Kopfhörerzeit

Zur Ruhe kommen. Eine Tasse Tee und ein heißes Bad, dachte ich, bringen mich endlich runter. Nicht einmal das funktioniert. Ich höre plötzlich Geräusche im Flur, gerate in Panik. Es klingelt an der Wohnungstür, dann ein Klopfen, jemand ruft. Mein Nachbar wollte ein Paket abgeben – offenbar hatte ich die Wohnungstür nicht richtig geschlossen und sie stand die ganze Zeit offen.
Schon wieder ein Fehler. Ich komme nicht zur Ruhe. Bin unruhig und irgendwie aus dem Takt, irgendwas hat sich in den Speichen meines Hamsterrädchens verfangen. Die ganze Woche geht das nun schon so. Angefangen hat es mit einem Kuchen, der kopfüber im Schnee landete. Was für die Nachbarn sicher lustig aussah, machte mich ungeheuer wütend. Warum muss eine Woche so unglücklich anfangen, fragte ich mich und bin seitdem unglaublich genervt. Diese Verschiebung hält an. Geräusche lenken mich auf einmal ab, so dass ich, die sonst etliche Aufgaben nebeneinander machen kann, vergesse, was ich wollte und warum ich dort bin. Das Summen, wenn der Handyakku leer geht, treibt mich in den Wahnsinn, auch die Kollegen in der Küche, wenn sie sich beim Kaffee holen unterhalten. Schon nach dem Duschen habe ich darum Ohrstöpsel drin und höre Musik. Immer das gleiche. Es muss das gleiche sein, alles andere macht mich nervös und ist Krach. “Life’s for the living” von Passenger. Walzertakt. Eins-zwei-drei. Easy. Ich bin kein Musikmädchen, doch es dämpft die Geräusche der Welt. Ausblenden. Ich bin extrem dünnhäutig diese Woche. Dünnhäutig ist ein schönes Wort, so bildlich. Alles geht direkt hindurch in mich und ich bin nicht mehr in der Lage, es zu verarbeiten. Nicht traurig, das bin ich nicht. Traurigkeit fühlt sich ausbalanciert an: Dann bin traurig, aber mit meinem ganzen Sein. Das hier ist anders. Als würde sich mein Schatten selbständig machen und mich hinter sich her ziehen. Ich schaue mir selbst zu bei der Arbeit und bin genervt davon: Wie ich Sachen daherrede, die nicht professionell genug sind. Wie eine alltägliche Diskussion innerhalb des Team mir auf einmal nahe geht – und ich kann es nicht ausblenden. Neulich hat jemand zu mir gesagt, meine Posts seien “versöhnlicher” geworden. Keine Ahnung, ob da etwas dran ist. Ich fühle mich nicht nach Versöhnung im Moment und nicht alles, was ich denke, bekommt irgendwann das Siegel “fertig gedacht”. Aber wie stoppt man den Geist, der Gesagtes und Gehörtes immer und immer wieder durchkauen will? Die letzten Wochen waren doch so gut, voller Energie, beschwingt und betriebsam. So wie ich mich mag. Ich mag nicht den Tölpel in mir, der herumstolpert und die Lage und sich selbst nicht im Griff hat. Nein, dieser Post hat keine Pointe und kein Ende. Der Musikplayer hüpft einen Track weiter. “Not ready to make nice”…

