1.27h

Heute Nacht kann ich nicht schlafen. Ich kauere wie eine Verrückte vor dem Sofa, die Kappe meines Stiftes im Mund, ein Glas Wasser und Baldriantabletten. Um mich zu beschäftigen, vielleicht auch zu beruhigen, schreibe ich. Nebenan schnarchst Du. Vielleicht ist es besser nicht zu schlafen. So habe ich wenigstens noch etwas von Dir, Deinen Geräuschen, Deinem Gebrabbel im Schlaf, wenn Du Dich herumdrehst. Ich werde müde sein morgen, wenn auch nicht schlimmer als sonst, denn ich bin eigentlich stets müde. Etwas knackt laut irgendwo in der Wohnung. Ich zucke zusammen und ein langer Strich zieht sich quer über das Papier. Seit wann eigentlich bin ich derart schreckhaft, ist mir die Nacht zum Feind geworden? Wusstest Du, dass immer wenn Du nicht da bist ich mich einschließe, die Haustüre mehrfach abschließe um mich dann hinter der Schlafzimmertür zu verschanzen? Wenigstens kann ich heute nicht wieder seltsame Träume bekommen. Nacht für Nacht kommen sie jetzt und werden immer anstrengender und bedrückender. Vom Weggehen, Umziehen, von fremden Häusern in Orten, die ich noch nie im echten Leben gesehen habe. Aber ich habe das sichere Gefühl, dass es sie genau so irgendwo gibt. Manchmal ist Mama da und Papa wohnt ganz woanders mit dem Kater. So als wäre die Geschichte weiter gelaufen damals. Ich befinde mich in unbekannten Häusern, fremden Gärten, Feriensiedlungen, leeren Dörfern. Du drehst Dich ein bisschen herum, das Bett knarzt und ich höre die Bettdecke rascheln. Wünsche ich mir, dass Du aufwachst jetzt und herüber kommst, mich ins Bett holst und vielleicht mir noch einen Tee machst? Nein, so sind wir nicht, nicht wir beide. Ich bin wach – wachsam – und Du morgen um diese Zeit schon woanders. Du verstehst die Abgründe nicht, die sich manchmal vor mir auftun und die Nacht, die mich ängstigt und zugleich fest umarmt. Obwohl ich im Grunde denke, Du verstehst es vielleicht sogar besser als jeder Andere hier und hältst Dich deswegen weit entfernt vom Abgrund. Guter Gedankengang. Auch bei Tag kommen mir immer öfter seltsame Gedanken und Tagträume. Ich nehme Dinge wahr, die nicht da sein sollten, die mich zurückversetzen in vergangene Tage: Das Zimmer meines besten Freundes, der Teppich mit den Limonadenflecken. Weil Micha immer sein Glas umstieß. Die Schrankwand, deren Maserung ich genau kannte, weil ich beim Trivial Pursuit spielen immer mit dem Gesicht zur Schrankwand saß. Michas Vater, der hereinkam, irgendetwas fragte. Eine freche Antwort seines Sohnes, derer ich mich schämte. Sein Vater tat mir leid. Ich verstand, dass zwischen den beiden so vieles falsch gelaufen war und doch hatte ich Mitleid in diesen Momenten, wie dieser schlaksige Riese von einem Mann da stand und von seinem Sohn runtergeputzt wurde, nichts zu erwidern wusste. Es ist viele Jahre her, der