Abendstimmung

Loslassen.
Loslassen.
Ich sitze im Garten meines Elternhauses. Dieses Hauses, das so vieles erlebt hat. Lachen. Weinen. Neuanfänge und Trauer. Babykatzen. Katzengräber. Junge Paare voller Hoffnung. Schwarz-weiße Erinnerungsfotos. All das steckt in seinen Mauern und dennoch bleibt es Zuflucht, ist es Zuhause, steht es dort und wartet auf bessere Zeiten.
Die Sonne geht gerade unter über unserem Dorf. Einer seiner Söhne wird nie mehr nach Hause kehren. Einer von Weidens’ Kätchens Jungs ist jetzt weniger auf der Welt.
Und ein anderes Weidenskind starrt den Sonnenuntergang und weiß gerade nicht mehr wohin mit diesem fragilen Ding, das sich Leben nennt und das gefüllt und gelebt und geliebt werden will. Weil gerade alles so scheint, als möchte es nie wieder Morgen werden.

Ein Teil von mir schaut mit Bedauern zurück.
Ich wünschte ich hätte die Gelegenheit erhalten, all das – all das wir, all das uns – mit dir zu besprechen. Nur wir beide. Ehrlich. Offen. Miteinander, wie es hätte sein sollen zwischen uns. Seitdem wir uns gestern das erste Mal nach Monaten gesehen haben, weint mein Herz wieder wie am ersten Tag. Weint um die schöne Zeit, die Liebe, die wir einst hatten und die besonders war, dass es unmöglich scheint, jemals wieder so empfinden zu können.
Als die Richterin uns fragte, ob wir wirklich nicht glauben, unsere Ehe noch einmal aufzunehmen zu können, da wollte diese Seite von mir ganz laut “DOCH!” rufen. So laut hat meine Seele gerufen, dass ich glaube du wirst es wohl gehört haben.
Doch ich sagte “Nein”. Deinetwegen. Ich habe dich frei gegeben, weil du es wolltest. Mein allerletztes Geschenk an dich. Ein Teil von mir ist unendlich traurig seitdem. Ich vermisse dich an meiner Seite, der mich heute, an diesem traurigen Tag, getröstet hätte. Der nichts hätte sagen brauchen. Du wärst einfach da gewesen und die Welt wäre still geworden. So wie wir jede Nacht eingeschlafen sind, uns irgendwo berührend, weil nur das uns beiden verletzten Seelen Frieden schenken konnte.
Oft wache ich Nachts auf und finde dich nicht.

Auch Du hast “Nein” gesagt. Schon viele Monate vorher. Am Traualtar, als du “Ja” sagtest, irgendwas in dir jedoch “Ich weiß nicht mehr” meinte. So laut, dass ich es gehört habe. Die Monate danach waren ein einziges Drama, ein Alptraum, aus dem ich jede Nacht aufwache. Weg war der Mensch, den ich geliebt, der mit mir gelacht hat, der mit mir in unserer kleinen Welt große Träume träumte. Ein anderer war da an deiner Stelle, der sich selbst zugrunde richtete. Der sich hasste für die schlimmen Dinge die er tat und dann mich hasste und dann wieder sich, weil ich all das nicht verdiente und irgendwo doch daran schuld war, weil ich nicht einfach ging. Ich wollte dir die Hand reichen, immer wieder. Weil ich an dich glaubte. Bis gestern glaubte, dass dein wahres Ich irgendwann zurück kehrt und gewinnt über “den anderen” wie ich ihn nannte. Unbewusst habe ich wohl immer gehofft, dass dir deine Lügen leid tun, dass das “wir” stärker ist als deine Dämonen, dass du sie mit mir gemeinsam bekämpfen willst. Aber du hast dich dagegen entschieden und findest deinen Frieden woanders. Ein Teil von mir ist unendlich traurig, dass du nicht der bist, den ich in dir gesehen habe.

Ein anderer Teil von mir schaut hoffnungsvoll nach vorne. Er hat über die letzten Monate nicht sentimental zurückgeschaut, sondern vor allem die Unterschiede bemerkt, die uns zuletzt immer wieder dazu gebracht haben, uns aneinander zu stören. Dein Lebensstil und meiner, die wollten nicht mehr zusammen passen und keiner wollte mehr zurückstecken. Dieser Teil von mir ahnt, dass du längst weiter gegangen bist und in mir trotz der netten Dinge die du gestern gesagt hast, nicht mehr siehst, was du einst gesehen hast. Ich habe mich entschieden, dass erst dann wieder jemand in mein Leben passt, wenn er eben passt. Ich habe zu viele Zugeständnisse gemacht und auf der anderen Seite viel zu wenig gebremst, wo ich es hätte tun sollen, weil es Grenzen aufgezeigt hätte. Ich habe dazu gelernt.
Ich bin dir dankbar: Für eine wundervolle Zeit. Für das Gefühl zu wissen, wie echtes Glück sich anfühlt. Und auch für die Erfahrung, wie bitter geplatzte Träume schmecken.

Akzeptieren.
Akzeptieren.

