Buchrezension: Vom (Ein)Schlafen und Verschwinden

Für die Weihnachtstage habe ich mich dieses Mal für Katharina Hagenas Roman “Vom Schlafen und Verschwinden” (2012) entschieden. Ein Buch, auf das ich mich schon länger gefreut und es deshalb für eine ruhige Leseperiode aufgehoben habe. Der vorherige Roman “Der Geschmack von Apfelkernen” (von 2008) zählt zu meinen ausgesprochenen Lieblingen zeitgenössischer deutscher Literatur – entsprechend hoch waren meine Erwartungen.
Im Roman geht es um zwei Frauen, deren Lebensgeschichten miteinander verwoben sind. Einmal ist da Ellen, eine Somnologin, die selbst unter Schlafstörungen leidet und sich, des Nachts wach liegend, an Episoden aus der Vergangenheit erinnert: An ihre Heimat, ihre uneheliche Tochter, das langsame Sterben ihrer Mutter und immer wieder an ihre zahlreichen Liebhaber: Lutz, der verschwunden ist, Andreas, der nicht mehr spricht, Declan, Benno…
Auf der anderen Seite ist da Marthe, die Ellen und alle anderen beobachtet und deren Bedeutung in der Story erst zuletzt aufgelöst wird:Cover

Ich bin unsichtbar, mein Haar ist grau, meine Augen sind grau, mein Gesicht ist grau, meine Zähne, meine Jacke, alles grau. Frauen meines Alters können sich unsichtbar machen, wir können fast alles. Wenn dich keiner mehr und keiner jemals wieder begehrt und du keinen mehr und keinen jemals wieder begehrst, dann bist du frei wie ein Vogel, vogelfrei, zum Töten frei, vielleicht lerne ich auf meine alten Tage noch das Fliegen. Oder das Töten.

Was mir bei “Der Geschmack von Apfelkernen” so gut gefiel, die geschickte Verwebung einer Gegenwart mit den Erinnerungen der Protagonisten, misslingt hier in meinen Augen: Die “Hauptstory”, die der Gegenwarts-Ellen, kommt zu keinem wirklichen Ende und ich ertappte mich selbst dabei, wie ich – was ich wirklich sonst nie tue – teilweise diese Passagen überblättert habe, weil sie mir einfach zu langatmig wurden.

Diese Stadt ist eine einzige Wartehalle. Sie ist wie geschaffen für die Schlaflosen, überall wird hier gewartet, auf Bahnhöfen, vor dem Elbtunnel, öffentlichen Damentoiletten, Bushaltestellen, Flughäfen. Hier waten wir knietief durch die totgeschlagene Zeit.

Leider ist für mich als Leser das Ziel oft gewesen, Zeit tot zu schlagen. Ellens stundenlanges Warten auf den Schlaf ist – verrückte Welt – für den Leser sehr ermüdend. Was mir im anderen Roman der Autorin so ausgesprochen gut gefiel, das goldene Licht, die Wortwahl, mit der sie Kindheitserinnerung fast sinnlich greifbar zu machen vermochte, gelingt in diesem Buch nicht wieder. Ellen sinniert unter dem Einfluss von Medikamenten vor sich hin – und mir als Leserin gingen ihre Aneinanderreihungen von Phrasen, meist Wortspiele oder wiederholte Metaphern von Spinnennetzen, zunehmend auf die Nerven: “Blockstreifenschatten der Lamellen, Schattenlamellen, ich muss an die Sauerkirschen in Joachims Garten denken”.

Die eingebettete Story vom Verschwinden ist spannend und gefiel mir dafür recht gut, sie hätte einen properen “Tatort”, einen soliden eigenen Krimiroman abgegeben. Leider aber entschied sich die Autorin für eine andere Erzählweise. Man mag es als Stilmittel betrachten, dass der Fluss in der übergeordneten Geschichte fast einschläft, aber eben dieses allgegenwärtige Warten, Wörter auf- und Schäfchen zählen habe ich als unglaublich zäh empfunden.
Ich wünsche mir sehr, dass Frau Hagena bald wieder einen Roman schreibt und zurück zu dem findet, was den “Geschmack von Apfelkernen” so wundervoll gemacht hat. Detaillierte Kindheitserinnerungen, die sich in ihrem neuen Roman leider nur vereinzelt finden, hier eine Kostprobe:

