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Zitat

„I pleaded with God,

I asked and begged and bargained, but God did not bargain.

God was stubborn and deaf and oblivious.

And she died and I lived and a hole opened up,

dark and bottomless, and I fell down

and kept falling for centuries.“

(from Matt Haig, „How to stop time“)

 

 

Leseliste 2017

Neues Jahr, neue Liste!

Januar:
Pflanzliche Notnahrung: Survivalwissen für Extremsituationen von Johannes Vogel
Ende der Märchenstunde – Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt von Kathrin Hartmann
Tschik von Wolfgang Herrndorf
Born to run (Hörbuch) von Christopher McDougall
Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten von Becky Chambers

März:
A Court of Thorns and Roses von Sarah J. Maas

April:
Ikigai – Gesund und glücklich hundert werden von Héctor García & Francesc Miralles
Florence Grace von Tracy Rees
A Court of Mist and Fury von Sarah J. Maas
Die zwei Leben der Florence Grace von Tracy Rees
Eat & Run von Scott Jurek
The End of the World Running Club von Adrian J. Walker

Mai:
Paladin von Sally Slater (Hörbuch)

Juni:
Die Intelligenz der Tiere von Carl Safina
The universe has your back von Gabrielle Bernstein (Hörbuch)

Juli:
Blackout von Marc Elsberg (Hörbuch)

August:
Milk & Honey von Rupi Kaur

September
„Wovon ich rede wenn ich vom Laufen rede“ von Haruki Murakami
Das Finisher-Handbuch von beVegt
Depression & Other Magic Tricks von Sabrina Benaim

Oktober
Quality Land von Marc-Uwe Kling
How to stop time von Matt Haig
Die Suppe lügt von Hans-Uwe Grimm

November
How not to die von Michael Greger

December
Seven of Crows von Leigh Bardugo

Buchtipp: Reasons to stay alive (by Matt Haig)

„A drop of ink falls into a clear glass of water and clouds the whole thing.“

Auf meiner infiniten Leseliste für 2016 hat sich ein Titel nach vorne geschmuggelt. So ist das mit Büchern von Lieblingsautoren. Vor allem wenn das Buch ein Thema behandelt, das einem besonders nahe geht. Matt Haig schreibt Sätze, die ich mir an die Wand hängen und gerne jedem eintätowieren möchte, der schon einmal zu einem psychisch Kranken etwas gesagt hat wie „Das hab ich auch manchmal, das geht vorbei.“, „Lach doch ma.“ oder „Immerhin ist keiner gestorben.“

„If you have ever believed a depressive wants to be happy, you are wrong. They could not care less about the luxury of happiness. They just want to feel an absence of pain.“

Jedem, der in seinem Leben an Depressionen gelitten hat oder leidet sowie Allen, die einen Angehörigen besser verstehen möchten, empfehle ich dieses Buch wärmstens:
Matt Haig: „Reasons to stay alive“.

Things depression says to you
HEY, SAD-SACK!
Yes, you!
What are you doing?
Why are you trying to get out of bed?
Why are you trying to apply for a job?
Who do you think you are? Mark Zuckerberg?
Stay in bed.
You are going to go mad. Like Van Gogh. You might cut off your ear.
Why are you crying?
Because you need to put the washing on?
Hey. Remember your dog, Murdoch?
He’s dead. Like your grandparents.
Everyone you have ever met will be dead this time next century.
Yep.
Everyone you know is just a collection of slowly deteriorating cells.
Look at the people walking outside.
Look at them. There. Outside the window.
Why can’t you be like them?
There’s a cushion.
Let’s just stay here and look at it and contemplate the infinite sadness of cushions.

PS. I’ve just seen tomorrow.
It’s even worse.