Momentum

Bei den wenigsten Menschen verläuft das Leben in geraden Linien. Es ist vielmehr ein Weg durch hügelige Landschaft, von Kratern, Umwegen, Sackgassen und Gewässern durchzogen. Manche vergleichen es mit einer Achterbahnfahrt bei der sicher ist: Nachdem es hoch hinaus geht, folgt der Fall. Oder anders: Nach der Talfahrt geht’s bergauf.
Wir alle erleben schlimme Dinge früher oder später im Leben, die uns prägen, von denen wir uns erholen müssen, lernen, uns wappnen, aufstehen und weitermachen. Auch wenn jeder von uns bestimmt diese eine Person kennt, der vermeintlich immer die Sonne aus dem Hintern zu scheinen, die positiven Dinge mühelos zuzufliegen und das Schicksal immer in die Karten zu spielen scheint – solchen Neid muss man bei Seite legen. Es ist Unsinn. Der Teufel sch**** nicht immer auf den gleichen Haufen. Er trifft jeden von uns. Genau da, wo es individuell am schlimmsten ist. Weil auch das zum Leben gehört. Manche Menschen haben eine schlimme Kindheit erlebt, einen geliebten Menschen verloren, sind krank geworden, ohne Arbeit, ungewollt kinderlos oder haben ganz andere Narben davon getragen. Was uns vereint, ist die Physik des Lebensweges: Um den Schwung für die Bergetappe zu bekommen und um weiter zu leben, müssen wir uns diesen Situationen stellen. Sie verarbeiten. Wir müssen uns adaptieren und wieder zurück ins Leben finden denn: Wir haben nur das eine. Aufgeben ist keine Option, weil es das Ende des Seins bedeutet.
Um sich von einer Disruption im Leben zu erholen, entwickelt jeder eigene Mechanismen. Manche wickeln ihre Seele in einen Kokon und schnüren sie fest ein. Selbstschutz. Verdrängung. Manchmal klappt es, manchmal geht es nach hinten los. Andere – dazu gehöre ich auch – tendieren dazu, gründlich und lange zu verarbeiten, zu reflektieren und zu versuchen, Leitsätze für die Zukunft abzuleiten. Bücher wie “Krankheit als Weg” oder “Vom Manager zum Mönch” sind solche Beispiele von Menschen, denen durch Krankheit das Licht aufgegangen ist in ihrem Seelen-Kartenhaus. Aus zerrütteten menschlichen Beziehungen lernt man: Warum hat die Partnerschaft/Freundschaft geendet? Was habe ich gesucht darin, was sich nicht erfüllt hat? Was suche ich generell bei anderen Menschen, das mir selbst fehlt? Benutze ich Menschen am Ende nur, um mich geliebt/behütet/versorgt/unterhalten zu fühlen? Welche Eigenschaften braucht ein Partner in meinem Leben dann, wenn ich lernen kann, glücklich, in mir ruhend und “genug” zu sein? Das Licht am Ende einer menschlichen Beziehung heißt Selbsterkenntnis, gefolgt von mehr Selbst-Liebe. Ohne sie kommt der nächste Looping garantiert sofort, nur mit einem anderen Partner.
Schwierig sind Traumata und Trauerprozesse. Auch hier fehlt das Licht, das aus der Dunkelheit führt. Selbstliebe ist ein Schlüssel, der sich gut in den Wirren unseres Lebens verbirgt. Akzeptanz, dass Menschen nicht für immer bei uns bleiben, ein weiterer. Dennoch dauert es sehr lange, los zu lassen.
Den Weg aus einer Krise zu finden gelingt nicht beim ersten Anlauf. Es passiert schnell und ohne dein Verschulden und schon purzelst du wieder zurück. Ein Jahrestag. Ein Geburtstag, den man nicht mehr miteinander feiern kann. Eine Neuigkeit, die bestätigt was du längst wusstest und trotzdem ein erneuter Schlag in die Magengrube ist. Ein Lied, das auf einer Beerdigung gespielt wurde. Die Gefühle, mit denen du die letzten Monate verbracht hast, prallen erneut auf dich ein: Vermissen, Schmerz, Enttäuschung.
Aber: Sie sind weniger heftig als vorher. Wie bei einem Ball, der nach dem zweiten, dritten, vierten Aufprall nicht mehr ganz so hoch springt. Irgendwann wird das Ziel erreicht sein und dann kannst du zurückblicken und erkennen: Du bist jetzt um eine Erfahrung reicher. Stärker. Du kannst alles bewältigen. Du weißt, wer wahre Freunde sind.
Die Tränen versiegen schneller von Mal zu Mal.
Ich verspreche es mir.

Es wäre heut’ nicht wie es ist,
wär’ es damals nicht gewesen wie es war
Der Sinn des Lebens ist leben.

