Sanduhrsand

Warum wiegt Traurigkeit so viel mehr als Freude. Ist es, weil wir sie alleine tragen? In seiner Traurigkeit ist ein Mensch alleine, jeder muss sie für sich bewältigen, muss einen Weg entdecken, damit weiter zu existieren, einen Weg, den niemand sonst einem weisen kann. Sind konditioniert, Freude zu teilen, doch nicht Trauer. Wir erzählen gern Witze, wer lustige Dinge zum Besten gibt ist ein Spaßvogel, ist der mit den meisten Freunden, viel lachen und der Mittelpunkt jeder Feier möchten wir sein, Jemand mit Ausstrahlung, mit dem man sich gerne umgibt, von dem die Leute sagen der ja, der – das ist vielleicht Einer! Fröhlichkeit. Sie steckt an und verbindet Menschen miteinander. In der Trauer. Jeder für sich. Wie geht es dir? Nicht gut, traurig. Kein Partykracher. Traurig sein weckt Mit-Leid. Wer möchte schon gerne leiden. Wer möchte Trauer bewältigen, wenn er stattdessen Witze hören kann. So bleibt ein jedes für sich. Der Trauernde spürt Erinnerungen nach, die wie Sand durch die Finger rinnen. Tonnenschwerer Sanduhrsand auf dem Herzen. Denkt an das, was nie wieder sein wird. Worte, die für immer ungesagt bleiben. Alleine mit den Gefühlen, die da geblieben sind und deren Gewicht dich unaufhörlich hinab zieht.

Staub

Ich habe eine Schreibübung gemacht, bei der man eine Assoziationswolke zum Wort “Staub” aufschreiben und danach einen etwa 500 Worte langen Text verfassen sollte, in dem die Wörter vorkommen:
Staubwolke

Herausgekommen ist dieser Text. Leider passte das Raumschiff beim besten Willen am Ende nicht mehr in die Geschichte 🙂

