kleine Flamme

Es gibt Zeiten, da sind wir viel zu beschäftigt damit, uns etwas anderes zu wünschen, so dass wir ganz vergessen, dass das JETZT das einzige ist, was wirklich uns gehört.
Wir wünschen uns den Feierabend herbei, das Wochenende. Wünschen uns zurück an diesen Bergsee in der Sonne, zurück in die Kindheit, in Tage, an denen Lachen leicht fiel oder in jene Zeit zurück als der Kummer der das Herz einmal ereilen wird, noch nicht zu erahnen war.
Wünschen uns, dass irgendwann immer noch diese eine Tag kommt, in dem einen Zuhause, mit dem Menschen, da ankommen wo der Wege des Lebens die ganze Zeit hinführen wollte. Die Zeit, in der einmal alles gut sein wird, die sich richtig anfühlt.
Immer sind wir anderswo mit unserer ganzen Kraft – und bewirken dabei nichts. Wonach wir die ganze Zeit streben, ist unerreichbar.
Das Wochenende kommt nicht schneller und ist es dann da, geht es vorbei. Tempus fugit. Einmal vergangen kehrt nie wieder zurück.
Halte Inne und spüre die Leere.
Wissen, dass man unvollständig ist und es die ganze Zeit war. Höre in die Stille hinein. Nur hören, nicht bewerten.
Sei einen Moment lang einfach nur da.
Keiner will dir was, keiner tut dir weh.
Einfach da.
Leere will gefüllt werden, aber das kann nur im Jetzt geschehen. Nur jetzt kann man einen Augenblick verweilen, alle Sinne gleichzeitig benutzen und genau jetzt – in diesem kurzen Augenblick – ist alles denkbar. In der Stille entsteht eine wärmende kleine Flamme, da wo deine Leere war. Das Licht erhellt dich von innen. Dein Moment.
Sei glücklich.
Alles könnte schlimmer sein.
Ist es aber nicht.
Sei dankbar.
Nimm deine kleine Flamme, dein inneres Licht und teile es weiter.

Manchmal braucht es Löwentatzen

Heute ist #MentalHeathAwarenessDay, der internationale Tag der seelischen Gesundheit, der auf psychische Erkrankungen aufmerksam machen soll. Irgendwie finde ich, dass ich dazu etwas schreiben sollte. Andererseits bin ich gerade genau das beste Beispiel, wie man nicht gut auf sich acht gibt. Vielleicht sollte ich es gerade deswegen aufschreiben.

Angefangen hat alles nach dem Urlaub. Wunderschön war der – so ausgeschlafen, entspannt und guter Dinge war ich lange nicht. Die 4 Monate von der Arbeitsagentur geförderte Weiterbildung erfolgreich abgeschlossen, ein neuer Arbeitsvertrag (zumindest für ein halbes Jahr) in der Tasche, dank meiner Verwandtschaft eine schöne und sehr günstige Ferienwohnung im Allgäu gefunden – herrlich.

Am liebsten wäre ich dort geblieben.

Ich habe mir in der Zeit, in der ich mein Handy nur zum fotografieren benutzt habe – ein paar Notizen gemacht. „Vorhaben, die man im Urlaub denkt und viel zu schnell wieder vergisst: Man sollte öfters mal wieder abends Radio hören, statt online zu sein. Mein Lebenstraum ist es, da zu leben, wo die Welt noch in Ordnung ist. In der der Natur bin ich am glücklichsten, ich sollte mehr Zeit in der Natur verbringen. Ich weiß, dass ich mir das nach jedem Besuch an der Nordsee und nach jedem Tag wandern draußen sage, aber irgendwie muss es doch gehen, dass in den Alltag mitzunehmen, nicht aus den Augen zu verlieren und daran zu arbeiten?“

