Manchmal braucht es Löwentatzen

Heute ist #MentalHeathAwarenessDay, der internationale Tag der seelischen Gesundheit, der auf psychische Erkrankungen aufmerksam machen soll. Irgendwie finde ich, dass ich dazu etwas schreiben sollte. Andererseits bin ich gerade genau das beste Beispiel, wie man nicht gut auf sich acht gibt. Vielleicht sollte ich es gerade deswegen aufschreiben.

Angefangen hat alles nach dem Urlaub. Wunderschön war der – so ausgeschlafen, entspannt und guter Dinge war ich lange nicht. Die 4 Monate von der Arbeitsagentur geförderte Weiterbildung erfolgreich abgeschlossen, ein neuer Arbeitsvertrag (zumindest für ein halbes Jahr) in der Tasche, dank meiner Verwandtschaft eine schöne und sehr günstige Ferienwohnung im Allgäu gefunden – herrlich.

Am liebsten wäre ich dort geblieben.

Ich habe mir in der Zeit, in der ich mein Handy nur zum fotografieren benutzt habe – ein paar Notizen gemacht. „Vorhaben, die man im Urlaub denkt und viel zu schnell wieder vergisst: Man sollte öfters mal wieder abends Radio hören, statt online zu sein. Mein Lebenstraum ist es, da zu leben, wo die Welt noch in Ordnung ist. In der der Natur bin ich am glücklichsten, ich sollte mehr Zeit in der Natur verbringen. Ich weiß, dass ich mir das nach jedem Besuch an der Nordsee und nach jedem Tag wandern draußen sage, aber irgendwie muss es doch gehen, dass in den Alltag mitzunehmen, nicht aus den Augen zu verlieren und daran zu arbeiten?“

Was soll ich sagen: ich bin wieder einmal gnadenlos an dem Vorhaben gescheitert, mir die Gelassenheit im Alltag und damit einhergehend meine Gesundheit zu bewahren.  Ich liege seit drei Tagen flach. Wochenlang habe ich das Gefühl mit mir herumgeschleppt, dass da was im Anmarsch ist, aber habe es ignoriert. Keine Zeit dafür. Jeden Morgen sehr früh zum neuen Job gehetzt, völlig außer Puste, dann mindestens 10 Stunden gearbeitet, kaum Pause gemacht und bloß nicht das Gebäude mal für etwas Tageslicht verlassen – bin ja schließlich neu und will einen guten Eindruck machen. Hab es nicht regelmäßig zum Sport geschafft, nach einem langen Tag im Büro war ich zum einen total abgekämpft, zum anderen fühlte ich mich kränklich und zweimal war schlicht keine Zeit, weil zu Trainingsbeginn noch nicht an Feierabend zu denken war. Dazu setzt die dunkle Jahreszeit ein und mein Schweinehund hat Angst im Dunkeln. Kurzum: Kein Ausgleich, dumm gelaufen – nämlich wochenlang gar nicht. Die volle Wasserflasche stand auf meinem Schreibtisch, seit dem Morgen nicht angetastet. Bravo. Dazu tausend Anfragen von Leuten. Ehrenamt. Kannst du dies für mich erledigen? Na klar, her damit! Freunde. Kannst du hierbei irgendwie helfen? Ja sicher, kann ich! Permanent schlechtes Gewissen, weil ich Freunde vernachlässige, mit denen ich längst abgemacht hatte, mal wieder zu telefonieren. Jeder Blick auf mein Handy ein „Oh scheiße, da müsstest Du dich dringend mal melden“. Hinzu kam, dass ich nach der ersten Woche plötzlich noch ziemlich alleingelassen im Job war. Meine Vorgängerin in Mutterschutz, ein Kollege weg, ein Kollege im Urlaub, ein anderer wurde Papa. Kurzum: Ich stand da mit einem Haufen Fragen, vielen Aufgaben und dem doofen Gefühl, meinen neuen Chef mit meinen Fragen auf die Nerven zu fallen, weil so Vieles neu war, das ich nicht alleine entscheiden konnte. Bildlich gesprochen: Ich hatte „viel um die Ohren“ und das hat sich manifestiert: Seit Sonntag habe ich das Gefühl, es stochert jemand mit einem spitzen Kuli in meinem Trommelfell herum. Wenn die Schmerzmittel wirken, dann höre ich in meinem sonst tauben Ohr das Blut rasen.

Ich muss dringend wieder runterkommen, mich entspannen, endlich ankommen und durchatmen. Es ist alles gut. Du hast nen Job fürs erste. Niemand will dir was. Neue Kollegin hat angefangen. Keiner hetzt dich. Alle sind doch nett zu dir. Und sag verdammt nochmal einfach mal NEIN wenn es zu viel wird!

Warum passiert das immer wieder, dass ich in diesen Kreislauf gerate. Ich weiß doch inzwischen, wie ich ticke und was mir wichtig ist. Man startet voller guter Vorsätze: Ja, man will sein Bestes geben und die Chance auf eine mögliche Übernahme nutzen, sich gut präsentieren, aber zeitgleich besser auf die Balance achten. Nicht mehr vergessen, was mir wichtig ist: Klar will ich wieder auf eigenen Beinen stehen – wer ist schon gerne ohne Job – aber noch wichtiger: Meine Familie. Zeit. Lebensqualität. Mein Freund. Wir hatten eine fantastische Zeit im Urlaub. Nach einem sehr schweren Sommer und einem Schicksalsschlag, der uns zusammengeschweißt hat, weiß ich endlich wo lang es gehen soll. Dann mein Lauftraining, weil es mir so gut tut und ich mir Ziele gesteckt habe. Waldlauf im Oktober, Nikolauslauf, Halbmarathon im Frühjahr. Laufen hat mich schon so oft gerettet – warum bin ich so dumm und lasse es als erstes wieder hintenüber fallen?

