zaubere

Manchmal reicht es nicht aus, zaubern zu können.
Nicht, weil Menschen zu kaputt sind, um geheilt zu werden, sondern weil sie nicht heile werden möchten. Seelen, die schon so lange in ihrem Kokon sind. Bis sie sich selber auffressen.
Scheinbar nichts vermag ihnen ans wärmende Licht zu verhelfen, das ihre Flügel trocknet, bis sie als die schönen Schmetterlinge fliegen können, die sie wirklich sind.
Mitleid vermag nicht zu heilen. Rache wird nicht heilen. Kein Reichtum der Welt kann heilen.
Nur die Liebe kann das.
Liebe zulassen.
Liebe geben.
Sei Liebe und flieg so weit die Flügel dich tragen …

fragile mind

So wurde ich denn gefragt, warum ich schon länger nichts mehr geschrieben habe. Die Antwort kam mir sehr direkt in den Sinn: Weil ich gerade in der Fastenzeit bin und mir der Rotwein fehlt, der sonst so oft der Begleiter meiner meist nächtlichen Schreibattacken war.
Kleiner Hemingway.
Hinzu kommt, dass ich im Grunde nur dann in den Schreibfluss komme, wenn mich etwas bewegt, etwas passiert ist. Ich entweder zu einer neuen Erkenntnis für mein Leben gelangt bin, ich ich festhalten oder mir etwas von der Seele reden möchte.
Beides – Alkoholkonsum und das Leben im Grenzbereich von Gefühlen, die mich in den Abgrund reißen können – sind Zustände, denen ich nicht länger Platz in meinem Leben einräume.
Sich betrinken, um Gefühle besser zu ertragen (in meinem Falle eher: zu ergründen) ist eine sehr hässliche Fratze, die mir mein altes Leben oft genug vorgeführt hat.
Ich will es nicht länger.
Ebenso wenig wie den freien Fall.
Also schreibe ich. Schwebend, nüchtern und ganz klar.
Ich habe Angst, das Gleichgewicht zu verlieren, den fragilen Zustand. Erst heute wieder gefährdet durch einen bösen Traum: Eine Person, ich glaube in Vertretung meines Unterbewusstseins, sprach darin zu meinem Freund, unwissend, dass ich mithöre. All meine Zweifel, aber auch gemeinen Spott und Hohn – dass ich ja sowieso nicht wisse, was ich will, dass ich ihn wohlmöglich enttäuschen würde, dass meine Ex-Partner die bessere Wahl gewesen seien. Ich war schockiert und wütend, sogar noch lange nach dem Aufwachen.
Wie gemein! Wie hinterhältig! Was für Lügen!
Oder?
Zweifel kamen auf: Vielleicht hatte die Person im Traum nur ausgesprochen, was ich eigentlich denke, mir Zugang zu meinem unbewussten Wissen gewährt. Der zweite Gedanke brachte mich dann aber zum Lächeln: Mein Ex, besser? In welcher Welt?? Jemand der mich so behandelt hat? Definitiv: Auf gar keinen Fall wahr! Ich bin froh um den jetzigen Zustand, einen Menschen an meiner Seite zu haben, der mich achtet und ehrlich mit mir ist. Wo auch immer es hingehen wird.
Dann hat mich ein Gespräch mit einer Freundin beschäftigt. Sie erzählte mir – was ich noch nicht wusste – dass besagter Ex an Karneval seine neue Freundin (die es gar nicht gibt, welche dreiste Unterstellung von mir, haha!) im Freundeskreis vorgestellt hat. Zu dieser Gelegenheit muss er auch wieder kräftigst auf die Tränendrüse gedrückt haben, weil ihn jetzt alle doof finden. Sogar soweit, dass seine Neue die Freunde angegangen ist, dass diese sich ja nie bei ihm melden würden. Der arme. Also echt.
Ich weiß nicht, was diese Information mit mir macht. Es ist nichts neues. Es interessiert mich nicht besonders und bringt mich auch nicht mehr zum weinen vor Wut und Hass auf diese falsche Person, die meint, Menschen zu manipulieren und anzulügen, habe seinen Platz in Freundschaften. Für den Freunde sowieso nur für die Kneipe gut sind und für die man nicht Zeit, Interesse, ein Ohr, ein Herz hat. Oder denen gegenüber man auch mal nen Fehler einräumt, statt sich weiter aufzuführen wie die personifizierte Arroganz.
Ich weiß nicht, was es macht. Es lässt mich auch nicht kalt. Doch ich werde es aushalten.
Kein Wein. Kein Weinen. Es ist alles in Ordnung. Es geht mir gut. Ich habe überlebt. Das schlimmste, was ich mir vorstellen konnte im Leben, gleich zweimal überstanden. Ich stehe noch hier. Alles ist sicher, er kann mir nicht mehr weh tun, auch wenn seine beißenden Worte es bis in meine Träume schaffen. Während er an irgendwelchen Theken hängt und mir nachts Mail mit weinerlichen, selbstmitleidigen Vermiss-Dich-Popsongs schickt.
Ich bekomme mein Leben wieder in den Griff. Ich wähle die Sonne, auf dass der Schatten hinter mich fällt.