Leseliste 2016

Januar:
Stefan Klein – Träume

Februar:
Henning Mankell – Treibsand. Was es heißt, ein Mensch zu sein
Ben Aaronovitch – Rivers of London
Sarah Kuttner – 180° Meer
Andreas Eschbach – Quest (Hörbuch)
André Meier – Die kleine Aussteigerfibel

März:
Sarah J. Maas – Crown of Midnight (Throne of Glass 2) (Audiobook)

April:
Sarah J. Maas – Heir of Fire (Throne of Glass 3) (Audiobook)
Jennifer L. Armentrout – Obsidian
Matt Haig – Reasons to stay alive
David Leviathan & Rachel Cohn – Dash and Lily’s book of dares
Cormack McCarthy – The Road (Audiobook)
Lewis Carroll – Alice im Wunderland

May:
Jennifer L. Armentrout – Onyx (Audiobook)
George Orwell – 1984
Daniel H. Wilson – Amped
Roger Smith – Ishmael Toffee

June:
Christine Thürmer – Laufen.Essen.Schlafen
Max Barry – Jennifer Government (Audiobook)
Rainbow Rowell – Carry On

July:
Thees Uhlmann – Sophia, der Tod und ich (Audiobook)
Rochelle B. Weinstein – Where we fall

August:
Wilhelm Genazino – Außer uns redet niemand über uns
Rick Yancey – The 5th wave (Audiobook)
Hape Kerkeling – Ich bin dann mal weg (Audiobook)
Thommie Bayer – Seltene Affären

September:
Scott Meyer – Off to Be the Wizard (Magic 2.0) (Audiobook)
Chiara Gamberale – Das 10 Minuten-Projekt (Audiobook)
Katharina Hagena – Das Geräusch des Lichts
Captain Paul Watson – Earthforce!

Oktober:
Stephen S. Ilardi – Depression ist heilbar
Jennifer Niven – All the bright places

November:
Mark Manson – The subtle art of not giving a fuck (Audiobook)
Eckhart Tolle – Jetzt! Die Kraft der Gegenwart (Audiobook)

December:
Konrad Ott – Zuwanderung und Moral (Essay)
Kevin Brooks – Travis Delaney

Leseliste 2015

Kurzmitteilung

Dezember:
Stefan Klein: Träume

November:
Markus Heitz: Aera (Hörbuch)
Silas Matthes Kings & Fools – Verfluchte Gräber
Attila Hildmann: Vegan Italian Style

Oktober:
Noelle Hancock: My year with Eleanor
Emily St John Mandel: Station One
Silas Matthes Kings & Fools – Verdammtes Königreich
Natalie Matt: Kings & Fools – Verstörende Träume
Alain Monnier: Die wunderbare Welt des Kühlschranks in den Zeiten mangelnder Liebe
Josephine Angelini: Firewalker (The Worldwalker Trilogy, part II)

September:
John Green: An Abundance of Katherines
John Green: Paper Towns
Petra Durst-Benning: Kräuter der Provinz
Rainbow Rowell: Attachments

August:
Kai Meyer – Die Seiten der Welt – Nachtland
Anna Tood: After (Hörbuch)
Petra Durst-Benning: Die Champagnerkönigin
Silas Matthes: Miese Opfer

Juli:
Tanya Stewner: Alea Aquarius
Kiera Cass – The Heir (Hörbuch)
Victoria Aveyard – Red Queen (Hörbuch)
Ernest Cline – Ready Player One (Hörbuch)

Juni:
Laura Newman – Coherent
Kiera Cass – The One (Hörbuch)
Kazuaki Takano – Extinction (Hörbuch)

Mai:
Robin Hobb – Assassin’s Apprentice
Kiera Cass – The Selection (Hörbuch)
Kiera Cass – The Elite (Hörbuch)

April:
Nathan Filer – The Shock of the Fall
Kai Meyer – Die Alchimistin (Hörbuch)
Rainbow Rowell – Eleanor & Park
Mike Rohde – Das Sketchnote Handbuch
Andy Weir – The Martian (Hörbuch)

März:
David Foster Wallace – This is water
James Salter – All that is
Thommie Bayer – Weißer Zug nach Süden
Josephine Angelini – Everflame

