Auf dem Vormarsch

Die Herbstdepression kommt früh in diesem Jahr. Es sind anstrengende Wochen gewesen. Hatte ich nicht in einem meiner letzten Posts noch geschrieben, es sei mir eindeutig zu ruhig?
Nun, das hat sich erledigt und ich habe in wenigen Wochen all das erlebt und an Gefühlsbädern mitgemacht, wofür manch anderer sein Jahrzehnt braucht. Wenn meine Schicksalsgöttinnen was machen, dann gründlich!
Ich habe meinen Job gekündigt. Es war nach vier Jahren an Langeweile und Frust nicht mehr zu überbieten. Wie das immer so läuft bei mir: Eines Morgens stand ich plötzlich heulend vor dem Büro und wusste, das hier hältst du keinen Tag länger aus. Wie das immer so läuft bei mir (zu Glück): Beworben, eingeladen worden, neuen Job gefunden. Vorher wurde noch schnell geheiratet – eine kleine Feier an meinem Herzensort St. Peter-Ording, von der ich euch ein andermal erzählen mag. Traumschöner Kurzurlaub in Venedig. Zu kurz. Kein Runterkommen. Weiter Vollgas. In unserer Wohnung, die sich schon lange zu eng anfühlt, stapeln sich unbeantwortete Karten, unausgepackter Kram aus dem alten Büro, ungewaschene Wäscheberge. Heute dann der erste Tag im neuen Job, so viele neue Impressionen, eine wirkliche Herausforderung, nicht völlig dumm da zu stehen, so anders ist das Arbeiten in der Agentur. Aber alle sind nett und ich bin zuversichtlich, dass ich das schon hinbekomme. Doch da ist die Herbstdepression bereits auf dem Vormarsch. Ich schwanke zwischen wahnsinnig glücklich und spiele gedankenverloren an meinem nagelneuen Ehering, dann heule ich wieder in tiefster Trauer über den Verlust meines geliebten Gefährten Einstein, unserem Kater, der am Tag nach unserer Hochzeit eingeschläfert werden musste.
Alles im Leben liegt wahnsinnig nah beieinander und dies wieder einmal festzustellen, zehrt an meinen Kräften. Mein Mann (ich freue mich wie Bolle, das sagen zu können) und ich liegen sehr lange wach in diesen Tagen und schmieden Zukunftsängste. Wohin soll es gehen, was soll aus uns werden? Wie kann man optimistisch in die Zukunft sehen, wenn der schönste Tag schon vorbei ist, wenn man nicht weiß, was Morgen bringt und auch nicht wissen möchte? Europa steht in mitten all dieser Kriegsschauplätze und auf einmal rücken Überlegungen wie Auto, Kinder, Reisen in die weite Ferne der Relation. Gesundheit, Sicherheit, Zeit verbringen mit unseren Lieben, so lange sie da sind, das ist doch wichtiger.
Hin- und her gerissen zwischen noch so vieles wollen und bloß nicht später bereuen. Ist das der Fluch der Mittdreißiger oder nur unserer, der von jungen Menschen, die sich zu früh im Leben verlaufen haben und vor lauter Wald den Baum mit dem Wegweiser dran nicht mehr finden?

Ich weiß es nicht. Aber ich werde ganz sicher auch diese Nacht, trotz der Erschöpfung, wieder wach liegen und darüber grübeln. Passt auf euch auf, und haltet die Augen offen nach den ersten Kastanien und den letzten goldenen, wärmenden Strahlen der Herbstsonne.