Daniella zog die Wohnungstür hinter sich zu und trat hinaus auf die Straße. Es machte ihr nichts aus, dass der Nieselregen ganz langsam ihre Haare durchnässte. Sie war froh über die frische, vom Regen gesäuberte Luft. In der Wohnung war es stickig gewesen, noch muffiger als sonst. Dabei hatte sie die Fenster beim letzten Mal gekippt gelassen. Es hatte nichts gebracht. Die Wohnung schien zu spüren, dass sie verlassen worden war, dass nichts lebendiges mehr in ihr war bis auf ein paar Wollmäuse, die unbemerkt in den Ecken hin und her rollten, wenn ein Windstoß durch das Fenster wehte. Daniella hatte den Staub sehr wohl bemerkt, sich aber nicht drum gekümmert. Sie war nicht die Putzfrau und nicht zuständig dafür, dass die Wohnung in einem bewohnbaren Zustand blieb. Sie wusste nicht einmal, warum sie immer wieder in die leere Wohnung zurück kam. Seit die alte Frau gestorben war, für die sie früher öfters kleine Besorgungen gemacht hatte, fühlte sie sich aus irgendeinem inneren Antrieb verpflichtet, hier regelmäßig nach dem Rechten zu sehen. Sie fühlte sich der warmherzigen alten Dame verbunden und wusste, dass diese sich über die frische Brise in ihren Räumen gefreut hätte.
Emese Vákony war im Krankenhaus verstorben. Ihr Sohn, der wohl in Budapest lebte, hatte sich nicht zur Beerdigung blicken lassen und bisher hatte Daniella keine Information darüber, ob die Wohnung verkauft werden oder was damit passieren würde. Sie besaß noch immer die Schlüssel und war diejenige gewesen, die auf Bitten des Nachlassverwalters die Möbelpacker hineingelassen hatte, die das Hab und Gut von Madame Vákony wahllos in Kisten verpackten und wegschleppten. Wohin, das wusste sie nicht.
Daniella ging die Straße hinab, wich den Mülltonnen aus, die einfach mitten auf dem Gehweg platziert worden waren. An der Ecke bog sie links ab. Ein Wagen kam ihr entgegen, umfuhr eine Pfütze, die sie sonst wahrscheinlich voll abbekommen hätte. Sie betrat den kleinen Laden, in dem sie sonst für Madame Lebensmittel gekauft hatte, wählte eine Dose Katzenfutter und einen kleinen Blumenstrauß. Rosen, immer nur Rosen durften es sein. Keine herrlichen Duftrosen heute, dachte Daniella, tut mir leid, Madame! Aber es ging heute nicht anders. Sie wusste, dass die Vákony sich trotzdem gefreut hatte. Sie war so eine bescheidene alte Dame gewesen, immer liebevoll und freundlich zu ihr, der Studentin, die eigentlich nur in ihr Leben getreten war, weil sie ein paar Mark nebenbei verdienen wollte. Das war vor zwei Jahren gewesen.
Daniella hatte es nicht besonders gekümmert, als die ganzen alten Teppiche und Gemälde weggetragen wurde. Sicher waren sie wertvoll, aber sie hatte noch nie ihr Herz an irgendwelche Dinge gehängt. Ganz anders verhielt es sich mit dem Kater. Daniella hatte Léo bei sich aufgenommen, als Madame Vákony ins Krankenhaus musste. Der schwarze Kater mit den klugen gelben Augen hatte den Kopf schief gelegt, als Daniella mit einem flachen Obstkorb aus Weide die Wohnung betreten und ihn auf dem Küchentisch abgestellt hatte. Léo, mein Hübscher, du musst jetzt mit mir kommen, hatte sie ihm zugeflüstert, als sie auf einem der beiden Küchenstühle Platz genommen hatte und der Kater sie wie jedes Mal damit begrüßte, dass er seinen Kopf an ihrem Kinn rieb. Er sah ihr in die Augen und blinzelte, dann tappte er mit den Vorderpfoten in den Korb, dann mit den Hinterpfoten und nahm mit einer eleganten Bewegung Platz. Als Daniella den Korb hochnahm und mit ihm die Wohnung verließ, tat Léo so, als habe er sich sein Leben lang nie anders fortbewegt, als sich in einer Sänfte tragen zu lassen.
Daniella lächelte, als sie an den Kater dachte, der zuhause auf sie wartete – oder jedenfalls auf sein Abendessen. Er war Madames große Liebe gewesen und Daniella hatte ihr jedes Mal Fotos auf ihrem Handy zeigen müssen, die bewiesen, dass es ihm gut ging. Am liebsten hätte sie ihn bei sich im Krankenhaus gehabe, aber das war natürlich nicht erlaubt. Der Nachlassverwalter hatte kein großes Interesse an dem Verbleib der Katze gezeigt und Daniella war glücklich, dass ihre neue Wohnung dank dem Erbe, dass Madame Vákonys ihr in ihrem Testament zugesprochen hatte, groß genug für sie beide war. Léo würde fressen, dann würde er sich auf ihrem Schoß einrollen und hin und wieder schnurren, während sie an ihrer Abschlussarbeit für die Uni schrieb.
Daniella ging an den alten verwitterten Mauern des Kirchhofs entlang. Sie schob das schmiedeeiserne Tor auf, das nur wegen des Regens nicht so furchtbar quietschte wie sonst.
Emese Vákonys Grab war schlicht, aber dennoch hübscher als alle anderen. Der Grabstein, auf dem nur ihr Name stand sowie die Umrandung waren aus hellgrauem Marmor gearbeitet, der mit feinen schiefergrauen Streifen durchzogen war. Die schwarze Erde hatte Daniella erst vor wenigen Tagen fein geharkt. Guten Tag Madame, dachte sie, als sie den Blumenstrauß auswickelte und in die ebenfalls schiefergraue Blumenvase stellte. Ich komme ganz gut voran mit meiner Arbeit, berichtete sie der alten Dame, und ich soll Sie grüßen von Léo, er vermisst Sie ganz schrecklich. Naja, eigentlich fühlt er sich glaube ich sehr wohl bei mir. Daniella beeilte sich, diesen Gedanken weg zu schieben. Das gehörte sich nicht. Sowieso war es unsinnig, in Gedanken mit einer Toten zu sprechen. Aber irgendwie fand Daniella es unangemessen, ihre Worte laut auszusprechen, an diesem Ort, wo Asche zu Asche kam und die Lebenden ihre Erinnerungen hegten. Irgendwo zwischen der Sterne werde ich sitzen und runter gucken, Kind! hatte die alte Dame oft zu ihr gesagt. Wer zwischen den Sternen sitzt, der kann auch meine Gedanken lesen, dachte Daniella und lächelte. Die Besuche bei Madame auf dem Friedhof gaben ihr Kraft. Sie öffnete ihre Tasche und holte eine der teuren weil weißen Grabkerzen heraus, stellte sie in das Häuschen mit den bunten Glasfensterchen und griff nach der Streichholzschachtel in ihrer Manteltasche. Sie war nass. Während sie in ihrer Handtasche kramte, ob nicht vielleicht doch noch ein Feuerzeug irgendwo war, hörte Daniella plötzlich die Pforte am Eingang ins Schloss fallen. Sie hob den Kopf. Auf diesem Friedhof waren andere Besucher selten – vor allem so spät am Nachmittag und vor allem bei Regen. Ein Mann unter einem Regenschirm kam den Kiesweg entlang, blickte in ihre Richtung. Mist. Daniella hasste es, anderen Menschen auf dem Friedhof zu begegnen. Es störte ihre Andacht, ihre Zwiegespräche mit Madame Vákony. Ich muss gehen, meine Liebe, verabschiedete sie sich, die Kerze komme ich morgen anzünden, versprochen! Sie erhob sich und schulterte ihre Tasche. Der Mann mit dem Regenschirm blieb genau neben ihr am Grab stehen, blickte lange auf den Grabstein. Er war erstaunlicherweise recht jung, höchstens Mitte dreißig. Schwarzes, dichtes Haar. Er wandte den Kopf und blickte Daniella aus dunklen Augen an. Sein Mund verzog sich zu einem Lächeln.
„Hallo.“ sagte er. Seine Stimme klang warm.
„Äh. Tag.“ gab Daniella zurück, lächelte kurz und trat an ihm vorbei, um zu gehen. Verrückt, dachte sie, von einem Fremden auf dem Friedhof angesprochen werden.
„Entschuldigung…“ hörte sie den Mann hinter sich sagen. „Kannten Sie meine Nagymama?“

