Aushalten

Es ist die Zeit im Jahr, in der bereits der nahende Frühling vernehmlich ist. Die Amseln singen anders am Abend, fröhlich und noch lange nach dem Dunkelwerden. Zarter Duft, eine laue Strömung, wenn der Wind – im Englischen sagt man „crisp“ und das ist das schönere Wort, crisp ist er – hin und wieder nachlässt. An den Bäumen schimmern im Licht der Straßenlaternen erste Blütenknospen. Doch noch ist es nicht soweit.
Die Magnolien lassen auf sich warten, genauso das zarte Grün. Es ist ein Ausharren, ungeduldig und in dem Wissen, dass es eine Erleichterung, ein Aufatmen geben wird. Geben muss.

Inzwischen spüre ich den Winter in meinem Körper so sehr, dass ich es kaum erwarten kann, die Sonne, den Frühling einzuatmen. Ich will mich wieder aufrichten, erwachen, leben. Die letzten Monate zu beschreiben ist nicht einfach, zu viel ist passiert und ich kann nicht sagen „ein Auf und Ab“, denn im Grunde war es nur „ab“. Ich fühle mich permanent krank, mein Rücken schmerzt, mein Kopf. Ich sorge mich. Es ist ungewohnt für mich, zu kränkeln. Lange habe ich über einem Zeitungsartikel gegrübelt, einem Abschiedsbrief eines deutschen Gelehrten und Literaturkritikers, der sich im hohen Alter dazu entschieden hat, seinem Leben ein selbstbestimmtes Ende zu setzen. Er verabschiedete sich persönlich von Freunden, bedauerte zutiefst seinen Lebensgefährten, der zurückbleiben würde – und trat dennoch ab. Ich bin nicht sicher, ob ich inzwischen verstehe. Weniger als die Welt, die mitunter unerträglich ist, so ist es vor allem das eigene Ich, das es auszuhalten gilt. Die Jämmerlichkeit, das wehleidig Werden, sind unerträglich. Die dunkle Schwester hockt da und lässt sich nicht abschütteln. Seit wann genau sie wieder da ist, lässt sich schwer sagen, sie macht sich nicht sofort bemerkbar. Irgendwo vor zwei Monaten, als mein Herz kurze Zeit weit offen stand, muss sie hereingeschlichen sein. Ich werde immer mürrischer und unerträglicher – vor allem für mich. Meine Freude dauert 10 Sekunden, meine Weinerlichkeit oft Tage.
Ich weiß, sie wird das Weite suchen zu Ostern, wenn in der Heimat der Flieder zu blühen beginnt. Aussichten auf neue Herausforderungen und Pläne mit den Menschen teilen, die mir auf der Welt am meisten bedeuten. Sie wird gehen und ich wünsche mir, dass sie nie wieder zurück kommt.
Bis dahin: Aushalten.

It’s hard to dance with a devil on your back
So shake him off
And I am done with my graceless heart
So tonight I’m gonna cut it out and then restart
‚Cause I like to keep my issues drawn
It’s always darkest before the dawn