Die Bilder vom Urlaub – ich hatte so lange vor, sie zu sichten, zu bearbeiten, ein Album zu machen. Meiner Tante und meinem Onkel wollte ich welche schicken – als Dankeschön für die schöne Zeit – hatte so fest vor, sie anzurufen. Und schon ist ein Monat verstrichen. Zeit, in der sich alles wieder gedreht hat. Aus meinem grundentspannten Urlaubs-Selbst, ganz bei mir, ist ein gehetztes Etwas geworden. Der Körper schreit nach Ruhe. Ich habe im Krankenbett jede Nacht 12 Stunden und tagsüber weitere Male geschlafen. Ich kann das nicht, den Stress, das Vollgas geben und dabei lächeln. Ja klar, gib nur her, ich kümmer mich! Wenn ich in meinen Kalender schaue, wird mir schlecht, weil kaum ein Wochenende wirklich frei ist zum ausspannen. Und schuld daran bin nur ich. Ich ganz alleine muss das lernen. Ein bisschen erinnert mich all das an meinen Zusammenbruch damals, als ich noch in der Agentur gearbeitet habe und mein Körper von heute auf morgen den Dienst quittiert hat. Es wiederholt sich wohl alles, bis man endlich die Lektion kapiert hat.

Morgen früh werde ich wieder zur Arbeit gehen. Jedem anderen Menschen würde ich abraten. Hat man mir den bisherigen Einsatz und die Überstunden gedankt? Nein. Trotzdem kann ich nicht aus meiner Haut. Ich bin neu, ich habe das Gefühl, mich beweisen zu müssen und Teil des Teams werden zu wollen. Ich hoffe, dass ich übernommen werde und dass die Existenzsorgen des letzten Jahres dann endlich einmal ruhen können. Ich sollte weiter das Bett hüten, bis ich wieder ganz gesund bin, aber ich bin zu unruhig dafür.

Ich muss das packen, meine Balance wiederfinden. Muss wieder laufen gehen. Meditieren. Das Rauschen im Ohr muss wieder zu einem ruhigen, gleichmäßigen Herzschlag werden. Keine Panik. Du schaffst das. Keiner tut dir was. An meiner Wand hängt ein Bild eingerahmt, das mein Schatz mir geschenkt hat, als es mir einmal sehr schlecht ging. Ich lese es immer und immer wieder.

Es gibt mir Kraft. Ich kann das schaffen. Ich zieh mich da wieder raus. Ich komme wieder zurück zu mir:

 

 

currently reading

Zitat

„I pleaded with God,

I asked and begged and bargained, but God did not bargain.

God was stubborn and deaf and oblivious.

And she died and I lived and a hole opened up,

dark and bottomless, and I fell down

and kept falling for centuries.“

(from Matt Haig, „How to stop time“)

 

 

#notjustsad

„Manchmal sagst du, dass nichts ist. Aber eigentlich ist zu viel los. #notjustsad“

Nur einer von vielen Sätzen, die Menschen unter dem Schlagwort #notjustsad in den letzten Tagen geschrieben haben und die mir direkt aus der Seele sprechen. Viele davon heute, zum Weltgesundheitstag unter dem Motto „Depression – Lasst uns darüber sprechen“.

Betroffene, Angehörige von Betroffenen, das wird immer gefordert, sollen sich mehr Gehör verschaffen – aber genau hier liegt doch das Problem. Wer krank ist, macht sich nicht auf die Art und Weise bemerkbar, die von anderen verstanden wird. Tut er es, wird es oft herunter gespielt, missverstanden: wer nicht reden will, dem ist halt nicht zu helfen, nicht wahr?
So viele Worte, in denen ich mich wieder finde. So sehr ähneln sich die Empfindungen, das Leiden, das nicht-aus-seiner-Haut-können, dass es zum aus-der-Haut-fahren ist. Trotzdem wird das Verständnis für depressive Störungen nicht besser. Weil Depressionen nicht „passen“ ins angepasste Leben, nicht in eine Gesellschaft, die falschen Positivismus, Selbstoptimierung und -darstellung in sozialen Netzwerken kultiviert hat.
Traurige Säcke passen halt nicht in ein Leben, das bitteschön aussehen soll wie ein gechillter Becks-Werbespot.

Es ging mir lange gut. Nein…es geht mir oft gut. Manchmal aber eben nicht. Es ist besser geworden in den letzten Jahren, dank Therapie, Gesprächen und Lebenserfahrung und dem Schreiben. Aber es kein Schnupfen, der irgendwann ausgeheilt ist, das vergisst man so leicht. Ich habe zur Zeit keine Arbeit, bin den ganzen Tag zuhause. Was völlig okay wäre, alles unter Kontrolle, Bewerbungen laufen, demnächst Weiterbildung, alles wird gut und so. Wenn ich arbeiten gehen müsste, würde ich aus dem Fenster starren und mir freie Zeit wünschen. Aber ich kann es nicht genießen. Am Anfang war es noch Urlaub, auf Dauer zieht es mich extrem runter. Langeweile, sich nutzlos fühlen, gepaart mit Existenzsorgen im Nacken. Keine gute Mischung.

