Ein bisschen Frieden

Ich habe wenig geschrieben in der letzten Zeit. Es war mir bewusst und es haben mich Menschen daran erinnert, die tatsächlich hin und wieder hier rein schauen, weil sie wissen möchten, was gerade so passiert bei mir.
Vielleicht war es ganz gut, dass zwischen Frühling und jetzt eine kleine Lücke in meinem Blog entstanden ist. Gerade als ich mir mein Laptop schnappte, um beim Nachmittagskaffee auf dem Sofa ein paar Zeilen zu schreiben, fand ich eine ältere Notiz für einen Blogpost, erstellt am 22. April. Seltsam, wenn man eine Notiz entdeckt und das Gefühl hat, das Geschriebene stamme von einer anderen Person. Einer Person, die kurz vorm Durchdrehen steht:
„Die letzten Tage habe ich wie besessen daran gearbeitet, mich in den Griff zu bekommen. Mir eine Auszeit genommen. Gartenarbeit, Bücher, Fotografieren, Zeichnen. Es ist, als könnte ich nicht mehr alleine mit meinen Gedanken sein. Warum auch, sie führen zu nichts. Irgendwann werde ich so eine Irre sein, die im Park hockt und mit Eichhörnchen redet. Hauptberuflich, denn eigentlich tue ich das ja jetzt schon. (…) ich merke an vielen kleinen Dingen, wie unsicher, ängstlich, ja teilweise jämmerlich ich geworden bin. Ich traue mich nicht mehr, selbst Auto zu fahren. Ich zwinge mich dazu, manchmal raus zu gehen. Das da draußen ist ja Frühling und alle schwärmen davon, wie toll das sein muss. Nach wenigen Minuten will ich zurück, in meine Wohnung, meinen sicheren Bunker. Ich bin froh, dass mein Mann sich noch dagegen wehrt, sonst hätten wir schon 20 Katzen und ich würde den ganzen Tag im Jogginganzug irgendwo in der Wohnung liegen, während sie auf mir herumklettern. Das alles ist verrückt und ich will nicht verrückt sein. Wie kann man sich denn nur in seinem eigenen Kopf so sehr verlaufen, dass man nicht wieder hinaus findet. Oder vielleicht mag man ihn auch nur nicht finden, weil innen, im Kopf, in den Gedanken und Tagträumen, die Welt noch in Ordnung ist. Vor dem Aufprall.“
Unschön? Ja! Verrückt? Schon ein wenig, oder? Ich habe diesen Post damals nicht abgeschickt. Wenn ich den Text jetzt lese bin ich entsetzt und gleichzeitig sehr erleichtert, dass diese Phase vorüber ist. Es ging mir schlecht, ich war pausenlos krank und unglücklich. Einmal hatte ich in der Bahn nach Feierabend einen Kreislaufzusammenbruch, der mir bis heute unheimlich ist, weil ich förmlich spürte wie meine Beine mich nicht mehr trugen. Ich spürte meinen Körper nicht mehr und mein Geist geriet total in Panik…
Ich hatte ständig Rauschen im Ohr und Bauchschmerzen, war etliche Male beim Arzt, nichts zu finden. Stand aktuell: Alles weg, als wäre nie etwas gewesen!
Ich habe in der Zeit nicht geschrieben. Es war alles zu viel und von den guten Dingen zu wenig. Keine Kraft, Inspiration und auch kein Bedürfnis, mir etwas von der Seele zu schreiben wie sonst, weil irgendwie…der Zugang blockiert war.
Zwar glaube ich immer noch, dass ich eines Tages die Frau mit den 20 Katzen sein werde und erst heute habe ich mich wieder mit dem Eichhörnchen unterhalten, aber nur weil über 30 Grad draußen sind und ich Eiswürfel hingestellt habe zum trinken.
Aber sonst bin ich aus diesem Loch glücklicherweise nochmal herausgeklettert. Seit dem 1. Mai arbeite ich in einer anderen Firma und der Wechsel hat mir sehr gut getan. Ich fühle mich deutlich willkommener, wohler, nicht mehr ständig unter Zwang. Wenn ich morgens Sport machen möchte, kann ich das tun. Wenn ich Freitags nach Hause fahren will, kann ich auch mal früher los, was mir wertvolle Stunden mit meinen Lieben schenkt.
Die Freiheit und das damit verbundene Gefühl, wieder mehr vom Leben zu haben. Das hat mir gut getan. Ich mag wieder Menschen treffen und so lange ich Maß halte und wirklich nur das tue, worauf ich Lust habe, geht das auch wunderbar. Die totale Unsicherheit ist weg. In den letzten Wochen gab es einige schöne Tage: Wiedereröffnung feiern in unserer Stammkneipe in Hamburg mit lieben Freunden, ein Wochenende mit Verwandtschaftsbesuch, auf das ich mich sehr gefreut habe. Ein Wiedersehen mit einer Freundin, das in einen spontanen langen Sommerabend mit Grillen ausartete. Und nicht zuletzt mal wieder ein Laufevent, das mich zwar körperlich bei 36 Grad an meine absolute Schmerzgrenze brachte, auf der anderen Seite aber eine wertvolle Erfahrung war.
Es liegt nicht am Sommer – ich bin ja eher ein Freund der Übergangsjahreszeiten – es ist einfach eine gute Zeit gerade. Natürlich gibt es Tage, an denen man heulen möchte. Weil die Welt durchdreht, der Vorhang dann fällt und die Angst zurück ist, die Frage, wo wir bloß hinsteuern. Doch dann bin ich wieder in der Lage, kleine Lichtblicke zu erkennen, Inseln, an die man sich klammert. Aktionen, Widerstand, Hoffnungsschimmer. Mehr Nachhaltigkeit und Umdenken beobachte ich an vielen Menschen in meinem Umkreis.
Das hilft mir dabei, mein Gleichgewicht zu halten und endlich auch mal positiv zu denken, zu sein. Es ist ungemein erleichternd. Ich pflege meinen Kräutergarten und meine Freundschaften, so gut ich kann, nach Tagesform. Ich lese, nutze die Zeit, bin dankbar dafür, dass alle gesund und behütet sind. Ein bisschen ist es wie Schlafwandeln, so friedlich, ruhig und sicher. Wie Waffenstillstand mit mir selbst.
Ich hoffe, er hält eine Weile.

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