Eine Reise nach Venedig

Dienstag Nachmittag, Ankunft in Venedig. Da wir mit EasyJet geflogen sind, haben wir nur zwei kleine Köfferchen im Handgepäck und müssen nicht am Rollband warten.
Wir folgen der Beschilderung Richtung Shuttlebus, finden das richtige Ticket ganz einfach und fahren mit der Linie 5 zum Piazzale di Roma. Durch eine Eingangsschleuse gelangt man auf den Ponton, von dem die Fähre Richtung San Marco abfährt. Wir finden uns sehr leicht zurecht: In Venedig hat man eben jahrhundertelange Erfahrung in der Abfertigung von Touristenmassen. Auf der ca. 20-minütigen Fahrt über den Canal Grande bekommen wir einen ersten Eindruck von Venedig. Das Wetter ist zwar grau heute – aber die Stadt ist trotzdem traumschön! Verwinkelt, etwas vermodert und dennoch geht von den Gebäuden verschiedenster Baustile, den bunten Fensterläden und Kirchtürmen ein magisches Leuchten aus.

Unser Hotel, das San Marco Palace (genauer die Suites torre dell’orologio) befindet sich gleich am Markusplatz. Man muss lediglich in eine Seitengasse und über eine kleine Brücke gehen. Die Suite selbst ist geräumig und mit hübschen, antik wirkenden Möbeln und Bildern und einer praktischen Mini-Küchenzeile ausgestattet. Das Bad ist etwas abgewohnt und der Haartrockner ein klarer Fall fürs Museum. Die Bettdecke ist das einzig wirklich schlechte am Zimmer, denn hier hat man einfach eine fiese Wolldecke mit einem Bettbezug umhüllt, der auch noch zu einer Seite offen ist! Es ist schon ein kleiner Akt, sich ins Bett zu legen und bloß nicht einzukuscheln, um nicht mit der ekligen Wolldecke in Berührung zu kommen. Aber es ist sauber und jeden Tag werden die Handtücher gewechselt.

Die Lage des Hotels ist wirklich perfekt für den Kurztrip. Sogar der frisch Angetraute kann überzeugt werden, die Stadt zu Fuß zu erkunden. Wir schauen uns nach dem Einchecken zuerst auf dem Markusplatz um, dann spazieren (naja: schieben) wir uns mit dem Strom über die Rialtobrücke und lassen uns dann durch die Gassen treiben. Verlaufen kann man sich hier wirklich nicht, denn überall findet man Wegweiser an den Hauswänden, die nach Accademia, Rialto oder San Marco zurück weisen. Wir finden ein etwas ruhigeres Plätzchen mit Restaurant und genehmigen uns die erste Pizza. Auf dem Rückweg decken wir uns beim coop-Supermarkt mit Wasser und Wein ein und zum Abschluss gibt es ein feines Eis. Die Preise sind hier übrigens auf einem ganz normalen Niveau. Ok, als Hamburger ist man saftige Preise quasi gewohnt – aber die angeblich ach so übertriebenen Preise für Essen und Trinken in Venedig können wir nicht entdecken. Man muss sich vielleicht einfach ein wenig in die Seitengassen begeben, nicht direkt auf dem Markusplatz seinen Cappuccino bestellen und seine Getränke im Supermarkt holen, dann passt das schon.

Genauso machen wir es auch an Tag zwei, an dem es sonnig, heiß und stickig ist. Wir spazieren herum, ich fotografiere alles Mögliche und dann suchen wir ein simples Straßencafé mit günstigem, gekühlten Rotwein auf. Da bleiben wir dann ein paar Stunden, schauen uns die Leute an, trinken noch eine weitere Karaffe und schreiben Postkarten. Die Kellner sind in ganz Venedig überaus freundlich und multilingual. Ich empfehle trotzdem, sich ein paar Bröckchen italienisch anzueignen, denn die Italiener scheinen es zu schätzen, wenn sich jemand ihrer Sprache bemüht und sie nicht gleich plump auf Englisch oder Deutsch anspricht.

