Freundesieb

Es kommen Zeiten im Leben, da hält man kurz inne, meist nach einer besonders harten und anstrengenden Etappe und schaut sich um. Wer ist bis hier mitgegangen? Wer geht nach wie vor an deiner Seite?
Viele Menschen können das wohl bestätigen: In der Not zeigt sich, wer deine Freunde sind. Das habe ich damals gemerkt, als meine engsten Freunde – so dachte ich – auf einmal nichts mehr von sich hören ließen. Keine Karte, kein Anruf. Als sei ihnen etwas schlimmes widerfahren, nicht mir. Wer mit mir in der Kirche saß und mir beistand, als es hieß Abschied zu nehmen, waren teils alte Freunde, teilweise solche, deren Rückgrat und der Ausdruck ihrer Zuneigung und des Respekts mich sehr beeindruckt haben. Das sind wahre Freunde. Die, die in guten wie in schlechten Tagen dir zur Seite stehen.
Schwere Zeiten sind darum nicht nur ein Nährboden für persönliches Wachstum, sondern auch ein prima Sieb, um die falschen von den wahren Freunden zu trennen. Denn manchmal verschwimmt die Sicht, lässt man sich allzu gerne verführen von den Brotkrumen der Zuneigung, Versprechen, Perspektiven, die sich mit einer neuen Freundschaft eröffnen. Nicht immer ist man dabei auf einen echten Freund getroffen.

Es gibt Menschen, die sind nur so lange Freunde, wie sie es auf Entfernung sein können. Versprechen dir Zeit, die sie nie einlösen. Vergewissern dir, dass du ihnen wichtig bist, kommen aber nie vorbei, schlagen nie ein Treffen vor und bringen lahme Ausreden, weil du ihnen dann wohl doch gerade zu anstrengend bist in deinem Kummer. Ich habe diese Entschuldigungen so satt. “Sorry” und Affen-Emojis sind leider kein Ersatz für geschenkte Zeit, die Gelegenheit für gute Gespräche und den Willen, mir bei meinem Neuanfang beizustehen. Dann eben nicht.

Wahre Freunde brauche ich gerade sehr und ich bin glücklich, diese zu haben. Solche, die mich trotz der eigenen Sorgen bei sämtlichen albernen Überlegungen, Plänen, neuen Hobbys und fixen Ideen bedingungslos unterstützen. Menschen, die mir sagen “ich hab dich lieb” oder “ich glaub an dich” und die zulassen, dass ich mich zur Zeit neu (er)finde. Da ist die Freundin, die mich immer wieder liebevoll erdet auch wenn ich zum hundertsten Mal dieselben Gedanken wälze. Die gleichzeitig mit mir träumt von einer besseren Zeit – obwohl sie gerade ihre eigene Existenz gründet und weiß Gott genug wichtigeres zu tun hätte. Oder die Freundin, die gerade schwanger und in einem völligen Umbruch im Leben ist, die sich aber immer wieder mit Freude die Zeit nimmt, mit mir zu lachen, mir Vorschläge zu machen für gemeinsame Unternehmungen, die mich deutlich spüren lässt und mir zu verstehen gibt “Ich möchte, dass du Teil meines Lebens bleibst”. Das Pärchen, übrig gebliebene Freunde aus dem Dunstkreis meines Ex’, die sich so rührend gekümmert haben vom ersten Tag, die mich mitnehmen unter Leute und auch akzeptieren können, wenn ich mal in meinen Cocktail weine. Die Freundin aus Hamburg, die sich trotz kleiner Tochter und Vollzeitjob die Zeit nimmt für stundenlange Telefonate, die wie eine feste Umarmung gut tun. Oder auch der Freund, mit dem ich zwar nicht mehr die enge Verbindung habe wie früher, der aber in den langen Nächten des Jammerns und der Selbstzweifel nach der Trennung für mich da war, mich wieder beruhigen konnte wie kein anderer, der mir klar und deutlich gesagt hat “jetzt ist aber gut” und auch “du bist gut”.

Ich bin dankbar für mein Freundesieb und glücklich, dass fantastische Menschen darin hängen bleiben, ohne die es schwer gewesen wäre, den Weg weiter zu gehen. Danke, dass es euch gibt. Für euch will ich wieder stark werden, wieder lachen wie früher, wieder ein Mensch sein mit dem man gerne Zeit verbringt und der euch Zeit schenkt und für euch da ist – an leuchtenden wie an den traurigen Tagen im Leben.

