Freundesieb

Es kommen Zeiten im Leben, da hält man kurz inne, meist nach einer besonders harten und anstrengenden Etappe und schaut sich um. Wer ist bis hier mitgegangen? Wer geht nach wie vor an deiner Seite?
Viele Menschen können das wohl bestätigen: In der Not zeigt sich, wer deine Freunde sind. Das habe ich damals gemerkt, als meine engsten Freunde – so dachte ich – auf einmal nichts mehr von sich hören ließen. Keine Karte, kein Anruf. Als sei ihnen etwas schlimmes widerfahren, nicht mir. Wer mit mir in der Kirche saß und mir beistand, als es hieß Abschied zu nehmen, waren teils alte Freunde, teilweise solche, deren Rückgrat und der Ausdruck ihrer Zuneigung und des Respekts mich sehr beeindruckt haben. Das sind wahre Freunde. Die, die in guten wie in schlechten Tagen dir zur Seite stehen.
Schwere Zeiten sind darum nicht nur ein Nährboden für persönliches Wachstum, sondern auch ein prima Sieb, um die falschen von den wahren Freunden zu trennen. Denn manchmal verschwimmt die Sicht, lässt man sich allzu gerne verführen von den Brotkrumen der Zuneigung, Versprechen, Perspektiven, die sich mit einer neuen Freundschaft eröffnen. Nicht immer ist man dabei auf einen echten Freund getroffen.

Es gibt Menschen, die sind nur so lange Freunde, wie sie es auf Entfernung sein können. Versprechen dir Zeit, die sie nie einlösen. Vergewissern dir, dass du ihnen wichtig bist, kommen aber nie vorbei, schlagen nie ein Treffen vor und bringen lahme Ausreden, weil du ihnen dann wohl doch gerade zu anstrengend bist in deinem Kummer. Ich habe diese Entschuldigungen so satt. „Sorry“ und Affen-Emojis sind leider kein Ersatz für geschenkte Zeit, die Gelegenheit für gute Gespräche und den Willen, mir bei meinem Neuanfang beizustehen. Dann eben nicht.

Wahre Freunde brauche ich gerade sehr und ich bin glücklich, diese zu haben. Solche, die mich trotz der eigenen Sorgen bei sämtlichen albernen Überlegungen, Plänen, neuen Hobbys und fixen Ideen bedingungslos unterstützen. Menschen, die mir sagen „ich hab dich lieb“ oder „ich glaub an dich“ und die zulassen, dass ich mich zur Zeit neu (er)finde. Da ist die Freundin, die mich immer wieder liebevoll erdet auch wenn ich zum hundertsten Mal dieselben Gedanken wälze. Die gleichzeitig mit mir träumt von einer besseren Zeit – obwohl sie gerade ihre eigene Existenz gründet und weiß Gott genug wichtigeres zu tun hätte. Oder die Freundin, die gerade schwanger und in einem völligen Umbruch im Leben ist, die sich aber immer wieder mit Freude die Zeit nimmt, mit mir zu lachen, mir Vorschläge zu machen für gemeinsame Unternehmungen, die mich deutlich spüren lässt und mir zu verstehen gibt „Ich möchte, dass du Teil meines Lebens bleibst“. Das Pärchen, übrig gebliebene Freunde aus dem Dunstkreis meines Ex‘, die sich so rührend gekümmert haben vom ersten Tag, die mich mitnehmen unter Leute und auch akzeptieren können, wenn ich mal in meinen Cocktail weine. Die Freundin aus Hamburg, die sich trotz kleiner Tochter und Vollzeitjob die Zeit nimmt für stundenlange Telefonate, die wie eine feste Umarmung gut tun. Oder auch der Freund, mit dem ich zwar nicht mehr die enge Verbindung habe wie früher, der aber in den langen Nächten des Jammerns und der Selbstzweifel nach der Trennung für mich da war, mich wieder beruhigen konnte wie kein anderer, der mir klar und deutlich gesagt hat „jetzt ist aber gut“ und auch „du bist gut“.

Ich bin dankbar für mein Freundesieb und glücklich, dass fantastische Menschen darin hängen bleiben, ohne die es schwer gewesen wäre, den Weg weiter zu gehen. Danke, dass es euch gibt. Für euch will ich wieder stark werden, wieder lachen wie früher, wieder ein Mensch sein mit dem man gerne Zeit verbringt und der euch Zeit schenkt und für euch da ist – an leuchtenden wie an den traurigen Tagen im Leben.

