Weltverbesserer

Die Welt wird nicht zu einem besseren Ort, indem wir die Augen abwenden und hoffen, dass der Kelch schon an uns vorbeigehen wird. Uns geht es verdammt gut! Du, der Du gerade diesen Artikel hier liest, hast einen Internetzugang. Das bedeutet: Du hast einen Computer oder ein Handy und damit Zugang zu gesammeltem Wissen und Kommunikationsmöglichkeiten. Du genießt Meinungsfreiheit. Wahrscheinlich hast Du auch ein Dach überm Kopf und etwas zu essen und trinken zur Hand und musst Dir keine allzu großen Sorgen darüber machen, ob Du auch morgen noch ein Zuhause haben wirst.
Uns geht es hier verdammt gut. In diesem Teil der Welt, aber auch in dem Zeitalter, in dem wir leben. Man denkt oft, es sei alles ganz schlimm, schaut die Nachrichten und schlägt die Hände entsetzt überm Kopf zusammen. Der IS, die Terroristen, der Putin, die Nazis. Es geschehen schlimme Dinge auf der Welt und die machen uns natürlich Angst. Doch es gab auch finsterere Kapitel in der Menschheitsgeschichte – nur erfahren wir heute durch die Medien so viel mehr darüber, was in anderen Teilen der Welt, was im eigenen Land passiert.
Es nimmt uns das Gefühl der Sicherheit. Den Kokon, in dem Generationen vor uns ihre Kinder groß gezogen haben in dem Gewissen „es wird uns schon nichts passieren“. Zur Not hilft Wegschauen. Darin sind wir echte Profis.
Wir aber sind die Generation, die nicht mehr wegschauen darf.
Es ist unmöglich, nichts mitzukommen. Nicht zu wissen, was in der Welt passiert. Dass in Deiner Stadt gerade Flüchtlingslager errichtet werden für Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens hierher gekommen sind, weil sie auf ein besseres/auf Leben hoffen. Es ist unmöglich nicht zu wissen, wie schlimm es um die Erde bestellt ist: Abgeholzte Regenwälder, rauchende Giftmüllhalden in Afrika, verseuchtes Meerwasser von Fukushima aus verteilt auf dem Planeten. Wir können nicht behaupten, nichts davon gehört zu haben, dass 80% der weltweiten Sojaernte an „Nutz“ tiere in der Fleischproduktion verfüttert werden, während in vielen Teilen der Welt täglich Kinder wie Fliegen an den Folgen von Hunger und Durst sterben. Dass wir die wichtigsten Probleme der Menschheit nicht in den Griff bekommen.
Wir wissen all das.
Wir wissen auch, dass es nicht besser werden wird.
Und weil wir das wissen, sind wir mitschuldig.
Das haben wir doch immer gesagt über andere Generationen, nicht wahr?: „Unmöglich, dass die davon nichts mitbekommen haben wollen!”
Wir sehen all das und was tun wir?
Wenn Du nun denkst „Ich kann da ja eh nichts machen“ – dann fühle Dich bitte von mir jetzt einmal richtig feste irgendwo hin getreten, wo es weh tut. Du kannst – und das weißt Du genau!
Nur weil Hunger und Durst Dich NOCH nicht betreffen, heißt das nicht, dass Du nicht einen Teil betragen kannst. Du kannst es. Und Dein Nachbar und Dein Partner und Eure Kinder … und immer mehr Menschen, die es nach und nach kapieren.
Es wird nicht am Ende jemand kommen – wie die Mama früher – und hinter uns aufräumen.
Nein.
Wir haben diese Welt, die eine Möglichkeit zum Leben.
Wenn Deine Welt vor die Hunde geht, gehst Du mit ihr.
Unsere Enkel werden de fakto keine Eisbären mehr kennen und keine Tiger. Das macht mich traurig.
Ich bin ein Weltverbesserer. Das wiederum macht mich froh. Ob es dich annervt oder nicht ist mir sowas von egal. Wenn es mich zu einem Weltverbesserer macht dass ich meine Welt verbessern möchte – dann bin ich das sehr gerne.
Ich weiß, warum Du Dich davon so angenervt fühlst: Warum du über Veganer und Vegetarier herziehst und es einfach unbedingt diskutieren musst. Ich weiß, wieso du auf Facebook mich entweder blockiert hast oder die Fotos von Tierrechtlern oder Petitionen für Menschenrechte immer schnell weg drückst. Es macht Dir ein schlechtes Gewissen.
Zu Recht. Denn Du weißt viel zu viel um Dich dumm zu stellen.
