Manchmal braucht es Löwentatzen

Heute ist #MentalHeathAwarenessDay, der internationale Tag der seelischen Gesundheit, der auf psychische Erkrankungen aufmerksam machen soll. Irgendwie finde ich, dass ich dazu etwas schreiben sollte. Andererseits bin ich gerade genau das beste Beispiel, wie man nicht gut auf sich acht gibt. Vielleicht sollte ich es gerade deswegen aufschreiben.

Angefangen hat alles nach dem Urlaub. Wunderschön war der – so ausgeschlafen, entspannt und guter Dinge war ich lange nicht. Die 4 Monate von der Arbeitsagentur geförderte Weiterbildung erfolgreich abgeschlossen, ein neuer Arbeitsvertrag (zumindest für ein halbes Jahr) in der Tasche, dank meiner Verwandtschaft eine schöne und sehr günstige Ferienwohnung im Allgäu gefunden – herrlich.

Am liebsten wäre ich dort geblieben.

Ich habe mir in der Zeit, in der ich mein Handy nur zum fotografieren benutzt habe – ein paar Notizen gemacht. „Vorhaben, die man im Urlaub denkt und viel zu schnell wieder vergisst: Man sollte öfters mal wieder abends Radio hören, statt online zu sein. Mein Lebenstraum ist es, da zu leben, wo die Welt noch in Ordnung ist. In der der Natur bin ich am glücklichsten, ich sollte mehr Zeit in der Natur verbringen. Ich weiß, dass ich mir das nach jedem Besuch an der Nordsee und nach jedem Tag wandern draußen sage, aber irgendwie muss es doch gehen, dass in den Alltag mitzunehmen, nicht aus den Augen zu verlieren und daran zu arbeiten?“

Was soll ich sagen: ich bin wieder einmal gnadenlos an dem Vorhaben gescheitert, mir die Gelassenheit im Alltag und damit einhergehend meine Gesundheit zu bewahren.  Ich liege seit drei Tagen flach. Wochenlang habe ich das Gefühl mit mir herumgeschleppt, dass da was im Anmarsch ist, aber habe es ignoriert. Keine Zeit dafür. Jeden Morgen sehr früh zum neuen Job gehetzt, völlig außer Puste, dann mindestens 10 Stunden gearbeitet, kaum Pause gemacht und bloß nicht das Gebäude mal für etwas Tageslicht verlassen – bin ja schließlich neu und will einen guten Eindruck machen. Hab es nicht regelmäßig zum Sport geschafft, nach einem langen Tag im Büro war ich zum einen total abgekämpft, zum anderen fühlte ich mich kränklich und zweimal war schlicht keine Zeit, weil zu Trainingsbeginn noch nicht an Feierabend zu denken war. Dazu setzt die dunkle Jahreszeit ein und mein Schweinehund hat Angst im Dunkeln. Kurzum: Kein Ausgleich, dumm gelaufen – nämlich wochenlang gar nicht. Die volle Wasserflasche stand auf meinem Schreibtisch, seit dem Morgen nicht angetastet. Bravo. Dazu tausend Anfragen von Leuten. Ehrenamt. Kannst du dies für mich erledigen? Na klar, her damit! Freunde. Kannst du hierbei irgendwie helfen? Ja sicher, kann ich! Permanent schlechtes Gewissen, weil ich Freunde vernachlässige, mit denen ich längst abgemacht hatte, mal wieder zu telefonieren. Jeder Blick auf mein Handy ein „Oh scheiße, da müsstest Du dich dringend mal melden“. Hinzu kam, dass ich nach der ersten Woche plötzlich noch ziemlich alleingelassen im Job war. Meine Vorgängerin in Mutterschutz, ein Kollege weg, ein Kollege im Urlaub, ein anderer wurde Papa. Kurzum: Ich stand da mit einem Haufen Fragen, vielen Aufgaben und dem doofen Gefühl, meinen neuen Chef mit meinen Fragen auf die Nerven zu fallen, weil so Vieles neu war, das ich nicht alleine entscheiden konnte. Bildlich gesprochen: Ich hatte „viel um die Ohren“ und das hat sich manifestiert: Seit Sonntag habe ich das Gefühl, es stochert jemand mit einem spitzen Kuli in meinem Trommelfell herum. Wenn die Schmerzmittel wirken, dann höre ich in meinem sonst tauben Ohr das Blut rasen.

