Stille Nacht

Ein Heiligabend der ganz anderen Sorte. Nach 32 Jahren im Kreise meiner Familie, zuerst mit meinen Eltern, die letzten Jahre dann immer mit Papa und den Großeltern, habe ich dieses Jahr einmal alles anders gemacht. Ich hatte einfach solche Sehnsucht nach dem, was man “Besinnlichkeit” nennt. Einfach mal keinen Streit, keine Diskussionen vorab darüber, wer keine Lust hat, mit wem zu feiern, wer was essen mag und was alles das Jahr über Scheiße gewesen ist – denn leider gehört die Weidensfamilie zu jener Sorte Familie, bei der an den Feiertagen alles das aufs Tapet kommt, was sonst schön stetig unter den Teppich gekehrt wird. Spricht sich ja auch leichter, nach drei Bechern Rumtopf! Dennoch war es für mich von je her ein festes Datum, wie ein Sternbild, nach dem man sich orientiert, weil es den Weg nach Hause weist.
Ich begreife immer noch nicht, was in den letzten Jahren passiert ist. Es hat sich vieles verändert, seit dem ersten Weihnachten mit Oma bei Onkel und Tante. Wir übrig gebliebenen hatten uns zusammen getan und eine neue Tradition gegründet: Weihnachten am Kamin mit alle Mann, schöne Musik hören, tolles Essen, reichlich Rumtopf, Albernheiten unter den Brüdern meines Vaters, Familiengeschichten. Es war eine schöne Zeit, für mich immer das Highlight der Weihnachtszeit. Leider hat das ein Teil meiner Familie nicht so gesehen und so wurde es immer seltener, dass wir alle zusammen an einen Tisch kamen. In diesem Jahr habe ich es darum einfach abgelehnt, diejenige zu sein, die alles zusammen zu halten versucht und zwischen den Stühlen sitzt. Ich liebe die Weihnachtszeit, ich möchte sogar soweit gehen zu sagen, dass ich ein echter Weihnachtsjunkie bin, mit allem was dazu gehört: Plätzchen backen, Kitschdeko, Josh Groban und Il Divo hören, Geschenke verpacken und vor allem: Zeit haben für die Menschen, die ich liebe.
In diesem Jahr habe ich beschlossen, die Tradition endlich zu Grabe zu tragen und bei der Familie – oder dem, was davon übrig ist – meines Verlobten Weihnachten zu verbringen. Machen wir es kurz: Traditionen brechen tut weh.
Sehr.
Ich habe an diesem Heiligabend mehr als einmal weinen müssen. Habe dank Social Media verfolgt, wie nach und nach alle meine Freunde “zuhause” angekommen sind. Stand wie das Aschenputtel in der Küche und schälte eine Stunde lang mutterseelenallein Kartoffeln. Hatte keinen Weihnachtsbaum und keine Geschenke darunter. Sah allen anderen, wie das manchmal so ist obwohl man mittrinkt, dabei zu,wie sie immer betrunkener wurden. War – noch bevor bei allen meinen Freunden der heilige Abend los ging, gegen 18 Uhr – bereits so bedient von lautstarken Auseinandersetzungen, dass ich auf einem windigen und leer gefegten Marktplatz saß und auf die Öffnungszeiten einer ramschigen Ballermannkneipe wartete.
Aber: Traditionen brechen tut auch manchmal ganz gut. Nur so lernt man Bräuche kennen, die es woanders gibt, zum Beispiel das Weihnachtsmärchen, das mein Freund sich seit 35 Jahren anschaut und das wirklich ganz zauberhaft war. Nur so merkt man, dass auch andere Familien niemals perfekt sind, auch wenn es durch geschmückte Fenster den Anschein hat. Und nur so lernt man zu unterscheiden, was einem eigentlich wirklich noch am Herzen liegt.
Ich werde dieses Weihnachten ganz bestimmt durchstehen, auch wenn ich viel über “zuhause” nachdenke. Was mich rettet, sind die besonderen Menschen, die mich an solchen Tagen anrufen und mir Bilder, Videos oder sogar Gedichte schicken, die mich sehr zum lächeln bringen und die in mir das Weihnachtsgefühl wieder wecken.
Familie, das habe ich gelernt, ist nicht immer nur die, in die man geboren wurde, eingeheiratet hat oder die in irgendeinem Verwandtschaftsgrad steht: Meine Familie, das sind die Menschen, die ich im Herzen trage, ob sie noch leben oder nicht, die mein Leben bereichert haben oder dies noch immer tagtäglich tun.

