Die Unerträglich(e Leichtig)keit des Seins

Früher war einfach alles leichter. Das ganze Leben war ein Kinderspiel, auch die Freizeit lief nach ganz einfachen Regeln ab: Erst die Hausaufgaben, danach durfte ich tun und lassen, wonach mir der Sinn stand. Oder: Das Wetter ist schön, ab nach draußen mit Euch!
Heute habe ich große Probleme damit, meine Freizeit auszufüllen. „Sinnvoll auszufüllen“, kreischt da auch schon wieder mein Gehirn. Alles, was wir als Erwachsene tun, muss ja immer irgendeinen Sinn erfüllen: Etwas nützliches herstellen, den Körper polieren (oder mit der Spitzhacke beackern) Freundschaften so pflegen, dass niemand zu kurz kommt, gesellschaftlichen Verpflichtungen nachkommen (das Sommerfest in der Kita, die Einladung vom Chef). Von so viel Zweckmäßigkeit schwirrt mir der Kopf, ich will einfach einmal wieder lernen, mit dem Herzen zu fühlen und zu entscheiden „Was möchte ICH denn eigentlich“?
Unter all den Effizienz-Robotern der heutigen Gesellschaft bin ich wohl ein falsch programmierter Prototyp. Meine Fehlfunktion besteht darin, alles zu hinterfragen, den Sinn zu suchen und daran zu verzweifeln, dass ich ihn nirgends entdecken kann, obwohl er irgendwo da in einem meiner Roboter-Mikrochips versteckt sein muss. Ich sehe den Sinn nicht mehr in meinem Beruf, obwohl ich gerne arbeite. Doch wenn ich schon den ganzen Tag in einem Büro sitze, sollte das Ganze dann nicht auch etwas bewirken? Ich sehe keinen Sinn mehr darin, gesellschaftlichen Verpflichtungen nach zu kommen, es strengt mich nur noch an, unter fremden Menschen zu sein und Smalltalk zu betreiben. Wozu auch? Warum muss ich gute Miene machen gegenüber Menschen, die mir nichts bedeuten und denen ich ebenso vollkommen egal bin? Wie kann das zu den Dingen gehören, die von einem erwartet werden und die Mensch sein definieren. Ich sträube mich so sehr mit Händen und Füßen dagegen, dass meine Zeit verplant wird mit inhaltsleeren Aktivitäten – und was ist, wenn ich dann einmal Zeit habe, so nur für mich?
Ich bin im Moment zuhause. Mein Arzt hat mich krank geschrieben, wegen „Erschöpfungszustand“, weil ich in seiner Praxis gar nicht mehr aufhören konnte zu heulen. Nun gibt es schicke Schilddrüsentests, fröhlich-gelbe Johanniskrauttabletten, die erst in 3-4 Wochen wirken (Yay, pünktlich zum 11.11. damit ist die Stimmung ja gerettet) und dazu die zwei-Wochen-Hausaufgabe, in mich zu gehen und meinen Lebensentwurf zu überdenken. Der onkelhafte Doktor hatte nach dem Blick auf mein Geburtsdatum auch noch den gut gemeinten Tipp, wenn’s grad im Job mau liefe, könne ich ja auch einfach ein Baby bekommen, das würden viele in meinem Alter machen. Meine Fruchtbarkeitsuhr tickt also ganz schön laut. Nein, der Mangel an Nachwuchs ist ganz sicher nicht das, was mich so beschäftigt und überfordert. Mit dem fehlenden Lebensentwurf hat er schon eher den Nagel auf den Kopf getroffen.
Ich habe es doch wirklich schön, habe Abi machen und studieren können, bin in meine Traumstadt gezogen, in meiner Familie geht es allen gesundheitlich gut, meine Freunde sind toll und das beste von allem ist mein Verlobter, mit dem ich die schönste Zeit meines Lebens haben darf.
Allerdings, schon beim Gedanken daran, dass ich mir über meine Zukunft Gedanken machen muss, verdrehen sich die Augen und mein Magen fährt mit mir eine Runde Breakdancer. Es ist zu viel. Zu viele Entscheidungen auf einmal: Was für ein Job? Etwas Neues („Au ja, was mit Tieren!“, schreit da mein kindliches Herz), etwas Altes („Du bist gut in Deinem jetzigen Job – mach das irgendwo, aber für eine bessere Firma“, sagt die Karrierefrau in mir) oder zurück zu den Anfängen („Das einzige, was Du ganz okay kannst, ist Schreiben“, sagt der Verstand). Hinzu kommt das große WO? Bin ich schon bereit, Hamburg zu verlassen oder möchte ich noch etwas bleiben? Für mich steht fest, wäre meine Familie nicht, die mich vielleicht eines Tages um sich braucht, würde ich in Hamburg bleiben. Aber so wäre es vielleicht doch sinnvoll, wieder zurück zu gehen. Mein Haus, mein Auto, mein Boot auf dem Baggersee. Ein neuer Job, das bedeutet auch neue Kollegen und Vorgesetzte, wieder ein neues soziales Umfeld und wie ja alle wissen, ist das nicht gerade meine große Stärke. Alleine der Gedanke, an einem Monatsersten in ein völlig fremdes Büro zu gehen und mich allen vorstellen zu müssen…der blanke Horror!
Ich sitze also zuhause rum und schiebe all das von mir. Versuche, in kleineren Schritten zu denken und wieder zu mir zu finden: „Was möchte ich? Was ist denn gerade mein Bedürfnis?“- und die anderen Stimmen in meinem Kopf halten jetzt bitte für einen Moment die Klappe! Funktioniert eher suboptimal. Gestern ging es. Da unglückliche Frauen sich ja bekanntlich die Haare abschneiden oder die Wohnung neu dekorieren, habe ich es mit Letzterem versucht und es hat mir sogar Spaß gemacht, in ein Geschäft zu gehen, ein paar neue Kerzen hinzustellen, Fotoabzüge für einen Bilderrahmen zu ordern und den Badezimmerschrank neu zu sortieren.
Heute hingegen kann ich machen was ich will, der Schweinehund (so nenne ich meine dunkle Schwester jetzt, denn das passt ziemlich gut zu ihrer fiesen Art!) gewinnt immer: „Hey, lass uns doch mal wie so eine französische Dame frühstücken gehen und dabei die Zeitung lesen.“ – „Was alleine? Auf keinen Fall. Leute werden dich angucken und beim Essen beobachten und Du wirst Dich unwohl fühlen.“ „Hm, das Schwimmbad ist morgens und bei Regen bestimmt schön leer.“ „Schwimmen? So dick wie Du bist? Außerdem haben wir schon geduscht heute.“ „Vielleicht auf dem Sofa liegen und ein neues Buch…“ „…LAAAANGWEILIG!“