Was soll ich sagen: ich bin wieder einmal gnadenlos an dem Vorhaben gescheitert, mir die Gelassenheit im Alltag und damit einhergehend meine Gesundheit zu bewahren.  Ich liege seit drei Tagen flach. Wochenlang habe ich das Gefühl mit mir herumgeschleppt, dass da was im Anmarsch ist, aber habe es ignoriert. Keine Zeit dafür. Jeden Morgen sehr früh zum neuen Job gehetzt, völlig außer Puste, dann mindestens 10 Stunden gearbeitet, kaum Pause gemacht und bloß nicht das Gebäude mal für etwas Tageslicht verlassen – bin ja schließlich neu und will einen guten Eindruck machen. Hab es nicht regelmäßig zum Sport geschafft, nach einem langen Tag im Büro war ich zum einen total abgekämpft, zum anderen fühlte ich mich kränklich und zweimal war schlicht keine Zeit, weil zu Trainingsbeginn noch nicht an Feierabend zu denken war. Dazu setzt die dunkle Jahreszeit ein und mein Schweinehund hat Angst im Dunkeln. Kurzum: Kein Ausgleich, dumm gelaufen – nämlich wochenlang gar nicht. Die volle Wasserflasche stand auf meinem Schreibtisch, seit dem Morgen nicht angetastet. Bravo. Dazu tausend Anfragen von Leuten. Ehrenamt. Kannst du dies für mich erledigen? Na klar, her damit! Freunde. Kannst du hierbei irgendwie helfen? Ja sicher, kann ich! Permanent schlechtes Gewissen, weil ich Freunde vernachlässige, mit denen ich längst abgemacht hatte, mal wieder zu telefonieren. Jeder Blick auf mein Handy ein „Oh scheiße, da müsstest Du dich dringend mal melden“. Hinzu kam, dass ich nach der ersten Woche plötzlich noch ziemlich alleingelassen im Job war. Meine Vorgängerin in Mutterschutz, ein Kollege weg, ein Kollege im Urlaub, ein anderer wurde Papa. Kurzum: Ich stand da mit einem Haufen Fragen, vielen Aufgaben und dem doofen Gefühl, meinen neuen Chef mit meinen Fragen auf die Nerven zu fallen, weil so Vieles neu war, das ich nicht alleine entscheiden konnte. Bildlich gesprochen: Ich hatte „viel um die Ohren“ und das hat sich manifestiert: Seit Sonntag habe ich das Gefühl, es stochert jemand mit einem spitzen Kuli in meinem Trommelfell herum. Wenn die Schmerzmittel wirken, dann höre ich in meinem sonst tauben Ohr das Blut rasen.

Ich muss dringend wieder runterkommen, mich entspannen, endlich ankommen und durchatmen. Es ist alles gut. Du hast nen Job fürs erste. Niemand will dir was. Neue Kollegin hat angefangen. Keiner hetzt dich. Alle sind doch nett zu dir. Und sag verdammt nochmal einfach mal NEIN wenn es zu viel wird!

Warum passiert das immer wieder, dass ich in diesen Kreislauf gerate. Ich weiß doch inzwischen, wie ich ticke und was mir wichtig ist. Man startet voller guter Vorsätze: Ja, man will sein Bestes geben und die Chance auf eine mögliche Übernahme nutzen, sich gut präsentieren, aber zeitgleich besser auf die Balance achten. Nicht mehr vergessen, was mir wichtig ist: Klar will ich wieder auf eigenen Beinen stehen – wer ist schon gerne ohne Job – aber noch wichtiger: Meine Familie. Zeit. Lebensqualität. Mein Freund. Wir hatten eine fantastische Zeit im Urlaub. Nach einem sehr schweren Sommer und einem Schicksalsschlag, der uns zusammengeschweißt hat, weiß ich endlich wo lang es gehen soll. Dann mein Lauftraining, weil es mir so gut tut und ich mir Ziele gesteckt habe. Waldlauf im Oktober, Nikolauslauf, Halbmarathon im Frühjahr. Laufen hat mich schon so oft gerettet – warum bin ich so dumm und lasse es als erstes wieder hintenüber fallen?