I
CHOOSE
HAPPINESS

Tante Augurri kommt zu Besuch

Draußen prasselt Novemberregen an die Rolladen. Ansonsten ist es leise.
Die Uhr zeigt 00.02, mein Handy ist auf Flugmodus gestellt. Noch ein bisschen Stille, so mache ich das jedes Jahr.
Kennt ihr das Gefühl, wenn man Geburtstag hat und einem selbst macht das nichts – ich finde Geburtstage ziemlich blöd und wünschte, es wäre ein Tag wie jeder andere – aber man hat das Gefühl, alle Menschen schauen einen anders an? Wie früher, wenn die Eltern Geschenke vor einem verstecken oder man in die Klasse kam und alle wussten Bescheid. Zum Glück gibt es heute keine Überraschungen.
Dieses Jahr ist vieles anders. Ich überlege, ob heute vielleicht ein guter Tag ist, um den Verlobungsring irgendwo vergraben zu gehen, den mir der Ex vor 4 Jahren an diesem Tag angesteckt hat. Damals schon war alles – inklusive der eine Woche vorher im Suff auf einer Party bei Freunden rausposaunten Überraschung – eine einzige Bühne für seine Ego-Show. Zum Glück muss ich dies nicht mehr erleben.

Dieses Jahr bin ich wieder alleine, aber nicht einsam. Ich habe das Gefühl, zum ersten Mal einen richtigen Erwachsenengeburtstag zu haben. An dem ich 36 werde. Ein Alter, in dem die meisten schon gar nicht mehr „Tick Tack“ denken, wenn du erzählst, dass du keine Kinder hast. Oder Single bist. Es ist der Geburtstag, an dem mich niemand mit Kaffee ans Bett und Geschenk weckt, ich ganz normal arbeiten gehe, ein bisschen Kuchen mitbringe und abends ein paar enge Menschen zum Essen in ein Lokal meiner Wahl einlade. Es wird Weinschorle geben, außer für meine schwangere Freundin. Es ist auch ein Geburtstag, an dem ich am Vormittag auf eine Beerdigung gehe. Eine Erwachsene, die einem Freund beisteht, weil das so wichtig ist und irgendwie, die Ironie: dass mein Ehrentag für ihn einer der schwärzesten Tage in seinem Leben wird.