Ich wünsche mir, im nächsten Jahr alle diese lieben Menschen um einen Tisch zu versammeln, mit ihnen den heiligen Abend oder die Weihnachtstage zu verbringen. Endlich wieder den Zauber der Weihnacht zu erleben, wenn Kinder aufs Christkind warten und Geschenke auspacken. Weil das am Ende die Botschaft ist: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

Frohe Weihnachten, meine Lieben. Habt euch lieb und haltet eure Lieblingsmenschen ganz nah bei euch – auch wenn es manchmal stressig sein kann: Genießt diese besondere Zeit im Jahr, in der es nur darum geht.

Meine Gedanken sind bei jenen, die in dieser Nacht niemanden haben, kein warmes Zuhause, keinen Frieden.

Park

Es ist kurz vor Weihnachten. Es regnet. Ich sitze in einem Kurpark, im dunklen, im Regen. Schön, dass man alles zum schreiben immer dabei hat. Ansonsten: Keine Musik, kein Hörbuch. Nur der Wind, das Wasser, die Enten. Ankommen. Stille finden. Das Jahr, das man sonst gerne mit dem letzten Schnaps auf der Weihnachtsfeier hinter sich lässt, muss dieses Mal mit aller Gewalt fortgeschoben werden. Es ist ein zähes Jahr gewesen. Nicht hart, aber klebig, lästig und haftend an allen, wie Kaugummi unter der Schuhsohle. Ein Jahr, das nie richtig schlecht war – es ist nichts schlimmes gewesen in meinem Leben. Aber es war auch kein besonders gutes Jahr – es ist vorbei gegangen ohne etwas zu bewirken, mir neue Menschen zu schenken oder besondere Ereignisse. Mit Ausnahme von der Erfüllung eines Herzenswunsches, einmal ein Fleckchen Italien gesehen zu haben. Nach so einem Jahr fällt es mir sehr leicht, neue Vorsätze zu fassen, im Regen, im Kurpark sitzend: Mehr Bedeutung! Ich könnte dieses Jahr aus dem Geschichtsbuch streichen – für mich würde sich nichts ändern. Ich denke mir, eines Tages werde ich vielleicht durch einen solchen Kurpark zuckeln, mit meiner Gehhilfe, mit meinem Partner oder alleine. Bis dahin muss einfach noch mehr passieren! Wie war das: Man kann dem Leben nicht mehr Jahre geben, aber den Jahren mehr Leben. Das kommende Jahr muss gefüllt werden, mit mehr bedeutungsvollen Begegnungen und Gesprächen, Büchern, Reisen. Ich will weniger Zeit verdaddeln und mehr erleben. Und öfter zur Stille finden.

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Fragment

Zeiten ändern dich

Wir sehen einander und wissen beide was hätte sein können – die eine, große Liebe. Die, von der die Dichter schreiben. Wäre dieses Leben ein Roman oder ein Filmdrehbuch, dann würden wir uns am Ende doch finden, uns trennen oder scheiden lassen vom Partner, den wir praktischerweise ohnehin nie geliebt haben. Würden Hab und Gut zurücklassen, alles auf Anfang, um nach Neuseeland auszuwandern und dort zusammen Pferde zu züchten. Wären mutig und stark – weil doch am Ende immer die große Liebe siegt.
Doch das Leben ist kein Drehbuch und Zeiten ändern dich.
Wir haben beide jemand anderen gefunden, der für uns nun Liebe bedeutet und Geborgenheit schenkt. Sind viel zu verwurzelt hier als dass wir auch nur daran denken würden, noch einmal alles neu zu denken. Und wer weiß, vielleicht machen die Zeiten auch aus der “einen” sowieso nur die “einstige”…

