Neurotisch am Einzeltisch

Heute habe ich feststellen müssen, dass es schlimmer wird mit meinen Macken. Seit gestern habe ich Urlaub, ich sollte froh sein in Anbetracht der Tatsache, dass ich bald ein paar Tage weg fahren werde. Mein erster richtiger Urlaub in sechs Jahren. Ich sollte entspannt sein und die Messe in Köln nutzen, auf der ich heute war: Social Media Marketing-Agenturen und -tools, Content Marketing, SEO und andere tolle Themen, die mich brennend interessieren und für meine Zukunft wichtig sein könnten.

Statt etwas daraus zu machen, schleiche ich wie ein weiblicher „Rain Man“ durch die Messehallen. Bloß nicht jemanden ansprechen, bloß nicht angesprochen werden – kann ich vielleicht bitte genau jetzt unsichtbar werden? Ich kann nicht erklären, was los ist, aber ich fühle mich alleine und hilflos. Mein Freund arbeitet am Stand seiner Firma, Kollegen sind auch vor Ort. Dennoch fühle ich ein auf-mich-alleine-gestellt-Sein, das ich nicht ertragen kann. Mir ging es lange nicht mehr so mies. Ich klammere mich  an mein Telefon, mit dem ich Kontakt halte nach „draußen“: Zu Freunden, die mich unterhalten, was mich ein wenig beruhigt und mir Normalität und Sicherheit gibt – bis erst das WLAN und später der Akku aufgibt. Ich frage mich, ob vielleicht jene Abhängigkeit eine der Ursachen des Ganzen sein könnte. Die ständige Erreichbarkeit, „online“ sein, immer und überall diese Konnektivität. Ein größtenteils virtuell gewordener Freundeskreis – vielleicht ist es dieser Anschein von Gesellschaft, der das Gefühl, alleine zu sein, verstärken kann. Selbst, wenn ich inmitten einer Menschenmenge bin, fühle ich mich manchmal wie ein Außerirdischer, der Fremde, der Soziokrüppel.

Nach drei Stunden über das Messegelände schleichen muss ich raus da. Ich habe Hunger und fahre daher einfach mal in Richtung Innenstadt. Es verbietet sich für mich, an irgendeiner Bude auf der Straße zu essen. Überall essen Leute, überall gibt es McDonalds, Bäckereien, Essen to Go aber ich bringe es einfach nicht über mich, wenn ich nicht alleine bin. Dasselbe gilt übrigens für Buffets. Ich weiß nicht, gibt es für so einen Zwang einen Namen, Buffetophobie vielleicht? Es kann die tollste Hochzeit sein – wenn mir nicht jemand einen Teller Essen mitbringt, werde ich nichts essen. Dabei ist es doch völlig sinnlos: Es fällt wohl eher negativ auf, wenn ich aus der Reihe tanze, aber diese Überlegung hilft nicht, mir die Unsicherheit zu nehmen. Ich esse sehr gerne und Hunger hab ich auch, aber ich denke dann „Wenn ich jetzt gehe, dann gucken Dir alle beim Essen zu“. Mal abgesehen davon, dass jede Frau im Raum die Relation zwischen deiner Essensmenge und dem sich im Abendkleid abzeichnenden Bauch und Po ausrechnen wird, während Du am Vorspeisenbuffet die vegetarischen Häppchen zusammensuchst. Essen in der „Öffentlichkeit“ ist ein schwieriges Thema, es gibt nur ausgewählte Menschen, vor denen ich mich traue, zu essen. Letzte Woche hatten wir ein kleines Teamevent, pro Person über 70€ gezahlt, inklusive eines tollen mediterranen Buffets mit kalten und warmen Speisen – und ich habe nichts davon angerührt. Irgendwann nach 3 Stunden Bootsfahrt hatte ich so einen Hunger, dass ich mir eine trockene Scheibe Brot nahm. Doch als dann irgendwer deswegen eine Bemerkung fallen ließ, blieb mir auch das gleich im Hals stecken und der Rest landete zur großen Freude der Möwen im Wasser.

Heute auf der Messe hatte ich einen Termin mit einem sehr netten Geschäftspartner aus München an deren Stand. Er stellte mir jemanden aus seinem Team vor, den ich  bisher noch nicht persönlich kannte und aus heiterem Himmel stieg mir plötzlich die Röte ins Gesicht. Es war mehr als unangenehm und ich wäre am liebsten einfach unsichtbar geworden! Neulich ist mir das sogar bei Freunden meines Bruders passiert, die ich wirklich gut kenne und sehr mag. Mitten im Gespräch plötzlich Panik, Unwohlsein, rot anlaufen und am liebsten wäre ich weg gerannt. Ich benehme mich wie ein Idiot und sowohl für meine Kollegen als auch für mein Gegenüber müssen solche Situationen extrem unangenehm sein, so dass ich mich manchmal frage, ob man mich nicht einfach besser zuhause lassen sollte.