Es ist 00.07 und noch immer prasselt Regen. Ich liebe Regen. Ich liebe auch den Herbst, wenn auch die düstere Jahreszeit mir immer Sorge bereitet. Ich fürchte dann immer, wieder abzudriften in eine depressive Phase, wie so oft in den letzen Jahren im Winter. Doch auch das ist in diesem Jahr anders. Ich bin entspannter, gelassener. Die Jahreszeiten kommen und gehen wie alles im Leben. Das erste Mal habe ich ein Gefühl dafür, dass das Leben fließt. Sich wehren hat keinen Zweck. Das nehmen, was es dir bietet und es formen. Aber niemals verharren oder gar versuchen, rückwärts zu kommen, denn das kostet dich deine ganze Kraft.
Weihnachten steht vor der Türe und auch das wird anders sein dieses Mal. Die letzten Jahre habe ich viel Zeit und Liebe in die Weihnachtszeit gesteckt. Die Wohnung wurde geschmückt, es gab einen Adventskalender, selbst gebastelte Karten und Kekse, sowie sehr viele Weihnachtsessen mit Freunden. Es war immer herrliche Zeit voller Kerzen und Lichter, Weihnachtsmusik, Polarexpress und Märchentheater. Voller Freude darüber, gemeinsam die kindliche Freude an der Weihnachtszeit wieder zu entdecken.

Es wird anders sein. Nüchterner, erwachsener. Es wird ein paar Glühweine geben mit Kollegen und Freunden. Es wird ein Weihnachtsessen geben, weil sich das so gehört. Pragmatisch. Es wird nicht das Highlight werden, auf das ich mich bisher jedes Jahr so sehr gefreut habe.

Stille Nacht.

Heute, am Ende eines harten Jahres, das mein Leben wie kein anderes geprägt hat, steht mein Geburtstag auch dafür: Dass mir jemand alles genommen hat. Und mich doch nicht kaputt bekommen hat.

Ich bin immer noch da.

Der Blaue Salon

Als Kind hatte ich ein Buch über Traumdeutung. Ich habe jeden Traum – meistens habe ich irgendwas von Pferden geträumt – in Symbole zerlegt und mittels meines Buches versucht, diese zu deuten. Ich konnte mich schon immer sehr gut an meine Träume erinnern und kann daher eines mit Gewissheit sagen: mein Gehirn feiert nachts ohne mich ’ne Party! Meine Träume sind bunt und irre, manchmal auch verwirrend, wenn ich beispielsweise mal wieder in einer fremden Stadt mit unglaublich vielen Bahngleisen lande. Manchmal trösten mich die Träume, oft kann ich in ihnen fliegen. Es kommt vor, dass ich eine komplette Story träume, die einen super Film ergeben würde- wenn man sich erinnern könnte. Hin und wieder tauchen darin Menschen aus der Vergangenheit auf, an die ich seit Jahren nicht mehr gedacht habe. Ob es da ausgemistet hat, das liebe Gehirn und Kisten mit uralten Erinnerungen aus dem Keller geholt hat?

