At the end of the day

Silvesterlauf trotz Schmerzen im Fuß. Alles Grün trägt glitzernde kleine Eiskristalle, der Himmel ist strahlend blau und ich musste einfach da hinaus. Eine letzte Runde drehen. Die klare kalte Luft, die Sonne, die mir ins Gesicht scheint, bringen mich zum Lächeln. Immer breiter wird es, bis ich schließlich oben stehe, auf dem kleinen Hügel mitten auf dem Feld, und ganz breit grinse. Ich. Bin. Hier.
Und dann kullern ein paar Tränen. Tränen der Erleichterung, der Dankbarkeit, des Glücks. Einfach nur da zu sein.
Vor ein paar Monaten war das undenkbar für mich.

Eines weiß ich: Man sollte nicht sagen „schlimmer geht es nicht“ – denn man ahnt gar nicht, was noch alles passieren kann. Vor allem aber sollte man niemals denken „ich pack das nicht“. Denn in uns allen steckt sehr viel mehr Kraft, Resilienz und Anpassungsfähigkeit, als wir uns selbst zutrauen.

Mein Handy spielt die von Spotify bereit gestellte, persönliche Playlist aus den Liedern, die ich dieses Jahr am meisten gehört habe – und ich lache den Rest des Weges, während ich dieses Achterbahnjahr Revue passieren lasse.

In unbestimmter Reihenfolge:

Love like mine – Hayden Pannettiere
I might stay up drunk on wine, hurt like hell and ugly cryin‘ black mascara tears
I might lock my door, sleep with my phone, miss you bad for a month or so, but let me tell you something my dear:
I’m gonna be just fine but you’re never gonna find another love like mine

In your face! 😉

Im Ascheregen – Casper
Der Tanz im Ascheregen…schön schnell…oft gehört beim Laufen. Immer einen Schritt nach dem anderen setzen, das Alte hinter dir lassen.

Pocahontas – AnnenMayKantereit
Festhalten statt loslassen. Wissen, dass es sinnlos ist. Sachen abholen. Es tut mir leid, Pocahontas. Aber es ist besser so.

Alles im Leben hat seine Zeit – Peter Maffay
Einfach hören. Immer wieder.

Best fake smile – James Bay
Schöne Erinnerung an einen Roadtrip. Die Kraft, die Freundschaft einem schenken kann. Authentisch sein dürfen, auch wenn‘ dir scheiße geht. Und am Ende: Freundinnen, die es tatsächlich schaffen, einen zum Lachen zu bringen. Bis morgens um 7 auf der Tanzfläche, Team Schnapspraline!

Sieben – Subway to Sally
Magisch. Gibt Kraft.

Shake it out – Glee Version
It’s always darkest before the dawn. Jede noch so dunkle Nacht hat irgendwann ein Ende.

Alles widder dunn – Kasalla
Un et jit jarnix, överhauptnix, et jit nix wat ich bereu. Nä nä nä jarnix, överhauptnix – denn ich wor mer immer treu.

For good – from „Wicked“, by Kristin Chenoweth & Idina Menzel
Der Song, den ich gerne auf meiner Beerdigung gespielt haben würde.
I’ve heard it said that people come into our lives for a reason
Bringing something we must learn and we are led
To those who help us most to grow
If we let them
And we help them in return
Well, I don’t know if I believe that’s true
But I know I’m who I am today
Because I knew you…

Danke an alle, die mich unterstützt haben, in welche Form auch immer.
Das Lächeln ist für Euch! <3 silvester

Liebes 2016,

eines muss ich Dir lassen: Du bist verdammt konsequent! Anscheinend hast Du Dir zum Ziel gesetzt, mich in diesem Jahr so richtig auseinander zu nehmen und zu testen, wie viel ich ab kann – und das ziehst Du gnadenlos bis zum Jahresende durch.
Ist auch ziemlich naiv von mir gewesen, dass ich mich nach der Trennung, der Jobsuche, dem Umzug, dem Scheidungstermin, Todesfall in der Familie, dem Neuanfang hier fast schon sicher gefühlt hatte. Als sei ich angekommen in meiner neuen Wirklichkeit und dürfe jetzt wieder anfangen, Spaß am Leben zu haben und mich sogar am Ende noch mit der Liebe zu versöhnen. Nix da! hast Du gesagt und mich mit der Kündigung zum Montagmorgen zurück auf die Bretter befördert. Guter Punch!
Dann humple ich halt jetzt meine Weihnachtspost wegbringen (denn ne Sportverletzung hast Du mir auch noch beschert, wie aufmerksam von Dir!) und dann zum Arbeitsamt.
Fröhliche Weihnachten, Du Arschloch-Jahr!

