Kater im Kopf

Ich bin viel zu früh wach, in meinem Kopf brummt es noch und in meinem Magen ist dieses Gefühl, das man hat, wenn der letzte Drink schlecht war – und das, obwohl ich die letzten Stunden der Party doch nur Wasser getrunken habe.
Ich liege im Bett dieser Pension mitten im deutschen Niemandsland, blauer Himmel, auf der Wiese niedliche Ponys und ich habe Herzrasen und kann nicht atmen.
Was, wenn ich hier sterbe? Plötzlicher Herztod in der Uckermark. Mittdreißigerin wurde erst Tage später von den Pensionsverwaltern beim Aufräumen entdeckt. Niemand hatte sie als vermisst gemeldet.
Es tut mir nicht gut, dieses feiern und trinken und der bald bevorstehende Abschied aus der Stadt, die immer meine Stadt war, meine kleine Freiheit, in der ich mich verwirklichen konnte und ohne ständige Einmischung von Papa und Familie leben konnte, wie ich es bestimmte.
Ich habe kalte Füße bekommen. Wird es wirklich besser werden, dieses Leben? Es ist schön, die Großeltern öfter zu sehen und alte Freunde treffen zu können ohne sich Wochen vorher zu verabreden. Aber kann man Freundschaften aufwärmen, die viel zu lange viel zu kurz gekommen sind? Bin ich nicht inzwischen in der Heimat genauso fremd wie in Hamburg?
Ich rede mir selbst seit Monaten gut zu. Kleine Schritte. Eins nach dem anderen. Job finden, umziehen, Scheidung. Dazwischen immer wieder laufen, meiner Routine folgen. Schlafen, gut essen, Sport, meditieren. Viel atmen. Jeder Schritt ist ein Schritt zur Besserung und es stimmt: Es gibt die Tage, an denen sich mein Leben besser anfühlt als je zuvor. Ich bin stärker geworden und kenne mich besser. Gut genug um mir einzugestehen, dass es Tage gibt, an denen ein plötzlicher Tod in der Uckermark nur symbolisch für die Traurigkeit in meinem Herzen wäre, die trotz guten Mutes und Voranschreitens ein Begleiter bleibt.
Gestern war ich auf einer Hochzeitsfeier von zwei lieben ehemaligen Kollegen und es war eine schöne Feier. Einige Personen, auf die ich mich gefreut hatte, waren dort. Mit ihrem Partner, Freund, Ehegatten. Manche glücklich, andere am diskutieren. Aber nicht alleine wie ich, die den ganzen Abend von Gruppe zu Gruppe zog, um den Paaren nicht zu lange wie ein drittes Rad am Wagen anzuhängen. Niemandem das Gefühl geben, dass man anhänglich ist. Aber ich bin es. Ich will anhänglich sein dürfen, will das jemand an mir hängt, Jemanden, mit dem ich auf solchen Feierlichkeiten ankomme, lache, den Kuchen teile und der mein Anker ist oder vielmehr ein Bumerang – sich alleine bewegen können in der Gewissheit wir kommen immer wieder zueinander zurück.

Tage, an denen es mir derart schlecht geht und Nächte, in denen der ganze Körper verkrampft und das Herz rast, werden seltener so lange ich alles ruhen lasse, keine neuen Informationen an mich heran dringen, ich mich aus dem Umfeld seiner Familie – so schwer es mir gefallen ist – genommen habe, weil ich jeden Tag einen neuen Einschlag fürchten musste wie bei einem Meteoritenhagel.
Ich werde bald nach Hause gehen. Das erste Mal richtig in meiner Heimat arbeiten, leben, ohne am Sonntag wieder in den Zug Richtung Hamburg steigen zu müssen.
Es wird ein neuer Abschnitt, auf den ich mich freue und der mir zugleich Angst macht. In solchen Situationen im Leben verlässt man sich gerne auf den Rückhalt seines Partners, plant gemeinsam, wodurch das Neue an Schrecken verliert. Mit ihm verheiratet zu sein, bedeutete trotz aller Schwierigkeiten auch Sicherheit:
Was immer auch passiert, du hast stets meinen Rückhalt und ich hab immer noch dich.
Nur, dass das Ganze leider eine Farce war, ein Schauspiel, da er schon vor unserer Hochzeit nie die Absicht hatte, ein Leben lang an meiner Seite zu sein, einander bis zum Ende beizustehen.
Ich hoffe, dass ich es alleine schaffe. Das Leben liegt in meinen Händen, meine Zukunft formt sich alleine durch mich. Das kann und wird mir niemand abnehmen und das ist gut so, weil nur so jeder zu seinem Glück finden kann.
Dennoch bleib da eine Leerstelle, wo das gute Gefühl war, nicht alleine auf dem Deich, mitten in der Sturmflutnacht zu stehen.
Ich kann es schaffen.
Ich…muss.

4 Gedanken zu „Kater im Kopf

  1. Du schaffst das Verena, keine Frage & bitte nur begrenzte Sorgen für Deinen neuen Lebensabschnitt in der Heimat.

    Köln ist wirklich nicht so übel lach.
    (schreibt eine Hamburgerin, die eigentlich immer die Fremde war, in jeder Stadt)

    Alles Liebe und Kopf hoch!

    P.S. Verlauf alte Freundschaften aufwärmen würde mich in ein paar Monaten interessieren.

  2. Liebe Jasmin,
    vielen Dank für Deine lieben Worte! Ich liebe Kölle und freue mich drauf, aber ein bisschen Sorgen mache ich mir immer, das liegt wohl in meiner Natur…
    Über die Freundschaften werde ich sicher berichten. Und die Liebe. Und das Leben. 🙂

  3. Ich kann deine Gedanken gut nachvollziehen. Wenn man lange in der fremde war, wird man niemals mehr ganz zuhause sein, einen teil lässt man immer irgendwo anders zurück. das ist traurig, aber auch wunderschön! all diese orte, an denen wir leb(t)en, verbunden mit allen schlechten und tollen erlebnissen, machen uns zu dem, was wir sind. stärker, klüger, dankbarer, verletzlicher, erwachsener. ich bin fest überzeugt, dass du den richtigen schritt tust. na klar hast du dich verändert und passt bestimmt nicht mehr so gut nach köln wie früher. aber wenn man ganz unten ist, dann braucht man seine base, seine familie… und den dom. er heilt alle wunden, auch wenn das ausserhalb kölns niemand versteht. er heilt wunden schneller als salzwasser. köln hat dieses heilsame karma, das die welt immer ein bisschen bunter aussehen lässt. lasse dieses karme einfach wirken und das leben den rest tun. es wird besser werden…

    grüsse ans kölsch-hanseatische herz von der kölsch-bayrisch-hessisch-asiatischen seele

  4. Liebe Natalie,

    Danke für deine lieben Worte. Du verstehst das sicher mit am besten wie das ist mit der Fremde und der Heimat und dem fremd werden in der Heimat.
    Ich bin dankbar für meine Zeit in Hamburg, ich liebe die Stadt so sehr, aber noch mit einem bitteren Stich im Herzen, wenn ich an sie denke. Darum war es richtig zu gehen.
    Alles wird schon und auch die Freundschaften werden sich verändern, hier wie auch da.
    Liebe Grüße in den Süden!

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