to forgive is to set a prisoner free

…and to discover that the prisoner was you.

Weiss du noch, am Aanfang
Wie leich dat alles lossging
Du sohs mich, ich soh dich
Un dä Ress wor einfach klor
Wat es do schief jelaufe
Wo sin mir zwei falsch affjeboge
Av wann han mer verjesse, wä mer wore
Woröm is dat nit mih richtig
Un woröm is dat jetz esu falsch
Un woröm schreit dat Hätz noch immer „Jo“

Da war es nun, dieses Gespräch auf das ich fast ein Jahr gewartet und es stets gefürchtet habe. Weil ich genau wusste, es wird eines Tages kommen. Und dass mir dann die richtigen Worte fehlen würden.
Was soll man zu jemandem sagen, der einmal die große Liebe war, der einen Ring am Finger trug, „E levve lang“ – und das mit Füßen getreten hat. Der jetzt einräumt, dass er damit den dümmsten Fehler gemacht hat und es sich vor der Welt und seinem überdimensionalen Ego nicht eingestehen, nicht zurück rudern konnte. Pech gehabt, mag man denken. Ich hingegen empfinde Mitgefühl. Zumindest glaube ich, dass es nicht bloß Genuugtuung ist, die mich milde stimmt.

Wochen und Monate habe ich gewusst, dass ihm aufgehen wird, wie mies er mich behandelt hat. Selbst wenn es nur ein Reinwaschen für sein Gewissen war, ein Geständnis nach einer Flasche Kabänes, nachts auf der Tanzfläche einer Karnevalsparty – so weiß ich doch, wie viel bitterer Ernst darin steckt. Auch wenn mich der Betrug, die Lügen, die Eiseskälte voll erwischt haben, kenne ich doch die Untiefen dieser Persönlichkeit wie niemand sonst. Er hat mich hineinsehen lassen in die traurige Vergangenheit, seine kaputte Seele, die nachts wach auf dem Sofa liegt, ein Kuscheltier überall mit hin nimmt, traurige Lieder zu Gott singt und auf eine Vergebung hofft, die er sich selbst nicht gewährt.

Ich möchte so vieles antworten, so vieles loswerden und sage dann doch nur: „Es geht mir gut. Werde glücklich.“

Es ist nicht die Zeit und der Ort dafür. Nicht auf einer Karnevalsparty, mit zwei Freundinnen im Rücken, die mit Konfettipistole im Anschlag „Sag was und ich bring ihn für dich um!“ rufen. Nicht hier. Nicht nachdem auch ich jemand Neues kennengelernt habe. Jemanden, der mir gut tut und mir zeigt, dass Liebe nicht Drama und alles an einander auslassen sein muss, sondern unbeschwert, einfach und aufrichtig sein kann.
Nicht nachgeben, nicht zurückfallen, stark bleiben in dem, was ich mir mit Mühe aufgebaut habe. Jetzt ist nicht die Zeit dafür. Vielleicht kommt sie auch nie mehr.

Er hätte so viel Zeit gegeben. Monate, in denen mein Telefon stumm blieb. Die Zeit vor der Scheidung, die Wartezeit bei Gericht. Es gab immer die Möglichkeit für eine Aussprache. Ich habe oft darum gebeten. So viele Wege hätten offen gestanden, wäre ein Wille da gewesen.

Aber nicht jetzt, an dem Punkt an dem ich endlich eingesehen habe, dass die große Liebe ein Ende haben darf. Dass „für immer“ eben manchmal nicht für immer bedeutet. Man darf sie gehen lassen. Man muss.

„The only way out of the labyrinth of suffering is to forgive.“
John Green, Looking for Alaska“

Leseliste 2017

Neues Jahr, neue Liste!

Januar:
Pflanzliche Notnahrung: Survivalwissen für Extremsituationen von Johannes Vogel
Ende der Märchenstunde – Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt von Kathrin Hartmann
Tschik von Wolfgang Herrndorf
Born to run (Hörbuch) von Christopher McDougall
Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten von Becky Chambers

März:
A Court of Thorns and Roses von Sarah J. Maas

April:
Ikigai – Gesund und glücklich hundert werden von Héctor García & Francesc Miralles
Florence Grace von Tracy Rees
A Court of Mist and Fury von Sarah J. Maas
Die zwei Leben der Florence Grace von Tracy Rees
Eat & Run von Scott Jurek
The End of the World Running Club von Adrian J. Walker

