Staub

Ich habe eine Schreibübung gemacht, bei der man eine Assoziationswolke zum Wort „Staub“ aufschreiben und danach einen etwa 500 Worte langen Text verfassen sollte, in dem die Wörter vorkommen:
Staubwolke

Herausgekommen ist dieser Text. Leider passte das Raumschiff beim besten Willen am Ende nicht mehr in die Geschichte 🙂

Daniella zog die Wohnungstür hinter sich zu und trat hinaus auf die Straße. Es machte ihr nichts aus, dass der Nieselregen ganz langsam ihre Haare durchnässte. Sie war froh über die frische, vom Regen gesäuberte Luft. In der Wohnung war es stickig gewesen, noch muffiger als sonst. Dabei hatte sie die Fenster beim letzten Mal gekippt gelassen. Es hatte nichts gebracht. Die Wohnung schien zu spüren, dass sie verlassen worden war, dass nichts lebendiges mehr in ihr war bis auf ein paar Wollmäuse, die unbemerkt in den Ecken hin und her rollten, wenn ein Windstoß durch das Fenster wehte. Daniella hatte den Staub sehr wohl bemerkt, sich aber nicht drum gekümmert. Sie war nicht die Putzfrau und nicht zuständig dafür, dass die Wohnung in einem bewohnbaren Zustand blieb. Sie wusste nicht einmal, warum sie immer wieder in die leere Wohnung zurück kam. Seit die alte Frau gestorben war, für die sie früher öfters kleine Besorgungen gemacht hatte, fühlte sie sich aus irgendeinem inneren Antrieb verpflichtet, hier regelmäßig nach dem Rechten zu sehen. Sie fühlte sich der warmherzigen alten Dame verbunden und wusste, dass diese sich über die frische Brise in ihren Räumen gefreut hätte.
Emese Vákony war im Krankenhaus verstorben. Ihr Sohn, der wohl in Budapest lebte, hatte sich nicht zur Beerdigung blicken lassen und bisher hatte Daniella keine Information darüber, ob die Wohnung verkauft werden oder was damit passieren würde. Sie besaß noch immer die Schlüssel und war diejenige gewesen, die auf Bitten des Nachlassverwalters die Möbelpacker hineingelassen hatte, die das Hab und Gut von Madame Vákony wahllos in Kisten verpackten und wegschleppten. Wohin, das wusste sie nicht.
Daniella ging die Straße hinab, wich den Mülltonnen aus, die einfach mitten auf dem Gehweg platziert worden waren. An der Ecke bog sie links ab. Ein Wagen kam ihr entgegen, umfuhr eine Pfütze, die sie sonst wahrscheinlich voll abbekommen hätte. Sie betrat den kleinen Laden, in dem sie sonst für Madame Lebensmittel gekauft hatte, wählte eine Dose Katzenfutter und einen kleinen Blumenstrauß. Rosen, immer nur Rosen durften es sein. Keine herrlichen Duftrosen heute, dachte Daniella, tut mir leid, Madame! Aber es ging heute nicht anders. Sie wusste, dass die Vákony sich trotzdem gefreut hatte. Sie war so eine bescheidene alte Dame gewesen, immer liebevoll und freundlich zu ihr, der Studentin, die eigentlich nur in ihr Leben getreten war, weil sie ein paar Mark nebenbei verdienen wollte. Das war vor zwei Jahren gewesen.
Daniella hatte es nicht besonders gekümmert, als die ganzen alten Teppiche und Gemälde weggetragen wurde. Sicher waren sie wertvoll, aber sie hatte noch nie ihr Herz an irgendwelche Dinge gehängt. Ganz anders verhielt es sich mit dem Kater. Daniella hatte Léo bei sich aufgenommen, als Madame Vákony ins Krankenhaus musste. Der schwarze Kater mit den klugen gelben Augen hatte den Kopf schief gelegt, als Daniella mit einem flachen Obstkorb aus Weide die Wohnung betreten und ihn auf dem Küchentisch abgestellt hatte. Léo, mein Hübscher, du musst jetzt mit mir kommen, hatte sie ihm zugeflüstert, als sie auf einem der beiden Küchenstühle Platz genommen hatte und der Kater sie wie jedes Mal damit begrüßte, dass er seinen Kopf an ihrem Kinn rieb. Er sah ihr in die Augen und blinzelte, dann tappte er mit den Vorderpfoten in den Korb, dann mit den Hinterpfoten und nahm mit einer eleganten Bewegung Platz. Als Daniella den Korb hochnahm und mit ihm die Wohnung verließ, tat Léo so, als habe er sich sein Leben lang nie anders fortbewegt, als sich in einer Sänfte tragen zu lassen.
