Lippenbekenntnisse

Wir alle hören sie doch gerne, die berühmten drei Worte. Sie sind mächtig. Sie können eine Basis sein, auf der eine Beziehung, ein positives Selbstwertgefühl gedeihen kann. Aber sie können auch zur Sucht werden, zu Täuschung, zu Zweifeln.

Jemand, der dir jeden Tag sagt „Ich liebe dich“, meint es vielleicht wirklich so. Vielleicht hat er aber auch längst jemand anderen kennengelernt, mit der er sich an Wochenenden und auf Dienstreisen heimlich trifft. Sein „Ich liebe dich“ am Telefon glaubst du nur zu gerne. Willst es nicht in Frage stellen. Denn wenn man geliebt wird, ist das doch schön.

Es gibt auch andere Menschen, die benutzen die drei Worte sehr selten und wenn, dann eher zögerlich. Sein „Ich glaube, ich liebe dich“ lässt dich ratlos zurück. Kann er es nicht richtig und laut und deutlich sagen? Ist es vielleicht gar nicht wahr?
Aber seine selbstlosen Taten, eine mit Liebe gebastelte und gemalte Karte, sein ehrliches Interesse, seine Fürsorge, all die Sprüchebilder mit dem Esel die du so magst und die ehrliche Freude, wenn man sich wieder sieht – all das gibt dir die Kraft, die blöden Zweifel weg zu stecken und den Dingen ihre Zeit zu lassen.
Denn wann man wirklich geliebt wird, ist das noch viel schöner.

zaubere

Manchmal reicht es nicht aus, zaubern zu können.
Nicht, weil Menschen zu kaputt sind, um geheilt zu werden, sondern weil sie nicht heile werden möchten. Seelen, die schon so lange in ihrem Kokon sind. Bis sie sich selber auffressen.
Scheinbar nichts vermag ihnen ans wärmende Licht zu verhelfen, das ihre Flügel trocknet, bis sie als die schönen Schmetterlinge fliegen können, die sie wirklich sind.
Mitleid vermag nicht zu heilen. Rache wird nicht heilen. Kein Reichtum der Welt kann heilen.
Nur die Liebe kann das.
Liebe zulassen.
Liebe geben.
Sei Liebe und flieg so weit die Flügel dich tragen …

last call

 

I recognized your number
It’s burned into my brain
Felt my heart beating faster
Every time it rang
Some things never change
That’s why I didn’t answer

I bet you’re in a bar
Listening to a country song
Glass of Johnny Walker Red
With no one to take you home

They’re probably closing down
Saying, „No more alcohol“
I bet you’re in a bar
‚Cause I’m always your last call

I don’t need to check that message
I know what it says
„Baby, I still love you“
Don’t mean nothing when there’s whiskey on your breath
That’s the only love I get
So if you’re calling

I bet you’re in a bar
Listening to a cheatin‘ song
Glass of Johnny Walker Red
With no one to take you home

They’re probably closing down
Saying, „No more alcohol“
I bet you’re in bar
‚Cause I’m always your last

Call me crazy but
I think maybe
We’ve had our last call

I bet you’re in a bar
It’s always the same old song
That Johnny Walker Red
By now it’s almost gone

But baby, I won’t be there
To catch you when you fall
I bet you’re in bar
‚Cause I’m always your last call.

(Lee Ann Wormack)

Kein Tag vergangen ohne Erinnerung an Dich.
Als ich eine Blume niederlegte an Deinem Grab frage ich mich, wie es wohl heute wäre, wenn nicht gekommen wäre, was kam. Wären wir alle ein bisschen weniger kaputt? Ein bisschen weicher und wärmer? Weniger wütend auf die Welt?
Ich weiß es nicht. Alles was ich weiß ist, dass man Situationen und Personen überstehen kann, die man für lebenswichtig erachtet hat, weltbewegend und essentiell. Dann stellt man fest, dass man sehr gut ohne kann. Du wächst an den Schmerzen, an den Lektionen, am Stress, der Enttäuschung durch andere Menschen. Nachdem man das durchgestanden hat, geht es besser und was mich vor einem Jahr beschäftigt hat, ist vergessen und ruht in der Mottenkiste, bis es zu Staub der Zeit zerfällt. Und dann wiederum geschehen solche Sachen, die alles für immer verändern. Die einen so nachhaltig auseinander reißen und für immer das Leben trüben. Wie der Abschied von Dir. Dennoch existiert man weiter, verstreicht die Zeit, sind wir Zurückgelassenen weiter auf dieser Seite des Vorhangs. Warten auf den Tag des Wiedersehens.