Mai:
Paladin von Sally Slater (Hörbuch)

Juni:
Die Intelligenz der Tiere von Carl Safina
The universe has your back von Gabrielle Bernstein (Hörbuch)

Juli:
Blackout von Marc Elsberg (Hörbuch)

Frust

Endlich 2017. Yay. Alles wird besser.
Wisst ihr was, ich habe das alles jetzt schon so satt! Neue Ziele setzen, sich neu ausrichten, neu „angreifen“ soll ich, wenn es nach anderen geht. Wenn mein Vater wüsste, wie sehr seine Wortwahl ins Schwarze trifft. Angreifen. Die Arbeitswelt ist für mich Kriegszustand gewesen in der letzten Zeit: Krieg gegen mein Gewissen, meinen Körper. Alles in mir sträubte sich dagegen, in diesem Zirkus noch länger effektiv (von kreativ ist schon lange nicht mehr die Rede gewesen) zu sein. Aber ohne Job bist du wertlos, sitzt nur nutzlos herum. Dass es zwischen den Feiertagen wenig Sinn macht, nach Jobs zu schauen, dass man die Jobs von heute auch nicht mehr per Zeitungsannonce oder noch besser „geh doch einfach mal beim DüMong Verlag vorbei!“ findet, das wird nicht beachtet. Faul ist man. Und dumm dazu. Was machste denn jetzt? Wie, du gehst jetzt Freunden beim Umzug helfen? Hier, ein paar unsinnige Links über die Berufswelt. Bewerbungs-Einmaleins. Kannste bestimmt brauchen. Die Geheimcodes der Arbeitszeugnisse. Ahja. Dass ich jeden Morgen um halb acht anfange den Haushalt zu schmeißen, mich weiterbilde, mir Gedanken mache und wie eine Irre nur noch dran denke, wo es hingehen könnte – uninteressant. Ich mache anderen nichts als Sorgen. Und sitze rum. „Du wärst echt besser mal Gärtner geworden – aber da verdienste ja nix.“ Ja, Bingo. Ich wäre auch sehr viel lieber Gärtner. Weil ich lieber draußen bin als in einem Büro. Und was mit meinen Händen schaffen möchte, als nur in Meetings Sessel warm zu sitzen. Und warum habe ich stattdessen studiert? Weil ich gezwungen wurde. Weil ich JEDEN Tag mir anhören durfte, dass ich mich ja wenigstens mal einschreiben könnte, damit ich meine Halbwaisenrente bekomme. Wenn ich schon ein nutzloser Idiot mit Abi bin, der nach dem Tod seiner Mutter sich nicht um Karriereoptionen schert. Sowas aber auch! Dass ich einfach nicht funktionieren kann! Warum bin ich damals aus Köln weg, ganz alleine? Aus dem gleichen Grund: JEDEN TAG gefragt wurde, warum ich immer noch keinen Job habe und mich schlecht fühlen musste, wenn ich nach dem Bewerbungen schreiben meiner Freizeit nach oder jobben ging.
Klar bin ich dankbar, dass ich mein Elternhaus überm Kopf habe – mehr als das. Ich bin sehr sehr glücklich, dass ich hier nach meinem Jahr des großen Auf-die-Fresse-fallens ankommen durfte.
Aber heißt das, dass ich mich behandeln lassen muss als wäre ich 5? Mein Vater hängt sogar meine Wäsche ab und neu auf! Ich mache das falsch, findet er. Brote schmieren, Laub kehren, Karotten reiben – ALLES mache ich falsch. Ich kann nämlich offensichtlich gar nichts und habe in 16 Jahren nie mein Leben alleine geführt.
Ich weiß, er macht sich vorrangig Sorgen. Nur leider drückt sich das allein in Bevormundung aus. Er weiß, wie Dinge richtig gehen – ich bin die Idiotin, die zu dämlich für die Ehe war (Er hat’s ja gleich kommen sehen) und jetzt auch noch zu unfähig, ihren Job zu behalten. Nichts als Sorgen bereite ich.

Mann, was fühl ich mich gerade willkommen.
Am besten schreibe ich gleich wahllos ein paar Agenturen an, auf ein paar weitere Jahre im Marketing- und Werbezirkus. Denn wo man die Seele verkauft, gibt’s wenigstens ordentlich Gehalt dafür!
Und das ist es doch, was gezählt wird.