Tante Augurri kommt zu Besuch

Draußen prasselt Novemberregen an die Rolladen. Ansonsten ist es leise.
Die Uhr zeigt 00.02, mein Handy ist auf Flugmodus gestellt. Noch ein bisschen Stille, so mache ich das jedes Jahr.
Kennt ihr das Gefühl, wenn man Geburtstag hat und einem selbst macht das nichts – ich finde Geburtstage ziemlich blöd und wünschte, es wäre ein Tag wie jeder andere – aber man hat das Gefühl, alle Menschen schauen einen anders an? Wie früher, wenn die Eltern Geschenke vor einem verstecken oder man in die Klasse kam und alle wussten Bescheid. Zum Glück gibt es heute keine Überraschungen.
Dieses Jahr ist vieles anders. Ich überlege, ob heute vielleicht ein guter Tag ist, um den Verlobungsring irgendwo vergraben zu gehen, den mir der Ex vor 4 Jahren an diesem Tag angesteckt hat. Damals schon war alles – inklusive der eine Woche vorher im Suff auf einer Party bei Freunden rausposaunten Überraschung – eine einzige Bühne für seine Ego-Show. Zum Glück muss ich dies nicht mehr erleben.

Dieses Jahr bin ich wieder alleine, aber nicht einsam. Ich habe das Gefühl, zum ersten Mal einen richtigen Erwachsenengeburtstag zu haben. An dem ich 36 werde. Ein Alter, in dem die meisten schon gar nicht mehr „Tick Tack“ denken, wenn du erzählst, dass du keine Kinder hast. Oder Single bist. Es ist der Geburtstag, an dem mich niemand mit Kaffee ans Bett und Geschenk weckt, ich ganz normal arbeiten gehe, ein bisschen Kuchen mitbringe und abends ein paar enge Menschen zum Essen in ein Lokal meiner Wahl einlade. Es wird Weinschorle geben, außer für meine schwangere Freundin. Es ist auch ein Geburtstag, an dem ich am Vormittag auf eine Beerdigung gehe. Eine Erwachsene, die einem Freund beisteht, weil das so wichtig ist und irgendwie, die Ironie: dass mein Ehrentag für ihn einer der schwärzesten Tage in seinem Leben wird.

Es ist 00.07 und noch immer prasselt Regen. Ich liebe Regen. Ich liebe auch den Herbst, wenn auch die düstere Jahreszeit mir immer Sorge bereitet. Ich fürchte dann immer, wieder abzudriften in eine depressive Phase, wie so oft in den letzen Jahren im Winter. Doch auch das ist in diesem Jahr anders. Ich bin entspannter, gelassener. Die Jahreszeiten kommen und gehen wie alles im Leben. Das erste Mal habe ich ein Gefühl dafür, dass das Leben fließt. Sich wehren hat keinen Zweck. Das nehmen, was es dir bietet und es formen. Aber niemals verharren oder gar versuchen, rückwärts zu kommen, denn das kostet dich deine ganze Kraft.
Weihnachten steht vor der Türe und auch das wird anders sein dieses Mal. Die letzten Jahre habe ich viel Zeit und Liebe in die Weihnachtszeit gesteckt. Die Wohnung wurde geschmückt, es gab einen Adventskalender, selbst gebastelte Karten und Kekse, sowie sehr viele Weihnachtsessen mit Freunden. Es war immer herrliche Zeit voller Kerzen und Lichter, Weihnachtsmusik, Polarexpress und Märchentheater. Voller Freude darüber, gemeinsam die kindliche Freude an der Weihnachtszeit wieder zu entdecken.

Es wird anders sein. Nüchterner, erwachsener. Es wird ein paar Glühweine geben mit Kollegen und Freunden. Es wird ein Weihnachtsessen geben, weil sich das so gehört. Pragmatisch. Es wird nicht das Highlight werden, auf das ich mich bisher jedes Jahr so sehr gefreut habe.