on fire

Ich weiß es geht vorbei. Ich weiß es. Es ist immer so gewesen und es geht vorbei. Bisher habe ich alles und jeden vergessen, von dem ich einmal besessen war. Besessenheit, ein komisches Wort, aber es ist ja doch so, dass es oder er Besitz ergreift von dir. Von deiner Atemluft, jedem deiner Gedanken, deiner Stimmung, wenn du am Morgen wach wirst und den ersten Gedanken fasst.
Aber ich weiß es, obwohl ich wochenlang an nichts anderes denken konnte, nicht essen, nicht schlafen, weil alle Gedanken sich um diese einen Sache, diesen einen Menschen drehten – oh, ich weiß es noch genau, wie jede einzelne Sekunde meines Lebens nur noch erfüllt war davon – und dann? Dann irgendwann kam eine Erkenntnis, ein Bruch. Der Höhepunkt war erreicht und von dort an zählt das Leben einfach weiter.
Als wäre nichts gewesen.
Einundzwanzig.
Zweiundzwanzig.
Heute ist diese Zeitspanne ganz verschwunden aus meinen Gedanken, nur mühsam gelingt es mir, die Gefühle von damals noch einmal als schwaches Abbild in Erinnerung zu rufen. Als hätte es sie nie wirklich gegeben. Die Nachwirkungen eines intensiven Traumes, nicht real gewesen, nie wirklich gefühlt.
Entweder das oder sie wurden abgelöst von einem neuen Gefühlszustand. Wohlig und ruhig. Keine Atemlosigkeit, keine leidenschaftliche Unruhe mit jedem Anruf, jeder Unterhaltung. Metamorphose in eine feste Präsenz, die in deinem Leben ein zuhause gefunden hat, eine, die man “Liebe” nennt, “Ankommen” oder “bei sich sein”.
Jeder wünscht sich, dass dieses Feuer, das jeder Anfang in sich trägt, ewig brennt. Wer möchte schon den Alltag haben. Realitätschecks für seine verrückten Ideen. Aber nein, man KANN nicht jede Nacht komplett durchtanzen und auf lila Wolken warten, wenn man Verantwortung und einen Job hat. Stattdessen: Diskussionen über Müllrausbringen. Den anderen Menschen morgens ungeduscht und muffelig sehen. Wein trinken, nachts ganz verwegen am offenen Fenster, gehört der Vergangenheit an. Tag für Tag nach Feierabend auf die Couch fallen und so gar kein aufregender und erst recht kein interessierter Gesprächspartner mehr sein.
Niemand möchte, dass es irgendwann so kommt – und doch habe ich es nie anders passieren sehen. Wahrscheinlich geht es anders gar nicht. Ewig lodernde Flammen erfordern einen Fön und stetige Zuwendung oder aber ständig neues Futter, das sie verschlingen können. Entfernung und Eifersucht, so habe ich es erlebt, fachen Feuer an und nicht immer kommen die Menschen, zwischen denen sie lodern, dann ohne Narben davon.
Ansonsten brennt stetig aber langsam ab, was da als Besessenheit begann. Es bleibt wieder Luft zum atmen, zum fokussieren. Vergessen sind die Hitze und die Glut, über die zu laufen dich für den Moment frei, verwegen und glücklich gemacht hat. Nur selten schaffst du es, zur Arbeit zu tanzen, wenn die Sonne gerade aufgeht über dem Wasser. Aus einem Taxi zu purzeln, wenn die ersten Vögel dazu singen.
Dann, ja nur noch dann, lässt du dir den Wind durch die Haare wehen und das Gefühl zupft nochmal frech an deiner Jacke, liebkost deine Lippen, noch einmal schmecken und genießen.
Bevor ihr die Tür aufschließt und Hand in Hand auf dem wohligen Feierabendsofa einschlaft, nach dem sich all jene sehnen, die in Flammen stehen.

Under pressure

Ich habe einmal zu jemandem gesagt, dass ich nicht jederzeit schreiben könne, nur, wenn ich mich danach fühle, mich Emotionen bewegen, die in Worte gefasst werden wollen. Immer, wenn ich Ruhe in meinem Kopf brauche, wenn die Seele Steinschlag abbekommen hat, dann ist Schreiben die Therapie. Nicht die einzige, aber neben der Mit-Kleinkind-und-Mutti-Spazierengehen-Therapie sicher mit die Beste.
Ich habe heute einen Text in einem meiner Lieblingsblogs gefunden, dessen Worte (wenn auch nicht im selben Kontext) genau dazu passen:

Wie machen die anderen das nur mit diesem Leben? Wenn sie sagen: Ich gehe heute Abend nach Hause und in die Badewanne. Dann koche ich mir etwas Leckeres und trinke ein Glas Rotwein und dann schlafe ich. Warum ist nur bei ihr damit gemeint: Ich gehe nach Hause, trinke eine Flasche Rotwein und heule nachts auf meine Tastatur […]
(Kathrin Weßling, „Drüberleben“)