Heute Nacht hatte ich einen sehr traurigen Traum und ich verstehe ihn wieder einmal nicht. Im Traum war ich bei meiner Oma, die seit vielen Jahren tot ist. Im Traum war die Oma noch da und Opa gerade verstorben. Alles war ganz anders als es tatsächlich gewesen ist: Mein Opa ist nämlich im Krankenhaus verstorben, er hatte auf meine Oma gewartet, bevor er die Augen für immer geschlossen hat.
In diesem Traum war er einfach morgens nicht mehr aufgewacht – und ich wusste das alles schon – das Bett, in dem er gestorben ist, hatte die Oma immer noch nicht gemacht. Meine Oma war im wahren Leben mit allem so sorgfältig und ordentlich, dass sie sogar Socken gebügelt hat.
Im Traum lag die Oma einfach im „Blauen Salon“ (so nannten wir ihr Gästezimmer, wegen des himmelblauen Teppichs) im Bett und schlief. Ich war die einzige Fremde in dieser Wohnung, in der alles genau so war, wie ich es erinnere, die Gegenstände, der Geruch, sogar die kühlere Zimmertemparatur des Blauen Salons. Nur ich war fremd – und die Traurigkeit. Ich legte mich zu meiner Oma und hielt tröstend ihre Hand und wir schliefen tagelang. Nach paar Tagen war immer noch Opas Bett nicht gemacht – die Trauer hatte meine sonst so aktive fleißige kleine Oma völlig aus der Bahn geworfen. Mich hat dieses Gefühl eingenommen, ich konnte es selbst fühlen: den Schock darüber, dass das gemeinsame Leben nun plötzlich zuende gegangen war. Keine Kraft, aufzustehen, das Bett zu machen und das Leben „danach“ zu beginnen. Die Lebensgemeinschaft, die die Beiden seit ihrer gemeinsamen Schulzeit miteinander verbunden hatte, hielt wie im wahren Leben wirklich bis zum Tode. Was mich an diesem Traum so verwirrt hat, war die Intensität des Verlustschmerzes und die Ruhe in der Wohnung. Diese Stille, die der Schock nach sich zieht, wie die Ruhe vor dem Sturm, bevor die eigentliche Trauer einsetzt und hoffentlich weinen können die Schockstarre ablöst.

Ich bin verwundet über diese Vermischung von Begebenheiten, die sich so nicht zugetragen haben, mit realen Ereignissen und erlebten Sinneseindrücken. Mein Traum hat mich zurückgebracht in diese Wohnung, die Hand meiner Oma fühlte sich ebenso real an wie der Schmerz, auf einmal ohne meine Liebe alleine auf der Welt zu sein. Eine von zwei Hälften, die übrig geblieben ist und nie wieder ganz sein wird.

Anders als im Film „Inception“ kann ich mich im Traum oft an die Vorgeschichte erinnern. Ich schaue auf Uhren und Kalender und manchmal weiß ich auch ganz sicher, dass ich mich in einem Traum befinde, da die Personen, mit denen ich gerade spreche, nicht mehr leben.
Es ist eine ungeheuere Leistung, die das menschliche Gehirn da zu stande bringt und vielleicht werden wir irgendwann verstehen, warum wir eigentlich träumen.
Ein Pferd ist ein Pferd, dafür brauche ich mein kleines Traumdeutungs-Buch nicht mehr. Kleine Mädchen wünschen sich halt Pferde. Und große Mädchen? Vielleicht, nie wieder diesen schrecklichen Schmerz über den Verlust eines geliebten Menschen erleben zu müssen. Weil dieser, einmal erlebt, ewig lange in uns nachhallt.

sinnfrei

Tage wie heute sind der Grund, warum ich mich manchmal wie eine Aussätzige fühle – ausgesetzt in meinem eigenen Leben. Es ist ein Wochenende im Sommer, ich verbringe Zeit mit lieben Freunden und meinem Verlobten, rumliegen und grillen im Park, während anderswo in Deutschland gerade Menschen durch Hochwasser-Fluten waten und zuschauen müssen wie alles, wie ihre ganze Existenz und alles, was ihnen lieb und teuer war, in den Fluten versinkt.

Ich habe es so gut in diesem, meinem Leben und kann trotzdem beim besten Willen manchmal nichts damit anfangen. Ich schäme mich dafür, mitten im Glück immer wieder diese trüben, völlig selbstsüchtige Gedanken zu haben. Worauf hast Du denn jetzt Bock, Verena?, fragen meine Freunde. Ich? Mich hier auf den Bootssteg setzen und den ganzen Tag einfach nur zuschauen, wie ihr anderen so lebt!

Ich kann es nicht ändern, so gerne ich es würde. Meine Glücklichkeitsskala ist irgendwo oben einfach abgebrochen. Knicks. Sie reicht nun nur noch von „ganz ok“ bis etliche Meter unter dem absoluten Gefühls-Gefrierpunkt.

