Alles ist erleuchtet

Wenn es mir nicht gut geht, gehe ich gerne spazieren. Zum Glück ist das Viertel, in dem ich wohne wie gemacht dafür. Es gibt Parks, aber auch ganz viele erleuchtete Straßen, in denen man stundenlang schlendern und nachdenken oder in Schaufenster gucken und träumen kann, wenn es schon dunkel ist.
Jetzt im Winter macht es mich oft traurig oder treffender: melancholisch, wenn drinnen in den Fenstern Licht ist und ich draußen in der Kälte stehe. Ich glaube ich habe es schon einmal hier beschrieben: Die erleuchteten Zimmer, vor allem solche, in denen es Bibliotheken gibt oder Kronleuchter oder weihnachtliche Lichter, erwecken den Eindruck einer heilen Welt. Man bekommt beim Anblick das Gefühl, dass es dort warm ist und behaglich. Ob die Menschen in diesen Zimmern glücklich sind, dass kann ich nicht sagen – ich bin ja auch kein Spanner, der lange in fremde Fenster glotzt 😉 Aber es weckt Wehmut danach, dass es warme gemütliche, vorweihnachtliche Stimmung noch irgendwo gibt. Ich gehe an Restaurants vorbei und sehe Menschen darin sitzen und manchmal jemanden, der ganz alleine dort sitzt. Das macht mich traurig. Ich möchte niemals ganz alleine sein, so arm dass ich fein essen gehen kann, aber niemanden mehr habe, der das Leben mit mir teilt. Nicht alles im Leben ist immer perfekt. Darum gehe ich dann spazieren und denke nach. Eine Beziehung hat Höhen und Tiefen und man kann vieles erreichen, aber niemals einen Menschen ändern. Aber hatte deswegen meine Mutter Recht, als sie einmal zu mir sagte „Nichts ist einsamer, als mit der falschen Person zusammen zu sein?“
Ich stelle fest, ich bin ein bisschen wie sie geworden. Ich gebe viel in einer Beziehung und habe aufgehört, einzufordern. Meine Freunde höre ich manchmal sagen, ich habe besseres verdient. Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, stärker zu sein und sich selbst mehr in den Mittelpunkt zu rücken und dann vielleicht alleine im Restaurant zu sitzen: Vielleicht ist diese Person da ja überzeugter Single oder hat sich gerade dazu entschlossen, sich zu trennen. Möglicherweise isst der Partner auch einfach nicht gerne Italienisch und darum geht die Person lieber alleine, damit sie ihr Essen genießen kann. Nur für sich mal etwas machen. Vielleicht solllte ich die Person bewundern statt bedauern? Ich stecke im gleichen Muster fest wie damals meine Mutter und doch ist es vielleicht auch ganz ganz anders. Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, „festzuhängen“ an jemandem. Weil ich nicht stark sein müssen will. Ich will einen Kronleuchter, eine warm erleuchtete Stube und irgendwann wieder eine glückliche Tannenbaumfamilie. Ich will geben, die Wohnung dekorieren und alles schön machen – auch wenn niemand sich darum schert. Ich möchte es auch nicht missen, jedes Jahr wieder einen Adventskalender tagelang mit Sachen zu befüllen, auch wenn ich vielleicht nie einen zurück bekomme. Ich will es so – denn ich will auf gar keinen Fall mehr das Gefühl haben, alleine auf der Welt zu sein. Es klingt dumm vielleicht, mit etwas Distanz, aber ich habe immer noch Hoffnung, dass alles gut werden kann und es tatsächlich diese Menschen gibt, die mit dir bis ganz zum Schluss gehen werden und für die alle diese Mühen es wert sind. Haltet eure Lieben warm, liebe Leser – der Winter naht und es wird Zeit, wieder zu zurück zu gehen, in eine dieser erleuchteten Wohnungen.

Geburtstagsbrief

Danke, Mama, dass Du mir dieses Leben geschenkt hast. Ein ganzes Menschenleben, hervorgegangen aus Deinem eigenen und daher für immer untrennbar mit Dir verbunden. Ein Leben mit Allem, was dazu gehört, was ein Leben so haben sollte: eine Kindheit voller Sonne, Osterkörbe, Kuchenessen und Tierparkbesuche. Eine Jugend, um Erfahrungen zu machen, stets unter Deinem Schutz.
Ein Leben als Erwachsene, um Fehler zu machen. Um die Liebe kennen zu lernen und die Trauer. Herauszufinden, dass dies die Eckpfeiler meines Daseins sind, zwischen denen ich polarisiere. Ein ganzes Leben Zeit, zu lieben, zu lernen, klüger zu werden oder darauf bewusst zu verzichten, Freunde zu gewinnen, die dieses Leben mit mir teilen werden – bis hoffentlich ganz zum Schluss.
Danke für dieses Geschenk. So fragil. So kostbar. So einzigartig. Und so traurig, dass Du nicht hier bist um zu sehen, was ich damit anfange.