Stille Nacht.

Heute, am Ende eines harten Jahres, das mein Leben wie kein anderes geprägt hat, steht mein Geburtstag auch dafür: Dass mir jemand alles genommen hat. Und mich doch nicht kaputt bekommen hat.

Ich bin immer noch da.

Freundesieb

Es kommen Zeiten im Leben, da hält man kurz inne, meist nach einer besonders harten und anstrengenden Etappe und schaut sich um. Wer ist bis hier mitgegangen? Wer geht nach wie vor an deiner Seite?
Viele Menschen können das wohl bestätigen: In der Not zeigt sich, wer deine Freunde sind. Das habe ich damals gemerkt, als meine engsten Freunde – so dachte ich – auf einmal nichts mehr von sich hören ließen. Keine Karte, kein Anruf. Als sei ihnen etwas schlimmes widerfahren, nicht mir. Wer mit mir in der Kirche saß und mir beistand, als es hieß Abschied zu nehmen, waren teils alte Freunde, teilweise solche, deren Rückgrat und der Ausdruck ihrer Zuneigung und des Respekts mich sehr beeindruckt haben. Das sind wahre Freunde. Die, die in guten wie in schlechten Tagen dir zur Seite stehen.
Schwere Zeiten sind darum nicht nur ein Nährboden für persönliches Wachstum, sondern auch ein prima Sieb, um die falschen von den wahren Freunden zu trennen. Denn manchmal verschwimmt die Sicht, lässt man sich allzu gerne verführen von den Brotkrumen der Zuneigung, Versprechen, Perspektiven, die sich mit einer neuen Freundschaft eröffnen. Nicht immer ist man dabei auf einen echten Freund getroffen.

Es gibt Menschen, die sind nur so lange Freunde, wie sie es auf Entfernung sein können. Versprechen dir Zeit, die sie nie einlösen. Vergewissern dir, dass du ihnen wichtig bist, kommen aber nie vorbei, schlagen nie ein Treffen vor und bringen lahme Ausreden, weil du ihnen dann wohl doch gerade zu anstrengend bist in deinem Kummer. Ich habe diese Entschuldigungen so satt. „Sorry“ und Affen-Emojis sind leider kein Ersatz für geschenkte Zeit, die Gelegenheit für gute Gespräche und den Willen, mir bei meinem Neuanfang beizustehen. Dann eben nicht.

Wahre Freunde brauche ich gerade sehr und ich bin glücklich, diese zu haben. Solche, die mich trotz der eigenen Sorgen bei sämtlichen albernen Überlegungen, Plänen, neuen Hobbys und fixen Ideen bedingungslos unterstützen. Menschen, die mir sagen „ich hab dich lieb“ oder „ich glaub an dich“ und die zulassen, dass ich mich zur Zeit neu (er)finde. Da ist die Freundin, die mich immer wieder liebevoll erdet auch wenn ich zum hundertsten Mal dieselben Gedanken wälze. Die gleichzeitig mit mir träumt von einer besseren Zeit – obwohl sie gerade ihre eigene Existenz gründet und weiß Gott genug wichtigeres zu tun hätte. Oder die Freundin, die gerade schwanger und in einem völligen Umbruch im Leben ist, die sich aber immer wieder mit Freude die Zeit nimmt, mit mir zu lachen, mir Vorschläge zu machen für gemeinsame Unternehmungen, die mich deutlich spüren lässt und mir zu verstehen gibt „Ich möchte, dass du Teil meines Lebens bleibst“. Das Pärchen, übrig gebliebene Freunde aus dem Dunstkreis meines Ex‘, die sich so rührend gekümmert haben vom ersten Tag, die mich mitnehmen unter Leute und auch akzeptieren können, wenn ich mal in meinen Cocktail weine. Die Freundin aus Hamburg, die sich trotz kleiner Tochter und Vollzeitjob die Zeit nimmt für stundenlange Telefonate, die wie eine feste Umarmung gut tun. Oder auch der Freund, mit dem ich zwar nicht mehr die enge Verbindung habe wie früher, der aber in den langen Nächten des Jammerns und der Selbstzweifel nach der Trennung für mich da war, mich wieder beruhigen konnte wie kein anderer, der mir klar und deutlich gesagt hat „jetzt ist aber gut“ und auch „du bist gut“.

