Kleines Wunder

Vor einigen Jahren – ich weiß nicht mehr genau, wann – habe ich Mamas alte Taschenuhr bekommen. Die hatte früher manchmal um ihren Hals gehangen, manchmal aber auch an der Lampe in ihrem Zimmer, zusammen mit einem Traumfänger und einer Haarsträhne, die sie aufbewahrt hatte von damals, als sie noch lange Haare hatte. Ich weiß noch, sie hat ihre Haare geschnitten, als sie krank wurde und in ihrem Tagebuch stand „die langen Haare haben mir kein Glück gebracht.“

Die Taschenuhr hat vorher meiner Uroma gehört – sozusagen ein Familienerbstück. Leider ist sie kaputt und wir haben schon mehrfach versucht, sie aufzuziehen – allerdings vergebens, gab einfach kein Lebenszeichen von sich. Stand einfach immer auf zwanzig vor zwölf und gut. Sie ist auch nicht besonders wertvoll glaube ich – dennoch hat sie einen immensen Wert für mich und ich trage sie manchmal zu besonderen Anlässen.

Gestern habe ich sie getragen, weil Mamas Geburtstag war. Ich sitze also mit meiner Uhr so in einem Meeting auf der Arbeit und schweife in Gedanken immer wieder ab, weil ich traurig bin, an Mama denke. Ich spiele mit meiner Taschenuhr, klappe sie auf und zu und auf einmal bemerke ich, dass die Zeiger eine andere Uhrzeit zeigen. Halte sie ans Ohr und höre ein leises Ticken!

Ein Wunder – aus heiterem Himmel hat meine kleine Uhr angefangen, wieder zu ticken…ganz unregelmäßig zwar, so dass die Zeitmessung damit nicht wirklich funktioniert…aber wenn ich sie ans Ohr halte, tickt sie leise und tröstend vor sich hin.Wie ein kleines Herz, das ich schlagen hören, an mich drücken und immer bei mir tragen kann.

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