„Den ganzen Tag beschäftigt sein und sich doch unterfordert fühlen. #notjustsad“

Ich schlage nur Zeit tot und liege anderen auf der Tasche – ekelhaft, wie überflüssig man sich fühlen kann. Ich habe diese Woche zur Beschäftigung eine Serie geschaut, #13ReasonsWhy. Eine Serie, in der ein Mädchen kurz vor ihrem Suizid 13 Kassetten aufnimmt, eine für jede Person und jedes Ereignis, das letztlich zu ihrem Entschluss geführt hat, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Auch das: Keine besonders kluge Wahl, es hängt mir noch lange nach. Weniger als die Ereignisse selbst – dramaturgisch natürlich so gewählt, dass auch der dümmste Fernsehzuschauer kapiert: „Dieses Mädchen hatte es schlimm!“ – bedrückt mich die Grundstimmung. Und die ist genau das, was viele Betroffene nachempfinden können, wenn ich so die Stimmen zur Serie nachlese: Das Mädchen ist hübsch, eine Poetin, gar nicht mal unbeliebt, verliebt, hat liebe Eltern und intelligenten Witz. Nach außen hin ein ganz normales Mädel. Niemand rechnet mit ihrer Entscheidung. Natürlich nicht. Weil das, was man von außen wahrnimmt, rein gar nichts über eine Seele verrät.

„Was man nicht kennt, erkennt man nicht. #notjustsad“

„Es war nicht genug“, sagt sie in der letzten Folge. Es ist genau das, nicht die dargestellten Erlebnisse, was einem ans Herz geht. Das ist es doch, das Grundgefühl: Ich weiß, es sollte mir besser gehen. Ich habe einen funktionierenden Körper. Menschen, die sagen, dass es sie kümmert. Aber es ist einfach nicht genug! Man fühlt es nicht genug. Man selbst ist nicht genug.
Zum Glück entscheiden unzählige Betroffene für das Leben – jeden Tag aufs neue. Oder lassen es eben geschehen, dass immer wieder ein neuer Tag anbricht.

„“Diese scheiss Zeitumstellung. Fällt dir das Aufstehen jetzt auch so schwer?“ Jedes Mal Aufstehen fällt mir schwer. #notjustsad“

„Warum bist Du denn traurig?“
Weiß ich selber nicht. Wegen allem und gleichzeitig aber wegen nichts, woran man es so festmachen könnte, dass du es begreifen kannst.
„Am Wochenende soll das Wetter wieder schöner werden!“
Das kann schon sein. Macht aber keinen Unterschied.
„Hast Du dein Vitamin D genommen?“
Not going to dignify that with a response.
„Mach doch was schönes mit Freunden?“
Freunde. Gerade habe ich das Gefühl, ich habe niemanden. Ich versuche es, denke ich jedenfalls. Melde mich bei Personen, die ich als Freunde bezeichne. Sie haben andere Dinge zu tun, wichtige Dinge, sie haben Jobs und Kinder und Verabredungen. Wenn wir uns treffen, kann ich nicht mitreden, bin einfach nicht mehr Teil dieser Welt. Und ich möchte nicht die sein, die klammert. Schaut Euch meine Chatverläufe an bei WhatsApp, wie oft ich Leute antippe, nach Treffen frage, mich erkundige, wie es denn so geht, versuche, mit ihren Pläne zu schmieden oder einfach nur den Kontakt zu erhalten um das Gefühl zu haben, dass da noch wer ist.

„Depression ist auch, sich tagtäglich aufs neue schuldig zu fühlen, weil man eine Last für die seinen ist. #notjustsad“

„Willst Du darüber reden?“
JA! Nein.

„Mein Tagebuch ist der einzige Ort, an dem ich allen Gedanken & Gefühlen freien Lauf lassen kann #notjustsad“

Öffnet eure Ohren, falls ihr jemanden kennt, der nicht einfach nur traurig ist. Öffnet die Herzen und breitet die Arme weit aus und dann sagt einfach mal…nichts. Keine Worte können diese Leere füllen. Nur da sein. Das Gefühl geben, dass es eben nicht egal ist. Dass er oder sie einen Platz in eurem Leben hat. Verlangt auch keine Worte, denn es gibt keine Erklärung für das Gefühl, eine Last zu sein, für die Unerträglichkeit des Lebens, für Einsamkeit, die tief aus dem Inneren kommt.

„Wenn ich nur wüsste, wo ich mich verloren habe… #notjustsad“

Allen, die selbst diese Momente haben – bleibt stark. Für jede Momente, in denen sich die Wolken verziehen, in denen wir etwas spüren, in denen wir Freude haben und Stunden mit Menschen in unserem Leben, für die wir dankbar sind. Es macht sehr wohl einen Unterschied. Ihr macht einen Unterschied.

We’re #notjustsad
We #wontgiveup
#wematter
#fuckdepression.

