Morgenlicht – a freewriting exercise

Morgenlicht strahlte vor dem Fenster. Ein Feuer aus pink und orange, das durch die schmutzigen Scheiben brach und die Pflanzen und das kleine Zimmergewächshaus von beleuchtete, dass deren Silhouette aussah wie ein eigenes kleines Dorf im Sonnenuntergang: Schwarze, verästelte Bäume und eine Scheune vor einem glühenden Himmel.
Sina liebte diese frühe Morgenstunde. Kein Laut war aus dem Nachbarhaus zu hören, nur ein paar vorlaute Amselstimmen von draußen. Alles neu.
Der Tag vor ihr ausgebreitet, wie ein weißes Blatt Papier.
Irgendjemand wird heute sterben, dachte Sina, und irgendwo anders wird jemand heute den schönsten Tag seines Lebens haben. Während sie den Träumen der Nacht nachspürte, die einen verwirrt zurücklassen wenn das, was man dort erlebt, so viel größer ist als das Leben bei Tag, stieg die Sonne langsam höher und kroch über das Dach des gegenüberliegenden Hauses. Ein Blitzen erst, dann ein Sonnenstrahl. Mitten ins Gesicht. Wie ein Scheinwerfer, der unerbittlich einfing wie sie da hockte und den Morgen verstreichen ließ. Meine Damen und Herren, hier sehen Sie eine, die das Leben nicht kapiert hat. Jeden Morgen sitzt sie da und wünscht sich für immer in das Land der Träume, statt den Tag zu nutzen. Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt. Schon vergessen, liebe Sina? Er will – DU bist hier das Problem!
Buh-Rufe aus dem Publikum signalisieren ihr, dass der Kopf restlos erwacht ist.
Sie sind wieder da.
Die Stimmen, Zweifler, Nörgler und Kritiker. War schön gewesen ohne euch.
Eines Tages, hofft sie, würden sie nicht mehr wach werden.
Dann, ja dann, wird sie frei sein.

The unsent project

to X.:
I knew you’d find excuses again. Just sad you wouldn’t make an effort to find one less lame.

to X.:
I don’t ever want to see you again – in any of my lifetimes. Still, you haunt my dreams. Can you please go fuck off?

to X.:
Idiot.
(I want to type just that. And manage never to reply to any of your sorry-ass attempts to stay in touch again.)

to M.:
Whatever happened to us being soulmates?

to S.:
All those years passed and I kept thinking of you – decades really … I wonder: did I ever cross your mind?

to X.:
I miss you dearly. But our friendship got too much for me to maintain. I’m so sorry.

to X.:
I still keep your number in my phone. Even though you’ve left so long ago. Seeing your name reassures me you were here.

https://theunsentproject.tumblr.com/

Lebens-Lauf

Nach einem Winter
der endlos bleiben wollte
Nach dem tiefen Abgrund
in den mich jemand gezerrt
Nach dem Loslassen
das mich zurückließ
Nach der Mauer
die ich um mich aufrichtete
Nach dem Stress als
das Arbeitsleben losging
Nach Monaten als ich mich aufraffte
mir das Ziel setzte zu laufen
Nachdem ich jemanden fand
bei dem ich ankommen kann
Nach dem Wochenende
nur die Zeit genießen
nach den letzten langen Kilometern
endlich entspannen

Jetzt erst denke ich zum ersten Mal:
Vielleicht…habe ich es zurück
mein Leben.

Kein Tag vergangen ohne Erinnerung an Dich.
Als ich eine Blume niederlegte an Deinem Grab frage ich mich, wie es wohl heute wäre, wenn nicht gekommen wäre, was kam. Wären wir alle ein bisschen weniger kaputt? Ein bisschen weicher und wärmer? Weniger wütend auf die Welt?
Ich weiß es nicht. Alles was ich weiß ist, dass man Situationen und Personen überstehen kann, die man für lebenswichtig erachtet hat, weltbewegend und essentiell. Dann stellt man fest, dass man sehr gut ohne kann. Du wächst an den Schmerzen, an den Lektionen, am Stress, der Enttäuschung durch andere Menschen. Nachdem man das durchgestanden hat, geht es besser und was mich vor einem Jahr beschäftigt hat, ist vergessen und ruht in der Mottenkiste, bis es zu Staub der Zeit zerfällt. Und dann wiederum geschehen solche Sachen, die alles für immer verändern. Die einen so nachhaltig auseinander reißen und für immer das Leben trüben. Wie der Abschied von Dir. Dennoch existiert man weiter, verstreicht die Zeit, sind wir Zurückgelassenen weiter auf dieser Seite des Vorhangs. Warten auf den Tag des Wiedersehens.

