Schlaf in den Mai

Einsamkeit ist ein Zustand, der in keiner Korrelation zu deinem Beziehungsstatus steht. Blödsinn, wo hast du denn das wieder her? Hab ich mir ausgedacht. Stimmt aber doch. Man kann sich einsam fühlen obwohl man Freunde hat, sogar wenn man einen Partner hat. Ist ja auch nicht schlimm, manchmal hat man nichts gemeinsam und dann ist man eben einsam. Oh, jetzt reimst du auch noch? Solltest du nicht eigentlich draußen sein, feiern? Walpurgisnacht – das ist doch für eine alte Gewitterhexe wie dich eigentlich die Nacht der Nächte.
Stimmt. Sollte ich vielleicht. Ist aber niemand da. Beziehungsweise, die sind dort und ich bin hier. Alle, mit denen ich vielleicht rausgehen würde sind in der Heimat und hier haben alle entweder einen Hund, ein Baby oder ein Alkoholproblem. In dem Falle ist es also selbst gewählte Einsamkeit. Was es nicht besser macht. Dabei ist wirklich die ganze Stadt auf den Beinen. Dieses „Tanz in den Mai“-Ding ist analog zum Silvesterabend – nur halt im Frühjahr und ohne Feuerwerk. Diese ständige Fragerei „Und was machst DU so Tanz in den Mai??“, die überteuerten Veranstaltungen, das zwanghafte Draußen-Rumstehen (weil ja Frühling ist), obwohl alle lieber drinnen sitzen würden (weil es im April nachts halt noch kalt ist).
Als ich irgendwann nach 20 Uhr das Büro verlasse, summt die Stadt wie unter einer Insektenplage: lauter frisch geduschte rausgeputzte Stadtmenschen, schnell noch eine Pulle Sekt gekauft, Partner untern Arm gehakt und auf geht’s zu irgendeiner Feier oder lässig im Park rumliegen. Ein paar meiner Bekannten auch. Aber ich glaub ich bin keine gute Gesellschaft heute Abend. Ich bin müde, traurig und zu zwanghaftem Fröhlich sein lasse ich mich nur an Karneval herab. Ganz abgesehen davon, dass ich momentan so gar keine Lust verspüre, an den Trinkgelagen meines Freundes zu partizipieren. Anders als diese Leute habe ich vor, mit meiner Suche nach dem Gleichgewicht gleich morgen weiter zu machen: Spazieren gehen, lesen, vielleicht ein paar Fotos machen oder eine Schreibübung stehen auf dem Programm. #SchlafInDenMai heißt das diesjährige Motto! Säufer haben es noch nicht zu viel gebracht. Außer vielleicht Hemingway. Aber der war primär Angler. Außerdem sagt man sich, er solle ein Arsch gewesen sein. Ich hingegen bin ja kein Arsch, nur temporär etwas a-sozial. Wein und ein Buch genügen mir als Gesellschaft. Verarscht: den Wein habe ich auch eingetauscht, gegen grünen Tee. Klappt aber nicht. Bin immer noch traurig und habe Heimweh.
Zuhause, ja – da blühen jetzt die Lindenbäume und auf dem Dorfplatz wird der Maibaum bewacht und morgen früh dann stehen überall, wo junge Mädchen wohnen, die geschmückten Maibäume mit bunten Bändern dran. Hach! Es ist lange her, dass ich einen Maibaum bekommen habe. Wer zu alt ist um mit zu feiern, der kann das wohl auch nicht mehr erwarten. Aber jetzt seien wir doch mal ehrlich: Ist es denn jemals anders gewesen bei mir? Habe ich früher (in den Mai) getanzt? Wenn meine Lieben hier wären oder ich jetzt bei ihnen, wäre ich dann einer von den duftenden Menschen auf dem Weg irgendwo hin oder einer von denen, die draußen vor der Bar stehen und sich unterhalten?
Nein.
Aber es ist ein Unterschied, theoretisch die Chance zu haben, sich dafür entscheiden zu können.