Ich bin dankbar für mein Freundesieb und glücklich, dass fantastische Menschen darin hängen bleiben, ohne die es schwer gewesen wäre, den Weg weiter zu gehen. Danke, dass es euch gibt. Für euch will ich wieder stark werden, wieder lachen wie früher, wieder ein Mensch sein mit dem man gerne Zeit verbringt und der euch Zeit schenkt und für euch da ist – an leuchtenden wie an den traurigen Tagen im Leben.

Höhle bauen

Ich bin in meinem Kinderzimmer, in meinem neuen Bett mit den passenden Regalen, die sich langsam mit neuen Gegenständen und Büchern füllen, die ich noch nicht gelesen habe, wie gute Vorsätze für diesen Lebensabschnitt. Die Tür ist abgeschlossen obwohl gar keiner da ist. An den Wänden der türkisblaue Streifen, den ich damals unbedingt gemalt haben wollte, um Fotos meiner Freunde dort aufzuhängen. Die Bilder sind lange weg und mit ihnen die Menschen, die mein Leben bestimmt haben. An ihre Stelle sind andere Menschen in mein Leben getreten, in den letzten Jahren mir ans Herz gewachsen – analog zur Entfernung voneinander wächst wohl der Raum, den jemand in deinem Herzen einnehmen kann.

In diesem Zimmer habe ich mit meinem ersten Freund geknutscht, hab versucht, Geister zu beschwören, oft gegrübelt und mit dem Leben gehadert, gelernt für Schule und Uni, geweint, sehr viel geweint. Vor fast acht Jahren wollte ich raus hier, weg von all den Erinnerungen, dem Anecken, mich lösen von den Bevormundungen und dem Betüdeln durch die Familie. Das alles war zu engmaschig, um mich darin selbst finden zu können. Weg in eine andere Stadt, einfach so und ganz alleine. Ich kann bis heute nicht verstehen, woher der Mut dafür kam.

Nun erklingt aus dem CD-Spieler meiner Anlage, die meine Eltern mir zum 16. Geburtstag schenkten, wieder Musik. Zuhause. Nur ein Ort war mir zwischen seitdem und heute ein echtes Zuhause und ich versuche, nicht mehr daran zu denken, weil ich jeden Kratzer im Holzfußboden kenne und vermisse und das Knarzen manchmal im Schlaf hören kann. Es war Freiheit, nach Jahren mein Lachen wiedergefunden, Wochenendgäste haben, Möbel in weiß und grau und blau, Strandhaus-Feeling, Eichhörnchen im Garten, mein Zuhause. Stattdessen bin ich wieder hier. Baue mir eine Höhle unter der Bettdecke und bin irgendwas zwischen erwachsen und kindlicher Unbeholfenheit. Ich genieße die Enge, das betüdelt werden, das tröstende Gefühl, dass es noch dort ist, mein trauriges Zimmer und Rettungsboot, mit all seinen Erinnerungsschätzen. Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.
Bin ich klüger geworden in den Jahren? Habe ich gefunden, wonach ich gesucht habe, also mich? Nein. Ja. Ich weiß es nicht. Fühle mich, als habe ich viel erlebt. Einmal gewonnen und dann alles verloren. Habe selbstbestimmt gelebt, Freundschaften geschlossen, Jobs gewechselt, Entscheidungen getroffen, in der Ferne Erwachsensein gespielt. Die große Liebe gefühlt, die noch größere Ernüchterung. Habe meinen tiefen Glauben verloren und dafür etwas vielleicht noch Wichtigeres gewonnen: Vertrauen in mich, erworben in sehr vielen dunklen Tagen, alleine mit meiner Trauer, Verzweiflung, Wut. Auf das Leben, auf ihn, auf mich. Was habe ich mir nur gedacht, warum habe ich mich täuschen lassen? Wie beim trinken – am Abend vorher es für eine gute Idee gehalten weil es sich gut anfühlte und dann am nächsten Tag denken „nie wieder“.
Aber an sich glauben ist schön. Das Wissen, dass man immer wieder aufstehen wird. Trauer bringt mich nicht um. Verletzt werden bringt mich nicht um. Die Hoffnung verlieren bringt mich nicht um. Am Ende ist das Leben nichts als eine Aneinanderreihung von Ereignissen, die alle nicht gut ausgehen werden. Aber es ist mein Leben. Ich kann es verbocken oder genießen, hinfallen und aufstehen. Immer und immer wieder. Bis ich nichts mehr habe als Erinnerungen und Narben und niemandem, der die Geschichten dazu hören möchte weil er selbst ausreichend davon hat.

