte ich aber hier nicht verraten, außer, dass es sich wirklich gelohnt hat, sich mit dem Wachstumsschmerz auseinander zu setzen.
Ich hoffe, das dies nicht der letzte Roman von Frau Kuttner war. Es gibt so viele schöne Themen, über die man gemeinsam älter werden könnte, sogar Wechseljahre verdienen es, in angemessene Worte verpackt zu werden – ich werde weiterhin eine dankbare und treue Leserin sein.
Und an alle anderen, die das noch nicht sind, aber bis hier gelesen haben: Kaufen, am besten gleich beide Bücher. So sollte doch eigentlich jede Rezension eines guten Buches enden, oder? Einfach: kaufen.

Sommermeckerei

Hallo allerseits,

es ist wieder drei-Tage-Sommer in Hamburg eingekehrt und damit ist’s an der Zeit für meinen alljährlichen Sommer-Beschwerde-Post. Ich habe dabei ein ziemliches déjà vu und vermutlich habe ich das alles schon im letzten drei-Tage-Sommer geschrieben, aber: Ich hasse den Sommer!

Dank funktionierender Tageslicht-Biorhythmus-Dingsi bin ich derzeit ganz früh wach und könnte auch entsprechend früh im Büro sein – wenn da nicht dieses Problem wäre: Was soll ich bitte anziehen? Ich sehe einfach gelinde gesagt scheiße aus in Sommerklamotten! Der Sommer muss ja auch immer so plötzlich kommen und so sitze ich dann schwitzend in meinen Übergangsklamotten am Schreibtisch und hasse mich für jeden fröhlich verputzten Kinderriegel und jedes Wecker-nochmal-ne-Stunde-weiter-stellen anstatt morgens wie geplant joggen zu gehen. Manno. Selbst schuld, aber trotzdem…

Ich weiß nicht, ob es jemandem außer mir aufgefallen ist, aber in Hamburgs drei-Tage-Sommer verschwinden plötzlich alle moppeligen und kurzbeinigen Menschen von der Straße. In der U-Bahn schaue ich auf die Füße der Mädels – alles Gazellen, die trotz Ballerinas zu kurzen Hosen schlanke und laaaange Beine enthüllen. Frauen, die trotz alberner Hippie-WallaWalla-Hängerchen irgendwie schick und frisch und naja…halt sommerlich aussehen.

Wie machen die das? Wenn ich mir so ein Hippieding überziehe, bringen sie mich zur nächsten Hebammen-Praxis. Meine Sommergarderobe beschränkt sich auf zwei Röcke und ein paar viel zu festliche Kleider. Wenn ich die anziehe, braucht es hohe Schuhe und schwupps sehe ich aus als wolle ich zu einer Hochzeit, abends noch in die Oper oder auf den Kiez. Im Sommerkleid mit Trägerchen und Ausschnitt würde ich vielleicht zum Strand latschen, aber sicherlich nicht in ein Meeting. Was bleibt also? Bleistiftrock zu dünnen Blusen? Sorry, aber ich arbeite in einer Gaming-Firma. Bei uns fällt man schon auf wie ein bunter Hund, wenn man mal eine andere Farbe als schwarz trägt. Heute trage ich einen Rock und dazu Pumps, weil ich in flachen Schuhen aussehen würde wie eine osteuropäische Landfrau. Prompt werde ich von 5 Leuten angesprochen, ob ich noch was vor habe, auf eine 50er-Jahre-Party gehen zum Beispiel. Dabei will ich doch im Sommer nur eins: Unsichtbar sein, in meiner kühlen Ecke sitzen und auf das nächste Gewitter warten. Oder den Herbst.

sinnfrei

Tage wie heute sind der Grund, warum ich mich manchmal wie eine Aussätzige fühle – ausgesetzt in meinem eigenen Leben. Es ist ein Wochenende im Sommer, ich verbringe Zeit mit lieben Freunden und meinem Verlobten, rumliegen und grillen im Park, während anderswo in Deutschland gerade Menschen durch Hochwasser-Fluten waten und zuschauen müssen wie alles, wie ihre ganze Existenz und alles, was ihnen lieb und teuer war, in den Fluten versinkt.