Das Leichteste der Welt

Manchmal spricht einem ein Lied aus dem Herzen, als habe man es selbst geschrieben.

Hab gehört die Sonne scheint wieder für dich
Hab gehört du wirkst befreit und trägst wieder Lachen
Hab gehört ich bin für dich vorbei und abgehakt
Und dass das der beste Schritt deines Lebens war

Hab gesehen dein Herz hängt jetzt an jemand anderem
Ganz schön schnell dafür das du gesagt hast du brauchst erstmal Zeit
Auf den Fotos die man findet, da strahlt ihr vor Grinsen
Du siehst so widerlich glücklich aus

Und ich
Ich kann nicht schlafen, ohne irgendwas zu nehmen
Und du
Stehst längst mit beiden Beinen im neuen Leben
den Blick nach vorn gestellt
Als wär’s das Leichteste der Welt

Nach allem was man hört lebst du jetzt im Bilderbuch
Suchst ein Haus am See und Kindernamen – war doch unser Plan
Und ich häng hier auf Halbmast, krieg den Kopf nicht ausm Sand
Bin kilometerweit entfernt von Abstand

Und ich
Ich kann nicht schlafen, ohne irgendwas zu nehmen
Und du
Stehst längst mit beiden Beinen im neuen Leben
den Blick nach vorn gestellt
Als wär’s das Leichteste der Welt

Doch was mich am allermeisten bricht
Ist zu sehn wie glücklich du jetzt bist
Und die bittere Erkenntnis, das man bei Null ist, das da nichts ist
Und jeder Tag und jedes Jahr umsonst war
Sinnlos war, so sinnlos war

Vielleicht kann ich irgendwann wieder schlafen, ohne irgendwas zu nehmen
Vielleicht gibt’s irgendwo da draußen für mich ein neues Leben
Aber sich das vorzustellen
Ist grad das Schwerste dieser Welt

(lyrics by Silbermond)

Abendstimmung

Loslassen.
Loslassen.
Ich sitze im Garten meines Elternhauses. Dieses Hauses, das so vieles erlebt hat. Lachen. Weinen. Neuanfänge und Trauer. Babykatzen. Katzengräber. Junge Paare voller Hoffnung. Schwarz-weiße Erinnerungsfotos. All das steckt in seinen Mauern und dennoch bleibt es Zuflucht, ist es Zuhause, steht es dort und wartet auf bessere Zeiten.
Die Sonne geht gerade unter über unserem Dorf. Einer seiner Söhne wird nie mehr nach Hause kehren. Einer von Weidens‘ Kätchens Jungs ist jetzt weniger auf der Welt.
Und ein anderes Weidenskind starrt den Sonnenuntergang und weiß gerade nicht mehr wohin mit diesem fragilen Ding, das sich Leben nennt und das gefüllt und gelebt und geliebt werden will. Weil gerade alles so scheint, als möchte es nie wieder Morgen werden.

Ein Teil von mir schaut mit Bedauern zurück.
Ich wünschte ich hätte die Gelegenheit erhalten, all das – all das wir, all das uns – mit dir zu besprechen. Nur wir beide. Ehrlich. Offen. Miteinander, wie es hätte sein sollen zwischen uns. Seitdem wir uns gestern das erste Mal nach Monaten gesehen haben, weint mein Herz wieder wie am ersten Tag. Weint um die schöne Zeit, die Liebe, die wir einst hatten und die besonders war, dass es unmöglich scheint, jemals wieder so empfinden zu können.
Als die Richterin uns fragte, ob wir wirklich nicht glauben, unsere Ehe noch einmal aufzunehmen zu können, da wollte diese Seite von mir ganz laut „DOCH!“ rufen. So laut hat meine Seele gerufen, dass ich glaube du wirst es wohl gehört haben.
Doch ich sagte „Nein“. Deinetwegen. Ich habe dich frei gegeben, weil du es wolltest. Mein allerletztes Geschenk an dich. Ein Teil von mir ist unendlich traurig seitdem. Ich vermisse dich an meiner Seite, der mich heute, an diesem traurigen Tag, getröstet hätte. Der nichts hätte sagen brauchen. Du wärst einfach da gewesen und die Welt wäre still geworden. So wie wir jede Nacht eingeschlafen sind, uns irgendwo berührend, weil nur das uns beiden verletzten Seelen Frieden schenken konnte.
Oft wache ich Nachts auf und finde dich nicht.

