Liebe Angst

Liebe Panik vorm Alleinsein,
Du gehst mir auf die Nerven.
Immer schleichst Du Dich an, wenn ich es nicht erwarte. Lauerst hinter der Wohnungstür, wenn ich nach einem langen Tag nach Hause komme und mich auf etwas Ruhe freue. Dann setzt Du alles daran, mir den Abend zu verderben und in mir Panik zu schüren, damit ich schlecht einschlafen kann.
Wie heute. Ich hatte ein fantastisches Wochenende. Ich habe neue Dinge gelernt, „Ja“ gesagt zu Einladungen, die ich sonst ausgeschlagen hätte und das Schönste: Ich habe zum ersten Mal in vielen Wochen – ja vielleicht seit Monaten – wieder von Herzen gelacht. Dank meiner wunderbaren Freunde.
Und nun stehst Du wieder vor mir und willst Aufmerksamkeit. Am Sonntagabend. Erzählst mir, wie viel schöner es wäre, jetzt Jemanden zum ankuscheln zu haben. Zwingst mich dazu, zurückzuschauen auf das was ich verloren habe und wieder Traurigkeit zu fühlen: Da war mal Jemand. Da war mal eine Liebe. Da gab es mal eine Hochzeit am Strand, Träume vom großen Glück…

Liebe Angst,
ich höre Dir nicht mehr zu!
Wenn ich eines in den letzten Wochen gelernt habe dann ist es, Stille auszuhalten und die Einsamkeit Tag für Tag aufs Neue zu akzeptieren. Ich habe mir genügend Raum und Zeit gelassen, alle Emotionen durchzuleben: Ich war fassungslos, verzweifelt, lebensmüde, traurig, enttäuscht und schließlich wütend.
Und jetzt? Jetzt kehrt langsam Ruhe in mir ein. Die Vergangenheit kann ich nicht ändern, wie sehr ich auch damit hadere. Wenn ich versuchte, weiter gegen den Strom zu schwimmen, würden meine Kräfte schwinden. Vergeudet. So sinnlos wie der Versuch, begreifen zu wollen was passiert ist. Wenn ich grüble und leide und über „Aber er hat mich doch mal geliebt“ sinniere – das Vergangene mache ich nicht ungeschehen. Also lasse ich los und akzeptiere. Jemand hat vor kurzem behauptet, wenn dieser Jemand aus meinem früheren Leben mit den Fingern schnipste, würde ich sofort wieder angelaufen kommen. Früher hätte mich das sehr beschäftigt, dass jemand so von mir denkt.
Jetzt atme ich durch, akzeptiere es, lächle nachsichtig. Der Mensch, den er gekannt hat, wäre vielleicht zurück gegangen.
Ich bin aber nicht mehr diese Person.
Heute zählt. Die, ich heute bin, hat keinen Platz mehr für Dich.

Liebe Einsamkeit,
ich weiß Du tust mir nichts.
Du bist immer schon da gewesen. So wie Du mich begleitest mein ganzes Leben lang, bist Du auch im Leben aller anderen Menschen präsent. Du verschaffst uns Pausen. Zum Wachsen. Zum ruhig werden. Zum Aushalten. Mit sich selbst ins Reine zu kommen. Wir alle brauchen Dich, damit wir verstehen: Jeder Mensch lebt sein eigenes Leben und jeder andere Mensch ist nur eine ganz bestimmte Zeit lang ein Wegbegleiter – mal kürzer, manchmal auch für länger.
Du schenkst die Erkenntnis, dass die Zeit mit unseren Wegbegleitern begrenzt und daher wertvoll ist.
Ich bin gerne für eine Weile bei Dir. Die Zeit mit Dir ist wie in einem hohen Turm. Man ist alleine und ohne Ablenkungen. Vom Turm aus sieht man deutlicher wo der Weg langgeht und welche Menschen dort bereit stehen, ein Stück mit zu gehen.

All jene Menschen sind auf ihre Art wundervoll, jeder hat seine Begabungen und Bestimmungen im Leben. Viele von ihnen haben wie ich keinen Partner an ihrer Seite und gerade diese Personen haben mir in der letzten Zeit sehr geholfen – weil sie glücklich sind und ihre Zeit mit mir teilen. Ich sehe, ich werde eine gute Zeit haben, kann lachen und zufrieden sein und ein erfülltes Leben haben. Es liegt alleine in meiner Hand.