Eine Reise nach Venedig

Dienstag Nachmittag, Ankunft in Venedig. Da wir mit EasyJet geflogen sind, haben wir nur zwei kleine Köfferchen im Handgepäck und müssen nicht am Rollband warten.
Wir folgen der Beschilderung Richtung Shuttlebus, finden das richtige Ticket ganz einfach und fahren mit der Linie 5 zum Piazzale di Roma. Durch eine Eingangsschleuse gelangt man auf den Ponton, von dem die Fähre Richtung San Marco abfährt. Wir finden uns sehr leicht zurecht: In Venedig hat man eben jahrhundertelange Erfahrung in der Abfertigung von Touristenmassen. Auf der ca. 20-minütigen Fahrt über den Canal Grande bekommen wir einen ersten Eindruck von Venedig. Das Wetter ist zwar grau heute – aber die Stadt ist trotzdem traumschön! Verwinkelt, etwas vermodert und dennoch geht von den Gebäuden verschiedenster Baustile, den bunten Fensterläden und Kirchtürmen ein magisches Leuchten aus.

Unser Hotel, das San Marco Palace (genauer die Suites torre dell’orologio) befindet sich gleich am Markusplatz. Man muss lediglich in eine Seitengasse und über eine kleine Brücke gehen. Die Suite selbst ist geräumig und mit hübschen, antik wirkenden Möbeln und Bildern und einer praktischen Mini-Küchenzeile ausgestattet. Das Bad ist etwas abgewohnt und der Haartrockner ein klarer Fall fürs Museum. Die Bettdecke ist das einzig wirklich schlechte am Zimmer, denn hier hat man einfach eine fiese Wolldecke mit einem Bettbezug umhüllt, der auch noch zu einer Seite offen ist! Es ist schon ein kleiner Akt, sich ins Bett zu legen und bloß nicht einzukuscheln, um nicht mit der ekligen Wolldecke in Berührung zu kommen. Aber es ist sauber und jeden Tag werden die Handtücher gewechselt.

Die Lage des Hotels ist wirklich perfekt für den Kurztrip. Sogar der frisch Angetraute kann überzeugt werden, die Stadt zu Fuß zu erkunden. Wir schauen uns nach dem Einchecken zuerst auf dem Markusplatz um, dann spazieren (naja: schieben) wir uns mit dem Strom über die Rialtobrücke und lassen uns dann durch die Gassen treiben. Verlaufen kann man sich hier wirklich nicht, denn überall findet man Wegweiser an den Hauswänden, die nach Accademia, Rialto oder San Marco zurück weisen. Wir finden ein etwas ruhigeres Plätzchen mit Restaurant und genehmigen uns die erste Pizza. Auf dem Rückweg decken wir uns beim coop-Supermarkt mit Wasser und Wein ein und zum Abschluss gibt es ein feines Eis. Die Preise sind hier übrigens auf einem ganz normalen Niveau. Ok, als Hamburger ist man saftige Preise quasi gewohnt – aber die angeblich ach so übertriebenen Preise für Essen und Trinken in Venedig können wir nicht entdecken. Man muss sich vielleicht einfach ein wenig in die Seitengassen begeben, nicht direkt auf dem Markusplatz seinen Cappuccino bestellen und seine Getränke im Supermarkt holen, dann passt das schon.