Emo-Scheiße nennt das mein Schatz. Ich finde es wunderschön, traurig und deswegen wunderschön. Eigentlich bin ich diesen Januar, der eigentlich immer meine dunkelste Jahreszeit ist, erstaunlich gut weggekommen. Ich glaube, es liegt an diesem neuen Johanniskraut-Zeugs, möglicherweise hat es aber auch damit zu tun, dass ich alles daran setze, aktiv zu bleiben. Dazu gehören Tageslicht und Sport, aber auch meine Versuche, mehr wertvolle Zeit mit lieben Menschen zu verbringen: Lange Spaziergänge mit meinen Romberg-Mädels zum Beispiel, die mich stets sehr glücklich machen. Es gibt einfach nichts, was mehr Lust auf Leben macht, als zu sehen wie ein Baby oder Kleinkind jede Minute desselben auskostet, über wirklich jede Kleinigkeit staunen oder sich freuen kann.
Mir ist aufgefallen, dass die weniger guten Tage insgesamt seltener geworden sind. Oft, so habe ich dafür festgestellt, gehen sie einher mit Zeiträumen, in denen ich nicht zuhause in Hamburg bin. Ich weiß nicht, wie es anderen geht – meine Freundin meint, es sei fast normal – aber ich stelle fest, dass die eigene Familie einen manchmal am allermeisten runter ziehen kann. Dabei meint es keiner böse, dessen bin ich mir sicher. Familie, damit assoziiere ich bedingungslose Liebe, Geborgenheit und Angenommen-werden. Schlimm, wenn es dann anders kommt und man sich streitet. Meistens aus dem Grund, dass man selbst für sein eigenes Leben und Heim andere Regeln und Grundsätze aufgestellt hat als jene, die im Elternhaus gegolten haben und immer noch gelten. Zum Beispiel mein Grundsatz, dass es inakzeptabel ist, Tiere als Lebensmittel zu betrachten, Daunenkissen oder etwas Anderes als Bio-Eier zu kaufen. Nichtige Gründe für einen Streit – aber die Ruhe ist dahin. Ebenso verhält es sich mit der Akzeptanz. Ich merke immer öfter, dass je seltener ich zuhause bin, ich mehr und mehr wie ein Alien, wie eine Fremde beäugt werde, wenn ich beispielsweise mal auf Heimaturlaub in meiner (ja, hier habe ich schon als Kleinkind meine Pommes gegessen, also meine!!) Dorfkneipe einkehre.
Ich gehe mit Papa auch nicht mehr Kleidung shoppen, obwohl er da sehr großzügig war. Beim letzten Mal gelangte ich in den Besitz eines teuren Blazers und durfte mir nebenbei aus der Umkleide die Konversation meines Vaters mit der von ihm herbeigerufenen Verkäuferin über meine Problemzonen anhören.

Ja, ich weiß, das ist hochgradig albern, fishing-for-compliments, „da mussde halt drüber stehen“, „Du hast das doch gar nicht nötig“ und „Du hast dafür blaue Augen“, aber ich sage euch eins: Wenn du als Kind beim Wollstrumpfhosen anziehen schon als „fett“ bezeichnet wirst, du als Teenie immer die mit der festen Zahnspange und der dicksten Brille (-12 Dioptrien, Nerd-Quartett-Gewinner ✔) bist, deren Mutter mit ihrem Körper hadert und die meiste Zeit entweder auf Pampelmusen-oder „nur-Gurken“-Diät ist, dann tut es einem auch als erwachsene Frau noch verdammt weh, wenn jemand Sachen sagt wie „Wenn du helle Farben tragen möchtest, solltest du zuerst abnehmen“. Meist ist sowas nicht böse gemeint, sondern die Person glaubt tatsächlich, dir mit dem Aussprechen der „Wahrheit“ einen Gefallen zu tun. HELL NO! Menschen möchten von anderen Menschen nicht auf ihre vermeintlichen Makel aufmerksam gemacht werden, sondern für ihre Vorzüge gelobt und dafür anerkannt werden, was sie gut können, was sie zu einem einzigartigen Menschen macht. Wirklich, ihr mit eurer gut gemeinten Ehrlichkeit, ob es nun die Oma ist („Kind, du hast aber kräftig zugenommen“) oder Schwiegermutti („Du hast wirklich kein Händchen, dich zu kleiden“) ist, könnt mir gestohlen bleiben! Wirklich, ihr treibt mich in den Wahnsinn, schon sehe ich mich im Geiste an meinem Hochzeitstag vorm Altar stehen, während hinter mir jemand – zu laut für die feierliche Stille einer Kirche – flüstert, dass ein langärmeliges Brautkleid vorteilhafter gewesen wäre! Es ist dumm und ich ärgere mich sehr, dass die Meinungen einer oberflächlichen Gesellschaft solch einen Einfluss auf mich haben. Man weiß, dass man mehr „wert“ ist als die Summe seiner Äußerlichkeiten und wer mich kennt, der weiß auch: Ich bin weder besonders eitel noch krampfhaft um mein äußeres Erscheinen bemüht. Wenn dann aber meine megaschlanke Freundin klagt, dass sie nun nicht mehr in Größe 34 passt…tja, dann lache ich darüber. So, wie vermutlich jemand anderes über mich lachen würde, weil derartige “Sorgen” wirklich lächerlich sind.