Fragen uns, was Du geraten hättest.
Erinnern uns, wie Du gelacht hast.
Wünschen uns die Zeit zurück.
Dein Fehlen ist so allumfassend.

In 17 Jahren hat sich die Umwelt verändert. Ich mache Fehler, treffe falsche Entscheidungen, muss mich Aufgaben stellen, die ich mir selbst eingebrockt habe. Ich verliere, stehe auf und mache weiter. Mit der Zeit bin ich routinierter, aber auch dessen müder geworden. Die Welt geht mir auf den Geist mit all ihrem Druck, der Selbstdarstellung, dem Wettkampf, der Respektlosigkeit, Gewalt, Zerstörung und Wut, überall ist so viel Wut. Oft möchte ich mit all dem nichts mehr zu tun haben und die Waffen einfach fallen lassen.

Warum muss man das Leben meistern? Reicht es denn nicht, dass ich es nicht aufgebe?

Dann sehe ich, wie die Sonnenstrahlen durch eine Baumkrone brechen und auf der Friedhofsmauer tanzen. Ein kleiner Baumsprössling wächst aus einer Ritze zwischen den Steinen empor. Er hat es schwer, keinen Boden zum Wurzelschlagen, aber er lässt sich nicht abbringen, will ein großer Baum werden, hinauf ins Licht.
Egal ob er (oder ich) das jemals schaffen können, wir werden es versuchen. So lange es die Sonnenstrahlen gibt und das feine Geäst von Blättern im Gegenlicht, den Duft von Heckenrosen, Feldbrombeeren, das Schnurren einer Katze oder das warme Gefühl, wenn jemand den Du magst Dich berührt. So lange ich noch merke, dass ich mehr gemeinsam habe mit einem Kind, das die Welt erkundet und alles Natürliche darin liebt und die Göttlichkeit darin erkennt, als mit einem Erwachsenen, für den alles was zählt, Status und Regeln sind – So lange bist Du in mir.
Bei uns.
In der Welt.
Für immer unvergessen.