(Caspar, “Das Grizzly Lied”)

Ein leeres Blatt Papier vor mir und keine Ahnung, wie ich anfangen soll…Ich habe das Schreiben vernachlässigt und jetzt ruft alles in mir, dass ich anfangen, es mir von der Seele schreiben sollte. Vier Wochen sind vergangen, seit mein Leben sich um 180° gedreht hat. Nein, das ist ein zu schwacher Anfang für diese Geschichte:

Vier Wochen, seitdem sich der Abgrund zu meinen Füßen aufgetan hat.
Er sagt, dass es nicht aus heiterem Himmel kam, dass ich genug Zeit gehabt hätte, es besser zu machen, die Vorzeichen des Erdbebens zu erkennen – doch rückwirkend erkenne ich immer noch nichts. Rein gar nichts. Trennungen passieren überall und eine Ehe ist eben auch nichts weiter als eine Beziehung zwischen zwei Menschen. Ein äußerst fragiles Konstrukt, bedenkt man, wie Emotionen funktionieren: Entsteht hier ein Ungleichgewicht, funktioniert nichts mehr und wenn sich auf einer Seite die Emotionen ändern hat die andere Seite keine Chance. Doch es gibt einem auch Sicherheit, so glaubt man, wenn man “Ja” sagt hat zueinander. Nicht umsonst heißt es Ehe-Versprechen. Einer der vielen Ratgeber, die ich in den letzten Wochen angehört habe, erklärt das so: Wenn jemand “Ja” zu dir sagt, dir zusagt, dass er dich liebt, dann ist dies nicht weniger als eine Bestätigung fürs Ich: dass du gut genug bist, liebenswert bist, deine Selbstzweifel und Verlustängste unbegründet sind. Darum genügt es vielen Menschen nicht, die berühmten drei Worte einmal zu hören. In einer Partnerschaft sucht der unsichere Mensch jene Bestätigung immer wieder, möchte sich der Liebe vergewissern. Er hat dieses Bekenntnis stets erneuert, mir oft gesagt, dass ich das Beste wäre, was ihm passiert sei. Dass er es nicht überleben, wenn mir etwas passieren würde. Fehldeutung. Denn das ist nicht gleichbedeutend mit Emotionen – diese können sich jederzeit ändern, wie ein Fähnlein im Wind. Emotionen kommen und gehen. Wie Wut, Traurigkeit, gute Laune, miese Laune, Freude. Ich habe mich in Sicherheit gefühlt, ein Fehler, den wohl die meisten in einer langjährigen Beziehung machen: Man baut die persönlichen Schutzwälle ab, ein gemeinsames Zuhause auf, sucht zusammen die Möbel aus und plant miteinander.
Die Bestätigung ist jetzt ausradiert wie die letzten fünf Jahre meines Lebens und meine Pläne für die Zukunft, die alle ihn beinhalteten. Alles zurück auf Anfang, aber einen Rucksack voll mit neuen Ängsten und Zweifeln geschultert. Was ist falsch mit mir? Was treibt jemanden, der “Ja” gesagt hat zu mir dazu, mich mit einem schlecht verpackten “vielleicht” und Wochen später mit einem endgültigen, kalten “Nein” aus seinem Leben, aus unserem gemeinsamen Zuhause auszuschließen?

Was I out of line?
Did I say something way too honest, made you run & hide
like a scared little boy?
I looked into your eyes, thought I knew you for a minute
now I’m not so sure…

Ich verstehe immer noch nicht. Nichts. Wenige Erklärungen, die sich anhörten wie aus einem Lehrbuch: Sich jetzt mal um sich kümmern müssen. Seine Probleme alleine bewältigen. Für sich entscheiden, dass das Schlechte gegenüber dem Guten zwischen uns am Ende überwogen hat. Keine Aussprache, keine Kompromisse. Mauer hoch und da drüben ist die Tür. Sein Konstrukt, seine Begründungen, sein “vertrau mir, es ist für uns beide besser so” kann ich nicht nachvollziehen. Vertrauen?
Wirklich jetzt?

Du hast geschworen dass du da bist in Glück oder Panik,
hast geschworen du gibst Halt, doch wenn ich fall spür ich gar nix.

Ich könnte eine ganze Magisterarbeit darüber schreiben, wie sich ein Liebeskummer-Drama in mehreren Akten abspielt. Welche Fehler du machst, welches die “richtigen” Schritte sind. Glaubt mir – gebt mir reichlich Kaffee und ich schreibe euch auf der Stelle 80 Seiten darüber herunter.
Die Grundvoraussetzung all dessen ist, dass man das Geschehene erst einmal realisiert. Das ist wohl Phase Eins. Dass man versteht “Scheiße, es ist wirklich vorbei”. Das ist bei mir mal der Fall, mal nicht. Manch einen Morgen werde ich wach und suche ihn und unseren Stoffhund, denke ich bin im Urlaub, bis mir beim Zähneputzen die Decke auf den Kopf fällt. Weg. Für immer. Aus und vorbei. An anderen Tagen ist die Gewissheit bereits da und die Panik nicht mehr immens, nur dumpfe Traurigkeit in meiner Brust. Sie begleitet mich den ganzen Tag. Ich wandere durch mein Asyl, arbeite ein bisschen, beschäftige mich, rede kaum. In ständiger Gefahr dass wieder etwas passiert, das die Wunde noch tiefer aufreißt. Sei es durch eine “informative” Kurznachricht von ihm, dass für die Steuererklärung noch ein Dokument fehlt. Oder nachdem man sich in einem kurzen Motivationsschub aufmacht, das Haus ein wenig für Ostern zu schmücken und im Keller Begegnung mit einem zum Trocknen aufgehängten Strauß Valentinsrosen macht, die er einem 14 Tage vorher noch geschenkt hatte.