Fragen uns, was Du geraten hättest.
Erinnern uns, wie Du gelacht hast.
Wünschen uns die Zeit zurück.
Dein Fehlen ist so allumfassend.

In 17 Jahren hat sich die Umwelt verändert. Ich mache Fehler, treffe falsche Entscheidungen, muss mich Aufgaben stellen, die ich mir selbst eingebrockt habe. Ich verliere, stehe auf und mache weiter. Mit der Zeit bin ich routinierter, aber auch dessen müder geworden. Die Welt geht mir auf den Geist mit all ihrem Druck, der Selbstdarstellung, dem Wettkampf, der Respektlosigkeit, Gewalt, Zerstörung und Wut, überall ist so viel Wut. Oft möchte ich mit all dem nichts mehr zu tun haben und die Waffen einfach fallen lassen.

Warum muss man das Leben meistern? Reicht es denn nicht, dass ich es nicht aufgebe?

Dann sehe ich, wie die Sonnenstrahlen durch eine Baumkrone brechen und auf der Friedhofsmauer tanzen. Ein kleiner Baumsprössling wächst aus einer Ritze zwischen den Steinen empor. Er hat es schwer, keinen Boden zum Wurzelschlagen, aber er lässt sich nicht abbringen, will ein großer Baum werden, hinauf ins Licht.
Egal ob er (oder ich) das jemals schaffen können, wir werden es versuchen. So lange es die Sonnenstrahlen gibt und das feine Geäst von Blättern im Gegenlicht, den Duft von Heckenrosen, Feldbrombeeren, das Schnurren einer Katze oder das warme Gefühl, wenn jemand den Du magst Dich berührt. So lange ich noch merke, dass ich mehr gemeinsam habe mit einem Kind, das die Welt erkundet und alles Natürliche darin liebt und die Göttlichkeit darin erkennt, als mit einem Erwachsenen, für den alles was zählt, Status und Regeln sind – So lange bist Du in mir.
Bei uns.
In der Welt.
Für immer unvergessen.

Footprints

Mit der Zeit verstehe ich besser, warum Dir dieses Gedicht so viel bedeutet hat.
Das Vertrauen darauf, dass das Universum hinter einem steht, dass alles einem höheren Plan folgt, den wir meistens nicht erfassen.

Spuren im Sand

Eines Nachts hatte ich einen Traum:
Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn.
Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten,
Streiflichtern gleich, Bilder aus meinem Leben.
Und jedesmal sah ich zwei Fußspuren im Sand,
meine eigene und die meines Herrn.
Als das letzte Bild an meinen Augen vorübergezogen
war, blickte ich zurück. Ich erschrak, als ich entdeckte,
daß an vielen Stellen meines Lebensweges nur eine Spur
zu sehen war. Und das waren gerade die schwersten
Zeiten meines Lebens.

Besorgt fragte ich den Herrn:
„Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen, da hast du
mir versprochen, auf allen Wegen bei mir zu sein.
Aber jetzt entdecke ich, daß in den schwersten Zeiten
meines Lebens nur eine Spur im Sand zu sehen ist.
Warum hast du mich allein gelassen, als ich dich am
meisten brauchte?“

Da antwortete er:
„Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde dich nie
allein lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten.
Dort wo du nur eine Spur gesehen hast,
da habe ich dich getragen.“

Happy Birthday, Mom.