Tag, an dem wir ihn beerdigten, mein Papa an meinem Arm schluchzend da er seinen besten Freund begraben musste. Warum nur denke ich jetzt darüber nach, warum verfolgt mich immer alles? Oder bin vielleicht ich es, die an all den Erinnerungen so fest hält, dass ich kein Detail vergesse? Gestern erst ein Spaziergang am Abend. Irgendjemand hatte gekocht, der Geruch erinnerte mich an das Wohnzimmer von Oma und Opa, an Nudelsuppe und warmen Teppich und Sonntagsessen mit der Familie. Früher. Plötzlich war ich sehr traurig darüber, dass es kein „Wetten dass?!“ mehr geben wird und meine Kinder niemals diese Geborgenheit werden erfahren können wie man sie hat, wenn beide Großeltern noch da sind. Man bis nach „Wetten dass?!“ aufbleiben darf, die Füße gekrault bekommt und so viel Eis essen darf wie man mag. Es kommen auch traurige Erinnerungen urplötzlich wieder – eine davon handelt von Dir. Weißt Du noch als wir uns gerade kennen lernten und noch nicht sicher waren ob und was einmal aus uns werden würde? Wir wollten uns treffen und Du kamst extra mit dem Wagen Deiner Mutter von Bad Salzuflen nach Köln gefahren, zwei Stunden Fahrt. Wir gingen in den Zoo. Sprachen fast kein Wort, waren in uns gekehrt. Keine Fotos, kein Händchenhalten. Vorm Ausgang hast Du mir angeboten, mich wieder nach Hause zu bringen. Ich lehnte ab, ich wolle noch hinunter zum Rhein. Traute mich nicht, Dich zu fragen und Du Dich nicht, zu bleiben. Du fuhrst die zwei Stunden wieder zurück nach Hause, während ich alleine am Rheinufer saß und traurig war. Irgendwie war es oft so zwischen uns: Angst, Ansprüche zu stellen an den anderen, Distanz, Unsicherheit und Missverstehen. Und doch war da von Anfang an diese Liebe und die Sehnsucht nach mehr, sonst wärst Du nicht extra so weit gefahren. Sonst hätten wir doch nicht beide geweint damals, bei Sonnenaufgang auf dem Fischmarkt, als Du sagtest, wir seien füreinander bestimmt. Sonst wären wir wohl auch nicht heute hier, in derselben Wohnung. Liebe war immer da und ich vermisse Dich schon jetzt wieder – wie immer, wenn Du weg bist. Aber es wird gut sein, es wird Dir hoffentlich Freude machen, Zeit mit Deinen Freunden zu verbringen. Manchmal habe ich nämlich das Gefühl, Dir kein besonders guter Freund zu sein. Wie an diesem Tag im Zoo war es doch eigentlich immer. Vieles von dem, was wir in uns tragen, bleibt unausgesprochen. Wird geteilt mit keiner Menschenseele. Vielleicht ist das auch ganz gut so? Ich sollte schlafen. Ich sollte diese wirren Gedanken nicht haben, die Erinnerungen an Vergangenes, Gesagtes, Gefühltes und an dieses Mitleid, das sich einprägt und – vor Allem: an den Verlust. Ich sollte schlafen. Mein Schatz, ich sage es Dir und sonst niemandem, während Du friedlich schläfst: Ich habe Angst, dass ich irgendwann meinen Verstand verlieren könnte.

