Herzsprünge

“Zufriedenheit ist der Schatz des Geistes” steht auf dem kleinen Zettelchen an meinem Yogi-Teebeutel. Wie immer hat Yogi-Tee recht. Da sitze ich und nippe an meinem Tee, obwohl ich Tee nicht wirklich mag. Der erinnert mich an meine Kindheit, da gab es im Winter abends nur schwarzen Tee zu trinken und wenn ich krank war, musste ich Kamillentee trinken. Trotzdem wohnt für mich dem Geruch von Tee, der Hitze, dem Anblick der Kanne auf einem Stövchen etwas gemütliches, tröstendes inne. Nachts, wenn alles schläft und ich das auch tun sollte weil morgen wieder Montag ist, weiß ein Teebeutelzettelchen einen klugen Rat für meine Schlaflosigkeit: Zufrieden sein. Vielleicht würde es mir helfen, statt Schäfchen Dinge aufzuzählen, die schön sind und gut in meinem Leben. Dass einige der furchtbarsten Ereignisse schon passé sind und nicht noch einmal passieren können zum Beispiel. Na, schon wieder so fatalistisches Denken! Los, schöne Schafe zählen: Dass ich einen Job habe, der morgen früh auf mich wartet und mit dem ich ein gutes Leben bezahlen kann. Ein sicheres Land, in dem ich wohnen darf. Einen Mann, der mich liebt und der nebenan selig schnarcht. Dass wir beide gesund sind und unsere Familien auch. Unsere Freunde, an denen uns viel liegt und umgekehrt. Wir haben auch Freizeit und das nötige Geld, damit etwas anzufangen. Pläne für die Zukunft.
Warum liege ich also wach und zerbreche mir den Kopf? Warum kann ich Bilder nicht vergessen von Ereignissen, die vergangen sind, nicht revidiert werden können, mich aber immer wieder einholen? Warum sind meine Schäfchen furchtbare Bilder von endgültigen Abschieden, von Menschen und Tieren, die ich leiden sehen musste ohne mehr tun zu können. Warum kann nicht das Gute gewinnen mich in die Traumwelt, so wie das bei anderen Menschen der Fall ist? Warum ist es so, dass ich mir ständig den Kopf darüber zerbreche, welches Übel das Leben in den kommenden Jahren noch bereit hält?
Vielleicht, weil die Zeiten ungewiss sind. Vielleicht aber auch, weil mir der Filter fehlt. Jemand hat mir mal gesagt, dass ich übermäßig sensitiv sei, zu empfindlich. Ich kann nicht aufhören und steigere mich in Emotionen hinein. Ein alter Mensch beim Einkaufen, ein Foto von einem traurigen Hundeblick aus dem Tierheim. So viele Dinge brechen mir jeden Tag das Herz, dass es ein Wunder ist, dass noch immer Herz übrig ist. Der Tod meines Katers im letzten Jahr hat es in tausend Einzelteile zerspringen lassen und doch – mein Herz ist zu noch mehr Traurigkeit und Mitgefühl im Stande. Nur taugt es nicht viel, was das nach Vorne schauen angeht.
Andere Menschen haben diesen Filter. Ja, es passiert viel schlimmes um uns herum, die Natur, die Zerstörung, Kriege, Flüchtlinge, Anschläge, Unsicherheit. Aber “es wird schon gut gehen”, “uns geht es doch gut”, man muss “Das Beste daraus machen”. Ich glaube, ich ahne, was Menschen dazu treibt, sich von Brücken zu stürzen oder zu viel Drogen auf einmal zu nehmen. Das Chaos, der Krach wird zu laut. All das Leiden, es wird unerträglich. Wer nicht filtern kann, der zerbricht. Tausend Teile und viel mehr.
Bis das passiert, sorge ich mich eben. Ob all das investieren, sich bemühen, streben nach einer Zukunft, nach Gesundheit, mit einem Mal zunichte gemacht werden wird. Ob wir krank werden oder so schrecklich alt, dass keiner von unseren Freunden mehr da ist. Ob wir Kinder in die Welt setzen sollten, um nicht ganz alleine zu sein dann aber wer weiß, vielleicht werden die ja vor uns gehen
und überhaupt – ist das noch eine Welt, in die man hineingeboren werden möchte. Das Leben wird Wege finden, noch etwas mehr Herz kaputt zu machen. Sorge mich und trinke Tee. Nachts, wenn alle schlafen, zähle ich für euch die Sorgen wie Schäfchen. Damit ihr beruhigt schlafen könnt und süße Träume habt. Damit ihr mir am Morgen davon erzählen, ein wenig von eurem Mut und eurer Hoffnung abgeben könnt. Damit wir diese Woche gemeinsam angehen, gute Taten vollbringen, jemanden glücklich machen, Leiden lindern können. Damit wir gemeinsam Erinnerungen schaffen, Freundschaften vertiefen, die dunkle Tage überbrücken können.
Herzkleber werden.

“The world will break your heart ten ways to Sunday, that’s guaranteed.
And I can’t begin to explain that- or the craziness inside myself and everybody else, but guess what? Sunday is my favorite day again.”
― Matthew Quick, The Silver Linings Playbook