fragile mind

So wurde ich denn gefragt, warum ich schon länger nichts mehr geschrieben habe. Die Antwort kam mir sehr direkt in den Sinn: Weil ich gerade in der Fastenzeit bin und mir der Rotwein fehlt, der sonst so oft der Begleiter meiner meist nächtlichen Schreibattacken war.
Kleiner Hemingway.
Hinzu kommt, dass ich im Grunde nur dann in den Schreibfluss komme, wenn mich etwas bewegt, etwas passiert ist. Ich entweder zu einer neuen Erkenntnis für mein Leben gelangt bin, ich ich festhalten oder mir etwas von der Seele reden möchte.
Beides – Alkoholkonsum und das Leben im Grenzbereich von Gefühlen, die mich in den Abgrund reißen können – sind Zustände, denen ich nicht länger Platz in meinem Leben einräume.
Sich betrinken, um Gefühle besser zu ertragen (in meinem Falle eher: zu ergründen) ist eine sehr hässliche Fratze, die mir mein altes Leben oft genug vorgeführt hat.
Ich will es nicht länger.
Ebenso wenig wie den freien Fall.
Also schreibe ich. Schwebend, nüchtern und ganz klar.
Ich habe Angst, das Gleichgewicht zu verlieren, den fragilen Zustand. Erst heute wieder gefährdet durch einen bösen Traum: Eine Person, ich glaube in Vertretung meines Unterbewusstseins, sprach darin zu meinem Freund, unwissend, dass ich mithöre. All meine Zweifel, aber auch gemeinen Spott und Hohn – dass ich ja sowieso nicht wisse, was ich will, dass ich ihn wohlmöglich enttäuschen würde, dass meine Ex-Partner die bessere Wahl gewesen seien. Ich war schockiert und wütend, sogar noch lange nach dem Aufwachen.
Wie gemein! Wie hinterhältig! Was für Lügen!
Oder?
Zweifel kamen auf: Vielleicht hatte die Person im Traum nur ausgesprochen, was ich eigentlich denke, mir Zugang zu meinem unbewussten Wissen gewährt. Der zweite Gedanke brachte mich dann aber zum Lächeln: Mein Ex, besser? In welcher Welt?? Jemand der mich so behandelt hat? Definitiv: Auf gar keinen Fall wahr! Ich bin froh um den jetzigen Zustand, einen Menschen an meiner Seite zu haben, der mich achtet und ehrlich mit mir ist. Wo auch immer es hingehen wird.
Dann hat mich ein Gespräch mit einer Freundin beschäftigt. Sie erzählte mir – was ich noch nicht wusste – dass besagter Ex an Karneval seine neue Freundin (die es gar nicht gibt, welche dreiste Unterstellung von mir, haha!) im Freundeskreis vorgestellt hat. Zu dieser Gelegenheit muss er auch wieder kräftigst auf die Tränendrüse gedrückt haben, weil ihn jetzt alle doof finden. Sogar soweit, dass seine Neue die Freunde angegangen ist, dass diese sich ja nie bei ihm melden würden. Der arme. Also echt.
Ich weiß nicht, was diese Information mit mir macht. Es ist nichts neues. Es interessiert mich nicht besonders und bringt mich auch nicht mehr zum weinen vor Wut und Hass auf diese falsche Person, die meint, Menschen zu manipulieren und anzulügen, habe seinen Platz in Freundschaften. Für den Freunde sowieso nur für die Kneipe gut sind und für die man nicht Zeit, Interesse, ein Ohr, ein Herz hat. Oder denen gegenüber man auch mal nen Fehler einräumt, statt sich weiter aufzuführen wie die personifizierte Arroganz.
Ich weiß nicht, was es macht. Es lässt mich auch nicht kalt. Doch ich werde es aushalten.
Kein Wein. Kein Weinen. Es ist alles in Ordnung. Es geht mir gut. Ich habe überlebt. Das schlimmste, was ich mir vorstellen konnte im Leben, gleich zweimal überstanden. Ich stehe noch hier. Alles ist sicher, er kann mir nicht mehr weh tun, auch wenn seine beißenden Worte es bis in meine Träume schaffen. Während er an irgendwelchen Theken hängt und mir nachts Mail mit weinerlichen, selbstmitleidigen Vermiss-Dich-Popsongs schickt.
Ich bekomme mein Leben wieder in den Griff. Ich wähle die Sonne, auf dass der Schatten hinter mich fällt.