Ich habe es so gut in diesem, meinem Leben und kann trotzdem beim besten Willen manchmal nichts damit anfangen. Ich schäme mich dafür, mitten im Glück immer wieder diese trüben, völlig selbstsüchtige Gedanken zu haben. Worauf hast Du denn jetzt Bock, Verena?, fragen meine Freunde. Ich? Mich hier auf den Bootssteg setzen und den ganzen Tag einfach nur zuschauen, wie ihr anderen so lebt!

Ich kann es nicht ändern, so gerne ich es würde. Meine Glücklichkeitsskala ist irgendwo oben einfach abgebrochen. Knicks. Sie reicht nun nur noch von „ganz ok“ bis etliche Meter unter dem absoluten Gefühls-Gefrierpunkt.

Nein, liebe Frau Therapeutin, ich bin nicht mehr gefährdet, vor eine Bahn zu laufen. Hatte ich im Übrigen auch nie vor – mal unter uns gesagt – ich brauchte einfach wen zum quatschen und außerdem fand ich Ihre Espresso-Bohnen in Schokolade so lecker und unsere Gespräche über Bücher – die haben mich mit einem Gefühl von Heimeligkeit erfüllt. Schön war das.

So schöne Momente sind selten geworden. Ich habe dazu gelernt, mich besser angepasst und gelernt, die Menschen aus meinem Leben zu verbannen, die mir nicht gut tun und diejenigen, die mir gut tun werden, mit meiner „nach außen“-Persönlichkeit anzuziehen. Ich habe wahnsinnig tolle Menschen um mich herum. Die mich lieben, auch wenn ich ganz schön scheiße bin manchmal. Menschen die wissen, dass man mich nicht beim Essen beobachten darf oder auslachen, weil ich dann schlechte Laune bekomme. Menschen, die ich von Herzen liebe, weil sie so großartige Persönlichkeiten und Lebensziele haben, und für die ich alles tun würde. Nur eins können all diese Menschen nicht – weil das nur einer könnte – nämlich ich: Mich endlich mal wieder begeistern, dem Leben, das ich da habe, einen Sinn verleihen.

Schöne Zeit ist deswegen ganz selten geworden. Ganz spontan auf ein Bierchen rausgehen und dann die ganze Nacht durchtanzen oder ein tolles Gespräch führen. Von der Seele reden, reden, so lange, bis die Stimme heiser wird und die Augen ganz rot sind. Nachts, wenn alles schläft, erwachen meine Lebensgeister manchmal und wollen tanzen! Das sind die Momente, in denen ich das Leben spüre.

Ich weiß ganz genau, dass ich eines Tages, wenn ich krank werde oder wenn ich eine gebrechliche Omma bin, zurückschaue und bereue. Mich sehnen werde nach der Zeit, als ich noch alle Möglichkeiten hatte, diese tolle Welt zu entdecken und das Leben voll und ganz auszukosten. Wie tut man das? Wie geht auskosten? Wie genießen?

Wie wird man seines Lebens froh? Wie findet man das, was dem Leben Sinn gibt?

Irgendwann hast Du alles, wonach dein irdisches, sich leicht blenden lassendes Ich sich sehnen könnte: Ein schickes Auto, alle Traum-Urlaubsziele angeflogen, ein weißes, stuckverziertes Häuschen in einer sauberen, sicheren Umgebung – mit Rhododendron im Vorgarten oder einfach am Meer. Und dann? Dann, liebe Verena, sitzt du in deinem Häuschen am Meer und wirst wahrscheinlich noch immer nicht glücklich sein.