I can see your eyes staring into mine,
But it’s a battlefield and you’re on the other side.
You can throw your words, sharper than a knife,
And leave me cold in another house on fire.
I lay low, lay low and watch the bridges burn
I lay low, lay low. What more could I have done?
Now you only bring me black roses,
And they crumble into dust when they’re held
Now you only bring me black roses,
Under your spell

In der ersten Phase ist der stärkste Verbündete mein Selbstschutz: Wenn die Erde nachgibt unter deinen Füßen, alles auf dich einstürzt, gibt es kein Halten mehr. Lass dich fallen…fallen…und dann lauf, bevor die Nachbeben kommen. Andere beschreiben es wie Ertrinken, dein Herz zerspringt, die Luft bleibt weg und es gibt keinen Auftrieb. Er, der dich doch immer aufgefangen, dich gerettet hat, drückt dich jetzt erbarmungslos unter Wasser. Ich hatte Glück in Form von Freunden die kamen, eine Matratze in die Ecke gelegt und reichlich Wein haben fließen lassen. Notunterkunft für Jemanden, der einen Krieg mit sich selbst führt. Eine Gnadenfrist vom Arbeitgeber. Aufschub, um erstmal zur Familie zu gehen, die Wunden zu lecken, sich umzusehen, woher der Erdrutsch gekommen ist. Und dann stehst du da, zitternd und verwundet, vor einem gigantischen Berg: Ich habe einen Job in einer anderen Stadt, keine Wohnung mehr, all meine Sachen sind noch da. Der Mensch, der für dich alles war, hat dir den Rücken gekehrt. Auf dem Papier besteht eine Ehe. Dinge, um die man sich jetzt nicht kümmern kann! Es mag sich übertrieben anhören, aber noch nie im Leben habe ich mich derart hilflos gefühlt. Leer, tieftraurig und völlig überfordert mit der Situation. An nichts will man denken müssen, vor allem nicht daran, jetzt zu funktionieren. Unfähig, einen sinnvollen Gedanken zu fassen außer “Das ist doch alles nicht wahr”.

Romeo save me, they try to tell me how to feel!
This love is difficult, but it’s real…
Don’t be afraid, we’ll make it out of this mess!
It’s a love story baby just say yes…

Die bittere Wahrheit: So ein Erdrutsch bringt dich nicht um. Das ist jetzt dein neues Leben, deine Wirklichkeit für die kommenden Wochen, Monate, wohlmöglich Jahre. Herzlich Willkommen am Boden.
Ich war vernünftig. Habe keine nächtlichen Anrufe gemacht, keine Betteleien, Beschimpfungen oder was man sonst im Alter von 15, 20, 25 Jahren gemacht hätte. Stattdessen habe ich Freunde und meinen Schwager vollgeheult. Richtig gejammert. Rotz und Wasser geheult, wie ein kleines Kind. Weil nichts anderes ging. Abgewartet. Zeit war nur zum totschlagen da. Mini-Ziele setzen. Eine Stunde rumkriegen, zwei Stunden, einen halben Tag. Endlich wieder schlafen dürfen, weil vom vielen Weinen erschöpft. The walking dead. Ins Bett fallen, hinein in die Leere. Fallen und im Einschlafen dann plötzlich ist er da: der verfluchte Funken Hoffnung, den man die ganze Zeit beiseite geschoben hat. Man ist schließlich erwachsen und weiß den Willen des anderen zu akzeptieren. Man möchte gerne morgen früh aufstehen, den Dreck abputzen und weitermachen. Aber es geht nicht. Der Mensch kann nicht ohne Hoffnung sein, habe ich einmal gelesen, irgendwas in uns treibt uns immer wieder dahin, in aussichtslosen Situationen zu hoffen. Hier hilft nur, sich immer wieder an das (und zwar nur das!) zu erinnern, was er gesagt hat zuletzt. Wie er sich vor dir aufgebaut hat mit verschränkten Armen, es dir verkündet hat und sich dann einfach wieder schlafen gelegt hat. Wie er es gesagt hat. Die letzten Nachrichten nochmal lesen. Nein, da ist kein Funke! Siehst du es ein, nichtsnutziges Menschlein?

It must have been love but it’s over now.
It must have been good but I lost it somehow.

Ich war noch nie jemand, der Gedanken gut abstellen kann. Verdrängung, Ablenkung und all die hübschen Spielchen, zu denen einem bei Liebeskummer geraten wird, funktionieren bei mir nicht. Dafür kenne ich mich zu gut als dass ich mich austricksen könnte. Was im Grunde gar nicht verkehrt ist. Emotionen müssen meiner Meinung nach raus und in jeder Literatur (ich sagte ja, man könnte ein Studium damit füllen) steht das gleiche: Trauern – erst dann geht es weiter, dann musst du einsehen, dass dein Herz höllisch weh tut und dir jetzt nichts übrig bleibt, als das Tal zu durchwandern. Alles andere ist, als würde man ein Ventil zuhalten und dem Wasserhahn sagen “Jetzt denk doch einfach mal an was schönes!” Es entsteht ein noch größerer Druck, die Ursache geht nicht weg davon, dass man sich der Realität nicht stellt. Sich zu früh zu stellen, ist allerdings ein Fehler.