Februar:
Marc-Uwe Kling – Die Känguru-Chroniken (Hörbuch)
Wilhelm Genazino – Bei Regen im Saal
Jamie McGuire – Beautiful Desaster

Januar:
Per Petterson – Pferde stehlen
Bettina Henning – Ich bin dann mal vegan
Attila Hildmann – Vegan to go

Buchrezension: Vom (Ein)Schlafen und Verschwinden

Für die Weihnachtstage habe ich mich dieses Mal für Katharina Hagenas Roman „Vom Schlafen und Verschwinden“ (2012) entschieden. Ein Buch, auf das ich mich schon länger gefreut und es deshalb für eine ruhige Leseperiode aufgehoben habe. Der vorherige Roman „Der Geschmack von Apfelkernen“ (von 2008) zählt zu meinen ausgesprochenen Lieblingen zeitgenössischer deutscher Literatur – entsprechend hoch waren meine Erwartungen.
Im Roman geht es um zwei Frauen, deren Lebensgeschichten miteinander verwoben sind. Einmal ist da Ellen, eine Somnologin, die selbst unter Schlafstörungen leidet und sich, des Nachts wach liegend, an Episoden aus der Vergangenheit erinnert: An ihre Heimat, ihre uneheliche Tochter, das langsame Sterben ihrer Mutter und immer wieder an ihre zahlreichen Liebhaber: Lutz, der verschwunden ist, Andreas, der nicht mehr spricht, Declan, Benno…
Auf der anderen Seite ist da Marthe, die Ellen und alle anderen beobachtet und deren Bedeutung in der Story erst zuletzt aufgelöst wird:Cover

Ich bin unsichtbar, mein Haar ist grau, meine Augen sind grau, mein Gesicht ist grau, meine Zähne, meine Jacke, alles grau. Frauen meines Alters können sich unsichtbar machen, wir können fast alles. Wenn dich keiner mehr und keiner jemals wieder begehrt und du keinen mehr und keinen jemals wieder begehrst, dann bist du frei wie ein Vogel, vogelfrei, zum Töten frei, vielleicht lerne ich auf meine alten Tage noch das Fliegen. Oder das Töten.

Was mir bei „Der Geschmack von Apfelkernen“ so gut gefiel, die geschickte Verwebung einer Gegenwart mit den Erinnerungen der Protagonisten, misslingt hier in meinen Augen: Die „Hauptstory“, die der Gegenwarts-Ellen, kommt zu keinem wirklichen Ende und ich ertappte mich selbst dabei, wie ich – was ich wirklich sonst nie tue – teilweise diese Passagen überblättert habe, weil sie mir einfach zu langatmig wurden.

Diese Stadt ist eine einzige Wartehalle. Sie ist wie geschaffen für die Schlaflosen, überall wird hier gewartet, auf Bahnhöfen, vor dem Elbtunnel, öffentlichen Damentoiletten, Bushaltestellen, Flughäfen. Hier waten wir knietief durch die totgeschlagene Zeit.

Leider ist für mich als Leser das Ziel oft gewesen, Zeit tot zu schlagen. Ellens stundenlanges Warten auf den Schlaf ist – verrückte Welt – für den Leser sehr ermüdend. Was mir im anderen Roman der Autorin so ausgesprochen gut gefiel, das goldene Licht, die Wortwahl, mit der sie Kindheitserinnerung fast sinnlich greifbar zu machen vermochte, gelingt in diesem Buch nicht wieder. Ellen sinniert unter dem Einfluss von Medikamenten vor sich hin – und mir als Leserin gingen ihre Aneinanderreihungen von Phrasen, meist Wortspiele oder wiederholte Metaphern von Spinnennetzen, zunehmend auf die Nerven: „Blockstreifenschatten der Lamellen, Schattenlamellen, ich muss an die Sauerkirschen in Joachims Garten denken“.

