Paralleluniversum

Der Kalender über meiner Kaffeemaschine muss mich nicht erst an das Datum erinnern.
Der 3. August 2015.
15 Jahre.
Wie immer ein Datum, an dem ich emotional instabil bin. Tollerweise ist heute Montag, also bleibt mir nichts anderes übrig als ins Büro zu gehen und auf dem Weg dorthin im Bus schon zweimal loszuheulen. Wie damals ist es ein herrlich sommerlicher Tag.
Ich stelle mir vor wie der heutige Tag hätte aussehen können. Wie es wäre, wenn dies ein Paralleluniversum wäre, in dem alles einen anderen Verlauf genommen hat.
Vielleicht wärst Du an diesem schönen Tag hier zu Besuch in Hamburg. Es wäre zwar immer noch Montag, aber ich hätte frei genommen. Angekommen wärst Du mit Deiner Sporttasche als Gepäck. Du würdest im Gästezimmer aufwachen – welches Du übrigens lieben würdest und in dem natürlich nicht so viele Bilder von Dir hingen. Wir säßen mit unseren Brillen und im Schlafanzug am Küchentisch und tränken erstmal Kaffee beim Nägelfeilen – eine Macke von uns beiden. Ich hätte Espresso, Du Milchkaffee mit Zucker. Aus Deiner „Oyer Kaffeehaferl“-Lieblingstasse.
Nach den ersten Lachflashs machen wir uns fertig. Deine mitgebrachten Schuhe sehen genauso aus wie meine, haben eben den selben Geschmack. Bequeme Bootsschuhe, Größe 40. Vielleicht tauschen wir auch. Wir gehen frühstücken im Café, erst danach rauchst Du genüsslich eine. Vielleicht hast Du auch inzwischen aufgehört. Du erzählst von Deiner letzten Tour mit den Tennismädels. Ihr spielt keine Turniere mehr – schließlich bist Du inzwischen 59 – aber immer noch zum Spaß zusammen, weil ihr eine tolle Truppe seid. Wir sitzen da und machen das, was wir am liebsten zusammen tun: „Leute gucken“. Vielleicht würdest Du Rosemarie, Marianne und Christa eine Whatsapp-Nachricht senden oder sogar ein Foto – bestimmt hätten wir Dir längst ein iPhone geschenkt, auch wenn Du nie ein Fan von Computern warst. Dann fahren wir zum Hafen. Da bist Du wie der Opa, Du willst immer am Wasser sein. Wir würden mit der Hafenfähre fahren, bis nach Finkenwerder und zurück. Das Deck ist schön leer und wir genießen die Sonne und die frische Brise auf der Elbe. Am Museumshafen steigen wir aus und gucken Schiffe. Mittagessen am Fischmarkt. Ich vegetarisch, Du Matjesbrötchen. Dann spazieren wir weiter, immer am Wasser lang, in unserem zügigen Tempo. Bei einem Hafenmusiker, der einen Beatles-Song spielt, bleiben wir stehen und singen laut mit und lachen uns dann kaputt, weil wir beide überhaupt nicht singen können aber es so schön ist, frei zu sein an solch einem Tag. Wir gehen bis ganz hinauf in die Hafencity, bestaunen unterwegs das viel zu große Containerschiff, das gerade getauft wurde. Ob die Oma das wohl auf NDR gesehen hat? Wir rufen sie an und bestellen viele Grüße an Opa, der bestimmt irgendwo im Garten ist. Wir essen Kuchen, Käsekuchen mit Mandarine oder Zupfkuchen und gucken wieder Leute. Mit Dir wird einem nie die Zeit lang, denn immer gibt es etwas zu bequatschen, auch wenn wir häufig telefonieren. Wenn ich Dir erzähle, was meine Gedanken und Pläne sind, dann bestärkst Du mich. Wenn ich Dir von meinen Sorgen und Fragen erzähle, hörst Du einfach zu und das tut gut. Es ist schön, Dich bei mir zu haben. Wir gehen kurz nach Hause um uns frisch zu machen. Ich habe Sonnenbrand vom vielen draußen sein und Du lachst mich dafür aus. Du bist natürlich nur noch brauner geworden, siehst gesund und frisch aus. Ich mische uns einen Hugo mit selbst gemachtem Holundersirup und Minze, danach sind wir angeheitert. Wir gehen irgendwo schön essen, wahrscheinlich beim Spanier. Ich trinke Wein, Du bestellst ein Bier vom Fass und freust Dich, dass es hier überall Jever Pils gibt. Du isst in kleinen Häppchen, wie eine vornehme Dame. Olli kommt vielleicht auch dazu nach der Arbeit. Ihr versteht euch wie immer bestens, blödelt viel. Reden und Lachen. Ich habe Dir so viel zu sagen, ich wüsste gar nicht wo ich anfangen soll. Wir bleiben, bis der Laden zu macht. Gutenachtkuss wie als ich noch klein war. Du riechst nach Nivea Creme. Wir freuen uns auf morgen. Dann hat Olli frei und wir fahren ans Meer …

Sommertage. Eine andere Wirklichkeit. Vielleicht auch ganz anders als man es sich ausmalt, denn niemand weiß, wie die Zukunft ausgesehen hätte.
Aber in meinem Traum ist es so perfekt. Weil Du niemals fort gegangen wärst und mit Dir der Mittelpunkt unserer Welten.
Was machen Planeten, wenn die Sonne plötzlich verschwindet?
Trudeln…frieren…im Kreis… um das schwarze Loch herum.
Und Zeit heilt keine Wunden.