Wenn man gegen seinen Willen frisch getrennt ist und aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen ist, sollte man Freunde schicken, zur Not den Kurier. Ich bin selbst hingefahren mit einem ganz klaren Plan: Ein paar Klamotten (mit drei paar Socken, einem Schlafanzug und den Klamotten am Leib kommt man nicht weit…) abholen, nicht groß reden, nicht streiten und vor allem sich nicht anmerken lassen, wie traurig man ist. Cool bleiben. Das ist gründlich in die Hose gegangen, was ja logisch ist: Wie will man cool bleiben, wenn das Zuhause, das du mit viel Liebe eingerichtet hast, aussieht als habe es auf dich gewartet. Wenn auf dem Tisch noch die Blumen stehen, die du für die Frühlingsdeko gekauft hattest, natürlich vertrocknet. Und dann sitzt da das Häufchen Elend, an dem all das auch nicht spurlos vorüber geht. Gedankenkreisel. Für ihn da sein wollen, ihn trösten. Schließlich bin ich seine Frau. Habe eine Verantwortung ihm gegenüber. Fühle mich verantwortlich und schuldig. Blödsinn, er wollte es so, also muss er damit jetzt alleine klar kommen. Ihm sagen, dass man trotzdem immer für ihn da sein wird. Weil man Mitleid hat und Liebe und Verbundenheit und all diese Scheißgefühle. Es hätte nur eines Wortes bedurft und ich wäre da gewesen. Aber es kam keines. Es wird keines kommen. Es sind hier keine Worte mehr für dich übrig.

Say something, I’m giving up on you.
I’m sorry that I couldn’t get to you.
Anywhere, I would’ve followed you.
Say something, I’m giving up on you.
And I will swallow my pride.
You’re the one that I love
And I’m saying goodbye.

Ich weiß jetzt, dass ich bis zur Auflösung der Wohnung keinen Fuß mehr dort reinsetzen möchte. Ich quäle mich genug zurzeit, da muss ich mich nicht auch noch physisch dem Ganzen aussetzen, ihm aussetzen. Auf der anderen Seite war es wichtig, nochmal zu sehen wovor ich weggehen sollte. Das Aufbäumen, die Wut in seinen Augen, wenn die Mauer hochgeht. Die Ablehnung gegen mich, die aus jeder Faser und jeder Bewegung spricht. Das ist nicht der Mann, mit dem ich gelebt habe, kein Mann mit dem ich weiterhin leben könnte. Dann auf einmal wieder Fürsorge, weil seine Schuldgefühle rauskommen. Das kleine Zimmer wäre zur Not frei. Er könne mich und meinen Koffer auch fahren, der wäre doch schwer…Schwer ist das, was auf meiner Seele lastet. Fünf ganze Jahre und ein Verrat von dem Menschen, dem Einen, der mir am wichtigsten war. Trag das mal. Das, mein Lieber, ist schwer!

Ob du dich irgendwann erbarmst und mir Antwort gibst
auf die Fragen, die den Kopf zersprengen,
den ich einst dir versprach immer hoch zu tragen.
Auch ich hab versprochen bei dir zu sein,
aber’s nicht gebrochen, auch wenn’s nicht so einfach war wie für dich, versteckt und verkrochen,
ich hab mich getäuscht in dir,
du bist viel zu schwach und bequem
um zu dem was du sagst zu stehen
oder einfach Rücksicht zu nehmen,
Du hast mich verlassen, Du bist derjenige, der Schulden hat,
also komm’ und kümmer’ dich
um die Last, die Selbstsucht erschafft!

Danach ging es mir tatsächlich eine Weile besser in meinem kleinen Tal. Weil ich mir – endlich – erlaubt habe, wütend zu sein. Sauer zu sein. Mich ungerecht behandelt zu fühlen. Wut ist unglaublich mächtig. Sie vertreibt die Dumpfheit, das Tote in dir und befeuert dich für einen Moment, gibt dir Kraft. Aber ich bin kein Mensch, der lange Hassgefühle hegen kann. Hass ist einfach nicht das Gefühl, das mein Leben bestimmt. Vor allem nicht für einen Menschen, der immer noch tief in meinem Herzen ist, egal was er mir getan hat.

Je mehr ich in der Zeit mit anderen gesprochen, zugehört und gelesen habe, desto stärker habe ich gemerkt: Du bist nicht alleine. Das, was du fühlst, ist nicht einzigartig! Diese Gedanken, das Schwanken zwischen Trauer, Wut, Zuneigung hat einfach Jeder, der verlassen wurde. So wie Liebe ist auch Trauer universell. Wir sind uns so unglaublich ähnlich in unserem Kummer. Irgendwie hat mich das getröstet.

Die Menschen, nach denen wir uns sehnen, sind auch kein bisschen einzigartig. So beschreibt beispielsweise Mehran Dadbeh, dessen Gedankenexperimente ich mir angesehen habe, um meine Gedanken in positivere Richtungen zu lenken: Wir alle sind bloß Kiesel an einem Strand. Du bist ein Kiesel, ein Mensch wie alle anderen auch. Rund, grau, gleichmäßig. Erst wenn du einen solchen Kiesel aufhebst, ihm Zeit widmest, ganz genau hinschaust und sein Muster entdeckst, wird dieser Kiesel für dich besonders, anders als all die anderen Kiesel! Es ist nur deine Betrachtungsweise, die diese besondere Verbindung herstellt zwischen euch, nicht der Kiesel an sich.