Als ich heute Abend nach einem wieder mal missglückten Versuch, offline Klamotten zu kaufen, frustriert zurück ins Heimatdorf spazierte, musste ich für eine einzige Bio-Orange noch in den Supermarkt. Als ich meinem Netz Orangen zur Kasse ging, stand überraschend (für beide) einer meiner Lieblingsmenschen vor mir, mein Patenonkel. Mein Patenonkel ist ein wundervoller Mensch, den ich sehr bewundere, weil er unglaublich klug ist, warmherzig und lustig. Er gibt mir als seinem Patenkind immer das Gefühl, besonders zu sein. Wir hatten beide nicht viel Zeit, aber diese zehn Minuten miteinander Lachens und sich-auf-den-neuesten-Stand-Bringens, ließen alles Schlechte und Negative sich in Luft auflösen. Zehn Minuten mit einem Lieblingsmenschen – und da waren sie auf einmal wieder: Die Liebe, die Geborgenheit und das Gefühl, angenommen zu sein.

Ich wünsche meinem Sonnenschein Amélie, dass sie ihr ganzes Leben von diesen Gefühlen umgeben ist und Selbstzweifel sowie falsche Ideale bei ihr keine Wurzeln schlagen können.

Es gibt nichts Schöneres, als geliebt zu werden, geliebt um seiner selbst willen oder vielmehr trotz seiner selbst. (Victor Hugo)

Buchrezension: Vom (Ein)Schlafen und Verschwinden

Für die Weihnachtstage habe ich mich dieses Mal für Katharina Hagenas Roman “Vom Schlafen und Verschwinden” (2012) entschieden. Ein Buch, auf das ich mich schon länger gefreut und es deshalb für eine ruhige Leseperiode aufgehoben habe. Der vorherige Roman “Der Geschmack von Apfelkernen” (von 2008) zählt zu meinen ausgesprochenen Lieblingen zeitgenössischer deutscher Literatur – entsprechend hoch waren meine Erwartungen.
Im Roman geht es um zwei Frauen, deren Lebensgeschichten miteinander verwoben sind. Einmal ist da Ellen, eine Somnologin, die selbst unter Schlafstörungen leidet und sich, des Nachts wach liegend, an Episoden aus der Vergangenheit erinnert: An ihre Heimat, ihre uneheliche Tochter, das langsame Sterben ihrer Mutter und immer wieder an ihre zahlreichen Liebhaber: Lutz, der verschwunden ist, Andreas, der nicht mehr spricht, Declan, Benno…
Auf der anderen Seite ist da Marthe, die Ellen und alle anderen beobachtet und deren Bedeutung in der Story erst zuletzt aufgelöst wird:Cover

Ich bin unsichtbar, mein Haar ist grau, meine Augen sind grau, mein Gesicht ist grau, meine Zähne, meine Jacke, alles grau. Frauen meines Alters können sich unsichtbar machen, wir können fast alles. Wenn dich keiner mehr und keiner jemals wieder begehrt und du keinen mehr und keinen jemals wieder begehrst, dann bist du frei wie ein Vogel, vogelfrei, zum Töten frei, vielleicht lerne ich auf meine alten Tage noch das Fliegen. Oder das Töten.