Momentum

Bei den wenigsten Menschen verläuft das Leben in geraden Linien. Es ist vielmehr ein Weg durch hügelige Landschaft, von Kratern, Umwegen, Sackgassen und Gewässern durchzogen. Manche vergleichen es mit einer Achterbahnfahrt bei der sicher ist: Nachdem es hoch hinaus geht, folgt der Fall. Oder anders: Nach der Talfahrt geht’s bergauf.
Wir alle erleben schlimme Dinge früher oder später im Leben, die uns prägen, von denen wir uns erholen müssen, lernen, uns wappnen, aufstehen und weitermachen. Auch wenn jeder von uns bestimmt diese eine Person kennt, der vermeintlich immer die Sonne aus dem Hintern zu scheinen, die positiven Dinge mühelos zuzufliegen und das Schicksal immer in die Karten zu spielen scheint – solchen Neid muss man bei Seite legen. Es ist Unsinn. Der Teufel sch**** nicht immer auf den gleichen Haufen. Er trifft jeden von uns. Genau da, wo es individuell am schlimmsten ist. Weil auch das zum Leben gehört. Manche Menschen haben eine schlimme Kindheit erlebt, einen geliebten Menschen verloren, sind krank geworden, ohne Arbeit, ungewollt kinderlos oder haben ganz andere Narben davon getragen. Was uns vereint, ist die Physik des Lebensweges: Um den Schwung für die Bergetappe zu bekommen und um weiter zu leben, müssen wir uns diesen Situationen stellen. Sie verarbeiten. Wir müssen uns adaptieren und wieder zurück ins Leben finden denn: Wir haben nur das eine. Aufgeben ist keine Option, weil es das Ende des Seins bedeutet.
Um sich von einer Disruption im Leben zu erholen, entwickelt jeder eigene Mechanismen. Manche wickeln ihre Seele in einen Kokon und schnüren sie fest ein. Selbstschutz. Verdrängung. Manchmal klappt es, manchmal geht es nach hinten los. Andere – dazu gehöre ich auch – tendieren dazu, gründlich und lange zu verarbeiten, zu reflektieren und zu versuchen, Leitsätze für die Zukunft abzuleiten. Bücher wie „Krankheit als Weg“ oder „Vom Manager zum Mönch“ sind solche Beispiele von Menschen, denen durch Krankheit das Licht aufgegangen ist in ihrem Seelen-Kartenhaus. Aus zerrütteten menschlichen Beziehungen lernt man: Warum hat die Partnerschaft/Freundschaft geendet? Was habe ich gesucht darin, was sich nicht erfüllt hat? Was suche ich generell bei anderen Menschen, das mir selbst fehlt? Benutze ich Menschen am Ende nur, um mich geliebt/behütet/versorgt/unterhalten zu fühlen? Welche Eigenschaften braucht ein Partner in meinem Leben dann, wenn ich lernen kann, glücklich, in mir ruhend und „genug“ zu sein? Das Licht am Ende einer menschlichen Beziehung heißt Selbsterkenntnis, gefolgt von mehr Selbst-Liebe. Ohne sie kommt der nächste Looping garantiert sofort, nur mit einem anderen Partner.
Schwierig sind Traumata und Trauerprozesse. Auch hier fehlt das Licht, das aus der Dunkelheit führt. Selbstliebe ist ein Schlüssel, der sich gut in den Wirren unseres Lebens verbirgt. Akzeptanz, dass Menschen nicht für immer bei uns bleiben, ein weiterer. Dennoch dauert es sehr lange, los zu lassen.
Den Weg aus einer Krise zu finden gelingt nicht beim ersten Anlauf. Es passiert schnell und ohne dein Verschulden und schon purzelst du wieder zurück. Ein Jahrestag. Ein Geburtstag, den man nicht mehr miteinander feiern kann. Eine Neuigkeit, die bestätigt was du längst wusstest und trotzdem ein erneuter Schlag in die Magengrube ist. Ein Lied, das auf einer Beerdigung gespielt wurde. Die Gefühle, mit denen du die letzten Monate verbracht hast, prallen erneut auf dich ein: Vermissen, Schmerz, Enttäuschung.
Aber: Sie sind weniger heftig als vorher. Wie bei einem Ball, der nach dem zweiten, dritten, vierten Aufprall nicht mehr ganz so hoch springt. Irgendwann wird das Ziel erreicht sein und dann kannst du zurückblicken und erkennen: Du bist jetzt um eine Erfahrung reicher. Stärker. Du kannst alles bewältigen. Du weißt, wer wahre Freunde sind.
Die Tränen versiegen schneller von Mal zu Mal.
Ich verspreche es mir.

Es wäre heut‘ nicht wie es ist,
wär‘ es damals nicht gewesen wie es war
Der Sinn des Lebens ist leben.

(Caspar, „Das Grizzly Lied“)

Liebe Angst

Liebe Panik vorm Alleinsein,
Du gehst mir auf die Nerven.
Immer schleichst Du Dich an, wenn ich es nicht erwarte. Lauerst hinter der Wohnungstür, wenn ich nach einem langen Tag nach Hause komme und mich auf etwas Ruhe freue. Dann setzt Du alles daran, mir den Abend zu verderben und in mir Panik zu schüren, damit ich schlecht einschlafen kann.
Wie heute. Ich hatte ein fantastisches Wochenende. Ich habe neue Dinge gelernt, „Ja“ gesagt zu Einladungen, die ich sonst ausgeschlagen hätte und das Schönste: Ich habe zum ersten Mal in vielen Wochen – ja vielleicht seit Monaten – wieder von Herzen gelacht. Dank meiner wunderbaren Freunde.
Und nun stehst Du wieder vor mir und willst Aufmerksamkeit. Am Sonntagabend. Erzählst mir, wie viel schöner es wäre, jetzt Jemanden zum ankuscheln zu haben. Zwingst mich dazu, zurückzuschauen auf das was ich verloren habe und wieder Traurigkeit zu fühlen: Da war mal Jemand. Da war mal eine Liebe. Da gab es mal eine Hochzeit am Strand, Träume vom großen Glück…

Liebe Angst,
ich höre Dir nicht mehr zu!
Wenn ich eines in den letzten Wochen gelernt habe dann ist es, Stille auszuhalten und die Einsamkeit Tag für Tag aufs Neue zu akzeptieren. Ich habe mir genügend Raum und Zeit gelassen, alle Emotionen durchzuleben: Ich war fassungslos, verzweifelt, lebensmüde, traurig, enttäuscht und schließlich wütend.
Und jetzt? Jetzt kehrt langsam Ruhe in mir ein. Die Vergangenheit kann ich nicht ändern, wie sehr ich auch damit hadere. Wenn ich versuchte, weiter gegen den Strom zu schwimmen, würden meine Kräfte schwinden. Vergeudet. So sinnlos wie der Versuch, begreifen zu wollen was passiert ist. Wenn ich grüble und leide und über „Aber er hat mich doch mal geliebt“ sinniere – das Vergangene mache ich nicht ungeschehen. Also lasse ich los und akzeptiere. Jemand hat vor kurzem behauptet, wenn dieser Jemand aus meinem früheren Leben mit den Fingern schnipste, würde ich sofort wieder angelaufen kommen. Früher hätte mich das sehr beschäftigt, dass jemand so von mir denkt.
Jetzt atme ich durch, akzeptiere es, lächle nachsichtig. Der Mensch, den er gekannt hat, wäre vielleicht zurück gegangen.
Ich bin aber nicht mehr diese Person.
Heute zählt. Die, ich heute bin, hat keinen Platz mehr für Dich.