Fragment

Zeiten ändern dich

Wir sehen einander und wissen beide was hätte sein können – die eine, große Liebe. Die, von der die Dichter schreiben. Wäre dieses Leben ein Roman oder ein Filmdrehbuch, dann würden wir uns am Ende doch finden, uns trennen oder scheiden lassen vom Partner, den wir praktischerweise ohnehin nie geliebt haben. Würden Hab und Gut zurücklassen, alles auf Anfang, um nach Neuseeland auszuwandern und dort zusammen Pferde zu züchten. Wären mutig und stark – weil doch am Ende immer die große Liebe siegt.
Doch das Leben ist kein Drehbuch und Zeiten ändern dich.
Wir haben beide jemand anderen gefunden, der für uns nun Liebe bedeutet und Geborgenheit schenkt. Sind viel zu verwurzelt hier als dass wir auch nur daran denken würden, noch einmal alles neu zu denken. Und wer weiß, vielleicht machen die Zeiten auch aus der „einen“ sowieso nur die „einstige“…

In guten wie in schlechten Tagen

Heute möchte ich von ganz besonderen Menschen erzählen. Ich habe das schon lange vor, aber wie das so ist mit besonderen Texten, sie schreiben sich nicht von alleine und vor allem nicht jederzeit. Heute ist der zweite Advent und da die Weihnachtszeit die beste Zeit ist, an seine Lieben und an die guten Dinge im Leben zu denken, versuche ich es heute.
Meine Großeltern sind ein wichtiger Teil meines Lebens. Leider sind Oma Käthi und Opa Hans (die Eltern meines Papas) schon verstorben aber ich hatte das Glück, beide kennen zu lernen. Ich denke, es geht allen Enkelkindern so und auch ich habe ganz viele Erinnerungen an meine Großeltern. Sie waren für mich die besten Menschen überhaupt. Sie haben vier (wenn ich mir meine Onkels heute anschaue, vermutlich nicht immer brave) Jungs großgezogen in einem Häuschen so groß wie eine Puppenstube, in dem auch noch die Oma wohnte. Beide waren Geburtsjahr 1922 und hatten ganz sicher kein einfaches Leben. Meine Oma war immer sehr genügsam und hat ihre Kinder und Enkel gelehrt, auf alles, ob nun Lebensmittel, Zimmerpflanzen oder Kleidung, sehr sorgsam acht zu geben und nichts zu verschwenden. Dennoch waren die beiden – gerade den Enkeln gegenüber – unglaublich großzügig. Immer hatten sie Süßigkeiten für uns im Schrank und ich werde nie vergessen wie dick ich mir den Philadelphiakäse auf Frühstücksbrot schmieren durfte – „met Schmackes!“ hat mein Opa dann immer gesagt und sich darüber gefreut.
Kennen gelernt haben sie sich in der Dorfschule. Mein Opa hat mir einmal mit seinem typischen Augenzwinkern erzählt, dass er sich einfach das hübscheste Mädchen in der Klasse ausgesucht habe – und von dem Tag an seien sie zusammen. Es gibt unzählige Geschichten, die mir einfallen über die Beiden. Als ich mit meinem Cousin hinter Opas Fernsehsessel Weingummi an die Tapete geklebt habe oder wenn wir den Ottokatalog auseinander geschnippelt haben, um daraus Wunschlisten mit Juwelen und Spielzeug zu machen. Es war mein Opa, der mir meine erste Barbie gekauft hat (eine Herzchenbarbie, die meine Mama ganz furchtbar fand), mir immer Rotbäckchensaft mitbrachte, wenn ich krank war, mich mit zum Skat in die Kneipe nahm und mit mir das erste Mal Rhein-Seilbahn gefahren ist und dann mit mir in den Zoo gegangen ist – was für ein glücklicher Tag! Als ich klein war, rief ich samstags die eine Telefonnummer an, die mein Papa heute noch als seine Handynummer führt, packte meinen Rucksack und ging zu Oma und Opa, die 50m weiter wohnten. „Wetten dass??“ oder „Sissi-Schicksalsjahre einer Kaiserin“ – ich durfte dazu Walnusseis essen und so lange aufbleiben, bis die Lottozahlen kamen und dann im großen Bett übernachten. Oma und Opa machten beide vor dem Schlafengehen noch Kreuzworträtsel. Irgendwann wurden diese Samstage seltener und Oma musste mir am Telefon mit trauriger Stimme erklären, dass ich nicht übernachten könnte, weil es Opa schlecht ging. Beide hat das Leben nicht geschont, aber darauf möchte ich nicht eingehen, weil es einfach zu traurig war und noch immer ist. Ich wünsche mir so oft, dass ich die beiden noch einmal besuchen könnte und ich stelle mir den Himmel so vor, dass mich am Ende des Lichts das Wohnzimmer meiner Großeltern erwartet. Meine zierliche liebe Oma begrüßt mich an der Tür und in der Stube sitzt mein Opa auf seinem Patriarchensessel. Als er mich sieht, beginnen seine Augen zu glänzen und er reicht mir seine riesige warme Hand, „Da ist ja meine allerliebste Enkeltochter.“
