Sommermeckerei

Hallo allerseits,

es ist wieder drei-Tage-Sommer in Hamburg eingekehrt und damit ist’s an der Zeit für meinen alljährlichen Sommer-Beschwerde-Post. Ich habe dabei ein ziemliches déjà vu und vermutlich habe ich das alles schon im letzten drei-Tage-Sommer geschrieben, aber: Ich hasse den Sommer!

Dank funktionierender Tageslicht-Biorhythmus-Dingsi bin ich derzeit ganz früh wach und könnte auch entsprechend früh im Büro sein – wenn da nicht dieses Problem wäre: Was soll ich bitte anziehen? Ich sehe einfach gelinde gesagt scheiße aus in Sommerklamotten! Der Sommer muss ja auch immer so plötzlich kommen und so sitze ich dann schwitzend in meinen Übergangsklamotten am Schreibtisch und hasse mich für jeden fröhlich verputzten Kinderriegel und jedes Wecker-nochmal-ne-Stunde-weiter-stellen anstatt morgens wie geplant joggen zu gehen. Manno. Selbst schuld, aber trotzdem…

Ich weiß nicht, ob es jemandem außer mir aufgefallen ist, aber in Hamburgs drei-Tage-Sommer verschwinden plötzlich alle moppeligen und kurzbeinigen Menschen von der Straße. In der U-Bahn schaue ich auf die Füße der Mädels – alles Gazellen, die trotz Ballerinas zu kurzen Hosen schlanke und laaaange Beine enthüllen. Frauen, die trotz alberner Hippie-WallaWalla-Hängerchen irgendwie schick und frisch und naja…halt sommerlich aussehen.

Wie machen die das? Wenn ich mir so ein Hippieding überziehe, bringen sie mich zur nächsten Hebammen-Praxis. Meine Sommergarderobe beschränkt sich auf zwei Röcke und ein paar viel zu festliche Kleider. Wenn ich die anziehe, braucht es hohe Schuhe und schwupps sehe ich aus als wolle ich zu einer Hochzeit, abends noch in die Oper oder auf den Kiez. Im Sommerkleid mit Trägerchen und Ausschnitt würde ich vielleicht zum Strand latschen, aber sicherlich nicht in ein Meeting. Was bleibt also? Bleistiftrock zu dünnen Blusen? Sorry, aber ich arbeite in einer Gaming-Firma. Bei uns fällt man schon auf wie ein bunter Hund, wenn man mal eine andere Farbe als schwarz trägt. Heute trage ich einen Rock und dazu Pumps, weil ich in flachen Schuhen aussehen würde wie eine osteuropäische Landfrau. Prompt werde ich von 5 Leuten angesprochen, ob ich noch was vor habe, auf eine 50er-Jahre-Party gehen zum Beispiel. Dabei will ich doch im Sommer nur eins: Unsichtbar sein, in meiner kühlen Ecke sitzen und auf das nächste Gewitter warten. Oder den Herbst.

Wintermädchen

Frühling lässt sein blaues Band…blablabla. Ja, leider: Er ist’s!

Frühling kann man das allerdings nicht nennen, was da draußen gerade abgeht: Mir kommt es vor, als hätte jemand die Heizung von „tiefster Winter“ auf „Hochsommer“ umgestellt – und das quasi über Nacht. Vorletztes Wochenende war ich noch mit den Romberg Mädels, eingepackt in Stiefel, Handschuhe und mit einem Heißgetränk bewaffnet, zu einem vorsichtigen ersten Frühjahrs-Sondierungs-Spaziergang im Planten un Blomen…und heute? Heute liegen da die ersten unsäglichen Hamburger mit Sonnenbrand auf der Wiese herum. In der Mittagspause kann man kaum noch irgendwo hintreten. Wie Eidechsen kommen die Hamburger bei Sonne aus ihren Löchern und flanieren sinnlos herum. So wie sie sonst immer und überall einen Regenschirm her zu zaubern vermögen, haben sie anscheinend auch immer Sandalen und Sonnenbrille an Bord – anders kann ich mir diese rasante Adaption nicht erklären. Ich hingegen versuche verzweifelt, in meiner Übergangsjacke nicht zu schwitzen, während ich den wild gewordenen Sonnenanbetern ausweiche. Wo ist der Frühling geblieben? Die Blüten, der Duft, die langsam erwachende Natur?

Jetzt ist meine Zeit gekommen, mich übers Wetter zu beschweren. Alle beschweren sich von September bis April, dass es grau ist, regnet und ihnen kalt ist. Hat man von mir auf twitter Beschwerden übers Wetter gelesen? Nein, ich glaube nicht. Warum? Weil ich ein Wintermädchen bin…oder zumindest ein Herbstmädchen. Ich mag es, mich zuhause in lange Pullis und dicke Muckelsocken zu hüllen. Mag den Regen, der die Straßen leer fegt, den ersten Schnee, der die Welt weiß verzaubert und alle Geräusche dämpft. Ich mag es, im Winter die einzige im Büro zu sein, die nicht friert.