Liebe Einsamkeit,
ich weiß Du tust mir nichts.
Du bist immer schon da gewesen. So wie Du mich begleitest mein ganzes Leben lang, bist Du auch im Leben aller anderen Menschen präsent. Du verschaffst uns Pausen. Zum Wachsen. Zum ruhig werden. Zum Aushalten. Mit sich selbst ins Reine zu kommen. Wir alle brauchen Dich, damit wir verstehen: Jeder Mensch lebt sein eigenes Leben und jeder andere Mensch ist nur eine ganz bestimmte Zeit lang ein Wegbegleiter – mal kürzer, manchmal auch für länger.
Du schenkst die Erkenntnis, dass die Zeit mit unseren Wegbegleitern begrenzt und daher wertvoll ist.
Ich bin gerne für eine Weile bei Dir. Die Zeit mit Dir ist wie in einem hohen Turm. Man ist alleine und ohne Ablenkungen. Vom Turm aus sieht man deutlicher wo der Weg langgeht und welche Menschen dort bereit stehen, ein Stück mit zu gehen.

All jene Menschen sind auf ihre Art wundervoll, jeder hat seine Begabungen und Bestimmungen im Leben. Viele von ihnen haben wie ich keinen Partner an ihrer Seite und gerade diese Personen haben mir in der letzten Zeit sehr geholfen – weil sie glücklich sind und ihre Zeit mit mir teilen. Ich sehe, ich werde eine gute Zeit haben, kann lachen und zufrieden sein und ein erfülltes Leben haben. Es liegt alleine in meiner Hand.

Selbst wenn ich alleine bliebe…
…hätte ich umso mehr Zeit, all die Bücher auf meiner Liste zu lesen. All die Dinge zu lernen, die mich schon immer interessiert haben. Wenn ich eines Tages nicht mehr werde lesen können, weil meine schlechten Augen ganz kaputt gehen…dann werde ich mit dem Computer lesen und mit einem Blindenhund arbeiten lernen.
Wenn ich alleine bleibe habe ich meine Freunde. Was, wenn ich niemals Kinder habe? Freunde haben Kinder. Ich kann Tante sein, mit ihnen tolle Sachen unternehmen, Freude haben und super Tage verbringen – und am Abend die Füße hochlegen und eine Flasche Rotwein öffnen. Ich habe keinen Grund, Angst zu haben. Ich bin nicht alleine. Ich habe meine kleine Familie, die mir in diesen Tagen zeigt, dass Blut und Freundschaften dicker sind als Wasser. Trotz aller Differenzen stehen wir zusammen, wenn einer von uns es braucht.

Liebe Panik, Angst und Einsamkeit: Ich weiß, Ihr werdet mich immer wieder besuchen und eine Weile ist es für mich in Ordnung. Ihr habt mir wichtige Dinge mitzuteilen, die mich davon abhalten werden, Dummheiten zu wiederholen. Aber dann ist es auch gut. Ich brauche Euch nicht.
Ich lebe im Jetzt. Mit beiden Beinen. Meinem Lachen. Meinem Mut. Und dem festen Willen diese eine, meine Reise, zu genießen.

I’ve heard it said
that people come into our lives
for a reason
bringing something we must learn
and we are led
to those who help us most to grow
if we let them
and we help them in return
Well, I don’t know if I believe that’s true
but I know I’m who I am today
because I knew you

Like a comet pulled from orbit
as it passes a sun
like a stream that meets a boulder
halfway through the wood

Who can say if I’ve been changed for the better?
But because I knew you
I have been changed for good

(from „Wicked“)

Buchtipp: Reasons to stay alive (by Matt Haig)

„A drop of ink falls into a clear glass of water and clouds the whole thing.“

Auf meiner infiniten Leseliste für 2016 hat sich ein Titel nach vorne geschmuggelt. So ist das mit Büchern von Lieblingsautoren. Vor allem wenn das Buch ein Thema behandelt, das einem besonders nahe geht. Matt Haig schreibt Sätze, die ich mir an die Wand hängen und gerne jedem eintätowieren möchte, der schon einmal zu einem psychisch Kranken etwas gesagt hat wie „Das hab ich auch manchmal, das geht vorbei.“, „Lach doch ma.“ oder „Immerhin ist keiner gestorben.“

„If you have ever believed a depressive wants to be happy, you are wrong. They could not care less about the luxury of happiness. They just want to feel an absence of pain.“

Jedem, der in seinem Leben an Depressionen gelitten hat oder leidet sowie Allen, die einen Angehörigen besser verstehen möchten, empfehle ich dieses Buch wärmstens:
Matt Haig: „Reasons to stay alive“.

Things depression says to you
HEY, SAD-SACK!
Yes, you!
What are you doing?
Why are you trying to get out of bed?
Why are you trying to apply for a job?
Who do you think you are? Mark Zuckerberg?
Stay in bed.
You are going to go mad. Like Van Gogh. You might cut off your ear.
Why are you crying?
Because you need to put the washing on?
Hey. Remember your dog, Murdoch?
He’s dead. Like your grandparents.
Everyone you have ever met will be dead this time next century.
Yep.
Everyone you know is just a collection of slowly deteriorating cells.
Look at the people walking outside.
Look at them. There. Outside the window.
Why can’t you be like them?
There’s a cushion.
Let’s just stay here and look at it and contemplate the infinite sadness of cushions.