»Natürlich«, sagte der Fuchs. »Du bist für mich nur ein kleiner Junge, ein kleiner Junge wie hunderttausend andere auch. Ich brauche dich nicht. Und du brauchst mich auch nicht. Ich bin für dich ein Fuchs unter Hundertausenden von Füchsen. Aber wenn du mich zähmst, dann werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzigartig sein. Und ich werde für dich einzigartig sein in der ganzen Welt…«

Diese Erkenntnis hilft ein wenig. Räumlicher Abstand hilft ein wenig. Reden mit alten Freunden hilft ein wenig. An einem Ort zu sein, an dem alles schon vor ihm da war, mein Zuhause war, hilft ein wenig, Es setzt meine jetzigen Gefühle in Relation mit meinem restlichen Leben. Ja, fünf Jahre sind verschenkt, aber es gab ein Leben davor. Drei Wochen später kommt am Abend die erstaunliche Erkenntnis: Heute habe ich das erste Mal nicht geweint. Ist das der Durchbruch? Geht es nun endlich bergauf? Ich fühle mich beinahe so. Ich bin einige Stunden am Tag durchgehend produktiv. Das ist eines der wichtigsten Dinge, die ich gelernt habe: Nicht schnödes beschäftigt sein, produktiv sein hilft! Ich habe eine Wohnung gefunden für ein paar Monate, plane meinen Umzug zurück, habe einen Finanzplan, um einen Neuanfang irgendwann dann angehen zu können. Ich gewähre mir paar Monate Aufschub, bevor ich mich entscheide, welche Möbel ich will und offiziell den Papierkram mit ihm zu erledigen. Meine Freunde unterstützen mich, und sei es durch Schweigen an den richtigen Stellen. Es fällt kein böses Wort über ihn, weil zum einen niemand versteht, was passiert ist. Zum anderen, weil ich das nicht will. Aber wie alle anderen sehe ich jetzt, dass ich ein winziges Stück des weiten Weges schon gelaufen bin – je weiter ich komme, desto kleiner wirkt der Berg.

I might stay up drunk on wine,
Hurt like hell and ugly, crying black mascara tears
I might lock my door, sleep with my phone,
miss you bad for a month or so but let me tell you something my dear
I’m gonna be just fine
but you’re never gonna find another love like mine

Zu diesem Zeitpunkt kommt der Gedanke, dass er eines Tages einsehen wird, einsehen muss, was er aufgegeben hat. Nicht die Hoffnung, dass er zurückkommt, aber dass ein normaler Kontakt möglich sein könnte. Irgendwann, wenn er es geschafft hat, sein Leben so zu leben wie er möchte und gelernt hat, Zugang zu sich selbst zu finden. Vielleicht kann man dann miteinander reden, wie man es am Anfang konnte. Sicher, man wünscht sich das. Und man würde lügen, wenn man behauptet, dass man sich das nicht wünscht! Da ist jemand, den du in deinem Leben so unglaublich vermisst, dass du sogar in Kauf nehmen würdest, “nur” Freunde zu sein. Und ein bisschen möchtest du auch, dass er eines Tages einsieht, warum er dich mal geheiratet hatte. Auch wenn nichts dafür spricht, man legt es sich so zurecht und es tut der traurigen Seele so gut. Eines Tages, so hoffst du, wird es ihm leid tun, wie er dich behandelt hat.

Doch leider kommt der Tag, an dem du genau darüber stolperst. Das Tal ist noch viel tiefer, als du geglaubt hast auf deiner Route mitten hindurch, nur nach Vorne schauend. Eine Nachricht von ihm, ein kurzer harmloser Wortwechsel und Tag eins ist wieder da. Denn: Es tut ihm nicht leid. Er ist froh, dass alles so ist wie es ist. Er hat es inzwischen so ziemlich allen gemeinsamen Freunden und dem Kneipenwirt erzählt. Es zeigt dir, dass du ihn wieder einmal idealisiert hast. Darüber hinweg gesehen hast, dass da nicht etwa jemand sitzt der liebevoll an dich denken, sondern der dich vergessen will. Einzusehen, welches Bild er inzwischen von euch gezeichnet hat, ist äußerst schmerzhaft. Während du vor allem Gute gesehen, getrauert und versucht hast zu verstehen, wieso er dich nicht mehr liebt hat er alles Schlechte zusammengetragen, um seine Entscheidung zu untermauern, sich zu beweisen, dass seine Entscheidung gut und die einzig logische Konsequenz war. Das furchtbarste daran: Er kommt klar. Er lebt weiter. Ohne dich.

Erspar es dir. Keinen Kontakt.