Dabei weiß ich ja, dass es genau diese Vermeidungsversuche und diese Gedankengänge sind, die den Druck aufbauen und meinen Zustand noch schlimmer machen. Niemand erwartet Dinge von mir, keiner beobachtet mich, das weiß ich eigentlich – und doch spinne ich mir das immer wieder zusammen und versuche, solche Situationen direkt zu vermeiden.

Ich habe festgestellt, dass es inzwischen auch körperliche Schäden sind, die ich davontrage. Peinliche Situationen und zunehmende (selbstgewählte) Isolation sind das eine, zum anderen habe ich extrem stark wieder mit dem Beißen, Knibbeln und Kratzen der Haut und Nägel angefangen. In einem Selbsthilfebuch zu dem Thema habe ich sehr viele Informationen bekommen und weiß nun, was ich da schon sehr lange habe, in mal schwächeren Phasen und mal stärkeren. „Skin Picking“  oder „Dermatillomanie“ bedeutet: Ich kratze an Unebenheiten der Haut oder Nägel so lange herum, bis es weh tut oder sich die Haut ablöst. Das mache ich sowohl in entspanntem Zustand (z.B. beim Lesen oder Nachdenken), aber auch im Stress, bei der Arbeit ebenso wie zuhause im Bad. Meistens „knibbel“ ich mir dann im Gesicht herum, im Nacken oder an der Kopfhaut oder eben überall, wo meine Haut uneben ist und meine Finger dran kommen – es ist schwer, dies zu unterdrücken. Auch heute sehen meine Fingernägel wieder aus, wie durch einen Schredder gejagt. An meinen Fingernägeln erkenne ich immer, wie mein Gemütszustand ist. Die ganzen Narben, im Gesicht vor allem, wenn ich mal wieder stundenlang irgendwo gedrückt habe, aber auch an den Oberarmen und im Nacken, machen es nur schlimmer. Ich gehe gar nicht mehr ungeschminkt raus, habe immer was dabei zum Überschminken, wenn ich auf der Arbeit mal wieder gekratzt habe und es blutet. Es ist eklig und ich habe sehr große Angst, dass es jemand merkt oder die Narben sieht – trotzdem kann man nicht einfach aufhören.  Ich weiß nicht, was aus mir so eine Verrückte gemacht hat. Ich merke nur, dass die Phasen länger werden, intensiver. Die Ok-Phasen hingegen sind kürzer und neben der Tagesform (fühle ich mich vorzeigbar oder nicht?) abhängig davon, mit welchen Personen ich mich umgebe, d.h. ob ich mich in einer „sicheren“ Umgebung fühle.

Wenn ich alleine bin, ist es allerdings alles absurd, dann kann ich auf einmal nichts mehr. Um es mir zu beweisen, bin ich dann heute in meiner Pause von der Messe alleine in ein Restaurant gegangen, habe eine Pizza bestellt und beobachtet, dass ich nicht die einzige war, die dort alleine an einem Tisch saß. Es ist okay. Es ist einfach normal und kein Weltuntergang, wenn man alleine unterwegs ist und niemanden kennt. Das mit dem okay kann allerdings dran liegen, dass es zur Pizza ein Glas Wein gab. Ich muss aufpassen, dass meine neurotischen Züge nicht Überhand gewinnen,

 

Literaturpapst

“Die Literatur kennt nur zwei Themen: Die Liebe und den Tod. Der Rest ist Mumpitz.”

Ruhen Sie in Frieden, Marcel Reich-Ranicki. Als kleine Germanistikstudentin, mit dem Studium anfangs nicht wirklich glücklich, besuchte ich meine erste LitCologne in Köln. Elke Heidenreich eröffnete gemeinsam mit Ihnen die Veranstaltung mit einem Zwiegespräch über Literatur: Streitlustig, witzig, kontrovers, dabei stets liebevoll. Ihre Art, über Bücher zu sprechen, hat mir Mut gemacht, dieses Studium weiter zu verfolgen und ist einer der Gründe, warum ich noch heute stapelweise Literatur verschlinge.
Bücher sind alles, was wir Menschen sein können, wir bestehen aus dem Lieben und aus dem Sterben.
In einer langen und beeindruckenden Lebensgeschichte ist heute das letzte Kapitel geschrieben worden. Ich habe die Befürchtung, Ihr Platz auf dem Papstthron der Literatur in Deutschland wird unbesetzt bleiben. Ich hoffe jedoch, dass es immer wieder Menschen gibt wie Sie, die nicht den Verkaufslisten glauben, wenn sie ein wirklich gutes Buch suchen und die den Mut haben werden, auch mal laut “Mumpitz” zu rufen und einen bescheuerten Medienpreis abzulehnen.
Bravo, Herr Reich-Ranicki, haben Sie vielen Dank!