An Tag drei merke ich, dass mir die Touristen (ja, ich weiß, ich bin selber einer) zunehmend auf die Nerven gehen. Ich bin ein kleines bisschen motzig und brauche entweder gleich – es ist gerade Mittag – einen gekühlten Roten oder einen groooßen leckeren Cappuccino.
Wir haben heute bereits den Palazzo Ducale, den Dogenpalast direkt am Markusplatz besichtigt. Dafür hatten wir uns gestern Abend die Tickets gekauft, um lange Wartezeiten zu vermeiden, was eine gute Entscheidung war.
Eine kluge Entscheidung und Investition war auch der Audioguide für 5 € Leihgebühr. Achtung: Man muss ein Ausweisdokument als Pfand hinterlegen – also nicht wie ich alles im Hotelsafe lassen. Ohne das Teil, das die wichtigsten Räume im Palast erklärt, hätten wir gar nichts verstanden – oder verdammt viel selbst durchlesen müssen. Leider ist der Guide ein wenig veraltet und einige Gemälde (I <3 Tintoretto!) findet man erst nach einigem Suchen. Daten sind teilweise falsch. So erklärt mir der Guide, dass der Doge, vor dessen Büste ich stehe, 1735 geboren wurde. Leider erzählt das Schildchen an der Büste, dass diese 1732 angefertigt worden ist. War wohl ein Bildhauer mit hellseherischen Fähigkeiten. Ansonsten ist der Palazzo wirklich sehr sehenswert. Man sollte sich ca. zwei Stunden Zeit für den Rundgang nehmen. Ich habe mich sehr darüber geärgert, dass ich meine Tasche und Kamera extra im Hotel gelassen hatte (wie es auf den Schildern am Eingang extra stand). Am Einlass wurde dann aber gar nicht drauf geachtet. Manche Touris hatten fast nichts an, dafür einen riesigen Wanderrucksack dabei. Überhaupt, diese Rücksichtslosigkeit der Leute nervt mich am meisten: Als wir in die Basilika di San Marco – den Markusdom – gehen, ziehe ich meine Jacke über, wie es sich gehört. Vor mir in der Schlange steht ein Mädel in Hotpants, die es einfach nicht fassen kann, dass man sie so nicht hinein lassen will. Der Türsteher nimmt ihr Theater ziemlich gelassen hin und offeriert eine der dünnen Überzieh-Hosen, die stapelweise bereit liegen. Drinnen ist es leider nicht besser: Man müsste ehrfürchtig inne (und die Fresse) halten, so beeindruckend, düster und prunkvoll ist die letzte Ruhestätte des Evangelisten Markus. Doch die Touristen rennen herum, lärmen und fotografieren mit Blitzlicht. Selfies vor dem Beichtstuhl – hat denn niemand mehr so etwas wie Benimm?
Auf dem Plan steht für heute noch – nach dem überfälligen Gute-Laune-Cappuchino – ein Rundgang zur Basilika Santi Giovanni e Paolo, in der (wie wir heute gelernt haben) einige der berühmtesten Dogen Venedigs beerdigt sind.

Nachtrag: Der Rundgang zu Giovanni e Paolo war wirklich schön und führte uns endlich auch in eine etwas ruhigere Ecke von Venedig. Darum der Tipp: Am Fondamenta Nuove kann man wunderbar spazieren und frische Luft schnuppern – echtes Mittelmeer-Feeling. Von dort sind wir weiter zum Rio della Misericordia gelaufen. An diesem Kanal ist man fast ungestört. Wir fanden eine kleine Trattoria, „Al Mariner“, wo wir direkt am Wasser sitzen, Pasta und Meeresfrüchte genießen und Italienern beim Feierabendschnack lauschen konnten. Am Abend waren wir noch in der Nähe des Markusplatzes unterwegs und entdeckten eine wirklich süße Weinbar, “Magna Bevi Tasi”, die neben wirklich hervorragenden Weinen – die uns sehr nett erklärt wurden – auch schöne Jazzmusik zu bieten hatte. Ein tolles Plätzchen, um die Straßenverkäufer und das abendliche Treiben in den Straßen Venedigs zu beobachten.