In guten wie in schlechten Tagen

Heute möchte ich von ganz besonderen Menschen erzählen. Ich habe das schon lange vor, aber wie das so ist mit besonderen Texten, sie schreiben sich nicht von alleine und vor allem nicht jederzeit. Heute ist der zweite Advent und da die Weihnachtszeit die beste Zeit ist, an seine Lieben und an die guten Dinge im Leben zu denken, versuche ich es heute.
Meine Großeltern sind ein wichtiger Teil meines Lebens. Leider sind Oma Käthi und Opa Hans (die Eltern meines Papas) schon verstorben aber ich hatte das Glück, beide kennen zu lernen. Ich denke, es geht allen Enkelkindern so und auch ich habe ganz viele Erinnerungen an meine Großeltern. Sie waren für mich die besten Menschen überhaupt. Sie haben vier (wenn ich mir meine Onkels heute anschaue, vermutlich nicht immer brave) Jungs großgezogen in einem Häuschen so groß wie eine Puppenstube, in dem auch noch die Oma wohnte. Beide waren Geburtsjahr 1922 und hatten ganz sicher kein einfaches Leben. Meine Oma war immer sehr genügsam und hat ihre Kinder und Enkel gelehrt, auf alles, ob nun Lebensmittel, Zimmerpflanzen oder Kleidung, sehr sorgsam acht zu geben und nichts zu verschwenden. Dennoch waren die beiden – gerade den Enkeln gegenüber – unglaublich großzügig. Immer hatten sie Süßigkeiten für uns im Schrank und ich werde nie vergessen wie dick ich mir den Philadelphiakäse auf Frühstücksbrot schmieren durfte – “met Schmackes!” hat mein Opa dann immer gesagt und sich darüber gefreut.
Kennen gelernt haben sie sich in der Dorfschule. Mein Opa hat mir einmal mit seinem typischen Augenzwinkern erzählt, dass er sich einfach das hübscheste Mädchen in der Klasse ausgesucht habe – und von dem Tag an seien sie zusammen. Es gibt unzählige Geschichten, die mir einfallen über die Beiden. Als ich mit meinem Cousin hinter Opas Fernsehsessel Weingummi an die Tapete geklebt habe oder wenn wir den Ottokatalog auseinander geschnippelt haben, um daraus Wunschlisten mit Juwelen und Spielzeug zu machen. Es war mein Opa, der mir meine erste Barbie gekauft hat (eine Herzchenbarbie, die meine Mama ganz furchtbar fand), mir immer Rotbäckchensaft mitbrachte, wenn ich krank war, mich mit zum Skat in die Kneipe nahm und mit mir das erste Mal Rhein-Seilbahn gefahren ist und dann mit mir in den Zoo gegangen ist – was für ein glücklicher Tag! Als ich klein war, rief ich samstags die eine Telefonnummer an, die mein Papa heute noch als seine Handynummer führt, packte meinen Rucksack und ging zu Oma und Opa, die 50m weiter wohnten. “Wetten dass??” oder “Sissi-Schicksalsjahre einer Kaiserin” – ich durfte dazu Walnusseis essen und so lange aufbleiben, bis die Lottozahlen kamen und dann im großen Bett übernachten. Oma und Opa machten beide vor dem Schlafengehen noch Kreuzworträtsel. Irgendwann wurden diese Samstage seltener und Oma musste mir am Telefon mit trauriger Stimme erklären, dass ich nicht übernachten könnte, weil es Opa schlecht ging. Beide hat das Leben nicht geschont, aber darauf möchte ich nicht eingehen, weil es einfach zu traurig war und noch immer ist. Ich wünsche mir so oft, dass ich die beiden noch einmal besuchen könnte und ich stelle mir den Himmel so vor, dass mich am Ende des Lichts das Wohnzimmer meiner Großeltern erwartet. Meine zierliche liebe Oma begrüßt mich an der Tür und in der Stube sitzt mein Opa auf seinem Patriarchensessel. Als er mich sieht, beginnen seine Augen zu glänzen und er reicht mir seine riesige warme Hand, “Da ist ja meine allerliebste Enkeltochter.”
