Tante Augurri kommt zu Besuch

Draußen prasselt Novemberregen an die Rolladen. Ansonsten ist es leise.
Die Uhr zeigt 00.02, mein Handy ist auf Flugmodus gestellt. Noch ein bisschen Stille, so mache ich das jedes Jahr.
Kennt ihr das Gefühl, wenn man Geburtstag hat und einem selbst macht das nichts – ich finde Geburtstage ziemlich blöd und wünschte, es wäre ein Tag wie jeder andere – aber man hat das Gefühl, alle Menschen schauen einen anders an? Wie früher, wenn die Eltern Geschenke vor einem verstecken oder man in die Klasse kam und alle wussten Bescheid. Zum Glück gibt es heute keine Überraschungen.
Dieses Jahr ist vieles anders. Ich überlege, ob heute vielleicht ein guter Tag ist, um den Verlobungsring irgendwo vergraben zu gehen, den mir der Ex vor 4 Jahren an diesem Tag angesteckt hat. Damals schon war alles – inklusive der eine Woche vorher im Suff auf einer Party bei Freunden rausposaunten Überraschung – eine einzige Bühne für seine Ego-Show. Zum Glück muss ich dies nicht mehr erleben.

Dieses Jahr bin ich wieder alleine, aber nicht einsam. Ich habe das Gefühl, zum ersten Mal einen richtigen Erwachsenengeburtstag zu haben. An dem ich 36 werde. Ein Alter, in dem die meisten schon gar nicht mehr „Tick Tack“ denken, wenn du erzählst, dass du keine Kinder hast. Oder Single bist. Es ist der Geburtstag, an dem mich niemand mit Kaffee ans Bett und Geschenk weckt, ich ganz normal arbeiten gehe, ein bisschen Kuchen mitbringe und abends ein paar enge Menschen zum Essen in ein Lokal meiner Wahl einlade. Es wird Weinschorle geben, außer für meine schwangere Freundin. Es ist auch ein Geburtstag, an dem ich am Vormittag auf eine Beerdigung gehe. Eine Erwachsene, die einem Freund beisteht, weil das so wichtig ist und irgendwie, die Ironie: dass mein Ehrentag für ihn einer der schwärzesten Tage in seinem Leben wird.

Es ist 00.07 und noch immer prasselt Regen. Ich liebe Regen. Ich liebe auch den Herbst, wenn auch die düstere Jahreszeit mir immer Sorge bereitet. Ich fürchte dann immer, wieder abzudriften in eine depressive Phase, wie so oft in den letzen Jahren im Winter. Doch auch das ist in diesem Jahr anders. Ich bin entspannter, gelassener. Die Jahreszeiten kommen und gehen wie alles im Leben. Das erste Mal habe ich ein Gefühl dafür, dass das Leben fließt. Sich wehren hat keinen Zweck. Das nehmen, was es dir bietet und es formen. Aber niemals verharren oder gar versuchen, rückwärts zu kommen, denn das kostet dich deine ganze Kraft.
Weihnachten steht vor der Türe und auch das wird anders sein dieses Mal. Die letzten Jahre habe ich viel Zeit und Liebe in die Weihnachtszeit gesteckt. Die Wohnung wurde geschmückt, es gab einen Adventskalender, selbst gebastelte Karten und Kekse, sowie sehr viele Weihnachtsessen mit Freunden. Es war immer herrliche Zeit voller Kerzen und Lichter, Weihnachtsmusik, Polarexpress und Märchentheater. Voller Freude darüber, gemeinsam die kindliche Freude an der Weihnachtszeit wieder zu entdecken.

Es wird anders sein. Nüchterner, erwachsener. Es wird ein paar Glühweine geben mit Kollegen und Freunden. Es wird ein Weihnachtsessen geben, weil sich das so gehört. Pragmatisch. Es wird nicht das Highlight werden, auf das ich mich bisher jedes Jahr so sehr gefreut habe.

Stille Nacht.

Heute, am Ende eines harten Jahres, das mein Leben wie kein anderes geprägt hat, steht mein Geburtstag auch dafür: Dass mir jemand alles genommen hat. Und mich doch nicht kaputt bekommen hat.

Ich bin immer noch da.