Heile-Welt

Ich mag es nicht, am hellichten Tag in ein Krankenhaus zu müssen. Es ist dann anders dort, als wenn man nachmittags zum Kaffee kommt oder abends jemanden besuchen geht und ein paar Zeitschriften, Tratsch und ein bisschen Freude mitbringt. Morgens ist das Krankenhaus ein Mikrokosmos, in dem hunderte von Kompetenz ausstrahlenden Menschen in Birkenstocklatschen Leben retten, Blut abnehmen, Kranke heben und waschen. Wäre nichts für mich, denke ich, so sehr ich diesen Einsatz bewundere. Eine Arbeitswelt für die einen und eine Parallelwelt für die, die nicht mehr funktionieren und die, wenn sie denn können, mit Verbänden oder Tropfhalter schiebend herumirren. Sich in die Caféteria setzen als Höhepunkt des Tages oder in den Krankenhaus-Laden gehen, eine Art Stadtleben unter Krankenhauslicht.

Krankenhäuser-Wartezimmer sind noch schlimmer. Sie imitieren Wartezimmer aus der Arztpraxis im Wohngebiet. Wasserfarbenbilder an den Wänden, ein Beistelltisch mit Kaffee. Aber die Becher sind diese kleinen brauen Automatenbecher, die man nur in Krankenhäusern hat, die Zeitschriften sind alt und deprimierend. Hier wird auffallend oft Händchen gehalten, viele sind nicht ohne Grund hier oder nicht zum ersten Mal. Zum Glück habe ich ein Buch dabei und werde aufgerufen, als ich gerade die letzte Seite fertig gelesen habe. Die Ärztin ist sehr jung und freundlich. Mich erstaunt es immer wieder, dass solch junge Menschen schon in so viele Körper reingeguckt haben müssen, dass sie fertige Ärzte sein dürfen, dass sie mit jedem neuen Menschenkörper, der da vor ihnen sitzt, liegt oder steht, etwas anfangen und herausfinden können, was kaputt ist.

Ich bin zum Glück nicht kaputt, alles heile. Mein Gewebe sei ein bisschen komisch verwachsen, daher die Schmerzen, sagt die junge Ärztin und lacht. Ich bin froh, dass ich die Parallelwelt wieder verlassen kann, die da hinter dem hübschen Park um die Ecke liegt und die niemand wahr nimmt, so lange man nicht dazu gezwungen ist. Ich wünsche mir, dass ich da niemals herumlaufen muss mit einem Verband, oder Krücken, oder einem Tropf oder noch schlimmer: In dem großen grauen Bettenhaus liegen, hinter einem der vielen Fenster, die zu selten geöffnet werden für so viel Kranksein. Mir kommen Menschen entgegen, manche mit Blumen, andere mit Körben, in denen sie bestimmt das Lieblingsessen mitbringen. Oder lustige Zeitschriften. Keiner von ihnen sieht nach Lustigkeit aus. Das menschliche Leben ist so fragil. Passt auf Euch auf, Leute.

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