Daniella lächelte, als sie an den Kater dachte, der zuhause auf sie wartete – oder jedenfalls auf sein Abendessen. Er war Madames große Liebe gewesen und Daniella hatte ihr jedes Mal Fotos auf ihrem Handy zeigen müssen, die bewiesen, dass es ihm gut ging. Am liebsten hätte sie ihn bei sich im Krankenhaus gehabe, aber das war natürlich nicht erlaubt. Der Nachlassverwalter hatte kein großes Interesse an dem Verbleib der Katze gezeigt und Daniella war glücklich, dass ihre neue Wohnung dank dem Erbe, dass Madame Vákonys ihr in ihrem Testament zugesprochen hatte, groß genug für sie beide war. Léo würde fressen, dann würde er sich auf ihrem Schoß einrollen und hin und wieder schnurren, während sie an ihrer Abschlussarbeit für die Uni schrieb.
Daniella ging an den alten verwitterten Mauern des Kirchhofs entlang. Sie schob das schmiedeeiserne Tor auf, das nur wegen des Regens nicht so furchtbar quietschte wie sonst.
Emese Vákonys Grab war schlicht, aber dennoch hübscher als alle anderen. Der Grabstein, auf dem nur ihr Name stand sowie die Umrandung waren aus hellgrauem Marmor gearbeitet, der mit feinen schiefergrauen Streifen durchzogen war. Die schwarze Erde hatte Daniella erst vor wenigen Tagen fein geharkt. Guten Tag Madame, dachte sie, als sie den Blumenstrauß auswickelte und in die ebenfalls schiefergraue Blumenvase stellte. Ich komme ganz gut voran mit meiner Arbeit, berichtete sie der alten Dame, und ich soll Sie grüßen von Léo, er vermisst Sie ganz schrecklich. Naja, eigentlich fühlt er sich glaube ich sehr wohl bei mir. Daniella beeilte sich, diesen Gedanken weg zu schieben. Das gehörte sich nicht. Sowieso war es unsinnig, in Gedanken mit einer Toten zu sprechen. Aber irgendwie fand Daniella es unangemessen, ihre Worte laut auszusprechen, an diesem Ort, wo Asche zu Asche kam und die Lebenden ihre Erinnerungen hegten. Irgendwo zwischen der Sterne werde ich sitzen und runter gucken, Kind! hatte die alte Dame oft zu ihr gesagt. Wer zwischen den Sternen sitzt, der kann auch meine Gedanken lesen, dachte Daniella und lächelte. Die Besuche bei Madame auf dem Friedhof gaben ihr Kraft. Sie öffnete ihre Tasche und holte eine der teuren weil weißen Grabkerzen heraus, stellte sie in das Häuschen mit den bunten Glasfensterchen und griff nach der Streichholzschachtel in ihrer Manteltasche. Sie war nass. Während sie in ihrer Handtasche kramte, ob nicht vielleicht doch noch ein Feuerzeug irgendwo war, hörte Daniella plötzlich die Pforte am Eingang ins Schloss fallen. Sie hob den Kopf. Auf diesem Friedhof waren andere Besucher selten – vor allem so spät am Nachmittag und vor allem bei Regen. Ein Mann unter einem Regenschirm kam den Kiesweg entlang, blickte in ihre Richtung. Mist. Daniella hasste es, anderen Menschen auf dem Friedhof zu begegnen. Es störte ihre Andacht, ihre Zwiegespräche mit Madame Vákony. Ich muss gehen, meine Liebe, verabschiedete sie sich, die Kerze komme ich morgen anzünden, versprochen! Sie erhob sich und schulterte ihre Tasche. Der Mann mit dem Regenschirm blieb genau neben ihr am Grab stehen, blickte lange auf den Grabstein. Er war erstaunlicherweise recht jung, höchstens Mitte dreißig. Schwarzes, dichtes Haar. Er wandte den Kopf und blickte Daniella aus dunklen Augen an. Sein Mund verzog sich zu einem Lächeln.
„Hallo.“ sagte er. Seine Stimme klang warm.
„Äh. Tag.“ gab Daniella zurück, lächelte kurz und trat an ihm vorbei, um zu gehen. Verrückt, dachte sie, von einem Fremden auf dem Friedhof angesprochen werden.
„Entschuldigung…“ hörte sie den Mann hinter sich sagen. „Kannten Sie meine Nagymama?“

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