Heidrun und die anderen Mütter zogen sich in riesigen Frotteeumhängen um. Am Hals wurde “der Schlauch” mit einer dicken Kordel zugezogen, und so duckten und wanden sich unserer Mütter darin wie in einem seltsamen Tanz. Sie stießen mit ihren Ellbogen und Hintern in dem Sack herum, sodass er sich in alle Richtungen ausbeulte. […] Nach wenigen Minuten des Knuffens und Schlängelns streiften sich die Mütter den schweren Frotteesack über den Kopf und standen entweder im Bikini oder in ihren Kleidern auf der Badematte, je nachdem, ob sie kamen oder gingen. Unser Schlauch war von einem fürstlichen Korallenrot mit einem blauen Rankenmuster und einer blauen Kordel, aber Anfang der Achtzigerjahre begann sich Heidrun für ihre Verschämtheit zu schämen. […] Aus unserem Schlauch schnitt sie zweiundfünfzig Wischlappen. Wir benutzen sie immer noch.

Schön, oder? Unser Frotteesack war übrigens helltürkis mit einem blau-lilanen Rankenmuster! 😉
Wer “Der Geschmack von Apfelkernen” einmal lesen mag, dem sei dieser Roman wärmstens ans Herz gelegt. “Vom Schlafen und Verschwinden” kann ich leider, trotz ein paar hübscher Stellen, die ich mir angestrichen habe, nur sehr geduldigen Lesern empfehlen.

Quelle: Katharina Hagena, “Vom Schlafen und Verschwinden” Verlag Kiepenheuer&Witsch, Auflage: 2 (10. September 2012)

The fault in our stars

Eigentlich möchte ich hier gar nicht nur noch Buchbesprechungen schreiben, sondern lieber selbst schreiben und nicht kommentieren, was andere vor mir geschrieben haben. Andererseits gibt es Bücher, selten zwar aber dafür umso kostbarer, die ich am liebsten gerne selbst geschrieben hätte und die deswegen Herzensdinge sind – und für Herzensdinge ist mein Blog ja da.

In John Greens “Das Schicksal ist ein mieser Verräter” verliebte ich mich sofort wegen seines Titels. Ich dachte “genau!” und griff nach dem Buch, als ich es in der Kölner Bahnhofsbuchhandlung entdeckte. Ich schlug es auf, las den englischen Originaltitel, “The fault in our stars” – und verliebte mich noch viel mehr. thefaultinourstars.jpg

Ich gebe zu, ich war skeptisch, als ich begann, es zu lesen. Ein Buch, in dem zwei jugendliche Protagonisten Krebs haben – möchte ich das wirklich lesen? Nach dem ersten Kapitel wusste ich: Ich möchte nicht nur, ich muss. Helen ließ mich nicht mehr los, denn sie hasst es, wenn Menschen ihr komisch begegnen, weil sie Krebs hat. Ehrlich und direkt ist Helen, wie man es vielleicht nur kann, wenn man als junger Mensch schon so viel erlebt hat, wie andere Menschen in einem ganzen Leben. “Krebskinder sind eine Nebenwirkung der unermüdlichen Mutation, die die Vielfalt des Lebens auf der Erde sichert” sagt Helen einmal – und diese Geschichte nimmt uns mit in ihre Welt, realistisch, ohne den Pathos und Kitsch, den andere Bücher zum Thema oft mit sich bringen. Nicht so in Greens Roman, der vom Leben (und Sterben) in all seiner Traurigkeit – aber auch in seiner Fülle erzählt.

Helens Todesurteil “unheilbar” ist nur aufgeschoben, als sie in der Selbsthilfegruppe Augustus kennen lernt, der durch ein Osteosarkom ein Bein verloren hat. Die beiden verbindet bald eine Liebe, wie sie jeder einmal im Leben erlebt haben sollte. Stundenlang reden, sich alles erzählen oder schweigen und keinen Moment daran zweifeln, dass man den anderen immer und überall hin begleiten wird. Auch dann, wenn das Schicksal sich am Ende als ein mieser Verräter erweist und nichts übrig bleibt außer einer Ansage auf der Mailbox, die du dir immer wieder anhören möchtest.