Die Bilder vom Urlaub – ich hatte so lange vor, sie zu sichten, zu bearbeiten, ein Album zu machen. Meiner Tante und meinem Onkel wollte ich welche schicken – als Dankeschön für die schöne Zeit – hatte so fest vor, sie anzurufen. Und schon ist ein Monat verstrichen. Zeit, in der sich alles wieder gedreht hat. Aus meinem grundentspannten Urlaubs-Selbst, ganz bei mir, ist ein gehetztes Etwas geworden. Der Körper schreit nach Ruhe. Ich habe im Krankenbett jede Nacht 12 Stunden und tagsüber weitere Male geschlafen. Ich kann das nicht, den Stress, das Vollgas geben und dabei lächeln. Ja klar, gib nur her, ich kümmer mich! Wenn ich in meinen Kalender schaue, wird mir schlecht, weil kaum ein Wochenende wirklich frei ist zum ausspannen. Und schuld daran bin nur ich. Ich ganz alleine muss das lernen. Ein bisschen erinnert mich all das an meinen Zusammenbruch damals, als ich noch in der Agentur gearbeitet habe und mein Körper von heute auf morgen den Dienst quittiert hat. Es wiederholt sich wohl alles, bis man endlich die Lektion kapiert hat.

Morgen früh werde ich wieder zur Arbeit gehen. Jedem anderen Menschen würde ich abraten. Hat man mir den bisherigen Einsatz und die Überstunden gedankt? Nein. Trotzdem kann ich nicht aus meiner Haut. Ich bin neu, ich habe das Gefühl, mich beweisen zu müssen und Teil des Teams werden zu wollen. Ich hoffe, dass ich übernommen werde und dass die Existenzsorgen des letzten Jahres dann endlich einmal ruhen können. Ich sollte weiter das Bett hüten, bis ich wieder ganz gesund bin, aber ich bin zu unruhig dafür.

Ich muss das packen, meine Balance wiederfinden. Muss wieder laufen gehen. Meditieren. Das Rauschen im Ohr muss wieder zu einem ruhigen, gleichmäßigen Herzschlag werden. Keine Panik. Du schaffst das. Keiner tut dir was. An meiner Wand hängt ein Bild eingerahmt, das mein Schatz mir geschenkt hat, als es mir einmal sehr schlecht ging. Ich lese es immer und immer wieder.

Es gibt mir Kraft. Ich kann das schaffen. Ich zieh mich da wieder raus. Ich komme wieder zurück zu mir:

 

 

last call

 

I recognized your number
It’s burned into my brain
Felt my heart beating faster
Every time it rang
Some things never change
That’s why I didn’t answer

I bet you’re in a bar
Listening to a country song
Glass of Johnny Walker Red
With no one to take you home

They’re probably closing down
Saying, „No more alcohol“
I bet you’re in a bar
‚Cause I’m always your last call

I don’t need to check that message
I know what it says
„Baby, I still love you“
Don’t mean nothing when there’s whiskey on your breath
That’s the only love I get
So if you’re calling

I bet you’re in a bar
Listening to a cheatin‘ song
Glass of Johnny Walker Red
With no one to take you home

They’re probably closing down
Saying, „No more alcohol“
I bet you’re in bar
‚Cause I’m always your last

Call me crazy but
I think maybe
We’ve had our last call

I bet you’re in a bar
It’s always the same old song
That Johnny Walker Red
By now it’s almost gone

But baby, I won’t be there
To catch you when you fall
I bet you’re in bar
‚Cause I’m always your last call.

(Lee Ann Wormack)

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Zitat

„I pleaded with God,

I asked and begged and bargained, but God did not bargain.

God was stubborn and deaf and oblivious.

And she died and I lived and a hole opened up,

dark and bottomless, and I fell down

and kept falling for centuries.“

(from Matt Haig, „How to stop time“)

 

 

Kein Tag vergangen ohne Erinnerung an Dich.
Als ich eine Blume niederlegte an Deinem Grab frage ich mich, wie es wohl heute wäre, wenn nicht gekommen wäre, was kam. Wären wir alle ein bisschen weniger kaputt? Ein bisschen weicher und wärmer? Weniger wütend auf die Welt?
Ich weiß es nicht. Alles was ich weiß ist, dass man Situationen und Personen überstehen kann, die man für lebenswichtig erachtet hat, weltbewegend und essentiell. Dann stellt man fest, dass man sehr gut ohne kann. Du wächst an den Schmerzen, an den Lektionen, am Stress, der Enttäuschung durch andere Menschen. Nachdem man das durchgestanden hat, geht es besser und was mich vor einem Jahr beschäftigt hat, ist vergessen und ruht in der Mottenkiste, bis es zu Staub der Zeit zerfällt. Und dann wiederum geschehen solche Sachen, die alles für immer verändern. Die einen so nachhaltig auseinander reißen und für immer das Leben trüben. Wie der Abschied von Dir. Dennoch existiert man weiter, verstreicht die Zeit, sind wir Zurückgelassenen weiter auf dieser Seite des Vorhangs. Warten auf den Tag des Wiedersehens.