Exeunt.

The fault in our stars

Eigentlich möchte ich hier gar nicht nur noch Buchbesprechungen schreiben, sondern lieber selbst schreiben und nicht kommentieren, was andere vor mir geschrieben haben. Andererseits gibt es Bücher, selten zwar aber dafür umso kostbarer, die ich am liebsten gerne selbst geschrieben hätte und die deswegen Herzensdinge sind – und für Herzensdinge ist mein Blog ja da.

In John Greens “Das Schicksal ist ein mieser Verräter” verliebte ich mich sofort wegen seines Titels. Ich dachte “genau!” und griff nach dem Buch, als ich es in der Kölner Bahnhofsbuchhandlung entdeckte. Ich schlug es auf, las den englischen Originaltitel, “The fault in our stars” – und verliebte mich noch viel mehr. thefaultinourstars.jpg

Ich gebe zu, ich war skeptisch, als ich begann, es zu lesen. Ein Buch, in dem zwei jugendliche Protagonisten Krebs haben – möchte ich das wirklich lesen? Nach dem ersten Kapitel wusste ich: Ich möchte nicht nur, ich muss. Helen ließ mich nicht mehr los, denn sie hasst es, wenn Menschen ihr komisch begegnen, weil sie Krebs hat. Ehrlich und direkt ist Helen, wie man es vielleicht nur kann, wenn man als junger Mensch schon so viel erlebt hat, wie andere Menschen in einem ganzen Leben. “Krebskinder sind eine Nebenwirkung der unermüdlichen Mutation, die die Vielfalt des Lebens auf der Erde sichert” sagt Helen einmal – und diese Geschichte nimmt uns mit in ihre Welt, realistisch, ohne den Pathos und Kitsch, den andere Bücher zum Thema oft mit sich bringen. Nicht so in Greens Roman, der vom Leben (und Sterben) in all seiner Traurigkeit – aber auch in seiner Fülle erzählt.

Helens Todesurteil “unheilbar” ist nur aufgeschoben, als sie in der Selbsthilfegruppe Augustus kennen lernt, der durch ein Osteosarkom ein Bein verloren hat. Die beiden verbindet bald eine Liebe, wie sie jeder einmal im Leben erlebt haben sollte. Stundenlang reden, sich alles erzählen oder schweigen und keinen Moment daran zweifeln, dass man den anderen immer und überall hin begleiten wird. Auch dann, wenn das Schicksal sich am Ende als ein mieser Verräter erweist und nichts übrig bleibt außer einer Ansage auf der Mailbox, die du dir immer wieder anhören möchtest.

Auch wenn ich mir als Leser Happy Endings wünsche, so machte mir Helen sehr schnell klar, dass ihre und Gus’ Sterne von Anfang an nicht günstig standen – und ich konnte es akzeptieren. Ihre Krebsgeschichte, das sind eben die vielen Schläuche, das Krankenhausweiß und die freundlichen Pfleger, Kinder in Rollstühlen, besorgte Angehörige, Freunde, die einen anders behandeln, das Abschied nehmen von Leidensgenossen. Aber es ist auch das Besondere in einem Glas Champagner an einem einzigen perfekten Abend in Amsterdam, dem Atmen des geliebten Menschen neben Dir, seine Hand zu halten und einen Moment lang die Zeit langsamer laufen zu lassen. Greens Roman fasst zwischen zwei Buchdeckeln das Äquivalent eines ganzen Lebens: Seine Figuren sind realistisch und alleine damit gelingt dem Autor in meinen Augen, dass diese Geschichte überhaupt erträglich erzählt werden kann. Helens und Gus’ hinterlassen Spuren wie wir alle. In den Erinnerungen anderer Menschen, die uns zu mehr machen als eine reine Nebenwirkung oder eine Momentaufnahme des menschlichen Lebens.

“Es gab eine Zeit, bevor die Organismen zu Bewusstsein kamen, und es wird eine Zeit danach geben. Und wenn es die Unausweichlichkeit des menschlichen Vergessens ist, die dir Angst macht, dann rate ich dir eins: ignorier sie einfach. Das ist weiß Gott, was alle anderen machen.”