Nein, liebe Frau Therapeutin, ich bin nicht mehr gefährdet, vor eine Bahn zu laufen. Hatte ich im Übrigen auch nie vor – mal unter uns gesagt – ich brauchte einfach wen zum quatschen und außerdem fand ich Ihre Espresso-Bohnen in Schokolade so lecker und unsere Gespräche über Bücher – die haben mich mit einem Gefühl von Heimeligkeit erfüllt. Schön war das.

So schöne Momente sind selten geworden. Ich habe dazu gelernt, mich besser angepasst und gelernt, die Menschen aus meinem Leben zu verbannen, die mir nicht gut tun und diejenigen, die mir gut tun werden, mit meiner „nach außen“-Persönlichkeit anzuziehen. Ich habe wahnsinnig tolle Menschen um mich herum. Die mich lieben, auch wenn ich ganz schön scheiße bin manchmal. Menschen die wissen, dass man mich nicht beim Essen beobachten darf oder auslachen, weil ich dann schlechte Laune bekomme. Menschen, die ich von Herzen liebe, weil sie so großartige Persönlichkeiten und Lebensziele haben, und für die ich alles tun würde. Nur eins können all diese Menschen nicht – weil das nur einer könnte – nämlich ich: Mich endlich mal wieder begeistern, dem Leben, das ich da habe, einen Sinn verleihen.

Schöne Zeit ist deswegen ganz selten geworden. Ganz spontan auf ein Bierchen rausgehen und dann die ganze Nacht durchtanzen oder ein tolles Gespräch führen. Von der Seele reden, reden, so lange, bis die Stimme heiser wird und die Augen ganz rot sind. Nachts, wenn alles schläft, erwachen meine Lebensgeister manchmal und wollen tanzen! Das sind die Momente, in denen ich das Leben spüre.

Ich weiß ganz genau, dass ich eines Tages, wenn ich krank werde oder wenn ich eine gebrechliche Omma bin, zurückschaue und bereue. Mich sehnen werde nach der Zeit, als ich noch alle Möglichkeiten hatte, diese tolle Welt zu entdecken und das Leben voll und ganz auszukosten. Wie tut man das? Wie geht auskosten? Wie genießen?

Wie wird man seines Lebens froh? Wie findet man das, was dem Leben Sinn gibt?

Irgendwann hast Du alles, wonach dein irdisches, sich leicht blenden lassendes Ich sich sehnen könnte: Ein schickes Auto, alle Traum-Urlaubsziele angeflogen, ein weißes, stuckverziertes Häuschen in einer sauberen, sicheren Umgebung – mit Rhododendron im Vorgarten oder einfach am Meer. Und dann? Dann, liebe Verena, sitzt du in deinem Häuschen am Meer und wirst wahrscheinlich noch immer nicht glücklich sein.

Ich weiß, dass mir der ganze materielle Scheiß nichts bedeutet. Ich weiß, dass Klamotten kaufen, beruflich Erfolg haben und mit guten Lebensmitteln kochen nur ein Trost ist, der darüber hinweg täuscht, was eigentlich mein Problem ist: Es ist leichter, den Magen zu füllen, den Lebenslauf mit guten Referenzen oder den Kleiderschrank mit noch mehr Schuhen, als mein Leben mit mehr Sinn.

Also schreibe ich meinen „runterzieh-Blog“, mache ich Fotos und versuche, durch den Sucher die Welt und ihre Geschichten mit mehr Liebe zu betrachten, was mir manchmal gelingt. Ich lese, weil ich Trost finde in dem Sinn, den andere gefunden und den sie festgehalten haben zwischen zwei Buchdeckeln. Ansonsten fehlt mir einfach der Kompass, den Sinn zu finden in meinem Leben und der Antrieb, diesen zu suchen.