Originalfassung des Gedichts Footprints © 1964 Margaret Fishback Powers.
Deutsche Fassung des Gedichts Spuren im Sand © 1996 Brunnen Verlag, Gießen.

fragile mind

So wurde ich denn gefragt, warum ich schon länger nichts mehr geschrieben habe. Die Antwort kam mir sehr direkt in den Sinn: Weil ich gerade in der Fastenzeit bin und mir der Rotwein fehlt, der sonst so oft der Begleiter meiner meist nächtlichen Schreibattacken war.
Kleiner Hemingway.
Hinzu kommt, dass ich im Grunde nur dann in den Schreibfluss komme, wenn mich etwas bewegt, etwas passiert ist. Ich entweder zu einer neuen Erkenntnis für mein Leben gelangt bin, ich ich festhalten oder mir etwas von der Seele reden möchte.
Beides – Alkoholkonsum und das Leben im Grenzbereich von Gefühlen, die mich in den Abgrund reißen können – sind Zustände, denen ich nicht länger Platz in meinem Leben einräume.
Sich betrinken, um Gefühle besser zu ertragen (in meinem Falle eher: zu ergründen) ist eine sehr hässliche Fratze, die mir mein altes Leben oft genug vorgeführt hat.
Ich will es nicht länger.
Ebenso wenig wie den freien Fall.
Also schreibe ich. Schwebend, nüchtern und ganz klar.
Ich habe Angst, das Gleichgewicht zu verlieren, den fragilen Zustand. Erst heute wieder gefährdet durch einen bösen Traum: Eine Person, ich glaube in Vertretung meines Unterbewusstseins, sprach darin zu meinem Freund, unwissend, dass ich mithöre. All meine Zweifel, aber auch gemeinen Spott und Hohn – dass ich ja sowieso nicht wisse, was ich will, dass ich ihn wohlmöglich enttäuschen würde, dass meine Ex-Partner die bessere Wahl gewesen seien. Ich war schockiert und wütend, sogar noch lange nach dem Aufwachen.
Wie gemein! Wie hinterhältig! Was für Lügen!
Oder?
Zweifel kamen auf: Vielleicht hatte die Person im Traum nur ausgesprochen, was ich eigentlich denke, mir Zugang zu meinem unbewussten Wissen gewährt. Der zweite Gedanke brachte mich dann aber zum Lächeln: Mein Ex, besser? In welcher Welt?? Jemand der mich so behandelt hat? Definitiv: Auf gar keinen Fall wahr! Ich bin froh um den jetzigen Zustand, einen Menschen an meiner Seite zu haben, der mich achtet und ehrlich mit mir ist. Wo auch immer es hingehen wird.
Dann hat mich ein Gespräch mit einer Freundin beschäftigt. Sie erzählte mir – was ich noch nicht wusste – dass besagter Ex an Karneval seine neue Freundin (die es gar nicht gibt, welche dreiste Unterstellung von mir, haha!) im Freundeskreis vorgestellt hat. Zu dieser Gelegenheit muss er auch wieder kräftigst auf die Tränendrüse gedrückt haben, weil ihn jetzt alle doof finden. Sogar soweit, dass seine Neue die Freunde angegangen ist, dass diese sich ja nie bei ihm melden würden. Der arme. Also echt.
Ich weiß nicht, was diese Information mit mir macht. Es ist nichts neues. Es interessiert mich nicht besonders und bringt mich auch nicht mehr zum weinen vor Wut und Hass auf diese falsche Person, die meint, Menschen zu manipulieren und anzulügen, habe seinen Platz in Freundschaften. Für den Freunde sowieso nur für die Kneipe gut sind und für die man nicht Zeit, Interesse, ein Ohr, ein Herz hat. Oder denen gegenüber man auch mal nen Fehler einräumt, statt sich weiter aufzuführen wie die personifizierte Arroganz.
Ich weiß nicht, was es macht. Es lässt mich auch nicht kalt. Doch ich werde es aushalten.
Kein Wein. Kein Weinen. Es ist alles in Ordnung. Es geht mir gut. Ich habe überlebt. Das schlimmste, was ich mir vorstellen konnte im Leben, gleich zweimal überstanden. Ich stehe noch hier. Alles ist sicher, er kann mir nicht mehr weh tun, auch wenn seine beißenden Worte es bis in meine Träume schaffen. Während er an irgendwelchen Theken hängt und mir nachts Mail mit weinerlichen, selbstmitleidigen Vermiss-Dich-Popsongs schickt.
Ich bekomme mein Leben wieder in den Griff. Ich wähle die Sonne, auf dass der Schatten hinter mich fällt.