Fragen uns, was Du geraten hättest.
Erinnern uns, wie Du gelacht hast.
Wünschen uns die Zeit zurück.
Dein Fehlen ist so allumfassend.

In 17 Jahren hat sich die Umwelt verändert. Ich mache Fehler, treffe falsche Entscheidungen, muss mich Aufgaben stellen, die ich mir selbst eingebrockt habe. Ich verliere, stehe auf und mache weiter. Mit der Zeit bin ich routinierter, aber auch dessen müder geworden. Die Welt geht mir auf den Geist mit all ihrem Druck, der Selbstdarstellung, dem Wettkampf, der Respektlosigkeit, Gewalt, Zerstörung und Wut, überall ist so viel Wut. Oft möchte ich mit all dem nichts mehr zu tun haben und die Waffen einfach fallen lassen.

Warum muss man das Leben meistern? Reicht es denn nicht, dass ich es nicht aufgebe?

Dann sehe ich, wie die Sonnenstrahlen durch eine Baumkrone brechen und auf der Friedhofsmauer tanzen. Ein kleiner Baumsprössling wächst aus einer Ritze zwischen den Steinen empor. Er hat es schwer, keinen Boden zum Wurzelschlagen, aber er lässt sich nicht abbringen, will ein großer Baum werden, hinauf ins Licht.
Egal ob er (oder ich) das jemals schaffen können, wir werden es versuchen. So lange es die Sonnenstrahlen gibt und das feine Geäst von Blättern im Gegenlicht, den Duft von Heckenrosen, Feldbrombeeren, das Schnurren einer Katze oder das warme Gefühl, wenn jemand den Du magst Dich berührt. So lange ich noch merke, dass ich mehr gemeinsam habe mit einem Kind, das die Welt erkundet und alles Natürliche darin liebt und die Göttlichkeit darin erkennt, als mit einem Erwachsenen, für den alles was zählt, Status und Regeln sind – So lange bist Du in mir.
Bei uns.
In der Welt.
Für immer unvergessen.

#notjustsad

„Manchmal sagst du, dass nichts ist. Aber eigentlich ist zu viel los. #notjustsad“

Nur einer von vielen Sätzen, die Menschen unter dem Schlagwort #notjustsad in den letzten Tagen geschrieben haben und die mir direkt aus der Seele sprechen. Viele davon heute, zum Weltgesundheitstag unter dem Motto „Depression – Lasst uns darüber sprechen“.

Betroffene, Angehörige von Betroffenen, das wird immer gefordert, sollen sich mehr Gehör verschaffen – aber genau hier liegt doch das Problem. Wer krank ist, macht sich nicht auf die Art und Weise bemerkbar, die von anderen verstanden wird. Tut er es, wird es oft herunter gespielt, missverstanden: wer nicht reden will, dem ist halt nicht zu helfen, nicht wahr?
So viele Worte, in denen ich mich wieder finde. So sehr ähneln sich die Empfindungen, das Leiden, das nicht-aus-seiner-Haut-können, dass es zum aus-der-Haut-fahren ist. Trotzdem wird das Verständnis für depressive Störungen nicht besser. Weil Depressionen nicht „passen“ ins angepasste Leben, nicht in eine Gesellschaft, die falschen Positivismus, Selbstoptimierung und -darstellung in sozialen Netzwerken kultiviert hat.
Traurige Säcke passen halt nicht in ein Leben, das bitteschön aussehen soll wie ein gechillter Becks-Werbespot.