Genauso machen wir es auch an Tag zwei, an dem es sonnig, heiß und stickig ist. Wir spazieren herum, ich fotografiere alles Mögliche und dann suchen wir ein simples Straßencafé mit günstigem, gekühlten Rotwein auf. Da bleiben wir dann ein paar Stunden, schauen uns die Leute an, trinken noch eine weitere Karaffe und schreiben Postkarten. Die Kellner sind in ganz Venedig überaus freundlich und multilingual. Ich empfehle trotzdem, sich ein paar Bröckchen italienisch anzueignen, denn die Italiener scheinen es zu schätzen, wenn sich jemand ihrer Sprache bemüht und sie nicht gleich plump auf Englisch oder Deutsch anspricht.

An Tag drei merke ich, dass mir die Touristen (ja, ich weiß, ich bin selber einer) zunehmend auf die Nerven gehen. Ich bin ein kleines bisschen motzig und brauche entweder gleich – es ist gerade Mittag – einen gekühlten Roten oder einen groooßen leckeren Cappuccino.
Wir haben heute bereits den Palazzo Ducale, den Dogenpalast direkt am Markusplatz besichtigt. Dafür hatten wir uns gestern Abend die Tickets gekauft, um lange Wartezeiten zu vermeiden, was eine gute Entscheidung war.
Eine kluge Entscheidung und Investition war auch der Audioguide für 5 € Leihgebühr. Achtung: Man muss ein Ausweisdokument als Pfand hinterlegen – also nicht wie ich alles im Hotelsafe lassen. Ohne das Teil, das die wichtigsten Räume im Palast erklärt, hätten wir gar nichts verstanden – oder verdammt viel selbst durchlesen müssen. Leider ist der Guide ein wenig veraltet und einige Gemälde (I <3 Tintoretto!) findet man erst nach einigem Suchen. Daten sind teilweise falsch. So erklärt mir der Guide, dass der Doge, vor dessen Büste ich stehe, 1735 geboren wurde. Leider erzählt das Schildchen an der Büste, dass diese 1732 angefertigt worden ist. War wohl ein Bildhauer mit hellseherischen Fähigkeiten. Ansonsten ist der Palazzo wirklich sehr sehenswert. Man sollte sich ca. zwei Stunden Zeit für den Rundgang nehmen. Ich habe mich sehr darüber geärgert, dass ich meine Tasche und Kamera extra im Hotel gelassen hatte (wie es auf den Schildern am Eingang extra stand). Am Einlass wurde dann aber gar nicht drauf geachtet. Manche Touris hatten fast nichts an, dafür einen riesigen Wanderrucksack dabei. Überhaupt, diese Rücksichtslosigkeit der Leute nervt mich am meisten: Als wir in die Basilika di San Marco – den Markusdom – gehen, ziehe ich meine Jacke über, wie es sich gehört. Vor mir in der Schlange steht ein Mädel in Hotpants, die es einfach nicht fassen kann, dass man sie so nicht hinein lassen will. Der Türsteher nimmt ihr Theater ziemlich gelassen hin und offeriert eine der dünnen Überzieh-Hosen, die stapelweise bereit liegen. Drinnen ist es leider nicht besser: Man müsste ehrfürchtig inne (und die Fresse) halten, so beeindruckend, düster und prunkvoll ist die letzte Ruhestätte des Evangelisten Markus. Doch die Touristen rennen herum, lärmen und fotografieren mit Blitzlicht. Selfies vor dem Beichtstuhl – hat denn niemand mehr so etwas wie Benimm?
Auf dem Plan steht für heute noch – nach dem überfälligen Gute-Laune-Cappuchino – ein Rundgang zur Basilika Santi Giovanni e Paolo, in der (wie wir heute gelernt haben) einige der berühmtesten Dogen Venedigs beerdigt sind.

Nachtrag: Der Rundgang zu Giovanni e Paolo war wirklich schön und führte uns endlich auch in eine etwas ruhigere Ecke von Venedig. Darum der Tipp: Am Fondamenta Nuove kann man wunderbar spazieren und frische Luft schnuppern – echtes Mittelmeer-Feeling. Von dort sind wir weiter zum Rio della Misericordia gelaufen. An diesem Kanal ist man fast ungestört. Wir fanden eine kleine Trattoria, „Al Mariner“, wo wir direkt am Wasser sitzen, Pasta und Meeresfrüchte genießen und Italienern beim Feierabendschnack lauschen konnten. Am Abend waren wir noch in der Nähe des Markusplatzes unterwegs und entdeckten eine wirklich süße Weinbar, “Magna Bevi Tasi”, die neben wirklich hervorragenden Weinen – die uns sehr nett erklärt wurden – auch schöne Jazzmusik zu bieten hatte. Ein tolles Plätzchen, um die Straßenverkäufer und das abendliche Treiben in den Straßen Venedigs zu beobachten.