Kleines Wunder

Vor einigen Jahren – ich weiß nicht mehr genau, wann – habe ich Mamas alte Taschenuhr bekommen. Die hatte früher manchmal um ihren Hals gehangen, manchmal aber auch an der Lampe in ihrem Zimmer, zusammen mit einem Traumfänger und einer Haarsträhne, die sie aufbewahrt hatte von damals, als sie noch lange Haare hatte. Ich weiß noch, sie hat ihre Haare geschnitten, als sie krank wurde und in ihrem Tagebuch stand „die langen Haare haben mir kein Glück gebracht.“

Die Taschenuhr hat vorher meiner Uroma gehört – sozusagen ein Familienerbstück. Leider ist sie kaputt und wir haben schon mehrfach versucht, sie aufzuziehen – allerdings vergebens, gab einfach kein Lebenszeichen von sich. Stand einfach immer auf zwanzig vor zwölf und gut. Sie ist auch nicht besonders wertvoll glaube ich – dennoch hat sie einen immensen Wert für mich und ich trage sie manchmal zu besonderen Anlässen.

Gestern habe ich sie getragen, weil Mamas Geburtstag war. Ich sitze also mit meiner Uhr so in einem Meeting auf der Arbeit und schweife in Gedanken immer wieder ab, weil ich traurig bin, an Mama denke. Ich spiele mit meiner Taschenuhr, klappe sie auf und zu und auf einmal bemerke ich, dass die Zeiger eine andere Uhrzeit zeigen. Halte sie ans Ohr und höre ein leises Ticken!

Ein Wunder – aus heiterem Himmel hat meine kleine Uhr angefangen, wieder zu ticken…ganz unregelmäßig zwar, so dass die Zeitmessung damit nicht wirklich funktioniert…aber wenn ich sie ans Ohr halte, tickt sie leise und tröstend vor sich hin.Wie ein kleines Herz, das ich schlagen hören, an mich drücken und immer bei mir tragen kann.

uhr

Blumen im Juni

Früher, als ich klein war, habe ich an diesem Tag morgens immer im Garten Blumen gepflückt und den Frühstückstisch für Dich gedeckt. Es ist die beste Zeit, um Geburtstag zu haben. Dein Fliederbaum blüht – ebenso alles andere im Garten.

Heute bleibt nur, mich daran zu erinnern und mir zu wünschen, ich könnte nochmal klein sein. Dann würde ich Dir einen furchtbaren Kuchen backen in dieser Herzchen-Porzellanform, eine Karte malen mit einem Haus und einer Sonne und Blumen und einem Pferd, auf das bis zu fünf Leute passen und dann darauf warten, dass Du wach wirst und ich Dir zum Geburtstag gratulieren kann…

Urlaub in St. Peter Ording. (wahrscheinlich 1999)

Lachanfälle. St. Peter Ording, 1999

„Je schöner und voller die Erinnerung, desto schwerer ist die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.“ (Dietrich Bonhoeffer)

 

Verlierende Gesichter

Wer mich kennt und danach gefragt würde, welche Eigenschaft mich am ehesten beschreibt, der würde wahrscheinlich sagen: Emotionalität. Im guten wie im schlechten Sinne, privat wie beruflich – ich bin immer ganz ich und damit völlig abhängig von den Gefühlen, die mich gerade leiten. Ich bin kein Kopfmensch, kein Rechner und Kalkulierer, schon gar nicht be-rechnend.

Bei mir ist alles Bauchgefühl und in Sachen Emotionen macht mir so schnell keiner was vor. Ich bin ein Skorpion und als solcher lote ich sie alle aus, jedes Extrem von irre-glücklich bis tiefste Verzweiflung. Ich umarme sie alle und koste sie aus, wie sie kommen und würde fast behaupten, die meisten von ihnen inzwischen so gut zu erkennen wie alte Freunde. Ich kann nicht besonders viel gut, aber in Gefühlssachen, da bin ich Expertin.