I finally kept my pride
And hailed a cab
Those cuttin words you said
Were the last stab
There’ll be no tears this time
They’ve all dried up
No more sweet poison
I already drank that cup
This tunnel’s dark
But there’s a little light glowing
Just enough for me to run towards knowing that
Nothing in this world will ever break my heart again
No pain this life will put me through
Will ever ever hurt like you

Es wird immer wieder so kommen, wenn du es zulässt. Jede Annäherung bringt neue Enttäuschung, tut wieder genauso weh. Neue Wunden verhindern, dass sich Narben bilden auf deiner Seele. Wie ein Magnet versucht man immer wieder, ob die Nähe schon zu ertragen ist. Weil man den anderen vermisst, weil man ihn noch liebt oder aus Angst, ihn ganz zu verlieren. Aber genau das ist es ja: Das worum es geht. Loslassen.
Es geht immer einen Schritt vor und zwei zurück hat jemand gesagt. Derjenige, der dich verlassen hat, kommt in der Regel schneller darüber hinweg. Weil er den Grund kennt. Weil er weitermachen möchte. Weil vielleicht jemand neues in sein Leben tritt.

Es wird so lange weh tun, wie ich es zulasse. Bis es eines Tages vorbei ist.

So here’s to everything, coming down to nothing
Here’s to silence that cuts me to the core
Where is this going?
Thought I knew for a minute but I don’t anymore…

 

THE END, for now

 

 

Lyrics, in order of appearance:

♥ Taylor Swift – Forever & Always
♥ Curse – Und was ist jetzt
♥ Clare Bowen – Black Roses
♥ Taylor Swift – Love Story
♥ Roxette – It must have been love
♥ A Great Big World ft. Christina Aguilera – Say something
♥ Curse – Und was ist jetzt
♥ Antoine de Saint-Exupéry – Der kleine Prinz
♥ Hayden Panettiere – Love like mine
♥ Hayden Panettiere – Nothing in this world
♥ Taylor Swift – Forever & Always

Sanduhrsand

Warum wiegt Traurigkeit so viel mehr als Freude. Ist es, weil wir sie alleine tragen? In seiner Traurigkeit ist ein Mensch alleine, jeder muss sie für sich bewältigen, muss einen Weg entdecken, damit weiter zu existieren, einen Weg, den niemand sonst einem weisen kann. Sind konditioniert, Freude zu teilen, doch nicht Trauer. Wir erzählen gern Witze, wer lustige Dinge zum Besten gibt ist ein Spaßvogel, ist der mit den meisten Freunden, viel lachen und der Mittelpunkt jeder Feier möchten wir sein, Jemand mit Ausstrahlung, mit dem man sich gerne umgibt, von dem die Leute sagen der ja, der – das ist vielleicht Einer! Fröhlichkeit. Sie steckt an und verbindet Menschen miteinander. In der Trauer. Jeder für sich. Wie geht es dir? Nicht gut, traurig. Kein Partykracher. Traurig sein weckt Mit-Leid. Wer möchte schon gerne leiden. Wer möchte Trauer bewältigen, wenn er stattdessen Witze hören kann. So bleibt ein jedes für sich. Der Trauernde spürt Erinnerungen nach, die wie Sand durch die Finger rinnen. Tonnenschwerer Sanduhrsand auf dem Herzen. Denkt an das, was nie wieder sein wird. Worte, die für immer ungesagt bleiben. Alleine mit den Gefühlen, die da geblieben sind und deren Gewicht dich unaufhörlich hinab zieht.

Gewitter

Am großen Fenster sitzen und dem Sommergewitter zuschauen. Die Blitze bestaunen, zählen und warten auf den Donner. So haben wir es immer gemacht, wenn ein Gewitter kam. Zusammen am Fenster gestanden, uns die Zeit genommen die es dauerte, bis der Zauber vorüber und der Donner endgültig verklungen war. Wie schön, dass heute für dich und mich ein solches Spektakel am Himmel geboten wird.

Du fehlst hier.

Der Blaue Salon

Als Kind hatte ich ein Buch über Traumdeutung. Ich habe jeden Traum – meistens habe ich irgendwas von Pferden geträumt – in Symbole zerlegt und mittels meines Buches versucht, diese zu deuten. Ich konnte mich schon immer sehr gut an meine Träume erinnern und kann daher eines mit Gewissheit sagen: mein Gehirn feiert nachts ohne mich ‘ne Party! Meine Träume sind bunt und irre, manchmal auch verwirrend, wenn ich beispielsweise mal wieder in einer fremden Stadt mit unglaublich vielen Bahngleisen lande. Manchmal trösten mich die Träume, oft kann ich in ihnen fliegen. Es kommt vor, dass ich eine komplette Story träume, die einen super Film ergeben würde- wenn man sich erinnern könnte. Hin und wieder tauchen darin Menschen aus der Vergangenheit auf, an die ich seit Jahren nicht mehr gedacht habe. Ob es da ausgemistet hat, das liebe Gehirn und Kisten mit uralten Erinnerungen aus dem Keller geholt hat?

