Schuldfrage

Wie immer bei mir gehen irgendwann die Träume los. Wenn sich mein Tages-Bewusstsein, das ich steuern und kontrollieren kann, langsam mit schlimmen Ereignissen arrangiert hat, legt mein nächtliches, mein Unter-Bewusstsein erst richtig los.
Als mein Opa starb, träumte ich monatelang Nacht für Nacht denselben Traum: Immer waren da Züge, die ohne mich losfuhren. Das gleiche bei meiner Mama.

Nun fange ich an, von ihm zu träumen. Im Traum geschieht das, was im echten Leben seit Monaten ausgeblieben ist: Wir sehen uns wieder. Reden stundenlang. Wie früher. Er ist ein anderer Mensch in diesen Träumen, nicht das Wrack, das ich zuletzt vor mir sah und das mich mit Eisaugen stumpf anstarrte. Er ist wieder dieser eine Mensch, in den ich ganz furchtbar verliebt gewesen bin und von dem ich dachte, er sei eine verwandte Seele. Wenn mich Menschen heute danach fragen, wieso wir überhaupt geheiratet haben, kann ich nur sagen: Weil es die große Liebe war – jedenfalls fühlte es sich damals so an.
Ich weiß noch wie glücklich ich war an dem Tag, als er mich fragte.
Wirklich von Herzen glücklich.
Wer meine Texte aus jener Zeit gelesen hat, konnte es zwischen den Zeilen spüren.
Niemals hätte ich gedacht, dass wir in einem Alptraum enden. Andererseits: wer ahnt sowas schon.

In mein Unterbewusstsein hat sich der Verrat noch nicht eingeschlichen, ist unsere Welt noch die, die sie einmal gewesen ist: Da ist Liebe, da ist gegenseitiges Verstehen, da ist miteinander lachen, einander die besten Kumpel sein, in unserer kleinen Welt aus Botschaften im Reisegepäck und an der Tür, Schlüsselanhängern und Kühlschrankmagneten und Einkaufslisten mit Witzen, die nur wir verstanden. Den anderen für das Allerbeste halten, das einem jemals passiert ist. So war es einmal zwischen uns – aufgehört hat es, als wir heirateten oder nein, vielleicht sogar bevor wir heirateten und ich spürte, dass alles anders wurde von seiner Seite und die Dinge sich zu verändern begannen – und wir uns mit ihnen.

Wenn ich aufwache, ist all das Schöne wieder fort. Was bleibt ist die Frage, warum es so gekommen ist. Warum wir nicht in der Lage waren, uns gegen die aufkommende Kälte zu wehren, uns das zu erhalten was uns einst verbunden hatte.
Natürlich liegt es nahe, nun da ich die Hintergründe kenne, wütend zu sein auf ihn und die Schuld einzig bei ihm zu suchen. Er hat mir bis heute nicht die Wahrheit offenbart, sich nie gekümmert, was aus mir wurde, mich ignoriert. Mich, die Person von der er einst sagte, sie stünde ihm am nächsten, verstünde ihn besser als jeder Mensch zuvor und habe sein Leben zu etwas besserem gemacht. Alles Lügen? Vielleicht. Es ist so schön einfach, liegt so nahe, das zu glauben. Schließlich hat er die ganze Zeit hinter meinem Rücken seine Pläne geschmiedet. Mich hintergangen, sich trösten lassen und mir keine Träne nachgeweint.
Aber nach wie vor ist es mir nicht möglich, zu hassen. Zweifel sind da, Fragen offen. Vor allem die quälenden, die ich mir nicht beantworten kann. Was hätte ich machen können, um zu verhindern, was passiert ist. Ihm weniger den Spiegel vorhalten? Noch weniger von ihm verlangen als das, was ohnehin schon zu wenig war für eine Partnerschaft? Hätte ich beharrlicher sein müssen – oder sogar noch nachsichtiger, obwohl mich sein Verhalten stets an meine Grenzen brachte?
Vielleicht hatte ich gar keinen Einfluss auf den Verlauf der Dinge, hatte es nicht mit mir, sondern mit ihr zu tun. Möglicherweise ist es auch so, dass er nicht in der Lage ist, einem anderen Menschen zu geben, was zu einer gesunden Beziehung auf Dauer gehört.
Doch möglicherweise trage auch ich meine Schuld an unseren letzten, sehr wenig partnerschaftlichen Monaten und das macht mich traurig und zugleich unsicher: was wenn ich das Problem war, bin, ich Eigenschaften habe, die ihn dazu gebracht haben, mich nicht lieben zu können. Die Ablehnung ist es, das nicht-mehr-geliebt-werden – nicht Hass oder Wut – was mich beschäftigt.

Aus meiner Perspektive, aus dem was ich weiß und mit ihm erlebt habe, ist in dieser Geschichte er am Ende der Schurke, der rücksichtslos mein Herz gebrochen hat.
Es war seins, ich hatte es ihm geschenkt.