Die eingebettete Story vom Verschwinden ist spannend und gefiel mir dafür recht gut, sie hätte einen properen „Tatort“, einen soliden eigenen Krimiroman abgegeben. Leider aber entschied sich die Autorin für eine andere Erzählweise. Man mag es als Stilmittel betrachten, dass der Fluss in der übergeordneten Geschichte fast einschläft, aber eben dieses allgegenwärtige Warten, Wörter auf- und Schäfchen zählen habe ich als unglaublich zäh empfunden.
Ich wünsche mir sehr, dass Frau Hagena bald wieder einen Roman schreibt und zurück zu dem findet, was den „Geschmack von Apfelkernen“ so wundervoll gemacht hat. Detaillierte Kindheitserinnerungen, die sich in ihrem neuen Roman leider nur vereinzelt finden, hier eine Kostprobe:

Heidrun und die anderen Mütter zogen sich in riesigen Frotteeumhängen um. Am Hals wurde „der Schlauch“ mit einer dicken Kordel zugezogen, und so duckten und wanden sich unserer Mütter darin wie in einem seltsamen Tanz. Sie stießen mit ihren Ellbogen und Hintern in dem Sack herum, sodass er sich in alle Richtungen ausbeulte. […] Nach wenigen Minuten des Knuffens und Schlängelns streiften sich die Mütter den schweren Frotteesack über den Kopf und standen entweder im Bikini oder in ihren Kleidern auf der Badematte, je nachdem, ob sie kamen oder gingen. Unser Schlauch war von einem fürstlichen Korallenrot mit einem blauen Rankenmuster und einer blauen Kordel, aber Anfang der Achtzigerjahre begann sich Heidrun für ihre Verschämtheit zu schämen. […] Aus unserem Schlauch schnitt sie zweiundfünfzig Wischlappen. Wir benutzen sie immer noch.

Schön, oder? Unser Frotteesack war übrigens helltürkis mit einem blau-lilanen Rankenmuster! 😉
Wer „Der Geschmack von Apfelkernen“ einmal lesen mag, dem sei dieser Roman wärmstens ans Herz gelegt. „Vom Schlafen und Verschwinden“ kann ich leider, trotz ein paar hübscher Stellen, die ich mir angestrichen habe, nur sehr geduldigen Lesern empfehlen.

Quelle: Katharina Hagena, „Vom Schlafen und Verschwinden“ Verlag Kiepenheuer&Witsch, Auflage: 2 (10. September 2012)

Herzensbücher

Im Urlaub habe ich mehr Geld für Bücher ausgegeben als für Essen. Viereinhalb habe ich davon gelesen und seitdem bin ich endlich wieder in einer „Lesefieber-Phase“, wie ich sie lange nicht hatte – und es tut mir gut. Die Auswahl meiner Bücher verleitet meine Mitmenschen allerdings zu Aussagen wie „Lies doch mal was fröhliches.“ oder „Kein Wunder, dass Du Dir immer traurige Gedanken machst, Du darfst Dir Deine Bücher nicht so zu Herzen nehmen!“
Wie bitte? Bücher nicht zu Herzen nehmen?! Meine Lieben, genau dazu sind sie doch da!

Wenn ich genau überlege, sind meine Lieblingsbücher tatsächlich immer solche, in denen nicht alles schön und eierkuchenfriedvoll ist. In meinen letzten beiden Büchern ging es um krebskranke Jugendliche („Das Schicksal ist ein mieser Verräter„) und um den Wunsch eines Tetraplegikers nach Sterbehilfe („Ein ganzes halbes Jahr“).
Aber hey, ich habe auch ein richtiges Urlaubsbuch gelesen, so eins mit Blumen und Kitsch und Liebe („Das Orchideenhaus“), welches gar nicht einmal so mies war. Nur eben seicht. Das genügt dann auch wieder für eine Weile und es zieht mich in den Buchladen oder neuerdings in den Kindle-Buchshop, um nach neuer, „schwerer Kost“ zu stöbern (Warum muss ich jetzt bloß an die Milchschnitte-Werbung zweier Boxer denken?).