Meine Großeltern mütterlicherseits – bei uns heißen sie seitdem ich denken kann “Oma und Opa Schnuffi” nach einem Hasen, den sie mal hatten – leben beide noch und ich bin jedes Mal unglaublich glücklich, wenn ich sie sehe. Ich komme mir ein wenig vor wie die Maus Frederik, die Erinnerungen sammelt, so lange es geht, denn irgendwann werden die beiden auch nicht mehr da sein. Oma und ich schreiben uns regelmäßig Briefe und Postkarten. Oma und Opa haben, wie das mit dieser Generation so ist, unglaublich viel erlebt und zu erzählen. Opa hatte schon einige Schlaganfälle und eine Krebserkrankung hinter sich, hat sich aber glücklicherweise recht gut erholt. Er kann sich nicht mehr so gut an Namen erinnern oder an Dinge, die kurz zurück liegen. Dafür weiß er noch ganz genau, wie seine Heimat (Bautzen) kurz nach dem Krieg aussah oder wie er nach Kriegsende mit seiner Cousine in einem Theater war, das den ersten Abend wieder eine Aufführung zeigte – im Mai 1945 im zerbombten Dresden! Es ist jedes Mal spannend, mit Oma und Opa Zeit zu verbringen, weil solche Geschichten sobald meinem Opa etwas einfällt, aufgetischt werden. Dann holt er eins seiner Fotoalben oder unzähligen Bildbände hervor und zeigt auf irgendein altes Bild, das seine Kameraden auf der Werft zeigt (die er alle noch mit Namen kennt) oder ein Schiff, an dem er gebaut hat oder Bilder aus dem Urlaub, die fast immer gleich aussehen: Irgendeine Seen- oder Berglandschaft und irgendwo, ganz klein und kaum erkennbar, mein Opa, meine Oma oder mein Onkel. Bei Oma und Opa in der “Villa Kunterbunt” waren wir viel und ich träume davon, dieses Haus mit den unzähligen Zimmern, die wir als Kinder erkundet haben, nachzubauen. Dann gäbe es dort Holzpaneele in der Küche – eines mit einem Loch, hinter dem der Holzwurm wohnt, wie mein Opa immer versicherte. Es gäbe das “Ballettzimmer”, das so hieß, weil es wunderschönen rot lackierten Holzfußboden hatte, einen knackenden Kamin, in den wir unter Aufsicht von Opa Holzscheite werfen durften, eine wunderbare Schiebetür ins Weihnachtszimmer und noch so viel mehr. Oma und Opa haben viel mitgemacht, den Verlust ihrer Tochter, Geschwister, die Zeit in der DDR und viel Krankheit. Ich bewundere sie unendlich dafür, wie sie in dieser Zeit immer zusammengehalten haben und wie gut sie vorgesorgt haben, um jetzt im Alter ein angenehmes Leben führen zu können. Sie haben sich immer fit gehalten, ihren Gemüsegarten bestellt, sind gewandert und fahren immer noch mehrmals im Jahr in den Urlaub. Schon als Kinder, wenn mein Bruder und ich mit ihnen in den Urlaub fuhren, fanden wir deren Radtour-Kilometer unmenschlich und dass die Beiden heute noch – bei schönem Wetter – mit dem Rad zu uns in den Garten kommen, ist einfach Wahnsinn – schließlich sind beide über 80 Jahre alt. Das Allerschönste, das es zu meinen Großeltern zu erzählen gibt, ist in diesem Jahr gewesen: Die beiden haben am 25.10.2013 ihre Diamanthochzeit gefeiert. omaZu diesem Anlass haben sie sich einen großen Wunsch erfüllt und sind nochmal in Opas Heimat gefahren: Am Sonntag haben sie dann in der Neschwitzer Kirche, wo die beiden getraut wurden, den Gottesdienst besucht. 60 gemeinsame Jahre, in guten wie in schlechten Tagen. Daran sollten wir jüngeren Menschen uns mal ein Beispiel nehmen!
Unsere Welt hat sich sehr verändert während der Generation der Großeltern. Sie haben sich davon nicht beirren lassen, sondern haben sich ihre Werte erhalten, von denen “Zusammenhalt” vielleicht der Wichtigste ist. Immer für die Familie da sein, einander unterstützen und auch wenn man all das Neue und die Welt der Enkelkinder nicht immer verstehen kann, stets mit Güte, Nachsicht und auch ein bisschen Neugier an die Sache herangehen. So wird meine Oma Schnuffi ganz sicher auch noch das Internet, von dem sie fasziniert ist, meistern (“Maschine schreiben kann ich ja!”) und ich werde niemals vergessen, wie meine Oma Käthi reagierte, als sie während der Trauerzeit das erste Mal einen Teller Gyros mit Pommes serviert bekam: “Hmmmm, das esse ich ab jetzt jede Woche!”
Ich bin meinen Großeltern so dankbar für all die schönen Kindheitserinnerungen und Ratschläge, die ich mitbekommen habe (auch wenn ich immer noch denke, dass man vom nassen Badeanzug keine Blasenentzündung bekommt, sorry Oma!).
Falls ihr noch Großeltern habt, dann macht euch die Mühe und besucht sie – egal wie anstrengend das sein mag – verbringt Zeit mit ihnen und hört zu. Für sie ist es das Größte auf der Welt, die (Ur-)Enkelkinder zu sehen und wer weiß, wie lange ihr diese Möglichkeit noch habt.

Ich wünsche euch einen schönen, friedvollen zweiten Advent.