1.27h

Heute Nacht kann ich nicht schlafen. Ich kauere wie eine Verrückte vor dem Sofa, die Kappe meines Stiftes im Mund, ein Glas Wasser und Baldriantabletten. Um mich zu beschäftigen, vielleicht auch zu beruhigen, schreibe ich. Nebenan schnarchst Du. Vielleicht ist es besser nicht zu schlafen. So habe ich wenigstens noch etwas von Dir, Deinen Geräuschen, Deinem Gebrabbel im Schlaf, wenn Du Dich herumdrehst. Ich werde müde sein morgen, wenn auch nicht schlimmer als sonst, denn ich bin eigentlich stets müde. Etwas knackt laut irgendwo in der Wohnung. Ich zucke zusammen und ein langer Strich zieht sich quer über das Papier. Seit wann eigentlich bin ich derart schreckhaft, ist mir die Nacht zum Feind geworden? Wusstest Du, dass immer wenn Du nicht da bist ich mich einschließe, die Haustüre mehrfach abschließe um mich dann hinter der Schlafzimmertür zu verschanzen? Wenigstens kann ich heute nicht wieder seltsame Träume bekommen. Nacht für Nacht kommen sie jetzt und werden immer anstrengender und bedrückender. Vom Weggehen, Umziehen, von fremden Häusern in Orten, die ich noch nie im echten Leben gesehen habe. Aber ich habe das sichere Gefühl, dass es sie genau so irgendwo gibt. Manchmal ist Mama da und Papa wohnt ganz woanders mit dem Kater. So als wäre die Geschichte weiter gelaufen damals. Ich befinde mich in unbekannten Häusern, fremden Gärten, Feriensiedlungen, leeren Dörfern. Du drehst Dich ein bisschen herum, das Bett knarzt und ich höre die Bettdecke rascheln. Wünsche ich mir, dass Du aufwachst jetzt und herüber kommst, mich ins Bett holst und vielleicht mir noch einen Tee machst? Nein, so sind wir nicht, nicht wir beide. Ich bin wach – wachsam – und Du morgen um diese Zeit schon woanders. Du verstehst die Abgründe nicht, die sich manchmal vor mir auftun und die Nacht, die mich ängstigt und zugleich fest umarmt. Obwohl ich im Grunde denke, Du verstehst es vielleicht sogar besser als jeder Andere hier und hältst Dich deswegen weit entfernt vom Abgrund. Guter Gedankengang. Auch bei Tag kommen mir immer öfter seltsame Gedanken und Tagträume. Ich nehme Dinge wahr, die nicht da sein sollten, die mich zurückversetzen in vergangene Tage: Das Zimmer meines besten Freundes, der Teppich mit den Limonadenflecken. Weil Micha immer sein Glas umstieß. Die Schrankwand, deren Maserung ich genau kannte, weil ich beim Trivial Pursuit spielen immer mit dem Gesicht zur Schrankwand saß. Michas Vater, der hereinkam, irgendetwas fragte. Eine freche Antwort seines Sohnes, derer ich mich schämte. Sein Vater tat mir leid. Ich verstand, dass zwischen den beiden so vieles falsch gelaufen war und doch hatte ich Mitleid in diesen Momenten, wie dieser schlaksige Riese von einem Mann da stand und von seinem Sohn runtergeputzt wurde, nichts zu erwidern wusste. Es ist viele Jahre her, der Tag, an dem wir ihn beerdigten, mein Papa an meinem Arm schluchzend da er seinen besten Freund begraben musste. Warum nur denke ich jetzt darüber nach, warum verfolgt mich immer alles? Oder bin vielleicht ich es, die an all den Erinnerungen so fest hält, dass ich kein Detail vergesse? Gestern erst ein Spaziergang am Abend. Irgendjemand hatte gekocht, der Geruch erinnerte mich an das Wohnzimmer von Oma und Opa, an Nudelsuppe und warmen Teppich und Sonntagsessen mit der Familie. Früher. Plötzlich war ich sehr traurig darüber, dass es kein „Wetten dass?!“ mehr geben wird und meine Kinder niemals diese Geborgenheit werden erfahren können wie man sie hat, wenn beide Großeltern noch da sind. Man bis nach „Wetten dass?!“ aufbleiben darf, die Füße gekrault bekommt und so viel Eis essen darf wie man mag. Es kommen auch traurige Erinnerungen urplötzlich wieder – eine davon handelt von Dir. Weißt Du noch als wir uns gerade kennen lernten und noch nicht sicher waren ob und was einmal aus uns werden würde? Wir wollten uns treffen und Du kamst extra mit dem Wagen Deiner Mutter von Bad Salzuflen nach Köln gefahren, zwei Stunden Fahrt. Wir gingen in den Zoo. Sprachen fast kein Wort, waren in uns gekehrt. Keine Fotos, kein Händchenhalten. Vorm Ausgang hast Du mir angeboten, mich wieder nach Hause zu bringen. Ich lehnte ab, ich wolle noch hinunter zum Rhein. Traute mich nicht, Dich zu fragen und Du Dich nicht, zu bleiben. Du fuhrst die zwei Stunden wieder zurück nach Hause, während ich alleine am Rheinufer saß und traurig war. Irgendwie war es oft so zwischen uns: Angst, Ansprüche zu stellen an den anderen, Distanz, Unsicherheit und Missverstehen. Und doch war da von Anfang an diese Liebe und die Sehnsucht nach mehr, sonst wärst Du nicht extra so weit gefahren. Sonst hätten wir doch nicht beide geweint damals, bei Sonnenaufgang auf dem Fischmarkt, als Du sagtest, wir seien füreinander bestimmt. Sonst wären wir wohl auch nicht heute hier, in derselben Wohnung. Liebe war immer da und ich vermisse Dich schon jetzt wieder – wie immer, wenn Du weg bist. Aber es wird gut sein, es wird Dir hoffentlich Freude machen, Zeit mit Deinen Freunden zu verbringen. Manchmal habe ich nämlich das Gefühl, Dir kein besonders guter Freund zu sein. Wie an diesem Tag im Zoo war es doch eigentlich immer. Vieles von dem, was wir in uns tragen, bleibt unausgesprochen. Wird geteilt mit keiner Menschenseele. Vielleicht ist das auch ganz gut so? Ich sollte schlafen. Ich sollte diese wirren Gedanken nicht haben, die Erinnerungen an Vergangenes, Gesagtes, Gefühltes und an dieses Mitleid, das sich einprägt und – vor Allem: an den Verlust. Ich sollte schlafen. Mein Schatz, ich sage es Dir und sonst niemandem, während Du friedlich schläfst: Ich habe Angst, dass ich irgendwann meinen Verstand verlieren könnte.