Heute bin ich die einzige, die friert, weil alle die Fenster aufreißen wie die Bekloppten, obwohl es hier gar nicht warm ist. Das Gebäude liegt doch im Schatten und hier zieht es, verdammt! Aber draußen scheint ja die Sonne. Wahnsinn. Total supi. Einfach zum Ausrasten. Man möchte sich die Klamotten vom Leib reißen und die winterweißen Beine präsentieren oder – noch besser – sie in bunte Leggings stecken und die Winterpölsterchen so richtig zu Schau stellen! Überall nackte Menschenfüße ohne Maniküre – vor lauter Sommereinbruch war dazu keine Zeit mehr. Mein schönes Geheimtipp-Café mit dem guten Kaffee, wo man nie einen Kollegen traf? Vollkommen überfüllt, weil man da ja jetzt draußen sitzen kann. Ausrasten. Stundenlang in der Sonne hocken und sich dann total freuen, dass man den ersten Sonnenbrand des Jahres hat. Das ist der „Harlem Shake“ des Hamburgers diesen April.

Nein, ich komme nicht mit an die Alster. Ich werde mir mein Mittagessen auf dem Weg zur Arbeit organisieren, damit ich in der Pause nicht Spießruten laufen muss durch die Menschenmenge. Ich werde erst dann wieder ins Freie gehen, wenn der Regen kommt. Regen, der den warmen Boden dampfen lässt. Am besten ein kleines Gewitter. Sintflutbäche, die die Menschen wieder in ihre Löcher zurück spülen. Alles wird dann wieder nach Natur riechen, nach feuchter Erde anstatt nach Mofa-Auspuff und Iced Moccas und dann, hoffentlich, dann kommt auch endlich der Frühling, den ich so vermisse.

 

Holunderblüten

Ich habe den Abend zuhause verbracht. Nicht im Park, nicht beim Grillen oder im Garten, die restlichen Sonnenstrahlen genießen. Ich wollte alleine sein, ein Glas Sekt trinken auf mich selbst, weil ich die letzten Tage überstanden habe im Job, die so ziemlich die härtesten waren bisher in meiner Laufbahn. Sekt mit Holunder, diesen Sommer gibt es das komischerweise überall.
Ich liebe Holunder. Den Duft der Blütendolden, die Süße…das weckt Erinnerungen an früher, als Mama und ich im Hochsommer mit dem Fahrrad durch die Felder fuhren. Der blaue Korb war dabei, mit dem blau-weiß gestreiften Futter. Der Nachbarshund. An den Wegesrändern überall: Holunder. Wir pflückten stundenlang. Naja: Mama pflückte, ich spielte mit dem Hund. Früher war ich genervt, dass es bei uns statt wie in anderen Familien nicht Limonade aus dem Laden gab, sondern selbstgemachten Holundersirup, aufgegossen mit Mineralwasser. Sommer für Sommer…
In meiner Kindheit schien immer die Sonne im Sommer. Auch vor 12 Jahren war es warm. Der 3. August, an dem Mama von uns ging, war ein stiller, schöner Sommertag.

Ich habe heute Nacht von ihr geträumt, endlich einmal wieder. Jedes der seltenen Male, die sie mich im Traum besucht, ist anders. Manchmal reden wir einfach stundenlang, manchmal lachen oder weinen wir, aber immer ist es genau so, wie es eben war mit ihr – es hält meine Erinnerungen wach und so intensiv, dass die Farbe ihrer leuchtenden Augen, der Klang ihres Lachens, die Wärme ihrer Umarmung lebendig bleibt. In diesem Traum dieses Mal hatte sie jedoch Krebs, zum zweiten Mal. Wir waren in einem Krankenhaus, die Diagnose noch ganz frisch, meine Mama voller Kraft und Optimismus.
Zwölf Jahre sind vergangen und plötzlich sind alle Gefühle zugleich wieder da: Die Angst vor der Krankheit, die über allem schwebt. Sich in jedes Lachen frisst, jeden herrlichen Moment mit einem Drängen überzieht, man muss ihn genießen, los, jetzt, es könnte doch das letzte Mal sein. Auch die leise Hoffnung, die man hat, irgendwo ganz hinten, dass es dieses Mal gut geht, dass diese Runde an uns geht, dass alles doch noch gut werden kann. Und dann diese unglaubliche Wärme, dieses dankbare, vollkommene Glücksgefühl, dass sie gerade jetzt da ist. Krank ja, todkrank vielleicht – wer weiß – aber einfach DA. Verharren möchte man, in dieser Dankbarkeit, für immer.

Ich erhebe mein Glas auf Dich, Mama. Wie gerne würde ich mit Dir den Sommer genießen, mit Dir über das Leben reden und Holundersekt trinken.
Ich hoffe, dass es dort wo Du jetzt bist, viele schöne Wege und blühende Sträucher gibt. Vielleicht gehen Deine Lieben dort mit Dir spazieren. Eines Tages werden wir auch wieder zusammen Holunder pflücken und einkochen und ich hoffe, dann erklärst Du mir das Geheimnis, warum der Holundersirup nach Deinem Rezept nie wieder so gut schmecken wird wie damals, in unseren Sommertagen.