Wie oft habe ich den Satz gehört „Ich will gar nicht wissen, wie das mit der Massentierhaltung ist, das fänd ich zu schrecklich!“ Hallo! Du hast doch dieses Internet, oder? Sei mal ein gebildeter und zivilisierter Mensch und schau Dir statt funny Dünnpfiff vielleicht mal an, wo Deine Burger und Chicken Wings herkommen. (Tipp: Sie wachsen nicht auf einer grünen Kerrygold-Wiese!) Wenn Du sie dann noch immer essen kannst – bitte sehr. Wenn Du meinst, gute Lebensmittel und Klamotten in die Tonne werfen zu müssen – schau Dir erstmal an, wem Du damit ganz leicht was Gutes tun könntest. Ist das zu viel verlangt von Dir da oben auf Deinem hohen Ross? Ja genau, DU bist es, der auf dem hohen Ross hockt, denn Du meinst, dass Du das Privileg verdient hast. Hast Du nicht, Du hattest nur fucking viel Glück in der Losbude, die Dich nach Deutschland und nicht in eine Familie irgendwo in Syrien oder Somalia hat geboren werden lassen.
Das schlechte Gewissen geht erst weg, wenn Du Dir bewusst wirst, was für ein Geschenk Deine Existenz ist. Dein Wohlstand. Sei dankbar dafür.
Es ist so einfach, etwas zu ändern. Der erste Schritt ist, mal nicht den Dummen zu spielen und sich zu informieren.
Der zweite Schritt wäre zu erkennen, wo man in seinem Leben besser handeln kann als bisher. Kaufe von mir aus weiterhin Shampoo in Plastikflaschen – aber nimm doch das ohne Erdöl, das tierversuchsfrei ist. Kost’ dasselbe. (Listen gibt’s auch in diesem Internet.)
Geh Dir täglich “To Go”-Kaffee kaufen und genieße, dass Du Dir diesen Luxus gönnen kannst, aber nimm ‘nen wiederverwendbaren Plastikbecher statt eine komplette Tonne Müll pro Woche nur damit zu produzieren. Hilf einem alten Menschen, einem Rollstuhlfahrer oder Kinderwagen im Bus. Wenn Du eine neue Jacke möchtest, gib die alte an eine Sammelstelle – ein Obdachloser oder eine Mutti mit Kind im Frauenhaus freuen sich, eine schicke neue Jacke zu bekommen. Du sagst immer, Du kaufst verantwortungsbewusst beim Bio-Metzger/-Bauern. Wirklich? Und was ist bitte so schwierig daran, zwei Minuten Deiner Onlinezeit dazu zu verwenden, eine Petition zu unterzeichnen und zu teilen, hm?
Ich bin ein Weltverbesserer.
Ich rede und handle nicht so, weil ich mich für besser halte als andere Lebewesen. Im Gegenteil.
Sei jeden Tag dankbar für das, was Du hast. Habe Respekt vor dem Leben, Deinem und anderem. Denn alle Lebewesen haben etwas gemeinsam: Wir lieben unsere Familien und wollen alle verdammt gerne leben.

Ein bisschen Frieden

Ich habe wenig geschrieben in der letzten Zeit. Es war mir bewusst und es haben mich Menschen daran erinnert, die tatsächlich hin und wieder hier rein schauen, weil sie wissen möchten, was gerade so passiert bei mir.
Vielleicht war es ganz gut, dass zwischen Frühling und jetzt eine kleine Lücke in meinem Blog entstanden ist. Gerade als ich mir mein Laptop schnappte, um beim Nachmittagskaffee auf dem Sofa ein paar Zeilen zu schreiben, fand ich eine ältere Notiz für einen Blogpost, erstellt am 22. April. Seltsam, wenn man eine Notiz entdeckt und das Gefühl hat, das Geschriebene stamme von einer anderen Person. Einer Person, die kurz vorm Durchdrehen steht:
“Die letzten Tage habe ich wie besessen daran gearbeitet, mich in den Griff zu bekommen. Mir eine Auszeit genommen. Gartenarbeit, Bücher, Fotografieren, Zeichnen. Es ist, als könnte ich nicht mehr alleine mit meinen Gedanken sein. Warum auch, sie führen zu nichts. Irgendwann werde ich so eine Irre sein, die im Park hockt und mit Eichhörnchen redet. Hauptberuflich, denn eigentlich tue ich das ja jetzt schon. (…) ich merke an vielen kleinen Dingen, wie unsicher, ängstlich, ja teilweise jämmerlich ich geworden bin. Ich traue mich nicht mehr, selbst Auto zu fahren. Ich zwinge mich dazu, manchmal raus zu gehen. Das da draußen ist ja Frühling und alle schwärmen davon, wie toll das sein muss. Nach wenigen Minuten will ich zurück, in meine Wohnung, meinen sicheren Bunker. Ich bin froh, dass mein Mann sich noch dagegen wehrt, sonst hätten wir schon 20 Katzen und ich würde den ganzen Tag im Jogginganzug irgendwo in der Wohnung liegen, während sie auf mir herumklettern. Das alles ist verrückt und ich will nicht verrückt sein. Wie kann man sich denn nur in seinem eigenen Kopf so sehr verlaufen, dass man nicht wieder hinaus findet. Oder vielleicht mag man ihn auch nur nicht finden, weil innen, im Kopf, in den Gedanken und Tagträumen, die Welt noch in Ordnung ist. Vor dem Aufprall.”