PS. I’ve just seen tomorrow.
It’s even worse.

Sanduhrsand

Warum wiegt Traurigkeit so viel mehr als Freude. Ist es, weil wir sie alleine tragen? In seiner Traurigkeit ist ein Mensch alleine, jeder muss sie für sich bewältigen, muss einen Weg entdecken, damit weiter zu existieren, einen Weg, den niemand sonst einem weisen kann. Sind konditioniert, Freude zu teilen, doch nicht Trauer. Wir erzählen gern Witze, wer lustige Dinge zum Besten gibt ist ein Spaßvogel, ist der mit den meisten Freunden, viel lachen und der Mittelpunkt jeder Feier möchten wir sein, Jemand mit Ausstrahlung, mit dem man sich gerne umgibt, von dem die Leute sagen der ja, der – das ist vielleicht Einer! Fröhlichkeit. Sie steckt an und verbindet Menschen miteinander. In der Trauer. Jeder für sich. Wie geht es dir? Nicht gut, traurig. Kein Partykracher. Traurig sein weckt Mit-Leid. Wer möchte schon gerne leiden. Wer möchte Trauer bewältigen, wenn er stattdessen Witze hören kann. So bleibt ein jedes für sich. Der Trauernde spürt Erinnerungen nach, die wie Sand durch die Finger rinnen. Tonnenschwerer Sanduhrsand auf dem Herzen. Denkt an das, was nie wieder sein wird. Worte, die für immer ungesagt bleiben. Alleine mit den Gefühlen, die da geblieben sind und deren Gewicht dich unaufhörlich hinab zieht.

Auf dem Vormarsch

Die Herbstdepression kommt früh in diesem Jahr. Es sind anstrengende Wochen gewesen. Hatte ich nicht in einem meiner letzten Posts noch geschrieben, es sei mir eindeutig zu ruhig?
Nun, das hat sich erledigt und ich habe in wenigen Wochen all das erlebt und an Gefühlsbädern mitgemacht, wofür manch anderer sein Jahrzehnt braucht. Wenn meine Schicksalsgöttinnen was machen, dann gründlich!
Ich habe meinen Job gekündigt. Es war nach vier Jahren an Langeweile und Frust nicht mehr zu überbieten. Wie das immer so läuft bei mir: Eines Morgens stand ich plötzlich heulend vor dem Büro und wusste, das hier hältst du keinen Tag länger aus. Wie das immer so läuft bei mir (zu Glück): Beworben, eingeladen worden, neuen Job gefunden. Vorher wurde noch schnell geheiratet – eine kleine Feier an meinem Herzensort St. Peter-Ording, von der ich euch ein andermal erzählen mag. Traumschöner Kurzurlaub in Venedig. Zu kurz. Kein Runterkommen. Weiter Vollgas. In unserer Wohnung, die sich schon lange zu eng anfühlt, stapeln sich unbeantwortete Karten, unausgepackter Kram aus dem alten Büro, ungewaschene Wäscheberge. Heute dann der erste Tag im neuen Job, so viele neue Impressionen, eine wirkliche Herausforderung, nicht völlig dumm da zu stehen, so anders ist das Arbeiten in der Agentur. Aber alle sind nett und ich bin zuversichtlich, dass ich das schon hinbekomme. Doch da ist die Herbstdepression bereits auf dem Vormarsch. Ich schwanke zwischen wahnsinnig glücklich und spiele gedankenverloren an meinem nagelneuen Ehering, dann heule ich wieder in tiefster Trauer über den Verlust meines geliebten Gefährten Einstein, unserem Kater, der am Tag nach unserer Hochzeit eingeschläfert werden musste.
Alles im Leben liegt wahnsinnig nah beieinander und dies wieder einmal festzustellen, zehrt an meinen Kräften. Mein Mann (ich freue mich wie Bolle, das sagen zu können) und ich liegen sehr lange wach in diesen Tagen und schmieden Zukunftsängste. Wohin soll es gehen, was soll aus uns werden? Wie kann man optimistisch in die Zukunft sehen, wenn der schönste Tag schon vorbei ist, wenn man nicht weiß, was Morgen bringt und auch nicht wissen möchte? Europa steht in mitten all dieser Kriegsschauplätze und auf einmal rücken Überlegungen wie Auto, Kinder, Reisen in die weite Ferne der Relation. Gesundheit, Sicherheit, Zeit verbringen mit unseren Lieben, so lange sie da sind, das ist doch wichtiger.
Hin- und her gerissen zwischen noch so vieles wollen und bloß nicht später bereuen. Ist das der Fluch der Mittdreißiger oder nur unserer, der von jungen Menschen, die sich zu früh im Leben verlaufen haben und vor lauter Wald den Baum mit dem Wegweiser dran nicht mehr finden?

Ich weiß es nicht. Aber ich werde ganz sicher auch diese Nacht, trotz der Erschöpfung, wieder wach liegen und darüber grübeln. Passt auf euch auf, und haltet die Augen offen nach den ersten Kastanien und den letzten goldenen, wärmenden Strahlen der Herbstsonne.