I
CHOOSE
HAPPINESS

to forgive is to set a prisoner free

…and to discover that the prisoner was you.

Weiss du noch, am Aanfang
Wie leich dat alles lossging
Du sohs mich, ich soh dich
Un dä Ress wor einfach klor
Wat es do schief jelaufe
Wo sin mir zwei falsch affjeboge
Av wann han mer verjesse, wä mer wore
Woröm is dat nit mih richtig
Un woröm is dat jetz esu falsch
Un woröm schreit dat Hätz noch immer „Jo“

Da war es nun, dieses Gespräch auf das ich fast ein Jahr gewartet und es stets gefürchtet habe. Weil ich genau wusste, es wird eines Tages kommen. Und dass mir dann die richtigen Worte fehlen würden.
Was soll man zu jemandem sagen, der einmal die große Liebe war, der einen Ring am Finger trug, „E levve lang“ – und das mit Füßen getreten hat. Der jetzt einräumt, dass er damit den dümmsten Fehler gemacht hat und es sich vor der Welt und seinem überdimensionalen Ego nicht eingestehen, nicht zurück rudern konnte. Pech gehabt, mag man denken. Ich hingegen empfinde Mitgefühl. Zumindest glaube ich, dass es nicht bloß Genuugtuung ist, die mich milde stimmt.

Wochen und Monate habe ich gewusst, dass ihm aufgehen wird, wie mies er mich behandelt hat. Selbst wenn es nur ein Reinwaschen für sein Gewissen war, ein Geständnis nach einer Flasche Kabänes, nachts auf der Tanzfläche einer Karnevalsparty – so weiß ich doch, wie viel bitterer Ernst darin steckt. Auch wenn mich der Betrug, die Lügen, die Eiseskälte voll erwischt haben, kenne ich doch die Untiefen dieser Persönlichkeit wie niemand sonst. Er hat mich hineinsehen lassen in die traurige Vergangenheit, seine kaputte Seele, die nachts wach auf dem Sofa liegt, ein Kuscheltier überall mit hin nimmt, traurige Lieder zu Gott singt und auf eine Vergebung hofft, die er sich selbst nicht gewährt.

Ich möchte so vieles antworten, so vieles loswerden und sage dann doch nur: „Es geht mir gut. Werde glücklich.“

Es ist nicht die Zeit und der Ort dafür. Nicht auf einer Karnevalsparty, mit zwei Freundinnen im Rücken, die mit Konfettipistole im Anschlag „Sag was und ich bring ihn für dich um!“ rufen. Nicht hier. Nicht nachdem auch ich jemand Neues kennengelernt habe. Jemanden, der mir gut tut und mir zeigt, dass Liebe nicht Drama und alles an einander auslassen sein muss, sondern unbeschwert, einfach und aufrichtig sein kann.
Nicht nachgeben, nicht zurückfallen, stark bleiben in dem, was ich mir mit Mühe aufgebaut habe. Jetzt ist nicht die Zeit dafür. Vielleicht kommt sie auch nie mehr.

Er hätte so viel Zeit gegeben. Monate, in denen mein Telefon stumm blieb. Die Zeit vor der Scheidung, die Wartezeit bei Gericht. Es gab immer die Möglichkeit für eine Aussprache. Ich habe oft darum gebeten. So viele Wege hätten offen gestanden, wäre ein Wille da gewesen.

Aber nicht jetzt, an dem Punkt an dem ich endlich eingesehen habe, dass die große Liebe ein Ende haben darf. Dass „für immer“ eben manchmal nicht für immer bedeutet. Man darf sie gehen lassen. Man muss.

„The only way out of the labyrinth of suffering is to forgive.“
John Green, Looking for Alaska“