Ich weiß, dass mir der ganze materielle Scheiß nichts bedeutet. Ich weiß, dass Klamotten kaufen, beruflich Erfolg haben und mit guten Lebensmitteln kochen nur ein Trost ist, der darüber hinweg täuscht, was eigentlich mein Problem ist: Es ist leichter, den Magen zu füllen, den Lebenslauf mit guten Referenzen oder den Kleiderschrank mit noch mehr Schuhen, als mein Leben mit mehr Sinn.

Also schreibe ich meinen „runterzieh-Blog“, mache ich Fotos und versuche, durch den Sucher die Welt und ihre Geschichten mit mehr Liebe zu betrachten, was mir manchmal gelingt. Ich lese, weil ich Trost finde in dem Sinn, den andere gefunden und den sie festgehalten haben zwischen zwei Buchdeckeln. Ansonsten fehlt mir einfach der Kompass, den Sinn zu finden in meinem Leben und der Antrieb, diesen zu suchen.

Kleines Wunder

Vor einigen Jahren – ich weiß nicht mehr genau, wann – habe ich Mamas alte Taschenuhr bekommen. Die hatte früher manchmal um ihren Hals gehangen, manchmal aber auch an der Lampe in ihrem Zimmer, zusammen mit einem Traumfänger und einer Haarsträhne, die sie aufbewahrt hatte von damals, als sie noch lange Haare hatte. Ich weiß noch, sie hat ihre Haare geschnitten, als sie krank wurde und in ihrem Tagebuch stand „die langen Haare haben mir kein Glück gebracht.“

Die Taschenuhr hat vorher meiner Uroma gehört – sozusagen ein Familienerbstück. Leider ist sie kaputt und wir haben schon mehrfach versucht, sie aufzuziehen – allerdings vergebens, gab einfach kein Lebenszeichen von sich. Stand einfach immer auf zwanzig vor zwölf und gut. Sie ist auch nicht besonders wertvoll glaube ich – dennoch hat sie einen immensen Wert für mich und ich trage sie manchmal zu besonderen Anlässen.

Gestern habe ich sie getragen, weil Mamas Geburtstag war. Ich sitze also mit meiner Uhr so in einem Meeting auf der Arbeit und schweife in Gedanken immer wieder ab, weil ich traurig bin, an Mama denke. Ich spiele mit meiner Taschenuhr, klappe sie auf und zu und auf einmal bemerke ich, dass die Zeiger eine andere Uhrzeit zeigen. Halte sie ans Ohr und höre ein leises Ticken!

Ein Wunder – aus heiterem Himmel hat meine kleine Uhr angefangen, wieder zu ticken…ganz unregelmäßig zwar, so dass die Zeitmessung damit nicht wirklich funktioniert…aber wenn ich sie ans Ohr halte, tickt sie leise und tröstend vor sich hin.Wie ein kleines Herz, das ich schlagen hören, an mich drücken und immer bei mir tragen kann.

uhr

Blumen im Juni

Früher, als ich klein war, habe ich an diesem Tag morgens immer im Garten Blumen gepflückt und den Frühstückstisch für Dich gedeckt. Es ist die beste Zeit, um Geburtstag zu haben. Dein Fliederbaum blüht – ebenso alles andere im Garten.

Heute bleibt nur, mich daran zu erinnern und mir zu wünschen, ich könnte nochmal klein sein. Dann würde ich Dir einen furchtbaren Kuchen backen in dieser Herzchen-Porzellanform, eine Karte malen mit einem Haus und einer Sonne und Blumen und einem Pferd, auf das bis zu fünf Leute passen und dann darauf warten, dass Du wach wirst und ich Dir zum Geburtstag gratulieren kann…

Urlaub in St. Peter Ording. (wahrscheinlich 1999)

Lachanfälle. St. Peter Ording, 1999

„Je schöner und voller die Erinnerung, desto schwerer ist die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.“ (Dietrich Bonhoeffer)