Ich muss dringend wieder runterkommen, mich entspannen, endlich ankommen und durchatmen. Es ist alles gut. Du hast nen Job fürs erste. Niemand will dir was. Neue Kollegin hat angefangen. Keiner hetzt dich. Alle sind doch nett zu dir. Und sag verdammt nochmal einfach mal NEIN wenn es zu viel wird!

Warum passiert das immer wieder, dass ich in diesen Kreislauf gerate. Ich weiß doch inzwischen, wie ich ticke und was mir wichtig ist. Man startet voller guter Vorsätze: Ja, man will sein Bestes geben und die Chance auf eine mögliche Übernahme nutzen, sich gut präsentieren, aber zeitgleich besser auf die Balance achten. Nicht mehr vergessen, was mir wichtig ist: Klar will ich wieder auf eigenen Beinen stehen – wer ist schon gerne ohne Job – aber noch wichtiger: Meine Familie. Zeit. Lebensqualität. Mein Freund. Wir hatten eine fantastische Zeit im Urlaub. Nach einem sehr schweren Sommer und einem Schicksalsschlag, der uns zusammengeschweißt hat, weiß ich endlich wo lang es gehen soll. Dann mein Lauftraining, weil es mir so gut tut und ich mir Ziele gesteckt habe. Waldlauf im Oktober, Nikolauslauf, Halbmarathon im Frühjahr. Laufen hat mich schon so oft gerettet – warum bin ich so dumm und lasse es als erstes wieder hintenüber fallen?

Die Bilder vom Urlaub – ich hatte so lange vor, sie zu sichten, zu bearbeiten, ein Album zu machen. Meiner Tante und meinem Onkel wollte ich welche schicken – als Dankeschön für die schöne Zeit – hatte so fest vor, sie anzurufen. Und schon ist ein Monat verstrichen. Zeit, in der sich alles wieder gedreht hat. Aus meinem grundentspannten Urlaubs-Selbst, ganz bei mir, ist ein gehetztes Etwas geworden. Der Körper schreit nach Ruhe. Ich habe im Krankenbett jede Nacht 12 Stunden und tagsüber weitere Male geschlafen. Ich kann das nicht, den Stress, das Vollgas geben und dabei lächeln. Ja klar, gib nur her, ich kümmer mich! Wenn ich in meinen Kalender schaue, wird mir schlecht, weil kaum ein Wochenende wirklich frei ist zum ausspannen. Und schuld daran bin nur ich. Ich ganz alleine muss das lernen. Ein bisschen erinnert mich all das an meinen Zusammenbruch damals, als ich noch in der Agentur gearbeitet habe und mein Körper von heute auf morgen den Dienst quittiert hat. Es wiederholt sich wohl alles, bis man endlich die Lektion kapiert hat.

Morgen früh werde ich wieder zur Arbeit gehen. Jedem anderen Menschen würde ich abraten. Hat man mir den bisherigen Einsatz und die Überstunden gedankt? Nein. Trotzdem kann ich nicht aus meiner Haut. Ich bin neu, ich habe das Gefühl, mich beweisen zu müssen und Teil des Teams werden zu wollen. Ich hoffe, dass ich übernommen werde und dass die Existenzsorgen des letzten Jahres dann endlich einmal ruhen können. Ich sollte weiter das Bett hüten, bis ich wieder ganz gesund bin, aber ich bin zu unruhig dafür.

Ich muss das packen, meine Balance wiederfinden. Muss wieder laufen gehen. Meditieren. Das Rauschen im Ohr muss wieder zu einem ruhigen, gleichmäßigen Herzschlag werden. Keine Panik. Du schaffst das. Keiner tut dir was. An meiner Wand hängt ein Bild eingerahmt, das mein Schatz mir geschenkt hat, als es mir einmal sehr schlecht ging. Ich lese es immer und immer wieder.

Es gibt mir Kraft. Ich kann das schaffen. Ich zieh mich da wieder raus. Ich komme wieder zurück zu mir:

 

 

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