Meine Großeltern mütterlicherseits – bei uns heißen sie seitdem ich denken kann „Oma und Opa Schnuffi“ nach einem Hasen, den sie mal hatten – leben beide noch und ich bin jedes Mal unglaublich glücklich, wenn ich sie sehe. Ich komme mir ein wenig vor wie die Maus Frederik, die Erinnerungen sammelt, so lange es geht, denn irgendwann werden die beiden auch nicht mehr da sein. Oma und ich schreiben uns regelmäßig Briefe und Postkarten. Oma und Opa haben, wie das mit dieser Generation so ist, unglaublich viel erlebt und zu erzählen. Opa hatte schon einige Schlaganfälle und eine Krebserkrankung hinter sich, hat sich aber glücklicherweise recht gut erholt. Er kann sich nicht mehr so gut an Namen erinnern oder an Dinge, die kurz zurück liegen. Dafür weiß er noch ganz genau, wie seine Heimat (Bautzen) kurz nach dem Krieg aussah oder wie er nach Kriegsende mit seiner Cousine in einem Theater war, das den ersten Abend wieder eine Aufführung zeigte – im Mai 1945 im zerbombten Dresden! Es ist jedes Mal spannend, mit Oma und Opa Zeit zu verbringen, weil solche Geschichten sobald meinem Opa etwas einfällt, aufgetischt werden. Dann holt er eins seiner Fotoalben oder unzähligen Bildbände hervor und zeigt auf irgendein altes Bild, das seine Kameraden auf der Werft zeigt (die er alle noch mit Namen kennt) oder ein Schiff, an dem er gebaut hat oder Bilder aus dem Urlaub, die fast immer gleich aussehen: Irgendeine Seen- oder Berglandschaft und irgendwo, ganz klein und kaum erkennbar, mein Opa, meine Oma oder mein Onkel. Bei Oma und Opa in der „Villa Kunterbunt“ waren wir viel und ich träume davon, dieses Haus mit den unzähligen Zimmern, die wir als Kinder erkundet haben, nachzubauen. Dann gäbe es dort Holzpaneele in der Küche – eines mit einem Loch, hinter dem der Holzwurm wohnt, wie mein Opa immer versicherte. Es gäbe das „Ballettzimmer“, das so hieß, weil es wunderschönen rot lackierten Holzfußboden hatte, einen knackenden Kamin, in den wir unter Aufsicht von Opa Holzscheite werfen durften, eine wunderbare Schiebetür ins Weihnachtszimmer und noch so viel mehr. Oma und Opa haben viel mitgemacht, den Verlust ihrer Tochter, Geschwister, die Zeit in der DDR und viel Krankheit. Ich bewundere sie unendlich dafür, wie sie in dieser Zeit immer zusammengehalten haben und wie gut sie vorgesorgt haben, um jetzt im Alter ein angenehmes Leben führen zu können. Sie haben sich immer fit gehalten, ihren Gemüsegarten bestellt, sind gewandert und fahren immer noch mehrmals im Jahr in den Urlaub. Schon als Kinder, wenn mein Bruder und ich mit ihnen in den Urlaub fuhren, fanden wir deren Radtour-Kilometer unmenschlich und dass die Beiden heute noch – bei schönem Wetter – mit dem Rad zu uns in den Garten kommen, ist einfach Wahnsinn – schließlich sind beide über 80 Jahre alt. Das Allerschönste, das es zu meinen Großeltern zu erzählen gibt, ist in diesem Jahr gewesen: Die beiden haben am 25.10.2013 ihre Diamanthochzeit gefeiert. omaZu diesem Anlass haben sie sich einen großen Wunsch erfüllt und sind nochmal in Opas Heimat gefahren: Am Sonntag haben sie dann in der Neschwitzer Kirche, wo die beiden getraut wurden, den Gottesdienst besucht. 60 gemeinsame Jahre, in guten wie in schlechten Tagen. Daran sollten wir jüngeren Menschen uns mal ein Beispiel nehmen!
Unsere Welt hat sich sehr verändert während der Generation der Großeltern. Sie haben sich davon nicht beirren lassen, sondern haben sich ihre Werte erhalten, von denen „Zusammenhalt“ vielleicht der Wichtigste ist. Immer für die Familie da sein, einander unterstützen und auch wenn man all das Neue und die Welt der Enkelkinder nicht immer verstehen kann, stets mit Güte, Nachsicht und auch ein bisschen Neugier an die Sache herangehen. So wird meine Oma Schnuffi ganz sicher auch noch das Internet, von dem sie fasziniert ist, meistern („Maschine schreiben kann ich ja!“) und ich werde niemals vergessen, wie meine Oma Käthi reagierte, als sie während der Trauerzeit das erste Mal einen Teller Gyros mit Pommes serviert bekam: „Hmmmm, das esse ich ab jetzt jede Woche!“
Ich bin meinen Großeltern so dankbar für all die schönen Kindheitserinnerungen und Ratschläge, die ich mitbekommen habe (auch wenn ich immer noch denke, dass man vom nassen Badeanzug keine Blasenentzündung bekommt, sorry Oma!).
Falls ihr noch Großeltern habt, dann macht euch die Mühe und besucht sie – egal wie anstrengend das sein mag – verbringt Zeit mit ihnen und hört zu. Für sie ist es das Größte auf der Welt, die (Ur-)Enkelkinder zu sehen und wer weiß, wie lange ihr diese Möglichkeit noch habt.