Es ging mir lange gut. Nein…es geht mir oft gut. Manchmal aber eben nicht. Es ist besser geworden in den letzten Jahren, dank Therapie, Gesprächen und Lebenserfahrung und dem Schreiben. Aber es kein Schnupfen, der irgendwann ausgeheilt ist, das vergisst man so leicht. Ich habe zur Zeit keine Arbeit, bin den ganzen Tag zuhause. Was völlig okay wäre, alles unter Kontrolle, Bewerbungen laufen, demnächst Weiterbildung, alles wird gut und so. Wenn ich arbeiten gehen müsste, würde ich aus dem Fenster starren und mir freie Zeit wünschen. Aber ich kann es nicht genießen. Am Anfang war es noch Urlaub, auf Dauer zieht es mich extrem runter. Langeweile, sich nutzlos fühlen, gepaart mit Existenzsorgen im Nacken. Keine gute Mischung.

„Den ganzen Tag beschäftigt sein und sich doch unterfordert fühlen. #notjustsad“

Ich schlage nur Zeit tot und liege anderen auf der Tasche – ekelhaft, wie überflüssig man sich fühlen kann. Ich habe diese Woche zur Beschäftigung eine Serie geschaut, #13ReasonsWhy. Eine Serie, in der ein Mädchen kurz vor ihrem Suizid 13 Kassetten aufnimmt, eine für jede Person und jedes Ereignis, das letztlich zu ihrem Entschluss geführt hat, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Auch das: Keine besonders kluge Wahl, es hängt mir noch lange nach. Weniger als die Ereignisse selbst – dramaturgisch natürlich so gewählt, dass auch der dümmste Fernsehzuschauer kapiert: „Dieses Mädchen hatte es schlimm!“ – bedrückt mich die Grundstimmung. Und die ist genau das, was viele Betroffene nachempfinden können, wenn ich so die Stimmen zur Serie nachlese: Das Mädchen ist hübsch, eine Poetin, gar nicht mal unbeliebt, verliebt, hat liebe Eltern und intelligenten Witz. Nach außen hin ein ganz normales Mädel. Niemand rechnet mit ihrer Entscheidung. Natürlich nicht. Weil das, was man von außen wahrnimmt, rein gar nichts über eine Seele verrät.

„Was man nicht kennt, erkennt man nicht. #notjustsad“

„Es war nicht genug“, sagt sie in der letzten Folge. Es ist genau das, nicht die dargestellten Erlebnisse, was einem ans Herz geht. Das ist es doch, das Grundgefühl: Ich weiß, es sollte mir besser gehen. Ich habe einen funktionierenden Körper. Menschen, die sagen, dass es sie kümmert. Aber es ist einfach nicht genug! Man fühlt es nicht genug. Man selbst ist nicht genug.
Zum Glück entscheiden unzählige Betroffene für das Leben – jeden Tag aufs neue. Oder lassen es eben geschehen, dass immer wieder ein neuer Tag anbricht.

„“Diese scheiss Zeitumstellung. Fällt dir das Aufstehen jetzt auch so schwer?“ Jedes Mal Aufstehen fällt mir schwer. #notjustsad“

„Warum bist Du denn traurig?“
Weiß ich selber nicht. Wegen allem und gleichzeitig aber wegen nichts, woran man es so festmachen könnte, dass du es begreifen kannst.
„Am Wochenende soll das Wetter wieder schöner werden!“
Das kann schon sein. Macht aber keinen Unterschied.
„Hast Du dein Vitamin D genommen?“
Not going to dignify that with a response.
„Mach doch was schönes mit Freunden?“
Freunde. Gerade habe ich das Gefühl, ich habe niemanden. Ich versuche es, denke ich jedenfalls. Melde mich bei Personen, die ich als Freunde bezeichne. Sie haben andere Dinge zu tun, wichtige Dinge, sie haben Jobs und Kinder und Verabredungen. Wenn wir uns treffen, kann ich nicht mitreden, bin einfach nicht mehr Teil dieser Welt. Und ich möchte nicht die sein, die klammert. Schaut Euch meine Chatverläufe an bei WhatsApp, wie oft ich Leute antippe, nach Treffen frage, mich erkundige, wie es denn so geht, versuche, mit ihren Pläne zu schmieden oder einfach nur den Kontakt zu erhalten um das Gefühl zu haben, dass da noch wer ist.

