Herzensbücher

Im Urlaub habe ich mehr Geld für Bücher ausgegeben als für Essen. Viereinhalb habe ich davon gelesen und seitdem bin ich endlich wieder in einer “Lesefieber-Phase”, wie ich sie lange nicht hatte – und es tut mir gut. Die Auswahl meiner Bücher verleitet meine Mitmenschen allerdings zu Aussagen wie “Lies doch mal was fröhliches.” oder “Kein Wunder, dass Du Dir immer traurige Gedanken machst, Du darfst Dir Deine Bücher nicht so zu Herzen nehmen!”
Wie bitte? Bücher nicht zu Herzen nehmen?! Meine Lieben, genau dazu sind sie doch da!

Wenn ich genau überlege, sind meine Lieblingsbücher tatsächlich immer solche, in denen nicht alles schön und eierkuchenfriedvoll ist. In meinen letzten beiden Büchern ging es um krebskranke Jugendliche (“Das Schicksal ist ein mieser Verräter“) und um den Wunsch eines Tetraplegikers nach Sterbehilfe (“Ein ganzes halbes Jahr”).
Aber hey, ich habe auch ein richtiges Urlaubsbuch gelesen, so eins mit Blumen und Kitsch und Liebe (“Das Orchideenhaus”), welches gar nicht einmal so mies war. Nur eben seicht. Das genügt dann auch wieder für eine Weile und es zieht mich in den Buchladen oder neuerdings in den Kindle-Buchshop, um nach neuer, “schwerer Kost” zu stöbern (Warum muss ich jetzt bloß an die Milchschnitte-Werbung zweier Boxer denken?).

Irgendwo habe ich mal folgendes Zitat gelesen: “Das Unheil, welches die schlechten Bücher anrichten, kann nur durch die guten wieder ausgeglichen werden” und genau so sehe ich das. Ein Buch, das jeder schreiben könnte, weil es die Handlung eines ZDF-Sonntagsfilms umfasst, gibt mir nichts, fordert mich nicht, regt mich nicht zum Nachdenken an. Es vertreibt die Zeit und amüsiert vielleicht für eine Weile – eben wie ein Fernsehfilm. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Meine Lesezeit ist begrenzt (so viele Bücher für so ein kurzes Leben!), darum versuche ich, das zu lesen, was mir eben gefällt. In meinem aktuellen Buch, “Die Ordnung der Sterne über Como” dreht sich viel um vergangene Lieben, um gescheiterte Ehen und ich stelle mir beim Lesen die Frage, ob die Gefühle, die das Buch heraufbeschwört, authentisch sind: Spricht man so miteinander, nach etlichen gemeinsamen Jahren, wenn die Liebe gegangen ist? Fühlt sich so eine Liebe an, die kalt geworden ist? Obwohl einen so viel miteinander verbunden hat?

Ich soll mich da nicht derart reinsteigern, heißt es dann. Dabei ist es genau das, was ich am Lesen liebe: Reinsteigern. Eine Welt erfahren, die nicht die eigene ist. Nicht umsonst waren meine ersten Lesejahre geprägt von Abenteuergeschichten und Science Fiction. Eintauchen in eine andere Welt – vor allem eine andere Gefühlswelt – dies dem Leser zu ermöglichen, ist die größte Leistung eines Buchautors. Ich kann weinen, leiden, mich verlieben, mit offenen Augen durch eine fremde Stadt laufen und mich hinein fühlen in das Leben eines Protagonisten, der nicht ich selbst bin. Ein anderes Leben auf Zeit. Bücher nehmen mich mit auf eine Reise, die ich so nie wagen könnte. Im Geiste durchlebt man Szenen, die vielleicht in meinem Leben keine Relevanz besitzen – oder vielleicht auch nur noch nicht. Warum soll man denn alles ausblenden, was einen Menschen nachdenklich oder traurig stimmen könnte? Ich finde, solche Bücher bereichern. Sie erweitern meinen Erfahrungschatz, mein Wissen um die Welt und die verschiedenen Menschen darin – ohne dass ich die Erfahrungen selbst machen muss. Ein bisschen wie Flugsimulator spielen mit Gefühlen. Es macht mich stärker: Ich bilde mir dann ein, ein besserer Flieger zu sein, wenn ich zurückkehre in meine eigene Welt, hinter einem sich schließenden Buchdeckel.

“Von seinen Eltern lernt man lieben, lachen, und laufen. Doch erst wenn man mit Büchern in Berührung kommt, entdeckt man, dass man Flügel hat.” (Helen Hayes)