Auch Du hast „Nein“ gesagt. Schon viele Monate vorher. Am Traualtar, als du „Ja“ sagtest, irgendwas in dir jedoch „Ich weiß nicht mehr“ meinte. So laut, dass ich es gehört habe. Die Monate danach waren ein einziges Drama, ein Alptraum, aus dem ich jede Nacht aufwache. Weg war der Mensch, den ich geliebt, der mit mir gelacht hat, der mit mir in unserer kleinen Welt große Träume träumte. Ein anderer war da an deiner Stelle, der sich selbst zugrunde richtete. Der sich hasste für die schlimmen Dinge die er tat und dann mich hasste und dann wieder sich, weil ich all das nicht verdiente und irgendwo doch daran schuld war, weil ich nicht einfach ging. Ich wollte dir die Hand reichen, immer wieder. Weil ich an dich glaubte. Bis gestern glaubte, dass dein wahres Ich irgendwann zurück kehrt und gewinnt über „den anderen“ wie ich ihn nannte. Unbewusst habe ich wohl immer gehofft, dass dir deine Lügen leid tun, dass das „wir“ stärker ist als deine Dämonen, dass du sie mit mir gemeinsam bekämpfen willst. Aber du hast dich dagegen entschieden und findest deinen Frieden woanders. Ein Teil von mir ist unendlich traurig, dass du nicht der bist, den ich in dir gesehen habe.

Ein anderer Teil von mir schaut hoffnungsvoll nach vorne. Er hat über die letzten Monate nicht sentimental zurückgeschaut, sondern vor allem die Unterschiede bemerkt, die uns zuletzt immer wieder dazu gebracht haben, uns aneinander zu stören. Dein Lebensstil und meiner, die wollten nicht mehr zusammen passen und keiner wollte mehr zurückstecken. Dieser Teil von mir ahnt, dass du längst weiter gegangen bist und in mir trotz der netten Dinge die du gestern gesagt hast, nicht mehr siehst, was du einst gesehen hast. Ich habe mich entschieden, dass erst dann wieder jemand in mein Leben passt, wenn er eben passt. Ich habe zu viele Zugeständnisse gemacht und auf der anderen Seite viel zu wenig gebremst, wo ich es hätte tun sollen, weil es Grenzen aufgezeigt hätte. Ich habe dazu gelernt.
Ich bin dir dankbar: Für eine wundervolle Zeit. Für das Gefühl zu wissen, wie echtes Glück sich anfühlt. Und auch für die Erfahrung, wie bitter geplatzte Träume schmecken.

Akzeptieren.
Akzeptieren.

Schuldfrage

Wie immer bei mir gehen irgendwann die Träume los. Wenn sich mein Tages-Bewusstsein, das ich steuern und kontrollieren kann, langsam mit schlimmen Ereignissen arrangiert hat, legt mein nächtliches, mein Unter-Bewusstsein erst richtig los.
Als mein Opa starb, träumte ich monatelang Nacht für Nacht denselben Traum: Immer waren da Züge, die ohne mich losfuhren. Das gleiche bei meiner Mama.

Nun fange ich an, von ihm zu träumen. Im Traum geschieht das, was im echten Leben seit Monaten ausgeblieben ist: Wir sehen uns wieder. Reden stundenlang. Wie früher. Er ist ein anderer Mensch in diesen Träumen, nicht das Wrack, das ich zuletzt vor mir sah und das mich mit Eisaugen stumpf anstarrte. Er ist wieder dieser eine Mensch, in den ich ganz furchtbar verliebt gewesen bin und von dem ich dachte, er sei eine verwandte Seele. Wenn mich Menschen heute danach fragen, wieso wir überhaupt geheiratet haben, kann ich nur sagen: Weil es die große Liebe war – jedenfalls fühlte es sich damals so an.
Ich weiß noch wie glücklich ich war an dem Tag, als er mich fragte.
Wirklich von Herzen glücklich.
Wer meine Texte aus jener Zeit gelesen hat, konnte es zwischen den Zeilen spüren.
Niemals hätte ich gedacht, dass wir in einem Alptraum enden. Andererseits: wer ahnt sowas schon.