„Depression ist auch, sich tagtäglich aufs neue schuldig zu fühlen, weil man eine Last für die seinen ist. #notjustsad“

„Willst Du darüber reden?“
JA! Nein.

„Mein Tagebuch ist der einzige Ort, an dem ich allen Gedanken & Gefühlen freien Lauf lassen kann #notjustsad“

Öffnet eure Ohren, falls ihr jemanden kennt, der nicht einfach nur traurig ist. Öffnet die Herzen und breitet die Arme weit aus und dann sagt einfach mal…nichts. Keine Worte können diese Leere füllen. Nur da sein. Das Gefühl geben, dass es eben nicht egal ist. Dass er oder sie einen Platz in eurem Leben hat. Verlangt auch keine Worte, denn es gibt keine Erklärung für das Gefühl, eine Last zu sein, für die Unerträglichkeit des Lebens, für Einsamkeit, die tief aus dem Inneren kommt.

„Wenn ich nur wüsste, wo ich mich verloren habe… #notjustsad“

Allen, die selbst diese Momente haben – bleibt stark. Für jede Momente, in denen sich die Wolken verziehen, in denen wir etwas spüren, in denen wir Freude haben und Stunden mit Menschen in unserem Leben, für die wir dankbar sind. Es macht sehr wohl einen Unterschied. Ihr macht einen Unterschied.

We’re #notjustsad
We #wontgiveup
#wematter
#fuckdepression.

Nachtmusik

Manchmal ist Watte in die Ohren stopfen das Richtige, vielleicht auch einfach die einzige mögliche Lösung. Wenn die Welt zu viel wird. Watte, die die Geräusche da draußen erträglicher macht. Eine Decke um dich herum, die dich vor all dem versteckt und sei es nur für eine Weile. Wenn der Lärm, die Erwartungen der Welt und deiner selbst an dich zu viel werden, dann ziehst du dich hierhin zurück. Es ist ein warmes und angenehmes Gefühl hier drin. Aber ein seichtes. Wachliegen. John Lennon singt. Eine Stimme, die aus vergangenen Tagen an mich dringt. I didn’t mean to hurt you I’m sorry that I made you cry. Früher. Früher, da hätte ich weinen können. Lange und echt. Den ganzen Schmerz zugelassen. John und meine Mama und ich, wir haben einander verstanden und die Herzen restlos ausgeleert in jenen Momenten. Jetzt liege ich hier und blinzle lediglich. Wundere mich, wo sie hin sind – meine Traurigkeit, meine Fröhlichkeit. All die starken Gefühle, Hass und Liebe und Wut und Freude, von denen ich weiß dass sie mich einmal ausgemacht haben. Schaue einen Film der eigentlich sehr rührend sein müsste. Ein Mädchen, die Eltern taub und auf ihre Hilfe angewiesen, möchte raus in die Welt und singen. Und sie singt herzzerreißend schön. Mes chers parents, je pars. Je vous aime mais je pars. Vous n’aurez plus d’enfant ce soir. Je n’m’enfuis pas, je vole. Comprenez bien, je vole. Sans fumée, sans alcool. Je vole, je vole. Ich fliege nicht. Ich gehe auch nicht, ich bleibe da. Verharre unter meiner Decke noch länger, versuche die Wärme aufzusaugen wie ein Keimling, der die Kraft sammelt, bald Richtung Sonne zu wachsen. Was kann Wärme bewirken, die nicht tief genug reicht? Lebe meine Tage an der Oberfläche. Wohl wissend, dass die Untiefen da sind. Ich will nur nicht hinabschauen. Ein Pflaster, das sich über meine Wunden gelegt hat. Es ist nicht das selbe Gefühl. Da fehlt etwas. Die tiefgründigen Gespräche, Augenblicke, das verzweifelte Hassen und das innigst Lieben, die zusammen gingen. Intensiv. Lebendig. Ich. Oder? Am Ende sind unter dem Pflaster die Wunden längst vernarbt und die Stelle bleibt für immer taub. Eine dicke Eisschicht. So I remember we were driving, driving in your car. The speed so fast, I felt like I was drunk. City lights lay out before us and your arm felt nice wrapped ‚round my shoulder. And I had a feeling that I belonged. And I had a feeling I could be someone, be someone, be someone.