Verlierende Gesichter

Wer mich kennt und danach gefragt würde, welche Eigenschaft mich am ehesten beschreibt, der würde wahrscheinlich sagen: Emotionalität. Im guten wie im schlechten Sinne, privat wie beruflich – ich bin immer ganz ich und damit völlig abhängig von den Gefühlen, die mich gerade leiten. Ich bin kein Kopfmensch, kein Rechner und Kalkulierer, schon gar nicht be-rechnend.

Bei mir ist alles Bauchgefühl und in Sachen Emotionen macht mir so schnell keiner was vor. Ich bin ein Skorpion und als solcher lote ich sie alle aus, jedes Extrem von irre-glücklich bis tiefste Verzweiflung. Ich umarme sie alle und koste sie aus, wie sie kommen und würde fast behaupten, die meisten von ihnen inzwischen so gut zu erkennen wie alte Freunde. Ich kann nicht besonders viel gut, aber in Gefühlssachen, da bin ich Expertin.

Für mich ist ein Freund derjenige, vor dem ich sein kann, wie ich bin. Vor dem ich das Gesicht verlieren kann und den nicht schockiert, was sich dahinter verbirgt. Der mich schon immer (er)kannte und bei dem meine Emotionen ganz natürlich kommen und gehen dürfen, ohne dass er oder sie dies kommentiert.

Solche Freunde sind fast immer die, die sich ebenfalls trauen, sich zu öffnen. Emotionen zulassen und sie dann auch noch zu teilen – das ist eine Kunst. Fast jeder Mensch fürchtet sich davor, das Gesicht zu verlieren. Zu weinen. Einem anderen Menschen die verwundbare Stelle zu offenbaren, an der das Lindenblatt zwischen den Schultern gelegen hat. Ich liebe diesen Moment, wenn sich jemand mir zum ersten Mal in einer Bekanntschaft offenbart. Wenn jemand, dem ich mein Vertrauen schenke, dies auch mir zurück schenkt, sein Innerstes offen legt, mir ein Geheimnis erzählt oder einfach weint. Wenn er heraus lassen kann, was er verborgen gehalten hat. Ich finde diesen Moment so besonders, in dem sich der Mensch komplett ausliefert, mir gegenüber nichts mehr zurück behält. Jemand lässt in diesem Moment alles fallen, alle Scheu, alle Masken, alles Theater und lässt mich kurz hinter den Vorhang schauen. Einen intimeren Moment gibt es nicht. Traurigkeit ist intimer als alles andere.

Das andere, was mich an diesen Momenten so bewegt: Um sein wahres Gesicht in all seiner Schönheit zu zeigen, braucht es Vertrauen. Wer mit Dir weint, schenkt Dir einen Einblick in sein tiefstes, verletzliches Inneres und teilt eine Bürde, die er alleine nicht mehr tragen kann oder möchte. Vertrauen ist das Fundament, auf dem zwei wirkliche Freunde eine Festung bauen werden, die so schnell nichts erschüttern kann. In der beide sicher sind, ihre Wunden zu versorgen und gemeinsam neue Pläne für das “Danach” zu schmieden.

trust

“Das Vertrauen ist eine zarte Pflanze: Ist es zerstört, so kommt es sobald nicht wieder.” sagte einst Otto von Bismarck. Was für politische Beziehungen gedacht war, gilt auch und insbesondere für persönliche Beziehungen. Mit der Liebe ist doch auch irgendwie wie in der Politik: Es wird verhandelt und diskutiert, sich bekriegt und Frieden geschlossen und Kompromisse gefunden, um beiden Parteien Raum zu geben. Was aber, wenn diese Pflanze des Vertrauens eingeknickt ist? Kann man sie dauerhaft düngen? Kann sie Früchte tragen oder wird sie immer wieder unter der Last zusammenbrechen?

Gestern fuhr ich einmal wieder mit der Mitfahrzentrale von Köln nach Hamburg. Fahrer Florian und ich kannten uns zwar nicht, unterhielten uns aber vier Stunden lang sehr angeregt über Beziehungen, Treue und Männerabende. Florian berichtete mir von seiner achtjährigen Beziehung und anfänglichen Fehltritten im Suff. Seine Freundin hat ihm verziehen, auch wenn ihr Vertrauen deutlich gelitten hat. Florian hat Verständnis dafür und nimmt heute viel Rücksicht: Er trinkt weniger als früher, weil er fürchtet, die Kontrolle zu verlieren, er fährt nicht auf Sauftouren, weil er weiß, dass es seine Freundin verletzt. Er meldet sich bei ihr, wenn er nach dem Feiern zuhause ist. “Meine Freundin interessiert sich gar nicht für andere Männer. Wenn wir Männer aber abends los gehen, könnten wir uns mit mindestens 50% der Mädels da was vorstellen”. Tut er aber nicht mehr, sagt er. Interessant ist es dennoch. Weil die meisten Menschen genau das leugnen würden.
Dummheiten können passieren. Aber nicht jeder geht damit um wie Florian und seine Freundin.
Ich war selbst mit jemandem zusammen, der mich richtig verarscht hat. Da gab es genügend Beweise, eine ganze Fußballmannschaft zu überführen – er gibt es bis heute nicht zu. Die Kondome haben die Jungs ihm geklaut. Die Postkarte an ihn mit eindeutiger Message kam von einer Urlaubsbekanntschaft seines besten Freundes – die KANNTE er nicht mal richtig. Verletzend und prägend. Leider. Heute hat ihm das Schicksal die Rechnung dafür präsentiert: Seine neue Freundin bricht schon in Tränen aus und inszeniert ein peinliches Theaterdrama, wenn andere Frauen auch nur anwesend sind.

Kontrollfreaks, Dramaqueens, SMS-Leser, Menschen, die ihrem Partner den Kaffee mit “alten Freunden” madig machen – all das beruht doch auf der gleichen Ursache: Dem zerstörten Vertrauen.
Dennoch gibt es Viele, die ernsthaft ihrem Partner/ ihrer Partnerin erzählen, niemals einen anderen auch nur anzusehen. “Totaler Quatsch”, wie Florian mir bestätigt. Ist doch auch unglaubwürdig. Kein Mensch geht durch die Welt, denkt niemals an jemand anderen. Jeder schaut sich gerne hübsche Menschen an. Warum bemüht man sich also nicht, die Beziehung auf eine Basis zu stellen, auf Grund derer man Vertrauen wieder lernen kann?
Als gebranntes Kind vermutest du hinter jeder SMS ein Geheimnis. Hinter jeder neuen Facebook-Freundin, Mädels auf den Fotos deines Freundes befürchtest du etwas. Warum machen Menschen manchmal Dinge, von denen sie doch wissen, dass sie einem selbst auch gar nicht gefallen würden? Und warum ist es so schwer die Wahrheit zu sagen, stattdessen erzählt man Märchen, die keiner glauben kann. Warum zollen Menschen einander manchmal so wenig Respekt und Verständnis? Wenn man sich entschieden hat, warum entscheidet man sich dann plötzlich für jemand/etwas anderes, ohne Rücksicht auf Verluste. Ist der Mensch ein Egotier oder einfach ein ewiger Affe? Die meisten kennen das misstrauische, nagende Gefühl und niemand will belogen werden. Warum wird man dann agressiv, wenn der Partner einem in die Augen sieht und fragt, was er glauben kann? Er oder sie möchte doch nur eins: Vertrauen können. Und gemeinsam die Früchte dieser zarten Pflanze ernten.