In mein Unterbewusstsein hat sich der Verrat noch nicht eingeschlichen, ist unsere Welt noch die, die sie einmal gewesen ist: Da ist Liebe, da ist gegenseitiges Verstehen, da ist miteinander lachen, einander die besten Kumpel sein, in unserer kleinen Welt aus Botschaften im Reisegepäck und an der Tür, Schlüsselanhängern und Kühlschrankmagneten und Einkaufslisten mit Witzen, die nur wir verstanden. Den anderen für das Allerbeste halten, das einem jemals passiert ist. So war es einmal zwischen uns – aufgehört hat es, als wir heirateten oder nein, vielleicht sogar bevor wir heirateten und ich spürte, dass alles anders wurde von seiner Seite und die Dinge sich zu verändern begannen – und wir uns mit ihnen.

Wenn ich aufwache, ist all das Schöne wieder fort. Was bleibt ist die Frage, warum es so gekommen ist. Warum wir nicht in der Lage waren, uns gegen die aufkommende Kälte zu wehren, uns das zu erhalten was uns einst verbunden hatte.
Natürlich liegt es nahe, nun da ich die Hintergründe kenne, wütend zu sein auf ihn und die Schuld einzig bei ihm zu suchen. Er hat mir bis heute nicht die Wahrheit offenbart, sich nie gekümmert, was aus mir wurde, mich ignoriert. Mich, die Person von der er einst sagte, sie stünde ihm am nächsten, verstünde ihn besser als jeder Mensch zuvor und habe sein Leben zu etwas besserem gemacht. Alles Lügen? Vielleicht. Es ist so schön einfach, liegt so nahe, das zu glauben. Schließlich hat er die ganze Zeit hinter meinem Rücken seine Pläne geschmiedet. Mich hintergangen, sich trösten lassen und mir keine Träne nachgeweint.
Aber nach wie vor ist es mir nicht möglich, zu hassen. Zweifel sind da, Fragen offen. Vor allem die quälenden, die ich mir nicht beantworten kann. Was hätte ich machen können, um zu verhindern, was passiert ist. Ihm weniger den Spiegel vorhalten? Noch weniger von ihm verlangen als das, was ohnehin schon zu wenig war für eine Partnerschaft? Hätte ich beharrlicher sein müssen – oder sogar noch nachsichtiger, obwohl mich sein Verhalten stets an meine Grenzen brachte?
Vielleicht hatte ich gar keinen Einfluss auf den Verlauf der Dinge, hatte es nicht mit mir, sondern mit ihr zu tun. Möglicherweise ist es auch so, dass er nicht in der Lage ist, einem anderen Menschen zu geben, was zu einer gesunden Beziehung auf Dauer gehört.
Doch möglicherweise trage auch ich meine Schuld an unseren letzten, sehr wenig partnerschaftlichen Monaten und das macht mich traurig und zugleich unsicher: was wenn ich das Problem war, bin, ich Eigenschaften habe, die ihn dazu gebracht haben, mich nicht lieben zu können. Die Ablehnung ist es, das nicht-mehr-geliebt-werden – nicht Hass oder Wut – was mich beschäftigt.

Aus meiner Perspektive, aus dem was ich weiß und mit ihm erlebt habe, ist in dieser Geschichte er am Ende der Schurke, der rücksichtslos mein Herz gebrochen hat.
Es war seins, ich hatte es ihm geschenkt.

Hating someone you once loved is far worse than bitter dislike.
The betrayal strips you of memories you once trusted.
A snapshot of what used to be becomes a lie.
And the anger mixes with the hurt.
I will never forget the look in her eyes when she saw me.
Those eyes haunted me all over the world.

(from „Where we fall“ by Rochelle B. Weinstein)

Nothing in this world

I finally kept my pride and hailed a cab
Those cuttin‘ words you said were the last stab
There’ll be no tears this time, they’ve all dried up
No more sweet poison, I already drank that cup

This tunnel’s dark, but there’s a little light glowing
Just enough for me to run towards knowing

Nothing in this world will ever break my heart again
Nothing in this world will ever break my heart again
No pain this life will put me through will ever ever hurt like you

Don’t need a miracle, a superhero
There’s only one way up when you’re at zero
You took my innocence, but it was knowing
No I don’t need you, and that made me a woman

I paid my dues, but it’s a debt I’m done paying
I’m standing strong, but I’m still on my knees praying

That nothing in this world will ever break my heart again

Asche

Wenn ein Herz zerbricht
zerfällt es in tausend Scherben.
Die Welt, ein Zuhause, bricht zusammen,
zahllose kleine Steine.
Unzählige Schnipsel von Fotos, auf denen wir lachten.
Kaputte Souvenirs von Orten, die wir liebten.

