Korridor

Als ich nach einigen Wochen so ziemlich allen Freunden von den unerfreulichen Veränderungen in meinem Leben berichtete, bekam ich mehrfach den Spruch zu hören: „Wenn irgendwo eine Tür zuschlägt, tut sich dafür eine andere auf!“
Schön, wenn das so simpel wäre.
Das Leben ist nach meiner Erfahrung kein Korridor sondern ein Irrgarten: Monatelang tut sich überhaupt nichts und wenn sich dann etwas bewegt, schwingen alle Türen zeitgleich auf. Wie soll man sich entscheiden, wo lang es gehen soll?
Kopf und Herz einmal mehr komplett überfordert und obwohl ich die Fäden in der Hand halten und mich über die vielen Optionen freuen sollte, möchte ich gerade nur ins Bett gehen, die Decke über den Kopf ziehen und endlich wieder einmal schlafen. Ohne Zähneknirschen, ohne morgens viel zu früh gerädert wach werden. Ausgeschlafen sein und guten Mutes die Entscheidungen wählen, auf die ich die letzten drei Monate hingearbeitet habe. Ich muss hier weg. Weg aus der Stadt, weg von den Trümmern, die von meinen Zukunftsplänen geblieben sind.

Aber wäre nicht jetzt nach solch einer Zäsur die beste Gelegenheit, den Lebensweg zu überdenken? Jetzt, wo man alleine ist?
Ich habe zu ihm gesagt: Gut die Hälfte deines Lebens ist geschafft aber du hast noch ein halbes Leben so zu leben, wie du es möchtest.
Was möchte ich? Das kleine Mädchen in mir schert sich nicht um das große Geld sondern um Glück. Sollte ich warten, bis sich eine Möglichkeit bietet, den Lebenstraum auch im Beruf zu leben? Oder sollte ich die nächste Gelegenheit ergreifen in meiner Heimat, bei meiner Familie zu sein und Geld zu verdienen. Kopf gegen Herz, Vernunft gegen Idealismus. Geld braucht man, um Träume zu finanzieren. Idealismus kommt von „muss man sich leisten können“. Muss man wirklich trennen oder kann man auch sein Leben träumen?
Ich bin 35. Alle anderen um mich herum haben jetzt Kinder.
Ich habe nicht einmal mehr ein Billy-Regal.