Ich wünsche euch einen schönen, friedvollen zweiten Advent.

Graceless heart

Wer kennt das Gefühl nicht, wenn man entgegen seines Verstandes handelt und sich selbst nicht mehr wieder erkennt? Vielmehr sollte die Frage lauten: „Wer kennt es?“, denn ich werde den Eindruck nicht los, dass es ein primär feminines Phänomen ist. Oft habe ich das schon selbst erlebt, aber auch bei Freundinnen und das Prinzip ist immer gleich: Wir lassen zu, dass uns jemand weh tut, warten lässt, belügt oder einfach auch nur im Unklaren lässt – weil wir diese Person sehr gerne haben. Man handelt nach dem Herzen und ist nicht in der Lage, den Verstand und schon gar nicht den vielleicht gesunden Selbsterhaltungstrieb bestimmen zu lassen. Warum eigentlich nicht?

Vielleicht weil die Zuneigung zu einer Person stärker sein kann als die Zuneigung zu sich selbst. Das amüsante ist ja, dass die betroffene (ich verallgemeinere jetzt mal:) Frau genau weiß, was gerade mit ihr passiert: DASS sie besseres verdient, dass sie die Situation nicht ändern kann, dass sie so nicht weiter machen sollte. Oft hört man dann den Satz: „Wenn eine Freundin in der gleichen Lage wäre, würde ich ihr raten…“ Doch den eigenen besten Rat anzunehmen bedeutet, das eigene Gefühlszentrum zu überlisten und funktioniert einfach nicht. Selbstaufgabe und hilflos dabei zusehen ist die Folge. Es gibt keinen Knopf, der Gefühle abstellen kann. Es gibt nur wenige Wege „da raus“: Entweder bringt die andere Person das Fass zum Überlaufen – in dem Fall kann man wütend sein statt nur traurig. Es tut weh, aber es macht den Schmerz eines Schlussstriches oft erträglicher. Oder man macht selbst einen Deckel auf das Fass.

Beides ist ein langer Weg. Emotionaler Abhängigkeit ist keineswegs einfacher zu entkommen als körperlicher. Doch es gibt Licht am Ende des Tunnels, so blöd das klingt. Es ist eine lange Durststrecke, doch wir wissen alle, dass Gefühle verblassen. Erinnert euch an den ersten Liebeskummer – könnt ihr heute darüber nicht irgendwie lachen? Scheiß auf das blöde alte Fass – woanders wartet ein Brunnen.

And I am done with my graceless heart
So tonight I’m gonna cut it out and then restart
‚Cause I like to keep my issues drawn
It’s always darkest before the dawn.

(Shake it out, Florence & The Machine)

Blumen im Juni

Früher, als ich klein war, habe ich an diesem Tag morgens immer im Garten Blumen gepflückt und den Frühstückstisch für Dich gedeckt. Es ist die beste Zeit, um Geburtstag zu haben. Dein Fliederbaum blüht – ebenso alles andere im Garten.

Heute bleibt nur, mich daran zu erinnern und mir zu wünschen, ich könnte nochmal klein sein. Dann würde ich Dir einen furchtbaren Kuchen backen in dieser Herzchen-Porzellanform, eine Karte malen mit einem Haus und einer Sonne und Blumen und einem Pferd, auf das bis zu fünf Leute passen und dann darauf warten, dass Du wach wirst und ich Dir zum Geburtstag gratulieren kann…

Urlaub in St. Peter Ording. (wahrscheinlich 1999)

Lachanfälle. St. Peter Ording, 1999

„Je schöner und voller die Erinnerung, desto schwerer ist die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.“ (Dietrich Bonhoeffer)

 

Verlierende Gesichter

Wer mich kennt und danach gefragt würde, welche Eigenschaft mich am ehesten beschreibt, der würde wahrscheinlich sagen: Emotionalität. Im guten wie im schlechten Sinne, privat wie beruflich – ich bin immer ganz ich und damit völlig abhängig von den Gefühlen, die mich gerade leiten. Ich bin kein Kopfmensch, kein Rechner und Kalkulierer, schon gar nicht be-rechnend.

Bei mir ist alles Bauchgefühl und in Sachen Emotionen macht mir so schnell keiner was vor. Ich bin ein Skorpion und als solcher lote ich sie alle aus, jedes Extrem von irre-glücklich bis tiefste Verzweiflung. Ich umarme sie alle und koste sie aus, wie sie kommen und würde fast behaupten, die meisten von ihnen inzwischen so gut zu erkennen wie alte Freunde. Ich kann nicht besonders viel gut, aber in Gefühlssachen, da bin ich Expertin.

Für mich ist ein Freund derjenige, vor dem ich sein kann, wie ich bin. Vor dem ich das Gesicht verlieren kann und den nicht schockiert, was sich dahinter verbirgt. Der mich schon immer (er)kannte und bei dem meine Emotionen ganz natürlich kommen und gehen dürfen, ohne dass er oder sie dies kommentiert.