Ich könnte, nein ich sollte, da wieder rausgehen und etwas Neues versuchen. Sollte „unter Leute“ gehen und endlich einen Plan davon entwickeln, was ich noch möchte vom Leben. Mehr Bücher. Andere Leute. Wieder lachen. Wieder verlieben? Gerade mal Halbzeit.
Aber noch nicht. Noch schließe ich mich hier ein. Die Musikanlage auf Repeat, genau wie mein Kopf. Mein Vertrauen in mich ist noch bröckelig und die Welt da draußen zermahlt dich in wenigen Tagen, wenn du zu früh rauskommst. Ich weiß das. Nein. Noch ein bisschen unter der Decke verstecken, bevor ich wieder jemand sein muss.

Staring at the ceiling in the dark
Same old empty feeling in your heart
‚Cause love comes slow, and it goes so fast

Well, you only need the light when it’s burning low
Only miss the sun when it starts to snow
Only know you love her when you let her go

Das Leichteste der Welt

Manchmal spricht einem ein Lied aus dem Herzen, als habe man es selbst geschrieben.

Hab gehört die Sonne scheint wieder für dich
Hab gehört du wirkst befreit und trägst wieder Lachen
Hab gehört ich bin für dich vorbei und abgehakt
Und dass das der beste Schritt deines Lebens war

Hab gesehen dein Herz hängt jetzt an jemand anderem
Ganz schön schnell dafür das du gesagt hast du brauchst erstmal Zeit
Auf den Fotos die man findet, da strahlt ihr vor Grinsen
Du siehst so widerlich glücklich aus

Und ich
Ich kann nicht schlafen, ohne irgendwas zu nehmen
Und du
Stehst längst mit beiden Beinen im neuen Leben
den Blick nach vorn gestellt
Als wär’s das Leichteste der Welt

Nach allem was man hört lebst du jetzt im Bilderbuch
Suchst ein Haus am See und Kindernamen – war doch unser Plan
Und ich häng hier auf Halbmast, krieg den Kopf nicht ausm Sand
Bin kilometerweit entfernt von Abstand

Und ich
Ich kann nicht schlafen, ohne irgendwas zu nehmen
Und du
Stehst längst mit beiden Beinen im neuen Leben
den Blick nach vorn gestellt
Als wär’s das Leichteste der Welt

Doch was mich am allermeisten bricht
Ist zu sehn wie glücklich du jetzt bist
Und die bittere Erkenntnis, das man bei Null ist, das da nichts ist
Und jeder Tag und jedes Jahr umsonst war
Sinnlos war, so sinnlos war

Vielleicht kann ich irgendwann wieder schlafen, ohne irgendwas zu nehmen
Vielleicht gibt’s irgendwo da draußen für mich ein neues Leben
Aber sich das vorzustellen
Ist grad das Schwerste dieser Welt

(lyrics by Silbermond)