Für mich ist ein Freund derjenige, vor dem ich sein kann, wie ich bin. Vor dem ich das Gesicht verlieren kann und den nicht schockiert, was sich dahinter verbirgt. Der mich schon immer (er)kannte und bei dem meine Emotionen ganz natürlich kommen und gehen dürfen, ohne dass er oder sie dies kommentiert.

Solche Freunde sind fast immer die, die sich ebenfalls trauen, sich zu öffnen. Emotionen zulassen und sie dann auch noch zu teilen – das ist eine Kunst. Fast jeder Mensch fürchtet sich davor, das Gesicht zu verlieren. Zu weinen. Einem anderen Menschen die verwundbare Stelle zu offenbaren, an der das Lindenblatt zwischen den Schultern gelegen hat. Ich liebe diesen Moment, wenn sich jemand mir zum ersten Mal in einer Bekanntschaft offenbart. Wenn jemand, dem ich mein Vertrauen schenke, dies auch mir zurück schenkt, sein Innerstes offen legt, mir ein Geheimnis erzählt oder einfach weint. Wenn er heraus lassen kann, was er verborgen gehalten hat. Ich finde diesen Moment so besonders, in dem sich der Mensch komplett ausliefert, mir gegenüber nichts mehr zurück behält. Jemand lässt in diesem Moment alles fallen, alle Scheu, alle Masken, alles Theater und lässt mich kurz hinter den Vorhang schauen. Einen intimeren Moment gibt es nicht. Traurigkeit ist intimer als alles andere.

Das andere, was mich an diesen Momenten so bewegt: Um sein wahres Gesicht in all seiner Schönheit zu zeigen, braucht es Vertrauen. Wer mit Dir weint, schenkt Dir einen Einblick in sein tiefstes, verletzliches Inneres und teilt eine Bürde, die er alleine nicht mehr tragen kann oder möchte. Vertrauen ist das Fundament, auf dem zwei wirkliche Freunde eine Festung bauen werden, die so schnell nichts erschüttern kann. In der beide sicher sind, ihre Wunden zu versorgen und gemeinsam neue Pläne für das „Danach“ zu schmieden.

Wenn. Vielleicht.

Vielleicht wäre heute alles anders, hätte es das Damals nicht gegeben. Wenn es damals anders geendet hätte, vielleicht wäre dann heute anders, als es ist. Wenn vielleicht andere Entscheidungen gefallen wären, hätten alle darauf folgenden in ganz andere Richtungen geführt. Vielleicht hätte damals gar kein Ende gefunden. Wenn ich nie weg gezogen wäre, vielleicht hätte ich dann nicht ständig dieses Heimweh. Wenn ich nie woanders eine Heimat gefunden hätte, vielleicht wäre ich dann heute nicht der Mensch der ich bin. Der über die vielen Wenns und Vielleichts nachdenkt und sich fragt, wer hier eigentlich die Karten legt und darüber befindet, welche Wege sich trennen und welche wieder zusammenlaufen sollen. Wenn der Kartenleger ein Drehbuchautor einer amerikanischen Fernsehserie wäre, vielleicht wäre es dann ganz einfach. Da entscheiden sich immer alle. Ein Vielleicht lässt vieles offen – vor allem Türen – entscheidet sich aber niemals für einen Weg. Gedanken machen darüber, doch nie laufen. Oder fliegen. Wie lange kann man auf einem Fleck verharren und zurück blicken, bis der Kartenleger sich entscheidet, Dir einen Stoß zu verpassen? Wenn ich zu lange warte, vielleicht schließen sich ja Türen endlich von alleine und nehmen mir die Wahl.

Wenn damals nicht gewesen wäre, wäre mein Herz leerer…

Vielleicht aber auch leichter.

Wie viele Tränen passen in einen Kanal?

Leben wir noch mal? Warum wacht man auf?

Was heilt die Zeit?

Ich bin Dein Siebter Sinn,

Dein doppelter Boden, Dein zweites Gesicht.