Hating someone you once loved is far worse than bitter dislike.
The betrayal strips you of memories you once trusted.
A snapshot of what used to be becomes a lie.
And the anger mixes with the hurt.
I will never forget the look in her eyes when she saw me.
Those eyes haunted me all over the world.

(from “Where we fall” by Rochelle B. Weinstein)

Kater im Kopf

Ich bin viel zu früh wach, in meinem Kopf brummt es noch und in meinem Magen ist dieses Gefühl, das man hat, wenn der letzte Drink schlecht war – und das, obwohl ich die letzten Stunden der Party doch nur Wasser getrunken habe.
Ich liege im Bett dieser Pension mitten im deutschen Niemandsland, blauer Himmel, auf der Wiese niedliche Ponys und ich habe Herzrasen und kann nicht atmen.
Was, wenn ich hier sterbe? Plötzlicher Herztod in der Uckermark. Mittdreißigerin wurde erst Tage später von den Pensionsverwaltern beim Aufräumen entdeckt. Niemand hatte sie als vermisst gemeldet.
Es tut mir nicht gut, dieses feiern und trinken und der bald bevorstehende Abschied aus der Stadt, die immer meine Stadt war, meine kleine Freiheit, in der ich mich verwirklichen konnte und ohne ständige Einmischung von Papa und Familie leben konnte, wie ich es bestimmte.
Ich habe kalte Füße bekommen. Wird es wirklich besser werden, dieses Leben? Es ist schön, die Großeltern öfter zu sehen und alte Freunde treffen zu können ohne sich Wochen vorher zu verabreden. Aber kann man Freundschaften aufwärmen, die viel zu lange viel zu kurz gekommen sind? Bin ich nicht inzwischen in der Heimat genauso fremd wie in Hamburg?
Ich rede mir selbst seit Monaten gut zu. Kleine Schritte. Eins nach dem anderen. Job finden, umziehen, Scheidung. Dazwischen immer wieder laufen, meiner Routine folgen. Schlafen, gut essen, Sport, meditieren. Viel atmen. Jeder Schritt ist ein Schritt zur Besserung und es stimmt: Es gibt die Tage, an denen sich mein Leben besser anfühlt als je zuvor. Ich bin stärker geworden und kenne mich besser. Gut genug um mir einzugestehen, dass es Tage gibt, an denen ein plötzlicher Tod in der Uckermark nur symbolisch für die Traurigkeit in meinem Herzen wäre, die trotz guten Mutes und Voranschreitens ein Begleiter bleibt.
Gestern war ich auf einer Hochzeitsfeier von zwei lieben ehemaligen Kollegen und es war eine schöne Feier. Einige Personen, auf die ich mich gefreut hatte, waren dort. Mit ihrem Partner, Freund, Ehegatten. Manche glücklich, andere am diskutieren. Aber nicht alleine wie ich, die den ganzen Abend von Gruppe zu Gruppe zog, um den Paaren nicht zu lange wie ein drittes Rad am Wagen anzuhängen. Niemandem das Gefühl geben, dass man anhänglich ist. Aber ich bin es. Ich will anhänglich sein dürfen, will das jemand an mir hängt, Jemanden, mit dem ich auf solchen Feierlichkeiten ankomme, lache, den Kuchen teile und der mein Anker ist oder vielmehr ein Bumerang – sich alleine bewegen können in der Gewissheit wir kommen immer wieder zueinander zurück.

Tage, an denen es mir derart schlecht geht und Nächte, in denen der ganze Körper verkrampft und das Herz rast, werden seltener so lange ich alles ruhen lasse, keine neuen Informationen an mich heran dringen, ich mich aus dem Umfeld seiner Familie – so schwer es mir gefallen ist – genommen habe, weil ich jeden Tag einen neuen Einschlag fürchten musste wie bei einem Meteoritenhagel.
Ich werde bald nach Hause gehen. Das erste Mal richtig in meiner Heimat arbeiten, leben, ohne am Sonntag wieder in den Zug Richtung Hamburg steigen zu müssen.
Es wird ein neuer Abschnitt, auf den ich mich freue und der mir zugleich Angst macht. In solchen Situationen im Leben verlässt man sich gerne auf den Rückhalt seines Partners, plant gemeinsam, wodurch das Neue an Schrecken verliert. Mit ihm verheiratet zu sein, bedeutete trotz aller Schwierigkeiten auch Sicherheit:
Was immer auch passiert, du hast stets meinen Rückhalt und ich hab immer noch dich.
Nur, dass das Ganze leider eine Farce war, ein Schauspiel, da er schon vor unserer Hochzeit nie die Absicht hatte, ein Leben lang an meiner Seite zu sein, einander bis zum Ende beizustehen.
Ich hoffe, dass ich es alleine schaffe. Das Leben liegt in meinen Händen, meine Zukunft formt sich alleine durch mich. Das kann und wird mir niemand abnehmen und das ist gut so, weil nur so jeder zu seinem Glück finden kann.
Dennoch bleib da eine Leerstelle, wo das gute Gefühl war, nicht alleine auf dem Deich, mitten in der Sturmflutnacht zu stehen.
Ich kann es schaffen.
Ich…muss.