Völkerball

Warum ist man so, wie man ist?
Warum ist man nicht in der Lage, im entscheidenden Moment, nur für diesen einen Einspruch, diesen einen Satz, eine Stunde, jenen besonderen Abend, in eine andere Rolle zu schlüpfen und sich über die eigenen Grenzen hinwegzusetzen?
Ich wünschte, ich hätte irgendwo im Verlauf meines Lebens gelernt, eine Maske aufzusetzen. Das schauspielerische Handwerk, das viele beherrschen: Nur für heute mal normal sein, sich verhalten wie alle anderen. Die Chance nutzen, die Neuanfängen innewohnen soll. Stattdessen bleibe ich fremd statt nachzuahmen, wie die anderen im Rudel das machen:
Im Raum nebenan ist Handshake, ist Musik („Die Eine, die immer lacht…“), sind lauter Menschen mit Masken, die das Beste daraus machen und den Abend genießen und für ein paar Stunden Sorgen, persönliche Befindlichkeit und Komplexe hinter sich lassen, um einander kennen zu lernen.
Ich bin hingegen nichts als Befindlichkeit: In solchen Situationen kann ich meistens nicht essen und wenn mir nicht ein barmherziger Mensch, der mich schon länger kennt, ein Glas in die Hand drückt, werde ich den ganzen Abend am Rand sitzen und kein Wort sagen. Nach ein oder zwei Gläsern merke ich, wie ich lockerer werde, was jedes Mal in Panik umschlägt. Was, wenn niemand hören will, was ich rede? Wenn ich lalle, zu laut bin, man mich lächerlich findet? Der Blick meiner neuen Chefin – missbilligend oder interessiert daran, mehr von mir zu erfahren? Ich habe nichts dagegen, dass man mich nicht mag. Aber heutzutage ist alles verwässert: Man hasst sich nicht mehr aus Gründen, man findet den anderen höchstens lachhaft und wer möchte schon ausgelacht werden. Das kränkt so viel mehr als Hass. Dies wäre ein Abend, neue Freunde zu machen. Panik bei mir. Alle schauen dich an. Niemand hier ist wirklich mein Freund, ich kenne euch kaum. Keine Verbündeten, nur potentielle Fettnäpfchen. Wieder einmal bin ich die, die nicht mehr mit in die gesellige Runde passt, die sich am Ende auf dem Balkon sammelt. Bin das Bücherbus-Mädchen, die Klassenbeste, die trotzdem und gerade drum als letzte gewählt wird.
Leben unter Menschen ist ein ewiges Völkerballspiel.
Und ich bin die Dicke mit der Brille, die, wenn sie nicht abgeworfen wird, über die eigenen krummen Füße stolpert.

Aus dem Archiv in mir drin

Beim Aufräumen meines Computers entdecke ich einen angefangenen Text wieder. Manchmal finde ich beim Lesen der eigenen Sachen Erinnerungen und spüre vergangene Gefühle nach. Was ich dieses Mal lese, fühlt sich fremd an. Dass es von mir ist, erschreckt und bestätigt mich zeitgleich darin, dass es gut war, wie es am Ende gekommen ist…

Wo sind wir, das Paar, das gemeinsam lachte? Wo ist die Einheit hin: erst das wir, dann der Rest der Welt. Es ist, als ob wir nie eine Einheit gewesen sind, nur vielleicht eine Masse, die sich für einen gewissen Zeitraum durch Anziehungskraft angenähert und nur beinahe verbunden hat.
Der Abstoß kam leise, nicht explosiv, doch je weiter wir nun auseinander driften, desto größer die Beschleunigung. Wir können es kaum erwarten, frische Luft zu atmen, den anderen nicht sehen, nicht fühlen zu müssen in seiner Art, wie er da zurück bleibt. Weg nur weg von der traurigen Masse, die sich da aus demselben Grund rasend schnell in die entgegengesetzte Richtung entfernt.
Wollte es das Naturgesetz so oder waren wir es, die den Abstoß herbei geführt haben? Immer darauf hingesteuert, nie zur Ruhe kommend, nie die Bindung zwischen uns stabilisierend? Ich weiß nicht einmal, wie ich mich fühle auf meinem Flug, meiner Flucht vor dir und dem was wir einmal waren und hätten werden können.
Auf der Flucht vor dem Mittelpunkt in meinem Universum.
Haltlos.
Freudlos.
Mutlos.
Planlos.
Schwerelos.

(„Schwerelos“, geschrieben im November 2014.)

Abendstimmung

Loslassen.
Loslassen.
Ich sitze im Garten meines Elternhauses. Dieses Hauses, das so vieles erlebt hat. Lachen. Weinen. Neuanfänge und Trauer. Babykatzen. Katzengräber. Junge Paare voller Hoffnung. Schwarz-weiße Erinnerungsfotos. All das steckt in seinen Mauern und dennoch bleibt es Zuflucht, ist es Zuhause, steht es dort und wartet auf bessere Zeiten.
Die Sonne geht gerade unter über unserem Dorf. Einer seiner Söhne wird nie mehr nach Hause kehren. Einer von Weidens‘ Kätchens Jungs ist jetzt weniger auf der Welt.
Und ein anderes Weidenskind starrt den Sonnenuntergang und weiß gerade nicht mehr wohin mit diesem fragilen Ding, das sich Leben nennt und das gefüllt und gelebt und geliebt werden will. Weil gerade alles so scheint, als möchte es nie wieder Morgen werden.