Selbst wenn ich alleine bliebe…
…hätte ich umso mehr Zeit, all die Bücher auf meiner Liste zu lesen. All die Dinge zu lernen, die mich schon immer interessiert haben. Wenn ich eines Tages nicht mehr werde lesen können, weil meine schlechten Augen ganz kaputt gehen…dann werde ich mit dem Computer lesen und mit einem Blindenhund arbeiten lernen.
Wenn ich alleine bleibe habe ich meine Freunde. Was, wenn ich niemals Kinder habe? Freunde haben Kinder. Ich kann Tante sein, mit ihnen tolle Sachen unternehmen, Freude haben und super Tage verbringen – und am Abend die Füße hochlegen und eine Flasche Rotwein öffnen. Ich habe keinen Grund, Angst zu haben. Ich bin nicht alleine. Ich habe meine kleine Familie, die mir in diesen Tagen zeigt, dass Blut und Freundschaften dicker sind als Wasser. Trotz aller Differenzen stehen wir zusammen, wenn einer von uns es braucht.

Liebe Panik, Angst und Einsamkeit: Ich weiß, Ihr werdet mich immer wieder besuchen und eine Weile ist es für mich in Ordnung. Ihr habt mir wichtige Dinge mitzuteilen, die mich davon abhalten werden, Dummheiten zu wiederholen. Aber dann ist es auch gut. Ich brauche Euch nicht.
Ich lebe im Jetzt. Mit beiden Beinen. Meinem Lachen. Meinem Mut. Und dem festen Willen diese eine, meine Reise, zu genießen.

I’ve heard it said
that people come into our lives
for a reason
bringing something we must learn
and we are led
to those who help us most to grow
if we let them
and we help them in return
Well, I don’t know if I believe that’s true
but I know I’m who I am today
because I knew you

Like a comet pulled from orbit
as it passes a sun
like a stream that meets a boulder
halfway through the wood

Who can say if I’ve been changed for the better?
But because I knew you
I have been changed for good

(from „Wicked“)