Irgendwo habe ich mal folgendes Zitat gelesen: „Das Unheil, welches die schlechten Bücher anrichten, kann nur durch die guten wieder ausgeglichen werden“ und genau so sehe ich das. Ein Buch, das jeder schreiben könnte, weil es die Handlung eines ZDF-Sonntagsfilms umfasst, gibt mir nichts, fordert mich nicht, regt mich nicht zum Nachdenken an. Es vertreibt die Zeit und amüsiert vielleicht für eine Weile – eben wie ein Fernsehfilm. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Meine Lesezeit ist begrenzt (so viele Bücher für so ein kurzes Leben!), darum versuche ich, das zu lesen, was mir eben gefällt. In meinem aktuellen Buch, „Die Ordnung der Sterne über Como“ dreht sich viel um vergangene Lieben, um gescheiterte Ehen und ich stelle mir beim Lesen die Frage, ob die Gefühle, die das Buch heraufbeschwört, authentisch sind: Spricht man so miteinander, nach etlichen gemeinsamen Jahren, wenn die Liebe gegangen ist? Fühlt sich so eine Liebe an, die kalt geworden ist? Obwohl einen so viel miteinander verbunden hat?

Ich soll mich da nicht derart reinsteigern, heißt es dann. Dabei ist es genau das, was ich am Lesen liebe: Reinsteigern. Eine Welt erfahren, die nicht die eigene ist. Nicht umsonst waren meine ersten Lesejahre geprägt von Abenteuergeschichten und Science Fiction. Eintauchen in eine andere Welt – vor allem eine andere Gefühlswelt – dies dem Leser zu ermöglichen, ist die größte Leistung eines Buchautors. Ich kann weinen, leiden, mich verlieben, mit offenen Augen durch eine fremde Stadt laufen und mich hinein fühlen in das Leben eines Protagonisten, der nicht ich selbst bin. Ein anderes Leben auf Zeit. Bücher nehmen mich mit auf eine Reise, die ich so nie wagen könnte. Im Geiste durchlebt man Szenen, die vielleicht in meinem Leben keine Relevanz besitzen – oder vielleicht auch nur noch nicht. Warum soll man denn alles ausblenden, was einen Menschen nachdenklich oder traurig stimmen könnte? Ich finde, solche Bücher bereichern. Sie erweitern meinen Erfahrungschatz, mein Wissen um die Welt und die verschiedenen Menschen darin – ohne dass ich die Erfahrungen selbst machen muss. Ein bisschen wie Flugsimulator spielen mit Gefühlen. Es macht mich stärker: Ich bilde mir dann ein, ein besserer Flieger zu sein, wenn ich zurückkehre in meine eigene Welt, hinter einem sich schließenden Buchdeckel.

„Von seinen Eltern lernt man lieben, lachen, und laufen. Doch erst wenn man mit Büchern in Berührung kommt, entdeckt man, dass man Flügel hat.“ (Helen Hayes)

Literaturpapst

„Die Literatur kennt nur zwei Themen: Die Liebe und den Tod. Der Rest ist Mumpitz.“

Ruhen Sie in Frieden, Marcel Reich-Ranicki. Als kleine Germanistikstudentin, mit dem Studium anfangs nicht wirklich glücklich, besuchte ich meine erste LitCologne in Köln. Elke Heidenreich eröffnete gemeinsam mit Ihnen die Veranstaltung mit einem Zwiegespräch über Literatur: Streitlustig, witzig, kontrovers, dabei stets liebevoll. Ihre Art, über Bücher zu sprechen, hat mir Mut gemacht, dieses Studium weiter zu verfolgen und ist einer der Gründe, warum ich noch heute stapelweise Literatur verschlinge.
Bücher sind alles, was wir Menschen sein können, wir bestehen aus dem Lieben und aus dem Sterben.
In einer langen und beeindruckenden Lebensgeschichte ist heute das letzte Kapitel geschrieben worden. Ich habe die Befürchtung, Ihr Platz auf dem Papstthron der Literatur in Deutschland wird unbesetzt bleiben. Ich hoffe jedoch, dass es immer wieder Menschen gibt wie Sie, die nicht den Verkaufslisten glauben, wenn sie ein wirklich gutes Buch suchen und die den Mut haben werden, auch mal laut „Mumpitz“ zu rufen und einen bescheuerten Medienpreis abzulehnen.
Bravo, Herr Reich-Ranicki, haben Sie vielen Dank!