Auch wenn ich mir als Leser Happy Endings wünsche, so machte mir Helen sehr schnell klar, dass ihre und Gus’ Sterne von Anfang an nicht günstig standen – und ich konnte es akzeptieren. Ihre Krebsgeschichte, das sind eben die vielen Schläuche, das Krankenhausweiß und die freundlichen Pfleger, Kinder in Rollstühlen, besorgte Angehörige, Freunde, die einen anders behandeln, das Abschied nehmen von Leidensgenossen. Aber es ist auch das Besondere in einem Glas Champagner an einem einzigen perfekten Abend in Amsterdam, dem Atmen des geliebten Menschen neben Dir, seine Hand zu halten und einen Moment lang die Zeit langsamer laufen zu lassen. Greens Roman fasst zwischen zwei Buchdeckeln das Äquivalent eines ganzen Lebens: Seine Figuren sind realistisch und alleine damit gelingt dem Autor in meinen Augen, dass diese Geschichte überhaupt erträglich erzählt werden kann. Helens und Gus’ hinterlassen Spuren wie wir alle. In den Erinnerungen anderer Menschen, die uns zu mehr machen als eine reine Nebenwirkung oder eine Momentaufnahme des menschlichen Lebens.

“Es gab eine Zeit, bevor die Organismen zu Bewusstsein kamen, und es wird eine Zeit danach geben. Und wenn es die Unausweichlichkeit des menschlichen Vergessens ist, die dir Angst macht, dann rate ich dir eins: ignorier sie einfach. Das ist weiß Gott, was alle anderen machen.”

Vier Arten, die Liebe zu vergessen

Das Buch “Vier Arten, die Liebe zu vergessen” von Thommie Bayer hatte ich einer lieben Freundin zum Geburtstag geschenkt – und konnte natürlich nicht widerstehen, es mir auch gleich selbst zuzulegen. Das Taschenbuch erscheint zwar erst im Oktober, aber auch die Hardcover-Ausgabe ist, wie ich finde, jeden Cent wert. Ich gebe zu, es hat für meine Verhältnisse ein wenig zu lange gedauert, dieses Buch zu lesen. Völlig unverständlich, denn wenn man einmal “drin” ist, liest es sich wie ein einziger Gedankenfluss.

Thommie Bayer liegt mir als Autor sehr am Herzen, seit ich 2009 im Rahmen meines Volontariats auf einer Lesung von ihm im Hamburger Literaturhaus war und einen Blogeintrag über diesen wahnsinnig sympathischen Autor und sein Buch “Aprilwetter” schrieb, der leider nicht mehr online zu lesen ist 🙁 Ich las daraufhin “Eine kurze Geschichte vom Glück“, das ich jedem nur wärmstens empfehlen kann.

Klar, dass ich auch “Vier Arten, die Liebe zu vergessen” unbedingt lesen musste. Es geht um vier Männer, alte Jugendfreunde, die einander seit 20 Jahren nicht gesehen haben und zur Beerdigung ihrer Lehrerin Emmi wieder aufeinander treffen. Die Vier, die früher nicht nur Freunde, sondern auch eine Musikband gewesen waren und nun so völlig unterschiedliche Leben fern voneinander führen, verabreden sich zu einem Wiedersehen bei Michael in Venedig.

Vier Leben, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch miteinander verwoben und verbunden sind, durch ihre Frauengeschichten, die Musik, die immer noch in ihnen allen klingt und durch Erinnerungen. Thommie Bayer gelingt es wieder einmal virtuos, die parallelen Erzählstränge, Venedig im Wechsel mit den Erinnerungen der Vier, die sich durch das Buch ziehen und Stückchen für Stückchen die ganze Geschichte der Freundschaft offen legen, zu verbinden. “Gefühlvoll” und “musikalisch” erzählt er, so dass man sich auch als Frau hineinversetzen kann in diese Gefühlswelt von mittelalten Männern. Ein paar Mal – und auch das gelingt Thommie Bayer stets ohne vorankündigende Trommelwirbel – macht die Erzählung schmunzeln und weckt große Sympathien selbst für den verschrobensten Charakter. Meine Lieblingsstelle:

“Das Frühstück verlief in dem typischen, scheinbar mürrischen, in Wirklichkeit aber einfach nur gelassenen Schweigen, mit dem sich Männer auf der ganzen Welt in den Tag hineintasten. Wenn sie unter sich sind und nicht eloquent sein müssen.”

(Thommie Bayer: “Vier Arten, die Liebe zu vergessen”, S.216)

Es ist schwierig, nicht zu viel zu verraten, denn so wie der Protagonist Michael erfährt man auch als Leser erst nach und nach, was das Leben mit den vier Freunden angestellt hat. Mit der wachsenden Vertrautheit, der nötigen Zeit, die Männer einander für solche Gespräche lassen, kommen diese Ereignisse und Gefühle ans Licht.

Fazit: Am besten selbst lesen und sich verlieben in diese vier komischen Kerle, irische Musik, venezianische Plätze – und wieder einmal in Thommie Bayers Schreibkunst!