on fire

Ich weiß es geht vorbei. Ich weiß es. Es ist immer so gewesen und es geht vorbei. Bisher habe ich alles und jeden vergessen, von dem ich einmal besessen war. Besessenheit, ein komisches Wort, aber es ist ja doch so, dass es oder er Besitz ergreift von dir. Von deiner Atemluft, jedem deiner Gedanken, deiner Stimmung, wenn du am Morgen wach wirst und den ersten Gedanken fasst.
Aber ich weiß es, obwohl ich wochenlang an nichts anderes denken konnte, nicht essen, nicht schlafen, weil alle Gedanken sich um diese einen Sache, diesen einen Menschen drehten – oh, ich weiß es noch genau, wie jede einzelne Sekunde meines Lebens nur noch erfüllt war davon – und dann? Dann irgendwann kam eine Erkenntnis, ein Bruch. Der Höhepunkt war erreicht und von dort an zählt das Leben einfach weiter.
Als wäre nichts gewesen.
Einundzwanzig.
Zweiundzwanzig.
Heute ist diese Zeitspanne ganz verschwunden aus meinen Gedanken, nur mühsam gelingt es mir, die Gefühle von damals noch einmal als schwaches Abbild in Erinnerung zu rufen. Als hätte es sie nie wirklich gegeben. Die Nachwirkungen eines intensiven Traumes, nicht real gewesen, nie wirklich gefühlt.
Entweder das oder sie wurden abgelöst von einem neuen Gefühlszustand. Wohlig und ruhig. Keine Atemlosigkeit, keine leidenschaftliche Unruhe mit jedem Anruf, jeder Unterhaltung. Metamorphose in eine feste Präsenz, die in deinem Leben ein zuhause gefunden hat, eine, die man „Liebe“ nennt, „Ankommen“ oder „bei sich sein“.
Jeder wünscht sich, dass dieses Feuer, das jeder Anfang in sich trägt, ewig brennt. Wer möchte schon den Alltag haben. Realitätschecks für seine verrückten Ideen. Aber nein, man KANN nicht jede Nacht komplett durchtanzen und auf lila Wolken warten, wenn man Verantwortung und einen Job hat. Stattdessen: Diskussionen über Müllrausbringen. Den anderen Menschen morgens ungeduscht und muffelig sehen. Wein trinken, nachts ganz verwegen am offenen Fenster, gehört der Vergangenheit an. Tag für Tag nach Feierabend auf die Couch fallen und so gar kein aufregender und erst recht kein interessierter Gesprächspartner mehr sein.
Niemand möchte, dass es irgendwann so kommt – und doch habe ich es nie anders passieren sehen. Wahrscheinlich geht es anders gar nicht. Ewig lodernde Flammen erfordern einen Fön und stetige Zuwendung oder aber ständig neues Futter, das sie verschlingen können. Entfernung und Eifersucht, so habe ich es erlebt, fachen Feuer an und nicht immer kommen die Menschen, zwischen denen sie lodern, dann ohne Narben davon.
Ansonsten brennt stetig aber langsam ab, was da als Besessenheit begann. Es bleibt wieder Luft zum atmen, zum fokussieren. Vergessen sind die Hitze und die Glut, über die zu laufen dich für den Moment frei, verwegen und glücklich gemacht hat. Nur selten schaffst du es, zur Arbeit zu tanzen, wenn die Sonne gerade aufgeht über dem Wasser. Aus einem Taxi zu purzeln, wenn die ersten Vögel dazu singen.
Dann, ja nur noch dann, lässt du dir den Wind durch die Haare wehen und das Gefühl zupft nochmal frech an deiner Jacke, liebkost deine Lippen, noch einmal schmecken und genießen.
Bevor ihr die Tür aufschließt und Hand in Hand auf dem wohligen Feierabendsofa einschlaft, nach dem sich all jene sehnen, die in Flammen stehen.

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