Ein bisschen Frieden

Ich habe wenig geschrieben in der letzten Zeit. Es war mir bewusst und es haben mich Menschen daran erinnert, die tatsächlich hin und wieder hier rein schauen, weil sie wissen möchten, was gerade so passiert bei mir.
Vielleicht war es ganz gut, dass zwischen Frühling und jetzt eine kleine Lücke in meinem Blog entstanden ist. Gerade als ich mir mein Laptop schnappte, um beim Nachmittagskaffee auf dem Sofa ein paar Zeilen zu schreiben, fand ich eine ältere Notiz für einen Blogpost, erstellt am 22. April. Seltsam, wenn man eine Notiz entdeckt und das Gefühl hat, das Geschriebene stamme von einer anderen Person. Einer Person, die kurz vorm Durchdrehen steht:
„Die letzten Tage habe ich wie besessen daran gearbeitet, mich in den Griff zu bekommen. Mir eine Auszeit genommen. Gartenarbeit, Bücher, Fotografieren, Zeichnen. Es ist, als könnte ich nicht mehr alleine mit meinen Gedanken sein. Warum auch, sie führen zu nichts. Irgendwann werde ich so eine Irre sein, die im Park hockt und mit Eichhörnchen redet. Hauptberuflich, denn eigentlich tue ich das ja jetzt schon. (…) ich merke an vielen kleinen Dingen, wie unsicher, ängstlich, ja teilweise jämmerlich ich geworden bin. Ich traue mich nicht mehr, selbst Auto zu fahren. Ich zwinge mich dazu, manchmal raus zu gehen. Das da draußen ist ja Frühling und alle schwärmen davon, wie toll das sein muss. Nach wenigen Minuten will ich zurück, in meine Wohnung, meinen sicheren Bunker. Ich bin froh, dass mein Mann sich noch dagegen wehrt, sonst hätten wir schon 20 Katzen und ich würde den ganzen Tag im Jogginganzug irgendwo in der Wohnung liegen, während sie auf mir herumklettern. Das alles ist verrückt und ich will nicht verrückt sein. Wie kann man sich denn nur in seinem eigenen Kopf so sehr verlaufen, dass man nicht wieder hinaus findet. Oder vielleicht mag man ihn auch nur nicht finden, weil innen, im Kopf, in den Gedanken und Tagträumen, die Welt noch in Ordnung ist. Vor dem Aufprall.“
Unschön? Ja! Verrückt? Schon ein wenig, oder? Ich habe diesen Post damals nicht abgeschickt. Wenn ich den Text jetzt lese bin ich entsetzt und gleichzeitig sehr erleichtert, dass diese Phase vorüber ist. Es ging mir schlecht, ich war pausenlos krank und unglücklich. Einmal hatte ich in der Bahn nach Feierabend einen Kreislaufzusammenbruch, der mir bis heute unheimlich ist, weil ich förmlich spürte wie meine Beine mich nicht mehr trugen. Ich spürte meinen Körper nicht mehr und mein Geist geriet total in Panik…
Ich hatte ständig Rauschen im Ohr und Bauchschmerzen, war etliche Male beim Arzt, nichts zu finden. Stand aktuell: Alles weg, als wäre nie etwas gewesen!
Ich habe in der Zeit nicht geschrieben. Es war alles zu viel und von den guten Dingen zu wenig. Keine Kraft, Inspiration und auch kein Bedürfnis, mir etwas von der Seele zu schreiben wie sonst, weil irgendwie…der Zugang blockiert war.
Zwar glaube ich immer noch, dass ich eines Tages die Frau mit den 20 Katzen sein werde und erst heute habe ich mich wieder mit dem Eichhörnchen unterhalten, aber nur weil über 30 Grad draußen sind und ich Eiswürfel hingestellt habe zum trinken.
Aber sonst bin ich aus diesem Loch glücklicherweise nochmal herausgeklettert. Seit dem 1. Mai arbeite ich in einer anderen Firma und der Wechsel hat mir sehr gut getan. Ich fühle mich deutlich willkommener, wohler, nicht mehr ständig unter Zwang. Wenn ich morgens Sport machen möchte, kann ich das tun. Wenn ich Freitags nach Hause fahren will, kann ich auch mal früher los, was mir wertvolle Stunden mit meinen Lieben schenkt.
Die Freiheit und das damit verbundene Gefühl, wieder mehr vom Leben zu haben. Das hat mir gut getan. Ich mag wieder Menschen treffen und so lange ich Maß halte und wirklich nur das tue, worauf ich Lust habe, geht das auch wunderbar. Die totale Unsicherheit ist weg. In den letzten Wochen gab es einige schöne Tage: Wiedereröffnung feiern in unserer Stammkneipe in Hamburg mit lieben Freunden, ein Wochenende mit Verwandtschaftsbesuch, auf das ich mich sehr gefreut habe. Ein Wiedersehen mit einer Freundin, das in einen spontanen langen Sommerabend mit Grillen ausartete. Und nicht zuletzt mal wieder ein Laufevent, das mich zwar körperlich bei 36 Grad an meine absolute Schmerzgrenze brachte, auf der anderen Seite aber eine wertvolle Erfahrung war.
Es liegt nicht am Sommer – ich bin ja eher ein Freund der Übergangsjahreszeiten – es ist einfach eine gute Zeit gerade. Natürlich gibt es Tage, an denen man heulen möchte. Weil die Welt durchdreht, der Vorhang dann fällt und die Angst zurück ist, die Frage, wo wir bloß hinsteuern. Doch dann bin ich wieder in der Lage, kleine Lichtblicke zu erkennen, Inseln, an die man sich klammert. Aktionen, Widerstand, Hoffnungsschimmer. Mehr Nachhaltigkeit und Umdenken beobachte ich an vielen Menschen in meinem Umkreis.
Das hilft mir dabei, mein Gleichgewicht zu halten und endlich auch mal positiv zu denken, zu sein. Es ist ungemein erleichternd. Ich pflege meinen Kräutergarten und meine Freundschaften, so gut ich kann, nach Tagesform. Ich lese, nutze die Zeit, bin dankbar dafür, dass alle gesund und behütet sind. Ein bisschen ist es wie Schlafwandeln, so friedlich, ruhig und sicher. Wie Waffenstillstand mit mir selbst.
Ich hoffe, er hält eine Weile.