Heute Nacht hatte ich einen sehr traurigen Traum und ich verstehe ihn wieder einmal nicht. Im Traum war ich bei meiner Oma, die seit vielen Jahren tot ist. Im Traum war die Oma noch da und Opa gerade verstorben. Alles war ganz anders als es tatsächlich gewesen ist: Mein Opa ist nämlich im Krankenhaus verstorben, er hatte auf meine Oma gewartet, bevor er die Augen für immer geschlossen hat.
In diesem Traum war er einfach morgens nicht mehr aufgewacht – und ich wusste das alles schon – das Bett, in dem er gestorben ist, hatte die Oma immer noch nicht gemacht. Meine Oma war im wahren Leben mit allem so sorgfältig und ordentlich, dass sie sogar Socken gebügelt hat.
Im Traum lag die Oma einfach im “Blauen Salon” (so nannten wir ihr Gästezimmer, wegen des himmelblauen Teppichs) im Bett und schlief. Ich war die einzige Fremde in dieser Wohnung, in der alles genau so war, wie ich es erinnere, die Gegenstände, der Geruch, sogar die kühlere Zimmertemparatur des Blauen Salons. Nur ich war fremd – und die Traurigkeit. Ich legte mich zu meiner Oma und hielt tröstend ihre Hand und wir schliefen tagelang. Nach paar Tagen war immer noch Opas Bett nicht gemacht – die Trauer hatte meine sonst so aktive fleißige kleine Oma völlig aus der Bahn geworfen. Mich hat dieses Gefühl eingenommen, ich konnte es selbst fühlen: den Schock darüber, dass das gemeinsame Leben nun plötzlich zuende gegangen war. Keine Kraft, aufzustehen, das Bett zu machen und das Leben “danach” zu beginnen. Die Lebensgemeinschaft, die die Beiden seit ihrer gemeinsamen Schulzeit miteinander verbunden hatte, hielt wie im wahren Leben wirklich bis zum Tode. Was mich an diesem Traum so verwirrt hat, war die Intensität des Verlustschmerzes und die Ruhe in der Wohnung. Diese Stille, die der Schock nach sich zieht, wie die Ruhe vor dem Sturm, bevor die eigentliche Trauer einsetzt und hoffentlich weinen können die Schockstarre ablöst.

Ich bin verwundet über diese Vermischung von Begebenheiten, die sich so nicht zugetragen haben, mit realen Ereignissen und erlebten Sinneseindrücken. Mein Traum hat mich zurückgebracht in diese Wohnung, die Hand meiner Oma fühlte sich ebenso real an wie der Schmerz, auf einmal ohne meine Liebe alleine auf der Welt zu sein. Eine von zwei Hälften, die übrig geblieben ist und nie wieder ganz sein wird.

Anders als im Film “Inception” kann ich mich im Traum oft an die Vorgeschichte erinnern. Ich schaue auf Uhren und Kalender und manchmal weiß ich auch ganz sicher, dass ich mich in einem Traum befinde, da die Personen, mit denen ich gerade spreche, nicht mehr leben.
Es ist eine ungeheuere Leistung, die das menschliche Gehirn da zu stande bringt und vielleicht werden wir irgendwann verstehen, warum wir eigentlich träumen.
Ein Pferd ist ein Pferd, dafür brauche ich mein kleines Traumdeutungs-Buch nicht mehr. Kleine Mädchen wünschen sich halt Pferde. Und große Mädchen? Vielleicht, nie wieder diesen schrecklichen Schmerz über den Verlust eines geliebten Menschen erleben zu müssen. Weil dieser, einmal erlebt, ewig lange in uns nachhallt.

Blumen im Juni

Früher, als ich klein war, habe ich an diesem Tag morgens immer im Garten Blumen gepflückt und den Frühstückstisch für Dich gedeckt. Es ist die beste Zeit, um Geburtstag zu haben. Dein Fliederbaum blüht – ebenso alles andere im Garten.

Heute bleibt nur, mich daran zu erinnern und mir zu wünschen, ich könnte nochmal klein sein. Dann würde ich Dir einen furchtbaren Kuchen backen in dieser Herzchen-Porzellanform, eine Karte malen mit einem Haus und einer Sonne und Blumen und einem Pferd, auf das bis zu fünf Leute passen und dann darauf warten, dass Du wach wirst und ich Dir zum Geburtstag gratulieren kann…

Urlaub in St. Peter Ording. (wahrscheinlich 1999)

Lachanfälle. St. Peter Ording, 1999

“Je schöner und voller die Erinnerung, desto schwerer ist die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.” (Dietrich Bonhoeffer)

 

Doch es war einfach so viel schöner als du dabei warst

Und wir vermissen Dich
Und wir hörn traurige Lieder obwohl Du eigentlich doch Frohsinn geliebt hast.
Du hättest niemals gewollt, dass es so weit kommt doch wenn wir ehrlich sind brauchen wir die Tränen.
Sie sind gut für uns.
Doch wir hörn nie damit auf; an Dich zu denken auch beim Lachen und da schwören wir drauf.
Auch wenn die Tränen es verschleiern sind wir eigentlich hier, um die Fülle Deines Lebens zu feiern.
Du bist nie vergessen.
Wo auch immer auf Erden einer von uns sein wird, da wirst auch Du sein .
Wir tragen Dich in uns fort und wir vermissen Dich so sehr, es sprengt jedes Wort.
Und darum schweigen wir manchmal in der Stille, nur allein mit Dir.
Das Leben geht weiter.
Doch es war einfach so viel schöner als Du dabei warst.

(Curse, “Wir vermissen Dich”)