Was mir bei “Der Geschmack von Apfelkernen” so gut gefiel, die geschickte Verwebung einer Gegenwart mit den Erinnerungen der Protagonisten, misslingt hier in meinen Augen: Die “Hauptstory”, die der Gegenwarts-Ellen, kommt zu keinem wirklichen Ende und ich ertappte mich selbst dabei, wie ich – was ich wirklich sonst nie tue – teilweise diese Passagen überblättert habe, weil sie mir einfach zu langatmig wurden.

Diese Stadt ist eine einzige Wartehalle. Sie ist wie geschaffen für die Schlaflosen, überall wird hier gewartet, auf Bahnhöfen, vor dem Elbtunnel, öffentlichen Damentoiletten, Bushaltestellen, Flughäfen. Hier waten wir knietief durch die totgeschlagene Zeit.

Leider ist für mich als Leser das Ziel oft gewesen, Zeit tot zu schlagen. Ellens stundenlanges Warten auf den Schlaf ist – verrückte Welt – für den Leser sehr ermüdend. Was mir im anderen Roman der Autorin so ausgesprochen gut gefiel, das goldene Licht, die Wortwahl, mit der sie Kindheitserinnerung fast sinnlich greifbar zu machen vermochte, gelingt in diesem Buch nicht wieder. Ellen sinniert unter dem Einfluss von Medikamenten vor sich hin – und mir als Leserin gingen ihre Aneinanderreihungen von Phrasen, meist Wortspiele oder wiederholte Metaphern von Spinnennetzen, zunehmend auf die Nerven: “Blockstreifenschatten der Lamellen, Schattenlamellen, ich muss an die Sauerkirschen in Joachims Garten denken”.

Die eingebettete Story vom Verschwinden ist spannend und gefiel mir dafür recht gut, sie hätte einen properen “Tatort”, einen soliden eigenen Krimiroman abgegeben. Leider aber entschied sich die Autorin für eine andere Erzählweise. Man mag es als Stilmittel betrachten, dass der Fluss in der übergeordneten Geschichte fast einschläft, aber eben dieses allgegenwärtige Warten, Wörter auf- und Schäfchen zählen habe ich als unglaublich zäh empfunden.
Ich wünsche mir sehr, dass Frau Hagena bald wieder einen Roman schreibt und zurück zu dem findet, was den “Geschmack von Apfelkernen” so wundervoll gemacht hat. Detaillierte Kindheitserinnerungen, die sich in ihrem neuen Roman leider nur vereinzelt finden, hier eine Kostprobe:

Heidrun und die anderen Mütter zogen sich in riesigen Frotteeumhängen um. Am Hals wurde “der Schlauch” mit einer dicken Kordel zugezogen, und so duckten und wanden sich unserer Mütter darin wie in einem seltsamen Tanz. Sie stießen mit ihren Ellbogen und Hintern in dem Sack herum, sodass er sich in alle Richtungen ausbeulte. […] Nach wenigen Minuten des Knuffens und Schlängelns streiften sich die Mütter den schweren Frotteesack über den Kopf und standen entweder im Bikini oder in ihren Kleidern auf der Badematte, je nachdem, ob sie kamen oder gingen. Unser Schlauch war von einem fürstlichen Korallenrot mit einem blauen Rankenmuster und einer blauen Kordel, aber Anfang der Achtzigerjahre begann sich Heidrun für ihre Verschämtheit zu schämen. […] Aus unserem Schlauch schnitt sie zweiundfünfzig Wischlappen. Wir benutzen sie immer noch.

Schön, oder? Unser Frotteesack war übrigens helltürkis mit einem blau-lilanen Rankenmuster! 😉
Wer “Der Geschmack von Apfelkernen” einmal lesen mag, dem sei dieser Roman wärmstens ans Herz gelegt. “Vom Schlafen und Verschwinden” kann ich leider, trotz ein paar hübscher Stellen, die ich mir angestrichen habe, nur sehr geduldigen Lesern empfehlen.

Quelle: Katharina Hagena, “Vom Schlafen und Verschwinden” Verlag Kiepenheuer&Witsch, Auflage: 2 (10. September 2012)