Das einzige, worauf Schweinehund und ich uns derzeit verständigen können, sind Spaziergänge („Hallooooo, es regnet vielleicht die ganze Zeit?“), klassische Musik hören („So lange es nicht den ganzen Tag so geht“) und Yoga-Übungen („Du meinst, auf’m Teppich rumliegen und atmen? Au ja!“). Dann eben das. Leider kann man davon weder Geld verdienen, noch kann man damit als Erwachsener Anfang dreißig sein Leben füllen („Zweck? Zweck?“). Ich fühle mich so müde, als wäre ich eine steinalte Oma, die schon alles erlebt hat. Dabei bin ich jung und möchte Spaß haben am Leben, so lange ich eben nicht alt bin. Ich möchte Pläne machen und wert schätzen können, was ich alles habe. Ich möchte genießen, dass ich meine Lieben um mich habe, mit ihnen eine schöne Zeit haben und neue Erinnerungen schaffen. Vielleicht heilt die Zeit ein wenig, vielleicht kommt mir mit der Ruhe die Eingebung, welches meine nächsten, ganz langsamen Schritte in die Lebensfreude sein könnten. Vielleicht sollte ich therapeutisches Kastanienmännchen-Basteln versuchen. Handarbeit soll ja helfen, die innere Mitte zu finden. Ansonsten….kann ich mir immer noch die Haare abschneiden.

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