Heilende Träume

Ich erinnere mich, schon einmal über besondere Träume geschrieben zu haben. Diese Woche habe ich wieder erlebt, wie mein Unterbewusstsein reagiert und sich selbst einen großen Gefallen tut, indem es heilende Erinnerungen herauskramt.

Nach einer furchtbaren Woche auf der Arbeit, in der ich fast jeden Abend zuhause geheult habe, kaum eine Nacht schlafen konnte und vor Erschöpfung nur noch Löcher an die Decke starren konnte – ich glaube, man nennt das auch „innere Kündigung vorbereiten“ – konnte ich mich nicht einmal auf das Wochenende freuen. Ich stecke momentan so tief in verschiedenen Arbeitsprozessen, dazu war noch eine Kollegin krank, ein neuer Mitarbeiter wartete ratlos auf meine Anweisungen…es war einfach zu viel und die Belastung ließ mich auch am Freitagabend nicht los. Zu dem gab es noch Kritik „von oben“, dass ich mit der Situation nicht ausreichend gelassen umginge. Kennt ihr das, wenn man Auseinandersetzungen hat, wo die Worte noch tagelang nachhallen? So ging es mir und so war ich am Freitag nicht in der Lage, irgendwas zu tun oder sagen. Mein Schatz schaute fernsehen, ich schaute meine Löcher an die Decke und zwischendurch heulte ich immer wieder.

In der Nacht hatte ich dann den allerschönsten Traum, den man haben kann: Ich war wieder Kind. Mein Bruder war noch klein, meine Mutter zeigte keinerlei Anzeichen ihrer späteren Krebserkrankung, ich hatte noch meine Kindheit. Das weiß ich, weil ich einen Stapel Bücher dabei hatte. Zu der Zeit, als ich noch 10 Bücher die Woche aus dem „Bücherbus“ holte, da war die Welt für mich noch in Ordnung. Wir fuhren mit meiner Mama auf eine Art Campingplatz, unsere Ferienwohnung dort war ein riesiges Zelt. Nicht besonders komfortabel oder schön, aber mit ein paar Klappstühlen im Grünen und ich hatte ja meine Bücher. Und das Beste: Das Zelt stand auch noch in Nordseenähe!

Als ich aufwachte, musste ich zwar wieder heulen, weil die Erinnerung  an meine Mama auf einmal wieder so frisch war…dennoch fühlte ich mich nicht mehr so erschöpft. Es war, als hätte mein Unterbewusstsein einen Riegel vorgeschoben:Ich konnte schlafen, habe mich erholt und statt von Arbeit, Kollegen und bösen Worten  einfach von meiner Kindheit geträumt, wo alles noch sicher war und meine Mutter das impersonifizierte Glück darstellte.

Ich glaube, diese Selbstheilung ist etwas, das mir in die Wiege gelegt wurde. Manche Menschen haben das vielleicht nicht und drehen irgendwann durch. Auch wenn ich diese Woche von verschiedenen Personen in meinem Umfeld den Satz gehört habe „Pass mal auf, dass Du kein Burnout bekommst“ – ich glaube nicht, dass mir das passieren würde. Ich kann weinen, ich kann laut schreien (ja, lieber Chef: Aggressivität ist nicht gerade bester Führungsstil, aber es ist ein Ventil!) und wenn es hart auf hart kommt, schnappe ich mir eben im Traum meine Bücher und meine Kuscheltiere oder setze mich mit meiner Mama auf Umzugskartons und rede.

Meine Träume beruhigen mich und machen mich wieder stark, durchzuhalten. Eine Woche noch, dann habe ich Urlaub und fahre in die Heimat – endlich. Heute Nacht habe ich übrigens eine neue Hunderasse kennengelernt und den gesamten Traum lang nur Pferde gestreichelt und mit freundlichen Hunden gespielt. 😉