Sommer, Nächte

Irgendetwas stimmt nicht mit mir, mein Leben fühlt sich gerade einfach nicht richtig an. Wie ein Schuh, der zwackt, aber bei dem man die Stelle nicht findet, an der die Naht drückt oder das Steinchen sich versteckt. Es sind laue Sommernächte, die Wochenenden sollten Spaß und Lebensfreude verheißen. Im Radio läuft “get lucky” von Daft Punk – Sommerfeeling eigentlich, doch in mir herrscht gerade Wintereinbruch. Ich weiß nicht, wer meine dunkle Schwester eingeladen hat, mir den Sommer zu vermiesen. Alles ist gerade schlecht: Mir ist es zu warm, ich fühle mich zu nackt, zu unfröhlich, zu unbedeutend. Auf der Arbeit läuft im Moment gar nichts richtig und ich bin ständig kurz davor, in Tränen auszubrechen, weil mir alles zu viel wird.
Heute habe ich ein Musikvideo gesehen, von meiner ersten großen Liebe und Band und da war’s dann geschehen – ich saß heulend im Büro. Objects in the rear view mirror may appear closer than they are…Die Vergangenheit ist immer wieder schöner, leuchtende Tage – ich weiß nicht, warum ich mir nicht einfach mein Krönchen aufsetzen kann, den Kopf hoch halten und in der Gegenwart leben. Den Sommer genießen, wie es andere tun. Aufblühen. Mich wohl, geliebt und willkommen fühlen.
Etwas fehlt, aber ich komme nicht dahinter. Ich spüre nur die Anziehungskraft diesen großen Schwarzen Lochs…

Vier Arten, die Liebe zu vergessen

Das Buch “Vier Arten, die Liebe zu vergessen” von Thommie Bayer hatte ich einer lieben Freundin zum Geburtstag geschenkt – und konnte natürlich nicht widerstehen, es mir auch gleich selbst zuzulegen. Das Taschenbuch erscheint zwar erst im Oktober, aber auch die Hardcover-Ausgabe ist, wie ich finde, jeden Cent wert. Ich gebe zu, es hat für meine Verhältnisse ein wenig zu lange gedauert, dieses Buch zu lesen. Völlig unverständlich, denn wenn man einmal “drin” ist, liest es sich wie ein einziger Gedankenfluss.

Thommie Bayer liegt mir als Autor sehr am Herzen, seit ich 2009 im Rahmen meines Volontariats auf einer Lesung von ihm im Hamburger Literaturhaus war und einen Blogeintrag über diesen wahnsinnig sympathischen Autor und sein Buch “Aprilwetter” schrieb, der leider nicht mehr online zu lesen ist 🙁 Ich las daraufhin “Eine kurze Geschichte vom Glück“, das ich jedem nur wärmstens empfehlen kann.

Klar, dass ich auch “Vier Arten, die Liebe zu vergessen” unbedingt lesen musste. Es geht um vier Männer, alte Jugendfreunde, die einander seit 20 Jahren nicht gesehen haben und zur Beerdigung ihrer Lehrerin Emmi wieder aufeinander treffen. Die Vier, die früher nicht nur Freunde, sondern auch eine Musikband gewesen waren und nun so völlig unterschiedliche Leben fern voneinander führen, verabreden sich zu einem Wiedersehen bei Michael in Venedig.

Vier Leben, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch miteinander verwoben und verbunden sind, durch ihre Frauengeschichten, die Musik, die immer noch in ihnen allen klingt und durch Erinnerungen. Thommie Bayer gelingt es wieder einmal virtuos, die parallelen Erzählstränge, Venedig im Wechsel mit den Erinnerungen der Vier, die sich durch das Buch ziehen und Stückchen für Stückchen die ganze Geschichte der Freundschaft offen legen, zu verbinden. “Gefühlvoll” und “musikalisch” erzählt er, so dass man sich auch als Frau hineinversetzen kann in diese Gefühlswelt von mittelalten Männern. Ein paar Mal – und auch das gelingt Thommie Bayer stets ohne vorankündigende Trommelwirbel – macht die Erzählung schmunzeln und weckt große Sympathien selbst für den verschrobensten Charakter. Meine Lieblingsstelle:

“Das Frühstück verlief in dem typischen, scheinbar mürrischen, in Wirklichkeit aber einfach nur gelassenen Schweigen, mit dem sich Männer auf der ganzen Welt in den Tag hineintasten. Wenn sie unter sich sind und nicht eloquent sein müssen.”

(Thommie Bayer: “Vier Arten, die Liebe zu vergessen”, S.216)

Es ist schwierig, nicht zu viel zu verraten, denn so wie der Protagonist Michael erfährt man auch als Leser erst nach und nach, was das Leben mit den vier Freunden angestellt hat. Mit der wachsenden Vertrautheit, der nötigen Zeit, die Männer einander für solche Gespräche lassen, kommen diese Ereignisse und Gefühle ans Licht.

Fazit: Am besten selbst lesen und sich verlieben in diese vier komischen Kerle, irische Musik, venezianische Plätze – und wieder einmal in Thommie Bayers Schreibkunst!