Ein Teil von mir schaut mit Bedauern zurück.
Ich wünschte ich hätte die Gelegenheit erhalten, all das – all das wir, all das uns – mit dir zu besprechen. Nur wir beide. Ehrlich. Offen. Miteinander, wie es hätte sein sollen zwischen uns. Seitdem wir uns gestern das erste Mal nach Monaten gesehen haben, weint mein Herz wieder wie am ersten Tag. Weint um die schöne Zeit, die Liebe, die wir einst hatten und die besonders war, dass es unmöglich scheint, jemals wieder so empfinden zu können.
Als die Richterin uns fragte, ob wir wirklich nicht glauben, unsere Ehe noch einmal aufzunehmen zu können, da wollte diese Seite von mir ganz laut „DOCH!“ rufen. So laut hat meine Seele gerufen, dass ich glaube du wirst es wohl gehört haben.
Doch ich sagte „Nein“. Deinetwegen. Ich habe dich frei gegeben, weil du es wolltest. Mein allerletztes Geschenk an dich. Ein Teil von mir ist unendlich traurig seitdem. Ich vermisse dich an meiner Seite, der mich heute, an diesem traurigen Tag, getröstet hätte. Der nichts hätte sagen brauchen. Du wärst einfach da gewesen und die Welt wäre still geworden. So wie wir jede Nacht eingeschlafen sind, uns irgendwo berührend, weil nur das uns beiden verletzten Seelen Frieden schenken konnte.
Oft wache ich Nachts auf und finde dich nicht.

Auch Du hast „Nein“ gesagt. Schon viele Monate vorher. Am Traualtar, als du „Ja“ sagtest, irgendwas in dir jedoch „Ich weiß nicht mehr“ meinte. So laut, dass ich es gehört habe. Die Monate danach waren ein einziges Drama, ein Alptraum, aus dem ich jede Nacht aufwache. Weg war der Mensch, den ich geliebt, der mit mir gelacht hat, der mit mir in unserer kleinen Welt große Träume träumte. Ein anderer war da an deiner Stelle, der sich selbst zugrunde richtete. Der sich hasste für die schlimmen Dinge die er tat und dann mich hasste und dann wieder sich, weil ich all das nicht verdiente und irgendwo doch daran schuld war, weil ich nicht einfach ging. Ich wollte dir die Hand reichen, immer wieder. Weil ich an dich glaubte. Bis gestern glaubte, dass dein wahres Ich irgendwann zurück kehrt und gewinnt über „den anderen“ wie ich ihn nannte. Unbewusst habe ich wohl immer gehofft, dass dir deine Lügen leid tun, dass das „wir“ stärker ist als deine Dämonen, dass du sie mit mir gemeinsam bekämpfen willst. Aber du hast dich dagegen entschieden und findest deinen Frieden woanders. Ein Teil von mir ist unendlich traurig, dass du nicht der bist, den ich in dir gesehen habe.

Ein anderer Teil von mir schaut hoffnungsvoll nach vorne. Er hat über die letzten Monate nicht sentimental zurückgeschaut, sondern vor allem die Unterschiede bemerkt, die uns zuletzt immer wieder dazu gebracht haben, uns aneinander zu stören. Dein Lebensstil und meiner, die wollten nicht mehr zusammen passen und keiner wollte mehr zurückstecken. Dieser Teil von mir ahnt, dass du längst weiter gegangen bist und in mir trotz der netten Dinge die du gestern gesagt hast, nicht mehr siehst, was du einst gesehen hast. Ich habe mich entschieden, dass erst dann wieder jemand in mein Leben passt, wenn er eben passt. Ich habe zu viele Zugeständnisse gemacht und auf der anderen Seite viel zu wenig gebremst, wo ich es hätte tun sollen, weil es Grenzen aufgezeigt hätte. Ich habe dazu gelernt.
Ich bin dir dankbar: Für eine wundervolle Zeit. Für das Gefühl zu wissen, wie echtes Glück sich anfühlt. Und auch für die Erfahrung, wie bitter geplatzte Träume schmecken.

Akzeptieren.
Akzeptieren.