Fazit: Venedig ist zu Recht so eine beliebte Location für Flitterwochen und die vier Tage waren genau die richtige Länge, um einen Eindruck von Venedig zu erhalten und die wichtigsten Sehenswürdigkeiten zu sehen. Würde ich wiederkommen? Definitiv! – Allerdings dann im Winter oder Herbst, wenn das Wetter sich für die Besuche der zahlreichen Museen und Galerien besser anbietet. Venedig bei Nacht ist wunderschön, darum würde ich beim nächsten Mal mein Stativ einpacken.
Wenn dann der Nebel über den Kanälen aufsteigt und durch die leeren Gassen und über den Piazza San Marco wabert, dann ist Venedig bestimmt nochmal so zauberhaft…

PS: Alle Fotos von der Reise findet ihr in meinem Fotoalbum!

Venedig-0519

Auf dem Vormarsch

Die Herbstdepression kommt früh in diesem Jahr. Es sind anstrengende Wochen gewesen. Hatte ich nicht in einem meiner letzten Posts noch geschrieben, es sei mir eindeutig zu ruhig?
Nun, das hat sich erledigt und ich habe in wenigen Wochen all das erlebt und an Gefühlsbädern mitgemacht, wofür manch anderer sein Jahrzehnt braucht. Wenn meine Schicksalsgöttinnen was machen, dann gründlich!
Ich habe meinen Job gekündigt. Es war nach vier Jahren an Langeweile und Frust nicht mehr zu überbieten. Wie das immer so läuft bei mir: Eines Morgens stand ich plötzlich heulend vor dem Büro und wusste, das hier hältst du keinen Tag länger aus. Wie das immer so läuft bei mir (zu Glück): Beworben, eingeladen worden, neuen Job gefunden. Vorher wurde noch schnell geheiratet – eine kleine Feier an meinem Herzensort St. Peter-Ording, von der ich euch ein andermal erzählen mag. Traumschöner Kurzurlaub in Venedig. Zu kurz. Kein Runterkommen. Weiter Vollgas. In unserer Wohnung, die sich schon lange zu eng anfühlt, stapeln sich unbeantwortete Karten, unausgepackter Kram aus dem alten Büro, ungewaschene Wäscheberge. Heute dann der erste Tag im neuen Job, so viele neue Impressionen, eine wirkliche Herausforderung, nicht völlig dumm da zu stehen, so anders ist das Arbeiten in der Agentur. Aber alle sind nett und ich bin zuversichtlich, dass ich das schon hinbekomme. Doch da ist die Herbstdepression bereits auf dem Vormarsch. Ich schwanke zwischen wahnsinnig glücklich und spiele gedankenverloren an meinem nagelneuen Ehering, dann heule ich wieder in tiefster Trauer über den Verlust meines geliebten Gefährten Einstein, unserem Kater, der am Tag nach unserer Hochzeit eingeschläfert werden musste.
Alles im Leben liegt wahnsinnig nah beieinander und dies wieder einmal festzustellen, zehrt an meinen Kräften. Mein Mann (ich freue mich wie Bolle, das sagen zu können) und ich liegen sehr lange wach in diesen Tagen und schmieden Zukunftsängste. Wohin soll es gehen, was soll aus uns werden? Wie kann man optimistisch in die Zukunft sehen, wenn der schönste Tag schon vorbei ist, wenn man nicht weiß, was Morgen bringt und auch nicht wissen möchte? Europa steht in mitten all dieser Kriegsschauplätze und auf einmal rücken Überlegungen wie Auto, Kinder, Reisen in die weite Ferne der Relation. Gesundheit, Sicherheit, Zeit verbringen mit unseren Lieben, so lange sie da sind, das ist doch wichtiger.
Hin- und her gerissen zwischen noch so vieles wollen und bloß nicht später bereuen. Ist das der Fluch der Mittdreißiger oder nur unserer, der von jungen Menschen, die sich zu früh im Leben verlaufen haben und vor lauter Wald den Baum mit dem Wegweiser dran nicht mehr finden?

Ich weiß es nicht. Aber ich werde ganz sicher auch diese Nacht, trotz der Erschöpfung, wieder wach liegen und darüber grübeln. Passt auf euch auf, und haltet die Augen offen nach den ersten Kastanien und den letzten goldenen, wärmenden Strahlen der Herbstsonne.