I
CHOOSE
HAPPINESS

Nachtmusik

Manchmal ist Watte in die Ohren stopfen das Richtige, vielleicht auch einfach die einzige mögliche Lösung. Wenn die Welt zu viel wird. Watte, die die Geräusche da draußen erträglicher macht. Eine Decke um dich herum, die dich vor all dem versteckt und sei es nur für eine Weile. Wenn der Lärm, die Erwartungen der Welt und deiner selbst an dich zu viel werden, dann ziehst du dich hierhin zurück. Es ist ein warmes und angenehmes Gefühl hier drin. Aber ein seichtes. Wachliegen. John Lennon singt. Eine Stimme, die aus vergangenen Tagen an mich dringt. I didn’t mean to hurt you I’m sorry that I made you cry. Früher. Früher, da hätte ich weinen können. Lange und echt. Den ganzen Schmerz zugelassen. John und meine Mama und ich, wir haben einander verstanden und die Herzen restlos ausgeleert in jenen Momenten. Jetzt liege ich hier und blinzle lediglich. Wundere mich, wo sie hin sind – meine Traurigkeit, meine Fröhlichkeit. All die starken Gefühle, Hass und Liebe und Wut und Freude, von denen ich weiß dass sie mich einmal ausgemacht haben. Schaue einen Film der eigentlich sehr rührend sein müsste. Ein Mädchen, die Eltern taub und auf ihre Hilfe angewiesen, möchte raus in die Welt und singen. Und sie singt herzzerreißend schön. Mes chers parents, je pars. Je vous aime mais je pars. Vous n’aurez plus d’enfant ce soir. Je n’m’enfuis pas, je vole. Comprenez bien, je vole. Sans fumée, sans alcool. Je vole, je vole. Ich fliege nicht. Ich gehe auch nicht, ich bleibe da. Verharre unter meiner Decke noch länger, versuche die Wärme aufzusaugen wie ein Keimling, der die Kraft sammelt, bald Richtung Sonne zu wachsen. Was kann Wärme bewirken, die nicht tief genug reicht? Lebe meine Tage an der Oberfläche. Wohl wissend, dass die Untiefen da sind. Ich will nur nicht hinabschauen. Ein Pflaster, das sich über meine Wunden gelegt hat. Es ist nicht das selbe Gefühl. Da fehlt etwas. Die tiefgründigen Gespräche, Augenblicke, das verzweifelte Hassen und das innigst Lieben, die zusammen gingen. Intensiv. Lebendig. Ich. Oder? Am Ende sind unter dem Pflaster die Wunden längst vernarbt und die Stelle bleibt für immer taub. Eine dicke Eisschicht. So I remember we were driving, driving in your car. The speed so fast, I felt like I was drunk. City lights lay out before us and your arm felt nice wrapped ‚round my shoulder. And I had a feeling that I belonged. And I had a feeling I could be someone, be someone, be someone.

Aus dem Archiv in mir drin

Beim Aufräumen meines Computers entdecke ich einen angefangenen Text wieder. Manchmal finde ich beim Lesen der eigenen Sachen Erinnerungen und spüre vergangene Gefühle nach. Was ich dieses Mal lese, fühlt sich fremd an. Dass es von mir ist, erschreckt und bestätigt mich zeitgleich darin, dass es gut war, wie es am Ende gekommen ist…

Wo sind wir, das Paar, das gemeinsam lachte? Wo ist die Einheit hin: erst das wir, dann der Rest der Welt. Es ist, als ob wir nie eine Einheit gewesen sind, nur vielleicht eine Masse, die sich für einen gewissen Zeitraum durch Anziehungskraft angenähert und nur beinahe verbunden hat.
Der Abstoß kam leise, nicht explosiv, doch je weiter wir nun auseinander driften, desto größer die Beschleunigung. Wir können es kaum erwarten, frische Luft zu atmen, den anderen nicht sehen, nicht fühlen zu müssen in seiner Art, wie er da zurück bleibt. Weg nur weg von der traurigen Masse, die sich da aus demselben Grund rasend schnell in die entgegengesetzte Richtung entfernt.
Wollte es das Naturgesetz so oder waren wir es, die den Abstoß herbei geführt haben? Immer darauf hingesteuert, nie zur Ruhe kommend, nie die Bindung zwischen uns stabilisierend? Ich weiß nicht einmal, wie ich mich fühle auf meinem Flug, meiner Flucht vor dir und dem was wir einmal waren und hätten werden können.
Auf der Flucht vor dem Mittelpunkt in meinem Universum.
Haltlos.
Freudlos.
Mutlos.
Planlos.
Schwerelos.

(„Schwerelos“, geschrieben im November 2014.)

Staub

Ich habe eine Schreibübung gemacht, bei der man eine Assoziationswolke zum Wort „Staub“ aufschreiben und danach einen etwa 500 Worte langen Text verfassen sollte, in dem die Wörter vorkommen:
Staubwolke

Herausgekommen ist dieser Text. Leider passte das Raumschiff beim besten Willen am Ende nicht mehr in die Geschichte 🙂