Solche Freunde sind fast immer die, die sich ebenfalls trauen, sich zu öffnen. Emotionen zulassen und sie dann auch noch zu teilen – das ist eine Kunst. Fast jeder Mensch fürchtet sich davor, das Gesicht zu verlieren. Zu weinen. Einem anderen Menschen die verwundbare Stelle zu offenbaren, an der das Lindenblatt zwischen den Schultern gelegen hat. Ich liebe diesen Moment, wenn sich jemand mir zum ersten Mal in einer Bekanntschaft offenbart. Wenn jemand, dem ich mein Vertrauen schenke, dies auch mir zurück schenkt, sein Innerstes offen legt, mir ein Geheimnis erzählt oder einfach weint. Wenn er heraus lassen kann, was er verborgen gehalten hat. Ich finde diesen Moment so besonders, in dem sich der Mensch komplett ausliefert, mir gegenüber nichts mehr zurück behält. Jemand lässt in diesem Moment alles fallen, alle Scheu, alle Masken, alles Theater und lässt mich kurz hinter den Vorhang schauen. Einen intimeren Moment gibt es nicht. Traurigkeit ist intimer als alles andere.

Das andere, was mich an diesen Momenten so bewegt: Um sein wahres Gesicht in all seiner Schönheit zu zeigen, braucht es Vertrauen. Wer mit Dir weint, schenkt Dir einen Einblick in sein tiefstes, verletzliches Inneres und teilt eine Bürde, die er alleine nicht mehr tragen kann oder möchte. Vertrauen ist das Fundament, auf dem zwei wirkliche Freunde eine Festung bauen werden, die so schnell nichts erschüttern kann. In der beide sicher sind, ihre Wunden zu versorgen und gemeinsam neue Pläne für das „Danach“ zu schmieden.

Wenn. Vielleicht.

Vielleicht wäre heute alles anders, hätte es das Damals nicht gegeben. Wenn es damals anders geendet hätte, vielleicht wäre dann heute anders, als es ist. Wenn vielleicht andere Entscheidungen gefallen wären, hätten alle darauf folgenden in ganz andere Richtungen geführt. Vielleicht hätte damals gar kein Ende gefunden. Wenn ich nie weg gezogen wäre, vielleicht hätte ich dann nicht ständig dieses Heimweh. Wenn ich nie woanders eine Heimat gefunden hätte, vielleicht wäre ich dann heute nicht der Mensch der ich bin. Der über die vielen Wenns und Vielleichts nachdenkt und sich fragt, wer hier eigentlich die Karten legt und darüber befindet, welche Wege sich trennen und welche wieder zusammenlaufen sollen. Wenn der Kartenleger ein Drehbuchautor einer amerikanischen Fernsehserie wäre, vielleicht wäre es dann ganz einfach. Da entscheiden sich immer alle. Ein Vielleicht lässt vieles offen – vor allem Türen – entscheidet sich aber niemals für einen Weg. Gedanken machen darüber, doch nie laufen. Oder fliegen. Wie lange kann man auf einem Fleck verharren und zurück blicken, bis der Kartenleger sich entscheidet, Dir einen Stoß zu verpassen? Wenn ich zu lange warte, vielleicht schließen sich ja Türen endlich von alleine und nehmen mir die Wahl.

Wenn damals nicht gewesen wäre, wäre mein Herz leerer…

Vielleicht aber auch leichter.

Wie viele Tränen passen in einen Kanal?

Leben wir noch mal? Warum wacht man auf?

Was heilt die Zeit?

Ich bin Dein Siebter Sinn,

Dein doppelter Boden, Dein zweites Gesicht.

And I love you so

Ich weiß nicht, ob der Komponist dieses Liedes selbst an Depressionen gelitten hat – leider habe ich über Don McLean nicht allzu viel Material finden können.
Dennoch, finde ich, dass diese Zeile aus „And I love you so“ dazu passt. Wunderschöner, leicht melancholischer Song im Übrigen, über die Liebe, die das Einzige ist, was von uns übrig bleibt, wenn sich das Buch des Lebens schließt.
Ein Glaube, den ich mit ihm gemeinsam habe…

And yes I know how loveless life can be
The shadows follow me
And the night won’t set me free
But I don’t let the evening get me down
Now that you’re around me