Höhle bauen

Ich bin in meinem Kinderzimmer, in meinem neuen Bett mit den passenden Regalen, die sich langsam mit neuen Gegenständen und Büchern füllen, die ich noch nicht gelesen habe, wie gute Vorsätze für diesen Lebensabschnitt. Die Tür ist abgeschlossen obwohl gar keiner da ist. An den Wänden der türkisblaue Streifen, den ich damals unbedingt gemalt haben wollte, um Fotos meiner Freunde dort aufzuhängen. Die Bilder sind lange weg und mit ihnen die Menschen, die mein Leben bestimmt haben. An ihre Stelle sind andere Menschen in mein Leben getreten, in den letzten Jahren mir ans Herz gewachsen – analog zur Entfernung voneinander wächst wohl der Raum, den jemand in deinem Herzen einnehmen kann.

In diesem Zimmer habe ich mit meinem ersten Freund geknutscht, hab versucht, Geister zu beschwören, oft gegrübelt und mit dem Leben gehadert, gelernt für Schule und Uni, geweint, sehr viel geweint. Vor fast acht Jahren wollte ich raus hier, weg von all den Erinnerungen, dem Anecken, mich lösen von den Bevormundungen und dem Betüdeln durch die Familie. Das alles war zu engmaschig, um mich darin selbst finden zu können. Weg in eine andere Stadt, einfach so und ganz alleine. Ich kann bis heute nicht verstehen, woher der Mut dafür kam.

Nun erklingt aus dem CD-Spieler meiner Anlage, die meine Eltern mir zum 16. Geburtstag schenkten, wieder Musik. Zuhause. Nur ein Ort war mir zwischen seitdem und heute ein echtes Zuhause und ich versuche, nicht mehr daran zu denken, weil ich jeden Kratzer im Holzfußboden kenne und vermisse und das Knarzen manchmal im Schlaf hören kann. Es war Freiheit, nach Jahren mein Lachen wiedergefunden, Wochenendgäste haben, Möbel in weiß und grau und blau, Strandhaus-Feeling, Eichhörnchen im Garten, mein Zuhause. Stattdessen bin ich wieder hier. Baue mir eine Höhle unter der Bettdecke und bin irgendwas zwischen erwachsen und kindlicher Unbeholfenheit. Ich genieße die Enge, das betüdelt werden, das tröstende Gefühl, dass es noch dort ist, mein trauriges Zimmer und Rettungsboot, mit all seinen Erinnerungsschätzen. Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.
Bin ich klüger geworden in den Jahren? Habe ich gefunden, wonach ich gesucht habe, also mich? Nein. Ja. Ich weiß es nicht. Fühle mich, als habe ich viel erlebt. Einmal gewonnen und dann alles verloren. Habe selbstbestimmt gelebt, Freundschaften geschlossen, Jobs gewechselt, Entscheidungen getroffen, in der Ferne Erwachsensein gespielt. Die große Liebe gefühlt, die noch größere Ernüchterung. Habe meinen tiefen Glauben verloren und dafür etwas vielleicht noch Wichtigeres gewonnen: Vertrauen in mich, erworben in sehr vielen dunklen Tagen, alleine mit meiner Trauer, Verzweiflung, Wut. Auf das Leben, auf ihn, auf mich. Was habe ich mir nur gedacht, warum habe ich mich täuschen lassen? Wie beim trinken – am Abend vorher es für eine gute Idee gehalten weil es sich gut anfühlte und dann am nächsten Tag denken “nie wieder”.
Aber an sich glauben ist schön. Das Wissen, dass man immer wieder aufstehen wird. Trauer bringt mich nicht um. Verletzt werden bringt mich nicht um. Die Hoffnung verlieren bringt mich nicht um. Am Ende ist das Leben nichts als eine Aneinanderreihung von Ereignissen, die alle nicht gut ausgehen werden. Aber es ist mein Leben. Ich kann es verbocken oder genießen, hinfallen und aufstehen. Immer und immer wieder. Bis ich nichts mehr habe als Erinnerungen und Narben und niemandem, der die Geschichten dazu hören möchte weil er selbst ausreichend davon hat.

Ich könnte, nein ich sollte, da wieder rausgehen und etwas Neues versuchen. Sollte “unter Leute” gehen und endlich einen Plan davon entwickeln, was ich noch möchte vom Leben. Mehr Bücher. Andere Leute. Wieder lachen. Wieder verlieben? Gerade mal Halbzeit.
Aber noch nicht. Noch schließe ich mich hier ein. Die Musikanlage auf Repeat, genau wie mein Kopf. Mein Vertrauen in mich ist noch bröckelig und die Welt da draußen zermahlt dich in wenigen Tagen, wenn du zu früh rauskommst. Ich weiß das. Nein. Noch ein bisschen unter der Decke verstecken, bevor ich wieder jemand sein muss.

Staring at the ceiling in the dark
Same old empty feeling in your heart
‘Cause love comes slow, and it goes so fast

Well, you only need the light when it’s burning low
Only miss the sun when it starts to snow
Only know you love her when you let her go