Daniella zog die Wohnungstür hinter sich zu und trat hinaus auf die Straße. Es machte ihr nichts aus, dass der Nieselregen ganz langsam ihre Haare durchnässte. Sie war froh über die frische, vom Regen gesäuberte Luft. In der Wohnung war es stickig gewesen, noch muffiger als sonst. Dabei hatte sie die Fenster beim letzten Mal gekippt gelassen. Es hatte nichts gebracht. Die Wohnung schien zu spüren, dass sie verlassen worden war, dass nichts lebendiges mehr in ihr war bis auf ein paar Wollmäuse, die unbemerkt in den Ecken hin und her rollten, wenn ein Windstoß durch das Fenster wehte. Daniella hatte den Staub sehr wohl bemerkt, sich aber nicht drum gekümmert. Sie war nicht die Putzfrau und nicht zuständig dafür, dass die Wohnung in einem bewohnbaren Zustand blieb. Sie wusste nicht einmal, warum sie immer wieder in die leere Wohnung zurück kam. Seit die alte Frau gestorben war, für die sie früher öfters kleine Besorgungen gemacht hatte, fühlte sie sich aus irgendeinem inneren Antrieb verpflichtet, hier regelmäßig nach dem Rechten zu sehen. Sie fühlte sich der warmherzigen alten Dame verbunden und wusste, dass diese sich über die frische Brise in ihren Räumen gefreut hätte.
Emese Vákony war im Krankenhaus verstorben. Ihr Sohn, der wohl in Budapest lebte, hatte sich nicht zur Beerdigung blicken lassen und bisher hatte Daniella keine Information darüber, ob die Wohnung verkauft werden oder was damit passieren würde. Sie besaß noch immer die Schlüssel und war diejenige gewesen, die auf Bitten des Nachlassverwalters die Möbelpacker hineingelassen hatte, die das Hab und Gut von Madame Vákony wahllos in Kisten verpackten und wegschleppten. Wohin, das wusste sie nicht.
Daniella ging die Straße hinab, wich den Mülltonnen aus, die einfach mitten auf dem Gehweg platziert worden waren. An der Ecke bog sie links ab. Ein Wagen kam ihr entgegen, umfuhr eine Pfütze, die sie sonst wahrscheinlich voll abbekommen hätte. Sie betrat den kleinen Laden, in dem sie sonst für Madame Lebensmittel gekauft hatte, wählte eine Dose Katzenfutter und einen kleinen Blumenstrauß. Rosen, immer nur Rosen durften es sein. Keine herrlichen Duftrosen heute, dachte Daniella, tut mir leid, Madame! Aber es ging heute nicht anders. Sie wusste, dass die Vákony sich trotzdem gefreut hatte. Sie war so eine bescheidene alte Dame gewesen, immer liebevoll und freundlich zu ihr, der Studentin, die eigentlich nur in ihr Leben getreten war, weil sie ein paar Mark nebenbei verdienen wollte. Das war vor zwei Jahren gewesen.
Daniella hatte es nicht besonders gekümmert, als die ganzen alten Teppiche und Gemälde weggetragen wurde. Sicher waren sie wertvoll, aber sie hatte noch nie ihr Herz an irgendwelche Dinge gehängt. Ganz anders verhielt es sich mit dem Kater. Daniella hatte Léo bei sich aufgenommen, als Madame Vákony ins Krankenhaus musste. Der schwarze Kater mit den klugen gelben Augen hatte den Kopf schief gelegt, als Daniella mit einem flachen Obstkorb aus Weide die Wohnung betreten und ihn auf dem Küchentisch abgestellt hatte. Léo, mein Hübscher, du musst jetzt mit mir kommen, hatte sie ihm zugeflüstert, als sie auf einem der beiden Küchenstühle Platz genommen hatte und der Kater sie wie jedes Mal damit begrüßte, dass er seinen Kopf an ihrem Kinn rieb. Er sah ihr in die Augen und blinzelte, dann tappte er mit den Vorderpfoten in den Korb, dann mit den Hinterpfoten und nahm mit einer eleganten Bewegung Platz. Als Daniella den Korb hochnahm und mit ihm die Wohnung verließ, tat Léo so, als habe er sich sein Leben lang nie anders fortbewegt, als sich in einer Sänfte tragen zu lassen.