Schlaf in den Mai

Einsamkeit ist ein Zustand, der in keiner Korrelation zu deinem Beziehungsstatus steht. Blödsinn, wo hast du denn das wieder her? Hab ich mir ausgedacht. Stimmt aber doch. Man kann sich einsam fühlen obwohl man Freunde hat, sogar wenn man einen Partner hat. Ist ja auch nicht schlimm, manchmal hat man nichts gemeinsam und dann ist man eben einsam. Oh, jetzt reimst du auch noch? Solltest du nicht eigentlich draußen sein, feiern? Walpurgisnacht – das ist doch für eine alte Gewitterhexe wie dich eigentlich die Nacht der Nächte.
Stimmt. Sollte ich vielleicht. Ist aber niemand da. Beziehungsweise, die sind dort und ich bin hier. Alle, mit denen ich vielleicht rausgehen würde sind in der Heimat und hier haben alle entweder einen Hund, ein Baby oder ein Alkoholproblem. In dem Falle ist es also selbst gewählte Einsamkeit. Was es nicht besser macht. Dabei ist wirklich die ganze Stadt auf den Beinen. Dieses „Tanz in den Mai“-Ding ist analog zum Silvesterabend – nur halt im Frühjahr und ohne Feuerwerk. Diese ständige Fragerei „Und was machst DU so Tanz in den Mai??“, die überteuerten Veranstaltungen, das zwanghafte Draußen-Rumstehen (weil ja Frühling ist), obwohl alle lieber drinnen sitzen würden (weil es im April nachts halt noch kalt ist).
Als ich irgendwann nach 20 Uhr das Büro verlasse, summt die Stadt wie unter einer Insektenplage: lauter frisch geduschte rausgeputzte Stadtmenschen, schnell noch eine Pulle Sekt gekauft, Partner untern Arm gehakt und auf geht’s zu irgendeiner Feier oder lässig im Park rumliegen. Ein paar meiner Bekannten auch. Aber ich glaub ich bin keine gute Gesellschaft heute Abend. Ich bin müde, traurig und zu zwanghaftem Fröhlich sein lasse ich mich nur an Karneval herab. Ganz abgesehen davon, dass ich momentan so gar keine Lust verspüre, an den Trinkgelagen meines Freundes zu partizipieren. Anders als diese Leute habe ich vor, mit meiner Suche nach dem Gleichgewicht gleich morgen weiter zu machen: Spazieren gehen, lesen, vielleicht ein paar Fotos machen oder eine Schreibübung stehen auf dem Programm. #SchlafInDenMai heißt das diesjährige Motto! Säufer haben es noch nicht zu viel gebracht. Außer vielleicht Hemingway. Aber der war primär Angler. Außerdem sagt man sich, er solle ein Arsch gewesen sein. Ich hingegen bin ja kein Arsch, nur temporär etwas a-sozial. Wein und ein Buch genügen mir als Gesellschaft. Verarscht: den Wein habe ich auch eingetauscht, gegen grünen Tee. Klappt aber nicht. Bin immer noch traurig und habe Heimweh.
Zuhause, ja – da blühen jetzt die Lindenbäume und auf dem Dorfplatz wird der Maibaum bewacht und morgen früh dann stehen überall, wo junge Mädchen wohnen, die geschmückten Maibäume mit bunten Bändern dran. Hach! Es ist lange her, dass ich einen Maibaum bekommen habe. Wer zu alt ist um mit zu feiern, der kann das wohl auch nicht mehr erwarten. Aber jetzt seien wir doch mal ehrlich: Ist es denn jemals anders gewesen bei mir? Habe ich früher (in den Mai) getanzt? Wenn meine Lieben hier wären oder ich jetzt bei ihnen, wäre ich dann einer von den duftenden Menschen auf dem Weg irgendwo hin oder einer von denen, die draußen vor der Bar stehen und sich unterhalten?
Nein.
Aber es ist ein Unterschied, theoretisch die Chance zu haben, sich dafür entscheiden zu können.

Neurotisch am Einzeltisch

Heute habe ich feststellen müssen, dass es schlimmer wird mit meinen Macken. Seit gestern habe ich Urlaub, ich sollte froh sein in Anbetracht der Tatsache, dass ich bald ein paar Tage weg fahren werde. Mein erster richtiger Urlaub in sechs Jahren. Ich sollte entspannt sein und die Messe in Köln nutzen, auf der ich heute war: Social Media Marketing-Agenturen und -tools, Content Marketing, SEO und andere tolle Themen, die mich brennend interessieren und für meine Zukunft wichtig sein könnten.

Statt etwas daraus zu machen, schleiche ich wie ein weiblicher „Rain Man“ durch die Messehallen. Bloß nicht jemanden ansprechen, bloß nicht angesprochen werden – kann ich vielleicht bitte genau jetzt unsichtbar werden? Ich kann nicht erklären, was los ist, aber ich fühle mich alleine und hilflos. Mein Freund arbeitet am Stand seiner Firma, Kollegen sind auch vor Ort. Dennoch fühle ich ein auf-mich-alleine-gestellt-Sein, das ich nicht ertragen kann. Mir ging es lange nicht mehr so mies. Ich klammere mich  an mein Telefon, mit dem ich Kontakt halte nach „draußen“: Zu Freunden, die mich unterhalten, was mich ein wenig beruhigt und mir Normalität und Sicherheit gibt – bis erst das WLAN und später der Akku aufgibt. Ich frage mich, ob vielleicht jene Abhängigkeit eine der Ursachen des Ganzen sein könnte. Die ständige Erreichbarkeit, „online“ sein, immer und überall diese Konnektivität. Ein größtenteils virtuell gewordener Freundeskreis – vielleicht ist es dieser Anschein von Gesellschaft, der das Gefühl, alleine zu sein, verstärken kann. Selbst, wenn ich inmitten einer Menschenmenge bin, fühle ich mich manchmal wie ein Außerirdischer, der Fremde, der Soziokrüppel.