Herzen brechen, wenn der letzte Strohhalm verglüht
zu Asche
zu Asche
zu Staub
zu Staub.

verschlossen

Weißt du eigentlich, welche Ängste ich habe.
Was mich wach hält, wovor ich mich am meisten fürchte.
Die Angst, dass Irgendwer oder Irgendwas
mich von denen trennen könnte, die ich liebe.
Habe ich dir das erzählt – ich glaube nicht.
Oder du hast es nicht gehört. Denn die Mauer
die ich um meine Ängste errichtet habe, ist meterdick.

Weißt du eigentlich, wovon ich träume.
Was ich mir von Herzen wünsche, für mich, dich, uns.
Die Zukunft, die ich vor mir sehe: Hand in Hand gehen
mit dir bis nur noch einer von uns übrig ist.
Habe ich dir das erzählt – ich glaube nicht.
Oder du hast nicht zugehört.
Weil Träume zu verraten Unglück bringt.

Weißt du eigentlich, worauf ich hoffe.
Das ich noch immer fest glaube an ein Leben mit dir.
An die Kraft, gemeinsam alles überwinden, aus Fehlern lernen zu können,
so lange man sich einander öffnet und zuhört.
Habe ich dir das erzählt – ich glaube nicht.
Oder du hast es nicht gehört. Weil ich da bereits
die Tür hinter mir zugezogen hatte.