Daniella lächelte, als sie an den Kater dachte, der zuhause auf sie wartete – oder jedenfalls auf sein Abendessen. Er war Madames große Liebe gewesen und Daniella hatte ihr jedes Mal Fotos auf ihrem Handy zeigen müssen, die bewiesen, dass es ihm gut ging. Am liebsten hätte sie ihn bei sich im Krankenhaus gehabe, aber das war natürlich nicht erlaubt. Der Nachlassverwalter hatte kein großes Interesse an dem Verbleib der Katze gezeigt und Daniella war glücklich, dass ihre neue Wohnung dank dem Erbe, dass Madame Vákonys ihr in ihrem Testament zugesprochen hatte, groß genug für sie beide war. Léo würde fressen, dann würde er sich auf ihrem Schoß einrollen und hin und wieder schnurren, während sie an ihrer Abschlussarbeit für die Uni schrieb.
Daniella ging an den alten verwitterten Mauern des Kirchhofs entlang. Sie schob das schmiedeeiserne Tor auf, das nur wegen des Regens nicht so furchtbar quietschte wie sonst.
Emese Vákonys Grab war schlicht, aber dennoch hübscher als alle anderen. Der Grabstein, auf dem nur ihr Name stand sowie die Umrandung waren aus hellgrauem Marmor gearbeitet, der mit feinen schiefergrauen Streifen durchzogen war. Die schwarze Erde hatte Daniella erst vor wenigen Tagen fein geharkt. Guten Tag Madame, dachte sie, als sie den Blumenstrauß auswickelte und in die ebenfalls schiefergraue Blumenvase stellte. Ich komme ganz gut voran mit meiner Arbeit, berichtete sie der alten Dame, und ich soll Sie grüßen von Léo, er vermisst Sie ganz schrecklich. Naja, eigentlich fühlt er sich glaube ich sehr wohl bei mir. Daniella beeilte sich, diesen Gedanken weg zu schieben. Das gehörte sich nicht. Sowieso war es unsinnig, in Gedanken mit einer Toten zu sprechen. Aber irgendwie fand Daniella es unangemessen, ihre Worte laut auszusprechen, an diesem Ort, wo Asche zu Asche kam und die Lebenden ihre Erinnerungen hegten. Irgendwo zwischen der Sterne werde ich sitzen und runter gucken, Kind! hatte die alte Dame oft zu ihr gesagt. Wer zwischen den Sternen sitzt, der kann auch meine Gedanken lesen, dachte Daniella und lächelte. Die Besuche bei Madame auf dem Friedhof gaben ihr Kraft. Sie öffnete ihre Tasche und holte eine der teuren weil weißen Grabkerzen heraus, stellte sie in das Häuschen mit den bunten Glasfensterchen und griff nach der Streichholzschachtel in ihrer Manteltasche. Sie war nass. Während sie in ihrer Handtasche kramte, ob nicht vielleicht doch noch ein Feuerzeug irgendwo war, hörte Daniella plötzlich die Pforte am Eingang ins Schloss fallen. Sie hob den Kopf. Auf diesem Friedhof waren andere Besucher selten – vor allem so spät am Nachmittag und vor allem bei Regen. Ein Mann unter einem Regenschirm kam den Kiesweg entlang, blickte in ihre Richtung. Mist. Daniella hasste es, anderen Menschen auf dem Friedhof zu begegnen. Es störte ihre Andacht, ihre Zwiegespräche mit Madame Vákony. Ich muss gehen, meine Liebe, verabschiedete sie sich, die Kerze komme ich morgen anzünden, versprochen! Sie erhob sich und schulterte ihre Tasche. Der Mann mit dem Regenschirm blieb genau neben ihr am Grab stehen, blickte lange auf den Grabstein. Er war erstaunlicherweise recht jung, höchstens Mitte dreißig. Schwarzes, dichtes Haar. Er wandte den Kopf und blickte Daniella aus dunklen Augen an. Sein Mund verzog sich zu einem Lächeln.
„Hallo.“ sagte er. Seine Stimme klang warm.
„Äh. Tag.“ gab Daniella zurück, lächelte kurz und trat an ihm vorbei, um zu gehen. Verrückt, dachte sie, von einem Fremden auf dem Friedhof angesprochen werden.
„Entschuldigung…“ hörte sie den Mann hinter sich sagen. „Kannten Sie meine Nagymama?“