Exeunt.

The fault in our stars

Eigentlich möchte ich hier gar nicht nur noch Buchbesprechungen schreiben, sondern lieber selbst schreiben und nicht kommentieren, was andere vor mir geschrieben haben. Andererseits gibt es Bücher, selten zwar aber dafür umso kostbarer, die ich am liebsten gerne selbst geschrieben hätte und die deswegen Herzensdinge sind – und für Herzensdinge ist mein Blog ja da.

In John Greens „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ verliebte ich mich sofort wegen seines Titels. Ich dachte „genau!“ und griff nach dem Buch, als ich es in der Kölner Bahnhofsbuchhandlung entdeckte. Ich schlug es auf, las den englischen Originaltitel, „The fault in our stars“ – und verliebte mich noch viel mehr. thefaultinourstars.jpg

Ich gebe zu, ich war skeptisch, als ich begann, es zu lesen. Ein Buch, in dem zwei jugendliche Protagonisten Krebs haben – möchte ich das wirklich lesen? Nach dem ersten Kapitel wusste ich: Ich möchte nicht nur, ich muss. Helen ließ mich nicht mehr los, denn sie hasst es, wenn Menschen ihr komisch begegnen, weil sie Krebs hat. Ehrlich und direkt ist Helen, wie man es vielleicht nur kann, wenn man als junger Mensch schon so viel erlebt hat, wie andere Menschen in einem ganzen Leben. „Krebskinder sind eine Nebenwirkung der unermüdlichen Mutation, die die Vielfalt des Lebens auf der Erde sichert“ sagt Helen einmal – und diese Geschichte nimmt uns mit in ihre Welt, realistisch, ohne den Pathos und Kitsch, den andere Bücher zum Thema oft mit sich bringen. Nicht so in Greens Roman, der vom Leben (und Sterben) in all seiner Traurigkeit – aber auch in seiner Fülle erzählt.

Helens Todesurteil „unheilbar“ ist nur aufgeschoben, als sie in der Selbsthilfegruppe Augustus kennen lernt, der durch ein Osteosarkom ein Bein verloren hat. Die beiden verbindet bald eine Liebe, wie sie jeder einmal im Leben erlebt haben sollte. Stundenlang reden, sich alles erzählen oder schweigen und keinen Moment daran zweifeln, dass man den anderen immer und überall hin begleiten wird. Auch dann, wenn das Schicksal sich am Ende als ein mieser Verräter erweist und nichts übrig bleibt außer einer Ansage auf der Mailbox, die du dir immer wieder anhören möchtest.

Auch wenn ich mir als Leser Happy Endings wünsche, so machte mir Helen sehr schnell klar, dass ihre und Gus‘ Sterne von Anfang an nicht günstig standen – und ich konnte es akzeptieren. Ihre Krebsgeschichte, das sind eben die vielen Schläuche, das Krankenhausweiß und die freundlichen Pfleger, Kinder in Rollstühlen, besorgte Angehörige, Freunde, die einen anders behandeln, das Abschied nehmen von Leidensgenossen. Aber es ist auch das Besondere in einem Glas Champagner an einem einzigen perfekten Abend in Amsterdam, dem Atmen des geliebten Menschen neben Dir, seine Hand zu halten und einen Moment lang die Zeit langsamer laufen zu lassen. Greens Roman fasst zwischen zwei Buchdeckeln das Äquivalent eines ganzen Lebens: Seine Figuren sind realistisch und alleine damit gelingt dem Autor in meinen Augen, dass diese Geschichte überhaupt erträglich erzählt werden kann. Helens und Gus‘ hinterlassen Spuren wie wir alle. In den Erinnerungen anderer Menschen, die uns zu mehr machen als eine reine Nebenwirkung oder eine Momentaufnahme des menschlichen Lebens.