1.27h

Heute Nacht kann ich nicht schlafen. Ich kauere wie eine Verrückte vor dem Sofa, die Kappe meines Stiftes im Mund, ein Glas Wasser und Baldriantabletten. Um mich zu beschäftigen, vielleicht auch zu beruhigen, schreibe ich. Nebenan schnarchst Du. Vielleicht ist es besser nicht zu schlafen. So habe ich wenigstens noch etwas von Dir, Deinen Geräuschen, Deinem Gebrabbel im Schlaf, wenn Du Dich herumdrehst. Ich werde müde sein morgen, wenn auch nicht schlimmer als sonst, denn ich bin eigentlich stets müde. Etwas knackt laut irgendwo in der Wohnung. Ich zucke zusammen und ein langer Strich zieht sich quer über das Papier. Seit wann eigentlich bin ich derart schreckhaft, ist mir die Nacht zum Feind geworden? Wusstest Du, dass immer wenn Du nicht da bist ich mich einschließe, die Haustüre mehrfach abschließe um mich dann hinter der Schlafzimmertür zu verschanzen? Wenigstens kann ich heute nicht wieder seltsame Träume bekommen. Nacht für Nacht kommen sie jetzt und werden immer anstrengender und bedrückender. Vom Weggehen, Umziehen, von fremden Häusern in Orten, die ich noch nie im echten Leben gesehen habe. Aber ich habe das sichere Gefühl, dass es sie genau so irgendwo gibt. Manchmal ist Mama da und Papa wohnt ganz woanders mit dem Kater. So als wäre die Geschichte weiter gelaufen damals. Ich befinde mich in unbekannten Häusern, fremden Gärten, Feriensiedlungen, leeren Dörfern. Du drehst Dich ein bisschen herum, das Bett knarzt und ich höre die Bettdecke rascheln. Wünsche ich mir, dass Du aufwachst jetzt und herüber kommst, mich ins Bett holst und vielleicht mir noch einen Tee machst? Nein, so sind wir nicht, nicht wir beide. Ich bin wach – wachsam – und Du morgen um diese Zeit schon woanders. Du verstehst die Abgründe nicht, die sich manchmal vor mir auftun und die Nacht, die mich ängstigt und zugleich fest umarmt. Obwohl ich im Grunde denke, Du verstehst es vielleicht sogar besser als jeder Andere hier und hältst Dich deswegen weit entfernt vom Abgrund. Guter Gedankengang. Auch bei Tag kommen mir immer öfter seltsame Gedanken und Tagträume. Ich nehme Dinge wahr, die nicht da sein sollten, die mich zurückversetzen in vergangene Tage: Das Zimmer meines besten Freundes, der Teppich mit den Limonadenflecken. Weil Micha immer sein Glas umstieß. Die Schrankwand, deren Maserung ich genau kannte, weil ich beim Trivial Pursuit spielen immer mit dem Gesicht zur Schrankwand saß. Michas Vater, der hereinkam, irgendetwas fragte. Eine freche Antwort seines Sohnes, derer ich mich schämte. Sein Vater tat mir leid. Ich verstand, dass zwischen den beiden so vieles falsch gelaufen war und doch hatte ich Mitleid in diesen Momenten, wie dieser schlaksige Riese von einem Mann da stand und von seinem Sohn runtergeputzt wurde, nichts zu erwidern wusste. Es ist viele Jahre her, der Tag, an dem wir ihn beerdigten, mein Papa an meinem Arm schluchzend da er seinen besten Freund begraben musste. Warum nur denke ich jetzt darüber nach, warum verfolgt mich immer alles? Oder bin vielleicht ich es, die an all den Erinnerungen so fest hält, dass ich kein Detail vergesse? Gestern erst ein Spaziergang am Abend. Irgendjemand hatte gekocht, der Geruch erinnerte mich an das Wohnzimmer von Oma und Opa, an Nudelsuppe und warmen Teppich und Sonntagsessen mit der Familie. Früher. Plötzlich war ich sehr traurig darüber, dass es kein „Wetten dass?!“ mehr geben wird und meine Kinder niemals diese Geborgenheit werden erfahren können wie man sie hat, wenn beide Großeltern noch da sind. Man bis nach „Wetten dass?!“ aufbleiben darf, die Füße gekrault bekommt und so viel Eis essen darf wie man mag. Es kommen auch traurige Erinnerungen urplötzlich wieder – eine davon handelt von Dir. Weißt Du noch als wir uns gerade kennen lernten und noch nicht sicher waren ob und was einmal aus uns werden würde? Wir wollten uns treffen und Du kamst extra mit dem Wagen Deiner Mutter von Bad Salzuflen nach Köln gefahren, zwei Stunden Fahrt. Wir gingen in den Zoo. Sprachen fast kein Wort, waren in uns gekehrt. Keine Fotos, kein Händchenhalten. Vorm Ausgang hast Du mir angeboten, mich wieder nach Hause zu bringen. Ich lehnte ab, ich wolle noch hinunter zum Rhein. Traute mich nicht, Dich zu fragen und Du Dich nicht, zu bleiben. Du fuhrst die zwei Stunden wieder zurück nach Hause, während ich alleine am Rheinufer saß und traurig war. Irgendwie war es oft so zwischen uns: Angst, Ansprüche zu stellen an den anderen, Distanz, Unsicherheit und Missverstehen. Und doch war da von Anfang an diese Liebe und die Sehnsucht nach mehr, sonst wärst Du nicht extra so weit gefahren. Sonst hätten wir doch nicht beide geweint damals, bei Sonnenaufgang auf dem Fischmarkt, als Du sagtest, wir seien füreinander bestimmt. Sonst wären wir wohl auch nicht heute hier, in derselben Wohnung. Liebe war immer da und ich vermisse Dich schon jetzt wieder – wie immer, wenn Du weg bist. Aber es wird gut sein, es wird Dir hoffentlich Freude machen, Zeit mit Deinen Freunden zu verbringen. Manchmal habe ich nämlich das Gefühl, Dir kein besonders guter Freund zu sein. Wie an diesem Tag im Zoo war es doch eigentlich immer. Vieles von dem, was wir in uns tragen, bleibt unausgesprochen. Wird geteilt mit keiner Menschenseele. Vielleicht ist das auch ganz gut so? Ich sollte schlafen. Ich sollte diese wirren Gedanken nicht haben, die Erinnerungen an Vergangenes, Gesagtes, Gefühltes und an dieses Mitleid, das sich einprägt und – vor Allem: an den Verlust. Ich sollte schlafen. Mein Schatz, ich sage es Dir und sonst niemandem, während Du friedlich schläfst: Ich habe Angst, dass ich irgendwann meinen Verstand verlieren könnte.