Fazit: Venedig ist zu Recht so eine beliebte Location für Flitterwochen und die vier Tage waren genau die richtige Länge, um einen Eindruck von Venedig zu erhalten und die wichtigsten Sehenswürdigkeiten zu sehen. Würde ich wiederkommen? Definitiv! – Allerdings dann im Winter oder Herbst, wenn das Wetter sich für die Besuche der zahlreichen Museen und Galerien besser anbietet. Venedig bei Nacht ist wunderschön, darum würde ich beim nächsten Mal mein Stativ einpacken.
Wenn dann der Nebel über den Kanälen aufsteigt und durch die leeren Gassen und über den Piazza San Marco wabert, dann ist Venedig bestimmt nochmal so zauberhaft…

PS: Alle Fotos von der Reise findet ihr in meinem Fotoalbum!

Venedig-0519

Vier Arten, die Liebe zu vergessen

Das Buch “Vier Arten, die Liebe zu vergessen” von Thommie Bayer hatte ich einer lieben Freundin zum Geburtstag geschenkt – und konnte natürlich nicht widerstehen, es mir auch gleich selbst zuzulegen. Das Taschenbuch erscheint zwar erst im Oktober, aber auch die Hardcover-Ausgabe ist, wie ich finde, jeden Cent wert. Ich gebe zu, es hat für meine Verhältnisse ein wenig zu lange gedauert, dieses Buch zu lesen. Völlig unverständlich, denn wenn man einmal “drin” ist, liest es sich wie ein einziger Gedankenfluss.

Thommie Bayer liegt mir als Autor sehr am Herzen, seit ich 2009 im Rahmen meines Volontariats auf einer Lesung von ihm im Hamburger Literaturhaus war und einen Blogeintrag über diesen wahnsinnig sympathischen Autor und sein Buch “Aprilwetter” schrieb, der leider nicht mehr online zu lesen ist 🙁 Ich las daraufhin “Eine kurze Geschichte vom Glück“, das ich jedem nur wärmstens empfehlen kann.

Klar, dass ich auch “Vier Arten, die Liebe zu vergessen” unbedingt lesen musste. Es geht um vier Männer, alte Jugendfreunde, die einander seit 20 Jahren nicht gesehen haben und zur Beerdigung ihrer Lehrerin Emmi wieder aufeinander treffen. Die Vier, die früher nicht nur Freunde, sondern auch eine Musikband gewesen waren und nun so völlig unterschiedliche Leben fern voneinander führen, verabreden sich zu einem Wiedersehen bei Michael in Venedig.

Vier Leben, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch miteinander verwoben und verbunden sind, durch ihre Frauengeschichten, die Musik, die immer noch in ihnen allen klingt und durch Erinnerungen. Thommie Bayer gelingt es wieder einmal virtuos, die parallelen Erzählstränge, Venedig im Wechsel mit den Erinnerungen der Vier, die sich durch das Buch ziehen und Stückchen für Stückchen die ganze Geschichte der Freundschaft offen legen, zu verbinden. “Gefühlvoll” und “musikalisch” erzählt er, so dass man sich auch als Frau hineinversetzen kann in diese Gefühlswelt von mittelalten Männern. Ein paar Mal – und auch das gelingt Thommie Bayer stets ohne vorankündigende Trommelwirbel – macht die Erzählung schmunzeln und weckt große Sympathien selbst für den verschrobensten Charakter. Meine Lieblingsstelle:

“Das Frühstück verlief in dem typischen, scheinbar mürrischen, in Wirklichkeit aber einfach nur gelassenen Schweigen, mit dem sich Männer auf der ganzen Welt in den Tag hineintasten. Wenn sie unter sich sind und nicht eloquent sein müssen.”

(Thommie Bayer: “Vier Arten, die Liebe zu vergessen”, S.216)

Es ist schwierig, nicht zu viel zu verraten, denn so wie der Protagonist Michael erfährt man auch als Leser erst nach und nach, was das Leben mit den vier Freunden angestellt hat. Mit der wachsenden Vertrautheit, der nötigen Zeit, die Männer einander für solche Gespräche lassen, kommen diese Ereignisse und Gefühle ans Licht.

Fazit: Am besten selbst lesen und sich verlieben in diese vier komischen Kerle, irische Musik, venezianische Plätze – und wieder einmal in Thommie Bayers Schreibkunst!