„Es gab eine Zeit, bevor die Organismen zu Bewusstsein kamen, und es wird eine Zeit danach geben. Und wenn es die Unausweichlichkeit des menschlichen Vergessens ist, die dir Angst macht, dann rate ich dir eins: ignorier sie einfach. Das ist weiß Gott, was alle anderen machen.“

Vier Arten, die Liebe zu vergessen

Das Buch „Vier Arten, die Liebe zu vergessen“ von Thommie Bayer hatte ich einer lieben Freundin zum Geburtstag geschenkt – und konnte natürlich nicht widerstehen, es mir auch gleich selbst zuzulegen. Das Taschenbuch erscheint zwar erst im Oktober, aber auch die Hardcover-Ausgabe ist, wie ich finde, jeden Cent wert. Ich gebe zu, es hat für meine Verhältnisse ein wenig zu lange gedauert, dieses Buch zu lesen. Völlig unverständlich, denn wenn man einmal „drin“ ist, liest es sich wie ein einziger Gedankenfluss.

Thommie Bayer liegt mir als Autor sehr am Herzen, seit ich 2009 im Rahmen meines Volontariats auf einer Lesung von ihm im Hamburger Literaturhaus war und einen Blogeintrag über diesen wahnsinnig sympathischen Autor und sein Buch „Aprilwetter“ schrieb, der leider nicht mehr online zu lesen ist 🙁 Ich las daraufhin „Eine kurze Geschichte vom Glück„, das ich jedem nur wärmstens empfehlen kann.

Klar, dass ich auch „Vier Arten, die Liebe zu vergessen“ unbedingt lesen musste. Es geht um vier Männer, alte Jugendfreunde, die einander seit 20 Jahren nicht gesehen haben und zur Beerdigung ihrer Lehrerin Emmi wieder aufeinander treffen. Die Vier, die früher nicht nur Freunde, sondern auch eine Musikband gewesen waren und nun so völlig unterschiedliche Leben fern voneinander führen, verabreden sich zu einem Wiedersehen bei Michael in Venedig.

Vier Leben, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch miteinander verwoben und verbunden sind, durch ihre Frauengeschichten, die Musik, die immer noch in ihnen allen klingt und durch Erinnerungen. Thommie Bayer gelingt es wieder einmal virtuos, die parallelen Erzählstränge, Venedig im Wechsel mit den Erinnerungen der Vier, die sich durch das Buch ziehen und Stückchen für Stückchen die ganze Geschichte der Freundschaft offen legen, zu verbinden. „Gefühlvoll“ und „musikalisch“ erzählt er, so dass man sich auch als Frau hineinversetzen kann in diese Gefühlswelt von mittelalten Männern. Ein paar Mal – und auch das gelingt Thommie Bayer stets ohne vorankündigende Trommelwirbel – macht die Erzählung schmunzeln und weckt große Sympathien selbst für den verschrobensten Charakter. Meine Lieblingsstelle:

„Das Frühstück verlief in dem typischen, scheinbar mürrischen, in Wirklichkeit aber einfach nur gelassenen Schweigen, mit dem sich Männer auf der ganzen Welt in den Tag hineintasten. Wenn sie unter sich sind und nicht eloquent sein müssen.“

(Thommie Bayer: „Vier Arten, die Liebe zu vergessen“, S.216)

Es ist schwierig, nicht zu viel zu verraten, denn so wie der Protagonist Michael erfährt man auch als Leser erst nach und nach, was das Leben mit den vier Freunden angestellt hat. Mit der wachsenden Vertrautheit, der nötigen Zeit, die Männer einander für solche Gespräche lassen, kommen diese Ereignisse und Gefühle ans Licht.

Fazit: Am besten selbst lesen und sich verlieben in diese vier komischen Kerle, irische Musik, venezianische Plätze – und wieder einmal in Thommie Bayers Schreibkunst!