Nach drei Stunden über das Messegelände schleichen muss ich raus da. Ich habe Hunger und fahre daher einfach mal in Richtung Innenstadt. Es verbietet sich für mich, an irgendeiner Bude auf der Straße zu essen. Überall essen Leute, überall gibt es McDonalds, Bäckereien, Essen to Go aber ich bringe es einfach nicht über mich, wenn ich nicht alleine bin. Dasselbe gilt übrigens für Buffets. Ich weiß nicht, gibt es für so einen Zwang einen Namen, Buffetophobie vielleicht? Es kann die tollste Hochzeit sein – wenn mir nicht jemand einen Teller Essen mitbringt, werde ich nichts essen. Dabei ist es doch völlig sinnlos: Es fällt wohl eher negativ auf, wenn ich aus der Reihe tanze, aber diese Überlegung hilft nicht, mir die Unsicherheit zu nehmen. Ich esse sehr gerne und Hunger hab ich auch, aber ich denke dann „Wenn ich jetzt gehe, dann gucken Dir alle beim Essen zu“. Mal abgesehen davon, dass jede Frau im Raum die Relation zwischen deiner Essensmenge und dem sich im Abendkleid abzeichnenden Bauch und Po ausrechnen wird, während Du am Vorspeisenbuffet die vegetarischen Häppchen zusammensuchst. Essen in der „Öffentlichkeit“ ist ein schwieriges Thema, es gibt nur ausgewählte Menschen, vor denen ich mich traue, zu essen. Letzte Woche hatten wir ein kleines Teamevent, pro Person über 70€ gezahlt, inklusive eines tollen mediterranen Buffets mit kalten und warmen Speisen – und ich habe nichts davon angerührt. Irgendwann nach 3 Stunden Bootsfahrt hatte ich so einen Hunger, dass ich mir eine trockene Scheibe Brot nahm. Doch als dann irgendwer deswegen eine Bemerkung fallen ließ, blieb mir auch das gleich im Hals stecken und der Rest landete zur großen Freude der Möwen im Wasser.

Heute auf der Messe hatte ich einen Termin mit einem sehr netten Geschäftspartner aus München an deren Stand. Er stellte mir jemanden aus seinem Team vor, den ich  bisher noch nicht persönlich kannte und aus heiterem Himmel stieg mir plötzlich die Röte ins Gesicht. Es war mehr als unangenehm und ich wäre am liebsten einfach unsichtbar geworden! Neulich ist mir das sogar bei Freunden meines Bruders passiert, die ich wirklich gut kenne und sehr mag. Mitten im Gespräch plötzlich Panik, Unwohlsein, rot anlaufen und am liebsten wäre ich weg gerannt. Ich benehme mich wie ein Idiot und sowohl für meine Kollegen als auch für mein Gegenüber müssen solche Situationen extrem unangenehm sein, so dass ich mich manchmal frage, ob man mich nicht einfach besser zuhause lassen sollte.

Dabei weiß ich ja, dass es genau diese Vermeidungsversuche und diese Gedankengänge sind, die den Druck aufbauen und meinen Zustand noch schlimmer machen. Niemand erwartet Dinge von mir, keiner beobachtet mich, das weiß ich eigentlich – und doch spinne ich mir das immer wieder zusammen und versuche, solche Situationen direkt zu vermeiden.

Ich habe festgestellt, dass es inzwischen auch körperliche Schäden sind, die ich davontrage. Peinliche Situationen und zunehmende (selbstgewählte) Isolation sind das eine, zum anderen habe ich extrem stark wieder mit dem Beißen, Knibbeln und Kratzen der Haut und Nägel angefangen. In einem Selbsthilfebuch zu dem Thema habe ich sehr viele Informationen bekommen und weiß nun, was ich da schon sehr lange habe, in mal schwächeren Phasen und mal stärkeren. „Skin Picking“  oder „Dermatillomanie“ bedeutet: Ich kratze an Unebenheiten der Haut oder Nägel so lange herum, bis es weh tut oder sich die Haut ablöst. Das mache ich sowohl in entspanntem Zustand (z.B. beim Lesen oder Nachdenken), aber auch im Stress, bei der Arbeit ebenso wie zuhause im Bad. Meistens „knibbel“ ich mir dann im Gesicht herum, im Nacken oder an der Kopfhaut oder eben überall, wo meine Haut uneben ist und meine Finger dran kommen – es ist schwer, dies zu unterdrücken. Auch heute sehen meine Fingernägel wieder aus, wie durch einen Schredder gejagt. An meinen Fingernägeln erkenne ich immer, wie mein Gemütszustand ist. Die ganzen Narben, im Gesicht vor allem, wenn ich mal wieder stundenlang irgendwo gedrückt habe, aber auch an den Oberarmen und im Nacken, machen es nur schlimmer. Ich gehe gar nicht mehr ungeschminkt raus, habe immer was dabei zum Überschminken, wenn ich auf der Arbeit mal wieder gekratzt habe und es blutet. Es ist eklig und ich habe sehr große Angst, dass es jemand merkt oder die Narben sieht – trotzdem kann man nicht einfach aufhören.  Ich weiß nicht, was aus mir so eine Verrückte gemacht hat. Ich merke nur, dass die Phasen länger werden, intensiver. Die Ok-Phasen hingegen sind kürzer und neben der Tagesform (fühle ich mich vorzeigbar oder nicht?) abhängig davon, mit welchen Personen ich mich umgebe, d.h. ob ich mich in einer „sicheren“ Umgebung fühle.

Wenn ich alleine bin, ist es allerdings alles absurd, dann kann ich auf einmal nichts mehr. Um es mir zu beweisen, bin ich dann heute in meiner Pause von der Messe alleine in ein Restaurant gegangen, habe eine Pizza bestellt und beobachtet, dass ich nicht die einzige war, die dort alleine an einem Tisch saß. Es ist okay. Es ist einfach normal und kein Weltuntergang, wenn man alleine unterwegs ist und niemanden kennt. Das mit dem okay kann allerdings dran liegen, dass es zur Pizza ein Glas Wein gab. Ich muss aufpassen, dass meine neurotischen Züge nicht Überhand gewinnen,