Wintermädchen

Frühling lässt sein blaues Band…blablabla. Ja, leider: Er ist’s!

Frühling kann man das allerdings nicht nennen, was da draußen gerade abgeht: Mir kommt es vor, als hätte jemand die Heizung von „tiefster Winter“ auf „Hochsommer“ umgestellt – und das quasi über Nacht. Vorletztes Wochenende war ich noch mit den Romberg Mädels, eingepackt in Stiefel, Handschuhe und mit einem Heißgetränk bewaffnet, zu einem vorsichtigen ersten Frühjahrs-Sondierungs-Spaziergang im Planten un Blomen…und heute? Heute liegen da die ersten unsäglichen Hamburger mit Sonnenbrand auf der Wiese herum. In der Mittagspause kann man kaum noch irgendwo hintreten. Wie Eidechsen kommen die Hamburger bei Sonne aus ihren Löchern und flanieren sinnlos herum. So wie sie sonst immer und überall einen Regenschirm her zu zaubern vermögen, haben sie anscheinend auch immer Sandalen und Sonnenbrille an Bord – anders kann ich mir diese rasante Adaption nicht erklären. Ich hingegen versuche verzweifelt, in meiner Übergangsjacke nicht zu schwitzen, während ich den wild gewordenen Sonnenanbetern ausweiche. Wo ist der Frühling geblieben? Die Blüten, der Duft, die langsam erwachende Natur?

Jetzt ist meine Zeit gekommen, mich übers Wetter zu beschweren. Alle beschweren sich von September bis April, dass es grau ist, regnet und ihnen kalt ist. Hat man von mir auf twitter Beschwerden übers Wetter gelesen? Nein, ich glaube nicht. Warum? Weil ich ein Wintermädchen bin…oder zumindest ein Herbstmädchen. Ich mag es, mich zuhause in lange Pullis und dicke Muckelsocken zu hüllen. Mag den Regen, der die Straßen leer fegt, den ersten Schnee, der die Welt weiß verzaubert und alle Geräusche dämpft. Ich mag es, im Winter die einzige im Büro zu sein, die nicht friert.

Heute bin ich die einzige, die friert, weil alle die Fenster aufreißen wie die Bekloppten, obwohl es hier gar nicht warm ist. Das Gebäude liegt doch im Schatten und hier zieht es, verdammt! Aber draußen scheint ja die Sonne. Wahnsinn. Total supi. Einfach zum Ausrasten. Man möchte sich die Klamotten vom Leib reißen und die winterweißen Beine präsentieren oder – noch besser – sie in bunte Leggings stecken und die Winterpölsterchen so richtig zu Schau stellen! Überall nackte Menschenfüße ohne Maniküre – vor lauter Sommereinbruch war dazu keine Zeit mehr. Mein schönes Geheimtipp-Café mit dem guten Kaffee, wo man nie einen Kollegen traf? Vollkommen überfüllt, weil man da ja jetzt draußen sitzen kann. Ausrasten. Stundenlang in der Sonne hocken und sich dann total freuen, dass man den ersten Sonnenbrand des Jahres hat. Das ist der „Harlem Shake“ des Hamburgers diesen April.

Nein, ich komme nicht mit an die Alster. Ich werde mir mein Mittagessen auf dem Weg zur Arbeit organisieren, damit ich in der Pause nicht Spießruten laufen muss durch die Menschenmenge. Ich werde erst dann wieder ins Freie gehen, wenn der Regen kommt. Regen, der den warmen Boden dampfen lässt. Am besten ein kleines Gewitter. Sintflutbäche, die die Menschen wieder in ihre Löcher zurück spülen. Alles wird dann wieder nach Natur riechen, nach feuchter Erde anstatt nach Mofa-Auspuff und Iced Moccas und dann, hoffentlich, dann kommt auch endlich der Frühling, den ich so vermisse.

 

Morgenstund

„Die Frühschicht schweigt, jeder bleibt für sich.“ (Peter Fox)

Irgendwie hat es einen besonderen Zauber, wenn man der Welt beim Aufwachen zuschaut. Wenn wir früher morgens zu Fuß die unfassbare Strecke zwischen Club und Heimatdorf übers Feld gelaufen sind. Wenn man irgendwo hin fährt und morgens um fünf in ein Taxi steigt und dann mit der Bahn vorbei an erwachenden Orten. Wenn man eine Nacht irgendwo anders als im eigenen Bett verbracht hat und früh abhaut. Oder wie heute, wo ich nicht schlafen kann, es aufgebe und beschließe, die Erste im Büro zu sein.

Morgens, wenn Deine Stadt erwacht, wenn die Straßenlaternen erlöschen, hat sie einen besonderen Zauber. Aus den Backstuben duftet es, das nasse Laub mischt sich mit diesem Geruch – die ganze Luft noch kühl und frisch weil noch kaum ein Auto unterwegs ist.
In Gedanken eher noch dort, wo Du im Traum unterwegs warst. Oder aber bei dem, was Dich die Nacht über wach gehalten hat.
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Sogar Menschen sind um diese Zeit erträglicher, entladen blinkende Lieferwagen, brühen Kaffee, verstecken sich hinter der Morgenpost. Nur noch nicht reden, nicht kommunizieren müssen. Morgenstund‘ hat vor allem Stille im Mund.
Dennoch wird aus mir leider nie ein Frühaufsteher werden, dafür liebe ich die Nacht zu sehr.

Und während ich durch die Straßen laufe wird langsam schwarz zu blau (Peter Fox)

Regen

Heute muss ich mal mit Euch über’s Wetter reden. Aus gegebenem Anlass. Kaum hat es in Hamburg mal zwei Tage am Stück geregnet und es wird ein wenig kühler, fangen alle an zu heulen. Vermutlich so wie Noahs Kumpels damals, als er die Arche gebaut hat. Das Projekt hat er mit Sicherheit nur gestartet, weil ihm die Herbstjammerei seiner Mitmenschen auf den Sack ging.
Ich liebe das Herbstwetter. Ja, auch den Regen.
Endlich kann ich die gemütlichen Klamotten hervor holen und mich auf den kuscheligen Teil des Jahres freuen. Ohne schlechtes Gewissen drinnen bleiben. Kakao trinken, Bücher lesen, Fußbodenheizung. Keine überfüllten Plätze mit Zwillingskinderwagenpärchen. Einfach die fette Langeoog-supadupa-Regenjacke an und meine Santa Claus-Gummistiefel <3

Der Regen vertreibt sie alle und das Deck der Hafenfähre ist wieder meins.
Vielleicht macht gerade das den Herbstregen so schön für mich, das die anderen ihn meiden?

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Na klar, die ganze Grillerei und so war schön, aber nun, liebe Leute, ist die Zeit der Sammler gekommen! Regen im Herbst riecht nach Laub, Kastanien und Pilze finden im Wald – alles Dinge, die ich wahnsinnig toll finde.
Erinnerungen an den Sommer und all die Dinge, die man diesen Sommer wieder nicht geschafft hat (wieder in einen Bikini passen, die Kanutour auf der Alster, eine Sitzgarnitur für den Garten anschaffen) kommen in den großen Koffer. Zusammen mit Kleidchen, Röcken und nie getragenen Flattertuniken aus Cala Ratata.
Nächstes Jahr, wenn im März mal wieder zwei Tage nacheinander über zwanzig Grad sind, werden wir den Koffer hervor holen. Werden uns über all die Schätze freuen.
Der Traum macht den Sommer! Vor allem in Deutschland…