Unschön? Ja! Verrückt? Schon ein wenig, oder? Ich habe diesen Post damals nicht abgeschickt. Wenn ich den Text jetzt lese bin ich entsetzt und gleichzeitig sehr erleichtert, dass diese Phase vorüber ist. Es ging mir schlecht, ich war pausenlos krank und unglücklich. Einmal hatte ich in der Bahn nach Feierabend einen Kreislaufzusammenbruch, der mir bis heute unheimlich ist, weil ich förmlich spürte wie meine Beine mich nicht mehr trugen. Ich spürte meinen Körper nicht mehr und mein Geist geriet total in Panik…
Ich hatte ständig Rauschen im Ohr und Bauchschmerzen, war etliche Male beim Arzt, nichts zu finden. Stand aktuell: Alles weg, als wäre nie etwas gewesen!
Ich habe in der Zeit nicht geschrieben. Es war alles zu viel und von den guten Dingen zu wenig. Keine Kraft, Inspiration und auch kein Bedürfnis, mir etwas von der Seele zu schreiben wie sonst, weil irgendwie…der Zugang blockiert war.
Zwar glaube ich immer noch, dass ich eines Tages die Frau mit den 20 Katzen sein werde und erst heute habe ich mich wieder mit dem Eichhörnchen unterhalten, aber nur weil über 30 Grad draußen sind und ich Eiswürfel hingestellt habe zum trinken.
Aber sonst bin ich aus diesem Loch glücklicherweise nochmal herausgeklettert. Seit dem 1. Mai arbeite ich in einer anderen Firma und der Wechsel hat mir sehr gut getan. Ich fühle mich deutlich willkommener, wohler, nicht mehr ständig unter Zwang. Wenn ich morgens Sport machen möchte, kann ich das tun. Wenn ich Freitags nach Hause fahren will, kann ich auch mal früher los, was mir wertvolle Stunden mit meinen Lieben schenkt.
Die Freiheit und das damit verbundene Gefühl, wieder mehr vom Leben zu haben. Das hat mir gut getan. Ich mag wieder Menschen treffen und so lange ich Maß halte und wirklich nur das tue, worauf ich Lust habe, geht das auch wunderbar. Die totale Unsicherheit ist weg. In den letzten Wochen gab es einige schöne Tage: Wiedereröffnung feiern in unserer Stammkneipe in Hamburg mit lieben Freunden, ein Wochenende mit Verwandtschaftsbesuch, auf das ich mich sehr gefreut habe. Ein Wiedersehen mit einer Freundin, das in einen spontanen langen Sommerabend mit Grillen ausartete. Und nicht zuletzt mal wieder ein Laufevent, das mich zwar körperlich bei 36 Grad an meine absolute Schmerzgrenze brachte, auf der anderen Seite aber eine wertvolle Erfahrung war.
Es liegt nicht am Sommer – ich bin ja eher ein Freund der Übergangsjahreszeiten – es ist einfach eine gute Zeit gerade. Natürlich gibt es Tage, an denen man heulen möchte. Weil die Welt durchdreht, der Vorhang dann fällt und die Angst zurück ist, die Frage, wo wir bloß hinsteuern. Doch dann bin ich wieder in der Lage, kleine Lichtblicke zu erkennen, Inseln, an die man sich klammert. Aktionen, Widerstand, Hoffnungsschimmer. Mehr Nachhaltigkeit und Umdenken beobachte ich an vielen Menschen in meinem Umkreis.
Das hilft mir dabei, mein Gleichgewicht zu halten und endlich auch mal positiv zu denken, zu sein. Es ist ungemein erleichternd. Ich pflege meinen Kräutergarten und meine Freundschaften, so gut ich kann, nach Tagesform. Ich lese, nutze die Zeit, bin dankbar dafür, dass alle gesund und behütet sind. Ein bisschen ist es wie Schlafwandeln, so friedlich, ruhig und sicher. Wie Waffenstillstand mit mir selbst.
Ich hoffe, er hält eine Weile.