Entlang der Autobahn

Auf einer Rückfahrt auf der Autobahn, zwischen Köln und Hamburg. Ja, wieder einmal. Ich bin, ich glaub’ das habe ich an anderer Stelle bereits erwähnt, ein furchtbarer Beifahrer, da es mich nervös macht, wenn andere die Kontrolle haben, ich aber alles sehen kann. Ich kann nicht schlafen, wenn ich vorne sitze und bremse ständig mit oder nerve den Fahrer durch warnende Quieklaute, wenn vor uns jemand bremst. Darum habe ich jetzt ein neues, tolles Spiel entdeckt, mich selbst abzulenken und den Fahrer davon abzuhalten, mich an der nächsten Raststätte mit Kühen auszusetzen: Standorte entlang der Autobahn suchen: Wenn man eine Handynachricht via Whatsapp verschickt – vorausgesetzt man hat die Standortsuche zugelassen, sucht das Standort-Netzwerk Foursquare nach Orten in der Nähe. An diesen kann man sich dann “markieren” (taggen) oder neue Orte anlegen und damit angeben, dass man sich gerade dort befindet. Meine eigenen Spielregeln untersagen es mir, neue Orte anzulegen. Ich amüsiere mich nur über jene, die andere Leute bereits gemacht haben. Wie eben jenen Rastplatz mit Kühen, an dem wir leider nicht Halt machen. Wir fahren mit 150km/h in einem kleinen alten Corsa *panik* – jetzt aktualisiert sich die Liste zu schnell, es wird mühsam, die Lustigen zu erwischen. Kollege Ray schläft bereits hinten auf der Rückbank, als wir Ray facility management passieren. Schade.

Eigentlich dachte ich, entlang der Autobahn A1 gäbe es wahrscheinlich nur Autohöfe (die mit McDonalds, Tanke, Erotikmarkt), IKEAs, Bauernhöfe ohne Internet und komische Windräder. Aber nein, es gibt auch total romantische, magische Orte, Eingang Trollwäldchen und Drei-Kreis-Stein zum Beispiel. Vorbei geht die rasante Fahrt an Orten, die die Fantasie anregen, Kindpissen und Pascha Schnellimbiss, auf nach Langwehe. (In Langwehe, das sei hier mal notiert, möchte ich nicht tot überm Zaun hängen. Da tut sich nämlich gar nichts bei Foursquare – entweder ist es dort also todlangweilig oder man ist als Langweher noch nicht ans Internet angebunden., was noch langweiliger ist). Da finde ich es schon sympathischer, als wir den Weihnachtsstau erreichen und kurz darauf an sone komische Party vorbei düsen. Man stelle sich die Menschen vor, die diese Orte erstellt haben. Ich habe kurze Zeit echtes Mitleid mit ihnen… Irgendwo in der Heide auf einer blöden Party sein bockt sicher genauso wenig wie ein fetter Stau – und die Weihnachtsstaus auf der A1 sind legendär! Bringt Glühwein mit, Leute, it’s driving home for Christmas und zwischendurch auf der A1 im Stau stehen! Rund um Münster wird das Ganze da draußen interessant, hier gibt es tatsächlich ein Institut für forensische Genetik und kurz darauf ein Kühlhaus…äh ja. Da ist mir der einsame Romantiker lieber, der auf Foursquare den Tipp hinterlassen hat, dass die Sitzbank in der Pampa mit WLan ausgestattet ist. Ein Hoch auf das Internet, ohne das wir vermutlich Bücher lesen müssten auf einer Bank im Grünen – oder auf einer Autofahrt. Da macht es der Legastheniker besser, der – zumindest interpretiere ich diese Ort so –  sein Auto an einer Tanke sauffüllen war, um dann im Nachbarort bei der Griche essen gehen zu können. Deutschland, deine Foursquare-Nutzer! In Achim bei Bremen grüßt Vitakraft alle Tierfreunde und ich als Tierfreund winke zurück. Fast in Hamburg überkommt mich der Trennungsschmerz, wie jeden Sonntag. In Jana’s Zimmer oder Jana’s Küche wäre ich doch jetzt so viel lieber als hier! Wenngleich lieber ohne das Deppen-Apostroph…schön, dass auch hier jemand eine Jana kennt, deren Küche sich so verlockend-heimelig anhört. Ich kapiere auch dann auch endlich, dass ich keine unseriösen Etablissements entlang der A1 mehr finden werde – eigentlich logisch: Wer würde sich denn auch taggen, wenn er in den Puff oder Swingerclub geht? Also gebe ich mich damit zufrieden, dass es Unternehmen wie Intime (sic!) und Erotic Markt gibt, die für etwas Exotic *hihi* sorgen. Wir passieren das “Willkommen in Hamburg”-Schild und kurz darauf den Trucker Treff. Es ist gut, im Hamburger Hafenbezirk einen solchen zu wissen. Noch besser, dass wir nun endlich angekommen sind, auf dem Holodeck in Eppendorf.

Vielleicht sollte ich noch einen eigenen Ort anlegen auf Foursquare: Weidens Castle vielleicht oder Kein Ort, nirgends oder einfach nur mein Bett, in das ich mich sofort werfe und an die armen Leute denke, die jetzt irgendwo auf der A1 noch stundenlang fahren müssen oder – noch schlimmer – gerade in einem Stau stehen und sich nicht anders zu beschäftigen wissen, als dumme neue Orte auf Foursquare anzulegen.

Feeling fantastic?

Gestern habe ich auf der Facebookseite der Stiftung Deutschen Depressionshilfe etwas entdeckt, das ich unbedingt teilen wollte. Die SOS (Samaritans of Singapore), deren Kampagne hier dargestellt wird, ist eine Organisation zur Selbstmord-Prävention.

Ich finde die Idee mit den Anagrammen wirklich großartig – inhaltlich trifft es natürlich den Nagel auf den Kopf: Hinter dem, was ein Mensch nach außen trägt und sich “auf die Fassade malt”, kann sich eine tiefe Verzweiflung verbergen, man mit der Welt nicht teilen möchte oder manchmal doch – in gut versteckten Hilferufen…

Anagramm

Was mich am meisten schockiert hat, war, dass ich beim Lesen der unteren Nachricht sofort die Pistole gesehen habe – da sieht man mal, wie das Gehirn gepolt ist…