Papa ante Portas

Ein Wochenende mit Papa ist zuende.
In der Wohnung begrüßen mich jetzt die Pflanzen aus meinem alten Kinderzimmer, ein Fußball sowie stapelweise Getränkekisten. Besuch von Papa bedeutet: Tand von Zuhause mitgebracht bekommen, den man bewusst da gelassen hatte. Und: Frühstmöglich aufstehen, damit man möglichst viel einkaufen kann! Denn Papa glaubt nicht, dass man auch in Hamburg vernünftig einkaufen kann (und ich das mit 31 Jahren schon alleine kann), also ziehen wir durch Aldi, Kaufland, Baumarkt, Budni – Papa zahlt. „Das Kind“ hat ja nicht so viel Geld.
Auf dem Fischmarkt (früh morgens natürlich) gibt es so tolle Sachen zu kaufen, die kann der Papa nicht für sich behalten und gibt keine Ruhe, bis ich mindestens die Hälfte an erbeutetem Käse, alles an Obst und etliche Räucherfische verstaut habe. Die Küche riecht nun nach Käsefüßen, auf dem Sofa liegt das zerknautschte Kissen – aber kein Papa mehr da.
Man könnte sagen, so ein Wochenende mit Papa ist Verwöhnprogramm für „das Kind“ – wäre da nicht die andere Seite der Medaille.
Denn mein Papa ist mindestens so speziell wie das Kind – und wie das so ist, wenn starke Charaktere sich treffen: fast jedes Mal streiten wir. Er möchte die Speicherstadt sehen, aber der Spaziergang dort hin ist ihm zu weit. Er will partout keine Jacke einpacken und MUSS sich darum einen viel zu teuren Pullover in einem Seebärenausstatter kaufen. Er will ein Fischbrötchen an der Touristenbude, das ihm natürlich nicht schmeckt – und dann noch zu dem Preis! Am Hafen ist es zu voll, in der Weinbar die Musik zu laut. Papa hat seinen eigenen Kopf und es ist schwer, ihn mit dem zu beeindrucken, was jeder andere Besucher an Hamburg schön findet.
Irgendwann weiß ich dann auch nicht weiter und bin gereizt und lasse es ihn spüren. Bis er dann auf einmal bei einem Kaffee auf meine geliebte Außenalster blickt und sagt „Hier ist es richtig schön – wie im Urlaub.“ Oder bei Fußball und Bier in einer Rockkneipe zur viel zu lauten Musik mittrommelt.
Vielleicht ist das so mit Eltern.
Egal wie weit man entfernt wohnt: Das Verhalten, mit dem man schon als Jugendlicher nicht zurecht kam, legt man ja nicht im Lauf der Jahre ab. Dann kommt es so weit, dass man sich manchmal das Ende des Besuchs herbeiseht, sich auf den Moment freut, in dem man wieder für sich ist und nicht ständig gefragt wird, warum man nicht mehr spart, weniger weg geht, etwas anders sieht, es mehr wie Papa macht.
Draußen ist Frühling in Hamburg, die ersten schönen Tage im März. Alles spaziert an der Alster, grillt am Elbstrand oder sonnt sich sonst irgendwo am Wasser. Ich verkriech mich nun zuhause und warte darauf, dass Papa sich meldet, wenn er Zuhause angekommen ist.
Am Ende eines solchen Wochenendes bin ich keinen Cent ärmer, dafür ein wenig klüger, übermüdet, und auch traurig.
Der Kühlschrank ist voll, das Herzchen leer.
Denn auch wenn es anstrengend ist und manchmal nervt, dass man immer noch aneinander gerät: Ich habe nur den einen Papa und würde ihn mir nie anders wünschen. Wer ihm blöde kommt, der hat ein echtes Problem mit mir – denn niemand darf doof sein zu meinem Papa. Auch nicht ich! Darum hoffe ich sehr, dass er bald wieder zu Besuch kommt und wir dann auf der Alster paddeln gehen können. Weil ich ihm so gerne zeigen möchte, wie herrlich das ist. Auch wenn er vorhin schon angedeutet hat, dass er ein Tretboot vorziehen würde…

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